zodiacIn Zusammenarbeit mit Warner Brothers präsentieren wir ihnen ein großes Special zu kommenden Kinostart von David Finchers neustem Film Zodiac! Der Film wird am 31. Mai in unsere Kinos kommen und die Jagd nach einem der berühmtesten Serienmörder Amerikas zeigen.

Hier gibt es den ersten Teil unseres Specials:

 

Er war das Schreckgespenst par excellence. „Wer damals aufgewachsen ist, wurde von der kindlichen Angst geprägt, mit der man sich selbst in den Fall hineinsteigerte: Was, wenn er unseren Bus aufs Korn nimmt? Wenn er in unserem Viertel auftaucht? Kinder haben es an sich, die dramatischen Umstände noch zu übertreiben. Ich bin im Marin County bei San Francisco aufgewachsen, ich kenne die Gegend, wo diese Verbrechen begangen wurden, aber für einen Grundschüler spielt das keine Rolle - der denkt nur: ,Bestimmt taucht der an unserer Schule auf.‘"

 

So also sahen David Finchers Albträume in der zweiten Klasse aus. Wie viele Kinder, die in den 70er-Jahren an der Bucht von San Francisco aufwuchsen, war Fincher, damals sieben, wie gebannt von dem unsichtbaren Monster, das Zodiac genannt wurde. „Ich weiß noch, wie wir als Kids wegen des Killers während der ,Dunbar Show‘ beim Radio anriefen. 1974 zogen wir weg, und ich bekam mit, dass auch die Leute in anderen Städten vom Zodiac-Killer gehört hatten", berichtet Fincher. Aber selbst in seinen verrücktesten Träumen konnte er sich nicht vorstellen, dass er drei Jahrzehnte später das Angebot bekommen würde, einen Film zu konzipieren, der ihm Folgendes abverlangen würde: die Spuren des Killers mit jenen Polizeibeamten verfolgen, die dem berüchtigtsten Mörder seiner Jugend damals nachgespürt hatten; 10.000 Dokumentseiten zu den Ermittlungen durcharbeiten; mit den Opfern sprechen, die überlebt hatten, mit Familienmitgliedern der Ermordeten und mit den Verwandten eines Hauptverdächtigen. Der Hauptverdächtige damals war ein pädophiler Lehrer, der aus dem Dienst entlassen und ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er Grundschüler befummelt hatte.

 

Fincher konnte einfach nicht anders - weil der Erkenntnisbedarf da war, ein Bedarf, der damals den jungen politischen Karikaturisten des San Francisco Chronicle dazu brachte, wie besessen an der Aufklärung der geheimnisvollen Morde zu tüfteln: Diese Besessenheit arbeitete Robert Graysmith in zwei Büchern ab - im Bestseller „Zodiac" und in der Fortsetzung „Zodiac Unmasked", der minutiösen Nachbereitung aller Fakten und quälenden, unbewiesenen Annahmen für diejenigen, die eng mit den Ermittlungen in vier Verwaltungsbezirken zu tun hatten, aber auch für seinen hämischen, doch engagierten Kollegen Paul Avery und für sich selbst.

 

„Natürlich wusste Robert Graysmith, dass er nur peripher mit dieser Story zu tun hatte. Doch er wollte daran teilhaben - und dafür sorgte er selbst", sagt Fincher. „Er machte das in seiner Freizeit, weil er kein Reporter war. Robert blieb an der Sache dran, nachdem praktisch alle anderen mehr oder weniger das Handtuch geworfen hatten. Was wir im Film verwenden, geht auf die Unterlagen zurück, die Robert uns zur Verfügung stellte. Aber uns lagen auch die Polizeiberichte vor; wir haben alles durch unsere Dokumentation überprüft, führten selbst Gespräche, sammelten Beweise. Aber sogar noch bei unseren Interviews ergaben sich Widersprüche. Wenn der eine bestimmte Aspekte der Story bestätigte, wurden diese vom anderen wieder infrage gestellt. Natürlich ist das alles schon sehr lange her - die Erinnerung leidet, und weil es verschiedene Versionen der Geschichten gibt, beinflussen sie auch die Wahrnehmung. In solchen Zweifelsfragen hielten wir uns immer an die Polizeiberichte. Eigentümlich an der Zodiac-Story ist, dass es viele Leute gibt, die Roberts Version in einigen Aspekten für falsch halten, während sie ihre eigene Sichtweise oder Interpretation für richtig halten - sehr viele Mythen haben sich auf diese Weise entwickelt. Die müssen wir alle im Auge behalten, wenn wir es mit Zodiac zu tun haben. Deshalb beschlossen wir, die Story aus Roberts Sicht zu erzählen. Ich wollte die Wahrheit anhand seiner Bücher darstellen."

