Zombie, Mammut und King Kong –

Ein Rückblick auf die Diagonale 2010

Von Jan Hestmann

DerKameramorder-Scene03Das Festival für den Österreichischen Film ist jetzt schon wieder passé. Rote Diagonale-Banner auf den Straßen, Diagonale-Sackerl in den Auslagen und Diagonale-Regenschutz auf den Fahrradsatteln erinnern noch an das Spektakel der letzten Woche. Das nationale und internationale Filmvolk hat die Koffer gepackt und Graz verlassen, in den Kinos läuft wieder reguläres Programm. Besonders auffällig am Festival, das dieses Jahr vom 16. bis 21. März in Graz stattgefunden hat, war neben der starken Tendenz zum Dokumentarfilm auch eine Vielzahl von internationalen Kooperationen. So hat die Diagonale 2010 nicht nur wieder das heimische Schaffen ins Licht gerückt, sondern auch durchaus globalen Charakter bewiesen.

Eine ungarisch-österreichische Kooperation leitete die Diagonale feierlich ein. Robert Adrian Pejos Der Kameramörder ist eine Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Thomas Glavinic. Der Neusiedlersee wird im Film zum Tatort eines grausamen Kindermordes, den der Täter mit der Kamera festgehalten hat. Als besonders glücklich erwies sich die Wahl des Eröffnungsfilms auf dem Festival, das eigentlich sonst viele gute und außergewöhnliche Filme zu bieten hatte, leider nicht. Pejos Kammerspiel zeigt viele Schwächen, versucht die ungemütliche Stimmung, die Glavinic in seinem Roman aufbaut, auf seine Weise darzustellen, was schlussendlich nicht wirklich funktionieren will. Glavinic setzt in seinem Werk den Fokus auf die Kritik gegenüber der Medien, die das brutale Video zu Gunsten der Einschaltquoten veröffentlichen wollen. Pejo ersetzt dieses Element durch ein Eifersuchtsspiel zwischen den beiden Paaren, die im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen, und sich mit der Zeit immer stärker gegenseitig verdächtigen. Das Ganze scheint allerdings zu krampfhaft inszeniert und der Schluss ist mehr gezwungen als ergreifend. Bestandteil des Schauspielerquartetts ist Andreas Lust, der vor Filmbeginn den Schauspielpreis der Diagonale überreicht bekam –  auch für seine Performance in Der Räuber, der ebenfalls am Festival zu sehen war. Im Gegensatz zu Der Kameramörder ist dieser Film von Benjamin Heisenberg, dessen Handlung auf einer wahren österreichischen Kriminalgeschichte basiert, hervorragend konstruiert. Lust spielt einen -fast- gefühllosen Verbrecher, der ohne stehenzubleiben durch sein Leben läuft, dabei den Marathon gewinnt und Banken ausraubt. Der Film besticht vor allem durch seine Dynamik und die gerade Erzählweise ohne viele Schnörksel. Die Nebendarstellerin Franziska Weisz erhielt bei der Eröffnung ebenfalls den Schauspielpreis.

 

South wie auch Inside America spielen in den USA, in beiden kommt der Cast ausschließlich mit amerikanischen Schauspielern aus, beide sind in englischer Sprache. Bei South vom Kärntner Regieduo Gerhard Fillei und Joachim Krenn findet sich das Publikum in einem schwarz-weißen New York wieder, in dem ein geflüchteter Bankräuber nach der Wahrheit hinter einem rätselhaften Tagebuch sucht. Der Film hat sich mit der Zeit zu einem Mammutprojekt entwickelt. Ganze zwölf Jahre Produktion hat es gebraucht, bis es das fertige Produkt auf die Leinwand geschafft hat. South verbindet europäisches Kino mit Hollywood-Technik – heraus kommt ein außergewöhnlicher Streifen mit etwas Film Noir-Flair.

