VorsichtSehnsucht-Poster01Dieser Text wurde uns von Filmladen zur Verfügung gestellt, und stammt aus dem Presseheft zum Film!

Es handelt sich um einen Auszug aus einem Interview von Francois Thomas


Wie sind Sie darauf gekommen, Christian Gaillys Roman L’Incident zu verfilmen?
Der Produzent Jean-Louis Livi hatte mich gefragt, ob ich einen Film mit ihm machen wolle. Eigentlich hatten wir zuerst an die Adaptation eines Bühnenstücks gedacht. Als ich schon um die dreißig Stücke gelesen hatte, stieß ich schließlich auf einen Roman von Christian Gailly, dessen mitreißender, ironischer und melancholischer Stil mir schon bei einer Radiosendung von Alain Veinstein auf France Culture aufgefallen war. Ich war von dem Roman so begeistert, dass ich gleich noch einen gelesen habe. Am nächsten Tag rief ich dann Jean-Louis Livi an und sagte zu ihm: „Ich glaube, ich habe endlich diese melancholische Note gefunden, nach der wir die ganze Zeit suchen.“

Gaillys Stil ist unglaublich musikalisch. Immer wenn ich gerade ein Buch von ihm gelesen habe, fange ich im Gespräch unwillkürlich an so zu reden wie seine Charaktere. Seine Dialoge sind wie Soli oder Duette, die nur darauf warten, dass ein Schauspieler sie zur Ausführung bringt. Irène Lindon, die Che"n des Verlags Les Éditions de Minuit, wo alle dreizehn Romane von Gailly erschienen sind, ließ uns wissen, dass die Film rechte an zwölf Romanen noch zu haben seien. Also kam ich mit Gailly zusammen. Er ließ mir völlig freie Hand bei der Auswahl des Romans, den ich verfilmen wollte – ich hatte zu dem Zeitpunkt erst vier gelesen. Was ihn vielmehr beschäftigte, war die Sorge, dass der Film seinen Zeitplan durcheinanderbringen würde, denn er wollte sich mit ganzer Energie dem Roman widmen, an dem er gerade arbeitete. Also machte ich ihm einen Vorschlag: Ich würde ihn mit keinerlei Fragen behelligen, ihn weder um zusätzliche Szenen noch um seine Meinung zur Adaptation oder zur Auswahl der Schauspieler bitten, sondern ihm den Film erst dann zeigen, wenn uns die Nullkopie vorläge. Die könne er dann absegnen oder auch nicht. Da erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. In den folgenden Tagen las ich dann die restlichen Romane und schlug Jean-Louis Livi schließlich vor, L’Incident zu verfilmen, woran er auch schon gedacht hatte. Obwohl klar war, dass die Verfilmung dieses Romans deutlich teurer werden würde als die meisten anderen, war auch Livi der Meinung, dass wir das Projekt mit der Unterstützung der ausführenden Produzentin Julie Salvador in Angriff nehmen sollten.

Was genau hat Sie an L’Incident so begeistert?
Zum einen war ich fasziniert von der synkopierten, ja beinahe improvisierten Seite dieses Romans, den Variationen von „Standards“ im musikalischen Sinne, und zum anderen von der Sturheit der Protagonisten Georges Palet und Marguerite Muir, die es einfach nicht lassen können, vollkommen irrational zu handeln und sich damit Hals über Kopf ins Chaos zu stürzen. In L’Incident geht es um „die Sehnsucht nach Sehnsucht“ (wie Livi es formuliert), eine Sehnsucht, die in Georges aus dem Nichts entsteht und schon da ist, bevor er Marguerite überhaupt zum ersten Mal sieht oder mit ihr telefoniert, und die dann zum Selbstläufer wird.

Warum haben Sie den Film Les herbes folles – Die verrückten Kräuter – genannt?
Nach meinem Emp"nden passt er zu den Charakteren, die vollkommen irrationalen Impulsen folgen und damit an jene Gräser erinnern, die mitten in der Stadt im Asphalt oder in ländlichen Gemäuern Wurzeln schlagen, eben dort, wo sie niemand erwarten würde.

Sie haben die Dialoge aus dem Roman eins zu eins übernommen?
Ja, natürlich, schließlich waren es gerade Gaillys Dialoge, die mich so gefesselt haben. Gailly war die ganze Zeit unsere maßgebliche Referenz, gewissermaßen die Stimmgabel, mit deren Hilfe wir den richtigen Ton treffen konnten. Die Schauspieler, so André Dussollier, Sabine Azéma, Anne Consigny, Emmanuelle Devos, Mathieu Amalric, Michel Vuillermoz – um nur einige zu nennen haben mit großer Begeisterung verschiedene Bücher von Gailly gelesen, was ihre Kreativität ungemein angeregt hat. Für mich war das ein großes Vergnügen! Das Gleiche gilt übrigens auch für die Crew hinter der Kamera. Wenn wir nach einer Lösung für ein Problem suchten, ließen wir uns immer von Gaillys Gesamtwerk inspirieren. Beim Dreh versuchten wir, Entsprechungen zu Gaillys Stil zu finden, für seine Art, einen Satz in der Mitte mit einem Punkt zu beenden, für den Duktus des von Edouard Baer gesprochenen Erzählers, der immer wieder innehält, zögert und sich verbessert, und natürlich für die offenkundigen Widersprüchlichkeiten in den Charakteren und ihren Impulsen. Gaillys Sätze sind häufig gleichzeitig affirmativ und verneinend, und als ich gemeinsam mit Laurent Herbiet die Adaptation ausarbeitete, haben wir bei der Planung der Szenen versucht, dieser Ambivalenz mit filmischen Mitteln Ausdruck zu verleihen, sodass in den einzelnen Szenen und im Spiel der Schauspieler ein Ja und ein Nein nebeneinander bestehen konnten. Diese ganzen Entscheidungen fielen wie von selbst, ohne vorgefertigten Plan, denn erst wenn ich filme, entscheide ich endgültig, wie die Szene tatsächlich aussehen soll. Der Set-Designer Jacques Saulnier und der Kamerachef Éric Gautier, die beide vom ersten Tag an dabei waren, arbeiteten ganz ähnlich. In den Sets wirken die Farben beinahe so, als wären sie mit dem Pinsel aufgetragen: Sie sind deutlich voneinander abgegrenzt – eine Farbe endet, und die nächste beginnt. Gautier hatte kein Problem damit, die Farben so zu verwenden, ohne die Farbtöne zu mischen. Die Farben folgen einfach aufeinander, ohne Übergang, sie !ießen nicht ineinander.

Und der Komponist Mark Snow erzielt diese Trennungen, diese synkopenhaften Effekte, indem er in den aufeinanderfolgenden Szenen ganz unterschiedliche Musikstile verwendet. Wenn man sich von Gailly leiten lässt, kann man sich einfach tragen lassen.

(Auszüge aus einem Interview mit François Thomas)
Quelle: Filmladen

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