 

Kurz: Zodiac zu (er-)fassen erwies sich als gewaltige Aufgabe. „Wenn man mit der Arbeit an der Filmfassung beginnt, ist nur eine Sache von vornherein ganz klar: Am Ende wird man nur ein Sechstel des Materials verwenden, weil mehr gar nicht in den Film passt", erklärt Drehbuchautor/Produzent James (Jamie) Vanderbilt. „Hinzu kommt, dass der Film sich auf zwei Bücher und viele zusätzliche Interviews beruft. Ein Vorteil war allerdings, dass wir uns im Film auf die Männer konzentrieren, die in den Zodiac-Fall hineingezogen werden, vor allem Graysmith. Aber auch die Detectives und der Reporter. Dass harte Fakten rar sind, erwies sich als Vorteil, denn daraus ergaben sich immer wieder neue Gespräche, Theorien, die diskutiert werden müssen, Verdächtige, die sie vernehmen. Unser Film ist eindeutig mit mehr Informationen vollgestopft als alle mir bekannten Filme, und dennoch kratzt er nur an der Oberfläche, wenn man bedenkt, welche Materialfülle es dazu gibt."

 

Der größte Unterschied zu den Büchern besteht in der Rolle von Graysmith selbst, wie Vanderbilt sagt. „Robert stellt sich selbst durchaus nicht in den Mittelpunkt seiner Zodiac-Bücher, doch gerade sein Engagement faszinierte mich besonders - der Karikaturist als Kriminologe", sagt Vanderbilt. „Wenn ich unser Projekt vorstellte, sagte ich immer: ,Was wäre, wenn Garry Trudeau eines Morgens aufwachte und den Fall Son of Sam aufklären wollte?‘" Schon seit Vanderbilt als Schüler sein Lieblingsbuch „Zodiac" gelesen hatte, wollte er es für den Film bearbeiten. „Als ich dann Robert kennen lernte, erwies sich seine Unterstützung als unschätzbar, denn wir freundeten uns an, und das Drehbuch veränderte sich durch diesen Umstand, allerdings meist nicht, um ihn positiver darzustellen. Robert hat sich mit all seinen Eigenarten vor uns entblößt, und so stellen wir ihn auf der Leinwand dar. Das Wunderbare daran: Robert ist selbst Künstler, er kennt den Wert eines solchen Vorgehens, er weiß, was Kreativität bedeutet, was eine gute Story ausmacht."

 