 

Inside America führt uns nach Texas nahe der mexikanischen Grenze. Die Regisseurin Barbara Eder, die mit der Gegend vertraut ist, zeigt den Schulalltag verschiedenster Jugendlicher, die mit den bekannten Themen Sex, Gewalt und Drogen konfrontiert werden. Der Film greift einige Klischees auf, verarbeitet diese aber im Gegensatz zu einer US-Teenie-Komödie einfühlsam und realistisch. Gespielt werden die Jugendlichen nicht von ausgebildeten Schauspielern, sondern von dort ansässigen Laiendarstellern, die sich im Prinzip selbst spielen. Trotzdem ergibt sich daraus unerwartet gelungen ein Spielfilm mit funktionierendem Spannungsbogen und dokumentarischem Touch.

 

Ein Stück südlicher, in Chile, ist der spätere DJ, Musiker und Produzent Ricardo Villalobos geboren, allerdings in Deutschland aufgewachsen. Dort hat er wohl den Regisseur Romuald Karmaker kennengelernt. Karmaker war dieses Jahr ein ganz besonderer Gast auf der Diagonale. Gleich mit mehreren seiner Werke vertreten, ist sein Schaffen am Festival präsentiert worden. Sein aktueller Dokumentarfilm Villalobos zeigt Einblicke in das Leben des Djs und in die Kunst dieser Musik. Mit nur wenigen Schnitten und zwei bis drei Interviews kreiert Karmaker ein eingängiges Portrait eines perfektionistischen Musikers, das auch Nicht-Techno-Fans begeistern kann.

 

Der Schauplatz in Was du nicht siehst ist dann doch etwas näher der österreichischen Grenze aber auch nicht wirklich – nämlich in der Bretagne in Frankreich. Der deutsch-österreichische Film unter der Regie von Wolfgang Fischer ist von der ersten Sekunde an fesselnd. Die harmonischen Landschaftsbilder werden nach und nach von den eigenartigen Erlebnissen des 17-jährigen Antons, der mit seiner Mutter und deren Lover hierher auf Urlaub gefahren ist, getrübt. Er trifft auf das seltsame Geschwisterpaar David und Katja, zu denen er rasch eine starke Verbindung aufbaut. Doch die Geschichte wird mit jeder Minute rätselhafter, ständig werden neue Fragen aufgeworfen, hinter der versteckten Idylle braut sich etwas zusammen. Schlussendlich kommt es zur Katastrophe. Das geniale Zusammenspiel der drei Jungschauspieler Ludwig Trepte, Frederick Lau und Alice Dwyer erzeugt ein großes Gefühlskino. Gegen Ende verliert der Film leider an Kraft, die zu plakative Auflösung am Ende zerstört ärgerlicherweise wieder einiges von der erschaffenen Atmosphäre. Nach einem sehr starken Anfang hat sich der Regisseur hier schlussendlich dafür entschieden, auch dem Mainstream-Publikum die Antwort am Silbertablett zu präsentieren anstatt die ein oder andere Frage offen zu lassen.

 

Dust wiederum ist ein Film von einem Luxemburger Regisseur, der in England lebt und mit einem rein englischen Cast auskommt. Gefördert ist der Film auch von Österreich und damit berechtigt, auf der Diagonale zu laufen. Ein weiteres Beispiel für gelungene internationale Kooperationen. Dust ist einer von zwei Festivalfilmen, in dem Endzeitstimmung herrscht. Max Jacoby beschränkt sich in seinem Film auf drei Figuren, die letzten, die auf der Erde zurückgeblieben sind. Zunächst lebt das Geschwisterpaar Elodie und Elias zufrieden in ihrer einsamen Idylle. Die Probleme kommen mit Gabriel, der plötzlich auftaucht und sich in Elodie verliebt. Dust erzählt eine spannende Geschichte und liefert dazu viele schöne, ruhige Bilder. Nach der Zeit wird der 95-Minüter etwas langatmig, aber das ist Geschmackssache. Jacoby selbst meint: „Michael Bay hätte den Inhalt des Films wahrscheinlich in zehn Minuten erzählen können.“