Jake Gyllenhaal bekam das Drehbuch von David Fincher zugeschickt und war von der dramatischen Unmittelbarkeit hingerissen - bis zum Ende konnte er es nicht aus der Hand legen. Und er war davon beeindruckt, wie realitätsnah es wirkt. „Beim ersten Lesen fand ich vor allem die Morde absolut schrecklich", sagt er. „Beim Blättern dachte ich: ,Das alles ist wahr, es ist wirklich passiert. Ich wollte die Rolle sofort übernehmen. Zu Beginn hat Robert Graysmith mit dem Fall nur am Rande zu tun. Er macht als Karikaturist beim San Francisco Chronicle ein Praktikum. Zufällig ist er dabei, als die Zeitung eine Chiffre und einen Brief des Zodiac-Killers erhält - mit der Aufforderung, die Chiffre zu drucken. Er ist mit den Kopien von verschiedenen Karikaturen beschäftigt. Aber seine Kollegen haben keine Ahnung, dass er von Rätseln und vom Dechiffrieren wie besessen ist. Er interessiert sich brennend für den Fall, und als dieser auch Jahre später immer noch nicht aufgeklärt ist, ermittelt er auf eigene Faust, indem er vorgibt, ein Buch darüber zu schreiben - aber jetzt will er den Fall allein aufklären. Sehr interessant an dieser Story ist der Umstand, dass es in solchen Fällen zu einer Massenhysterie kommt. Dann überlässt man das den Experten. Aber manchmal fehlt den Experten jenes Herzblut, mit dem ein normaler Typ wie Robert Graysmith der Sache nachgeht. Die bürokratischen Hürden waren wegen der verschiedenen Zuständigkeiten sehr hoch. Robert ist dagegen ein normaler Bürger, der sich keine Durchsuchungsbefehle oder Genehmigungen besorgen muss. Er ist nur seinem Herzen und in diesem Fall auch seiner Besessenheit verpflichtet. Das finde ich faszinierend, weil wir uns heutzutage doch recht selten ganz auf uns selbst verlassen. Wir berufen uns gern auf Meinungen von Experten, doch auch die sind oft genug durch die Politik oder Befindlichkeiten in ihrer eigenen Arbeitssituation und Karriere gehandikapt. Ein normaler Mensch wie Robert konzentriert sich ganz auf seine Arbeit und erkennt die Fakten viel klarer. Ich fühle mich sehr bestärkt durch die Tatsache, dass es normale Menschen gibt, die einen solchen Fall knacken, an dem alle anderen gescheitert sind."

 

Wie hat sich der Schauspieler auf die Rolle des mutigen Karikaturisten vorbereitet? Gyllenhaal ging sehr bewusst und wissenschaftlich vor: „Ich halte Robert Graysmith für einen sehr interessanten Typen. Als ich ihn kennen lernte, bat ich darum, ihn mit der Videokamera filmen zu dürfen, um seine körperlichen Eigenarten studieren zu können - ich wollte sehen, wie er sich verhält. Ich war dabei äußerst nervös, denn ich überlegte: ,Was muss der für eine Persönlichkeit haben, um sich in eine solche Welt hineinzuwagen? Wenn ich den jetzt kennen lerne, dürfte sich unsere Begegnung wohl auf seltsamem, unheimlichem Terrain abspielen. In welche Tiefen muss ich wohl hinabsteigen, um irgendetwas Aufrichtiges aus ihm herauszubekommen?‘ Und dann kommt er herein - ein sympathischer, unvoreingenommener, sehr liebenswürdiger, irgendwie unschuldiger Mensch. In der Schauspielschule wurde ständig gepredigt: ,Spiel immer das genaue Gegenteil.‘ Genau das trifft auf ihn zu. Er ist völlig anders, als man von einer Person annehmen würde, die von einem Fall wie diesem besessen ist. Aber als ich ihn dann besser kennen lernte, spürte ich irgendwie, dass er so gewisse Tricks hat, auf merkwürdige Art Dinge aus mir herauszubekommen, ohne dass ich es merke - selbst wenn mir die Fragen anfangs zu persönlich, zu intim waren. Er ist sehr schlau und sehr geschickt, wenn er eine bestimmte Information bekommen will. Doch als Mensch ist er sehr lieb. Das ist höchst interessant."

 

„Bei mehreren Gelegenheiten habe ich beobachten dürfen, wie Jake meine Rolle spielt", berichtet Graysmith. „Er verkörpert mich nicht, sondern interpretiert mich. Absolut perfekt zeigt er meinen Enthusiasmus, meine Begeisterungsfähigkeit, meine Südstaatenherkunft, meine Höflichkeit, meine Macken. Die gleiche Haarfarbe hatten wir schon vorher."

 

Was die Darstellung der damaligen Zeit angeht, die über die eigentliche Nacherzählung der Ereignisse hinausgeht, waren sich Graysmith und Vanderbilt durchaus einig. Dazu Vanderbilt: „Zwar bestand die Gefahr, auf eine Meta-Ebene abzugleiten, aber ich fand es schon sehr verführerisch, einen Film über die Verführungskraft von Worten zu machen: Der Autor schreibt über einen Autor, der über einen Killer schreibt, der berühmt wurde, weil er tolle Briefe schrieb. Denn nur aus diesem Grund beschäftigen wir uns auch heute noch mit Zodiac: Er schrieb verdammt gruselige Briefe - nicht an die Cops, sondern an andere Autoren. Zeitungsmacher, die entsprechend reagierten: ,Scheiße, das ist echt toll. Das sollten wir bringen.‘ Sie druckten die Briefe, die Menschen lasen sie und reden auch nach Jahrzehnten noch davon: die Macht des geschriebenen Wortes."

 

Graysmith schrieb seine Tagebücher in der ersten Person („Zodiac" und „Zodiac Unmasked"), weil er die Öffentlichkeit in die Jagd auf den Killer mit einbeziehen wollte. Am Anfang musste er die Liste von 2500 Verdächtigen durcharbeiten und „eine Mauer aus Schweigen überwinden", wie er sich erinnert. „Damals war die Polizei nicht zur Mitarbeit bereit. Zodiac war ein sehr wichtiger Fall, und wer diesen Fall jemals löste, konnte eine Menge Lob einheimsen - sie saßen also auf ihren Informationen. Es war üblich, dass sie ihre Berichte unter Verschluss hielten, so dass ich sie nicht einsehen konnte. Doch wenn ich der Wahrheit in unseren Gesprächen sehr nahe kam, dann bestätigten sie schon mal ein oder zwei Tatsachen. Dabei durfte ich mir aber keine Notizen machen - ich musste mir Seriennummern und Daten also merken. In langen und intensiven Sitzungen zu Hause habe ich das dann anschließend aus der Erinnerung aufgeschrieben." Nach zehn Jahren, 13 Fassungen und dem Eindampfen seiner umfangreichen Recherchen auf 351 Seiten bestand „mein größter Beitrag wohl darin, dass ich beim Aufdecken neuer Spuren Gespräche führte und fehlende Zeugen und Verdächtige aufspürte, jedes Polizeirevier aufsuchte und so alle Fakten zusammentrug und jedermann zur Verfügung stellte, damit der Zodiac gefasst werden konnte." Das hat er immer gehofft, wie er heute sagt. Wenn er über das Auf und Ab dieser Reise nachdenkt, „ist es ein Wunder, dass wir nicht allesamt dem Zodiac zum Opfer gefallen sind. Die lange Jagd, die unwiderstehliche Faszination des Falles, sein Geheimnis, die Tragik der Opfer, die zerbrochenen Ehen, gescheiterten beruflichen Existenzen, die zerrüttete Gesundheit eines hervorragenden Reporters - es war eine Studie der Frustration, denn die Polizei musste einen Fehlschlag nach dem anderen hinnehmen."

 

Gyllenhaal weiß, wie viel energischen Input er am Set Robert Downey Jr. verdankt, der alle Schauspielerkollegen anregte, die Story möglichst lebendig zu gestalten. „Robert Downey Jr. passt wirklich in keine Schublade. Nach wie vor ist er in seinen Rollen, am Set unglaublich präsent - und er reißt uns alle mit. Sein Paul Avery ist eine Art Hofnarr - der tänzelt durch die Szene, hat viel Humor, bewahrt fast eine gewisse Distanz zu der Situation, reagiert aber sehr komisch auf sie. Er wirkt etwa wie die Fee Glöckchen in ,Peter Pan‘: Wenn er herumfliegt, werden alle anderen erleuchtet", sagt Gyllenhaal.