Im zweiten Endzeitfilm geht es um einiges rasanter zu. Rammbock ist ein deutscher Zombiefilm, bei dem viel gelacht werden darf. Regisseur Marvin Kren und sein Drehbuchautor Benjamin Hessler sind „Zombie-Leute“, wie Hessler beim Publikumsgespräch selbst verriet. Ihre Leidenschaft schlug sich sichtlich auf das Werk nieder. Rammbock ist ein erfrischendender, innovativer Zombie-Film, der Komödie und Horror wunderbar verschränkt. Was den Suspense ausmacht: Genau genommen handelt es sich gar nicht um Zombies, sondern lediglich um Infizierte, die erst zu wütenden Fleischfressern werden, wenn sie beginnen Adrenalin auszuschütten. Und in diesem grotesken Szenario ruhig zu bleiben, ist kein leichtes Unterfangen. Auch nicht für den Burgenländer Michael Fuith, mit dem man einen sympathischen und überzeugenden Hauptdarsteller gefunden hat. Die gute Stimmung im Kinosaal war spürbar – den Publikumspreis hätte sich Rammbock am Ende verdient. Stattdessen heimste Hüseyin Tabak diesen Preis für seine Fußballer-Doku Kick Off ein. Der Film handelt vom Homeless Street Soccer Worldcup, eine Weltmeisterschaft für Obdachlose, Asylwerber, ehemalige Alkohol- und Drogenabhängige. Im Zentrum steht die Mannschaft, die für Österreich dieses Turnier in Australien bestreiten soll. Kick Off wurde am Abend der Diagonale-Preisverleihung gleich ein zweites Mal ausgezeichnet, mit dem Preis der Diözese Graz-Seckau. Zum „Besten Spielfilm“ wurde La Pivellina erkoren, eine österreichisch-italienische Produktion. Ein ausgesetztes zweijähriges Mädchen und eine Zirkusfamilie auf der Durchreise finden darin zusammen und lernen sich lieben. Beim gewählten „Besten Dokumentarfilm“, Hana, dul, sed..., dreht sich einmal mehr alles um das runde Leder.

 

Von den Siegerfilmen zum eher kritisch Beäugten: Auch Österreichs Enfant Terrible, Peter Kern, war auf der Diagonale 2010 gleich mit zwei Filmen vertreten: Blutsfreundschaft und King Kongs Tränen. In zweiterem übernahm er auch gleich die Hauptfigur, die sich für die stumme Rolle des King Kong in einem Spot bewirbt. Zentrum der Geschichte ist allerdings etwas anderes, nämlich Kerns geliebte Gesellschaftskritik und besonders die Kritik an Kritikern. Solche hat Kern nämlich mehr als genug. Während er treue Fans um sich schart, können andere bei seinem Filmschaffen nur erbrechen. Dieses Polarisieren kommt nicht aus dem Nichts, sind seine Filme schon besonders außergewöhnlicher Art und auf alle Fälle gewöhnungsbedürftig. Die Kunst kann man in King Kongs Tränen eher nur schwer erkennen. Vielen mag Peter Kern, ein Regisseur und Schauspieler der alten Schule, auch einfach nur arrogant vorkommen, so auch bei seinem Auftritt vor Filmbeginn. Dass gut einem Drittel des Publikums der Film und Kerns Art so gar nicht geschmeckt hat, hat man gesehen, als sie aufgestanden und aus dem Saal geflohen sind – noch bevor Peter Kern sich ein zweites mal vor der Leinwand aufbaute um ein Nachwort abzugeben.

 

Neben der Vielzahl an Spiel- und Dokumetarfilmen, die vergangene Woche auf die Leinwände der vier Grazer Festivalkinos projiziert wurden, erfreuten sich auch die Experimentalfilmprogramme einer breiten Beliebtheit. Man kann sich auf die nächste Diagonale freuen, der Termin für 2011 steht schon fest: 22. bis 27. März.

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