 

Fincher schätzt sich „sehr glücklich", mit diesen Schauspielern arbeiten zu dürfen. „Die Leute, mit denen ich drehen wollte, habe ich auch bekommen. Und ein riesiges Glück war es auch, dass so viele der damals tatsächlich an dem Fall Beteiligten an dem Projekt mitwirkten. Ich glaube, dass wir ihnen mit dem Film gerecht werden. Dabei geht es natürlich nicht darum, ein sklavisches Abbild der Personen bis zur letzten Haarlocke zu liefern." Ein Beispiel: „Robert Downey Jr. spielt Paul Avery und damit die einzige Person, die heute nicht mehr am Leben ist. Aber er bringt sich enthusiastisch ein, weil gerade er verstehen kann, welche Dämonen in Pauls Innerem tobten - er war die perfekte Wahl für die Rolle."

 

Von den vier Personen kannte Detective Toschi Avery am längsten. „Ich lernte Paul Avery 1960 kennen - damals war ich 28. Ich arbeitete im Bureau of Inspectors (für das San Francisco Police Department) und wollte Detective werden", sagt Toschi. „Wir haben viel zusammen erlebt. Am Ende war Paul kokainabhängig und hing an einer Maschine. Er war in sehr schlechter Verfassung. Er rief mich an, bevor er starb. Er wollte vor seinem Tod ein Buch schreiben, einen Paperback-Schnellschuss, den er seinen Enkeln hinterlassen konnte. Er sagte: ,Dave, wir können im Handumdrehen jeder 25.000 Dollar verdienen!‘ Mir tat er wirklich sehr Leid. Aber meine Antwort war: ,Paul, ich habe bereits eine Vereinbarung mit Robert Graysmith.‘ Als Robert mich erstmals ansprach, sagte er: ,Du bist der Einzige, der alle Informationen hat, ich kann nur mit dir reden.‘ Ich lernte Robert Graysmith 1977 kennen, als er mir von seinen Buchplänen erzählte. Er glaubte wirklich, dass man diesen Fall lösen könnte. Er wollte es tatsächlich versuchen. Seitdem sind wir eng befreundet."

 

Toschi berichtet, dass Fincher neugierig war zu erfahren, warum er überhaupt mit Graysmith geredet hat. In dem Fall wurde ja nicht mehr aktiv ermittelt, und Graysmith war kein Reporter. „Der Grund war seine Ernsthaftigkeit, seine Aufrichtigkeit", sagt Toschi. „Das habe ich auf Anhieb gemerkt. Er war ein politischer Karikaturist. Ich habe ihm vertraut."

 

Mark Ruffalo war seinerseits schwer von Toschi beeindruckt, aber auch von seiner Charakterisierung in Finchers Drehbuch. „Ich schätze dieses Genre nicht, weil es meist reichlich gewalttätig zugeht", sagt er. „Aber David hat ein Skript geschrieben, durch das die Rolle, die ich spielen sollte, sofort auf sehr nuancierte, wunderbare Weise zum Leben erwachte. Dann bin ich zu Toschi gereist und schätzte mich in dem Moment erst recht glücklich, in diesem Film mitzuwirken. Denn immerhin ist er das große Vorbild für Schauspieler, die Detectives spielen wollen, und ich spiele den Typen, der mehreren Schauspielerkollegen als Vorbild diente, die mit dieser Rolle zu Stars aufstiegen. Auch Robert Downey Jr. leistet Erstaunliches. Ich schätze ihn seit langem - wahrscheinlich kann man der Genialität gar nicht näher kommen als er, ohne über die Kante in den Abgrund zu stürzen. Die Arbeit mit ihm war wirklich spannend, unheimlich, aber auch ein großer Spaß. Da schwingt immer etwas Gefährliches mit. Nicht im körperlichen, gewalttätigen Sinn - vielmehr liegt es in seiner Spontaneität."

 

Die Filmrechte an Graysmiths Buch sicherten sich Vanderbilt und Produzent Bradley (Brad) J. Fischer (Phoenix Pictures), nachdem ein anderes Studio fast zehn Jahre lang nichts aus dem Stoff gemacht hatte. Die beiden Filmemacher wollten einen ganz bestimmten Regisseur verpflichten.

 

„Ich war überzeugt, dass David Fincher den Ereignissen mit seinem Stil gerecht werden würde", sagt Fischer. „Er kann die Psychologie, die Motivation jener Menschen gestalten, die diese Welt bevölkern. Natürlich hatte er bereits einen Film über einen Serienkiller gedreht, aber dieser Stoff geht weit über das Genre hinaus. Diese Figuren bringen etwas zum Klingen, was in uns allen steckt: die Fähigkeit, sich vollständig auf eine Sache zu konzentrieren, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahr für Jahr, sodass man nicht mehr davon loskommt. Fincher kann menschliches Verhalten, Gefühle filmisch derart auf den Punkt bringen, dass die Figuren und ihre Umgebung absolut authentisch wirken. Im Zuschauer weckt er das Gefühl, sich selbst auf der Leinwand zuzuschauen, als ob sie wie Alice im Wunderland in den Kaninchenbau rutschen, ohne es zu merken. Die Chromosomen der Story sind davon geprägt - mit den verschiedenen Abstufungen bösartig-abartigen Verhaltens, ob es nun um den Serienkiller geht oder um die Männer, die sich bei der Jagd nach einem Phantom aufreiben, das sie wahrscheinlich nie fassen werden. Das ist ebenso bewunderns- wie bemitleidenswert - und noch mehr: Es ist sehr menschlich, etwas erfahren zu wollen, was man nicht erfahren kann. Diesen Zwang spüren wir alle in uns, und der kann sich zu einer unglaublich zerstörerischen Kraft entwickeln. Ich wusste genau, dass Fincher uns wie kein anderer Filmemacher helfen kann, diese Abgründe auszuloten. Fincher merkte aber, dass die Story einfacher und klarer werden musste. Denn die Zodiac-Ermittlungen waren durch die vielen Telefongespräche verzerrt und durch die schlimmste Linse gefiltert, die man sich vorstellen kann: die Zeitungen. So hatte der Fall einen eigenen Mythos entwickelt, den wir zunächst demontieren mussten. Es galt, klar zwischen Fakt und Fiktion zu trennen und den Fall zu entmystifizieren, der sich weit von seinen realen Wurzeln entfernt hatte. Wir erinnern uns: Erst die Medien stilisierten den Zodiac zu einem übermächtigen Rätsel. Er schreibt einen Brief: ,Hier spricht Zodiac.‘ Und plötzlich nennen ihn die Zeitungen ,den Chiffre-Schlitzer‘! Das wirkt, als ob ein gigantischer, grausiger Schatten an der Wand mutiert. Doch wir müssen kapieren, dass es anfangs nur um einen Mann ging, der dilettantisch fünf Menschen niederschoss und zwei weitere niederstach - an alle hatte er sich herangeschlichen. Er ist durchaus nicht ,Wile E. Coyote Supergenie‘, wie wir ihn gerne nennen. Vielmehr war er ein kümmerlicher, erbärmlicher, unglaublich abartiger Mensch, den man fast geschnappt hätte. Der Rest entstand in den Köpfen der Leser - in der willigen Fantasie der Menschen verwandelte er sich zum übermächtigen Dämon."

 

Die Überarbeitung des Stoffes war laut Fischer also „ein langes und schwieriges Verfahren, das aber nötig war, um die wahre Geschichte zu erzählen. Wir durften uns auf keinen Fall auf Sekundär- oder Tertiärquellen verlassen - die Richtschnur waren die Polizeiberichte. Und natürlich die Menschen, die dabei waren. Eigentlich war es ganz einfach: Wir sprechen alle Leute an, die direkt an der Ermittlung beteiligt waren, setzen uns mit ihnen zusammen, schauen ihnen in die Augen und stellen direkte, manchmal bohrende Fragen und hören zu, was sie antworten. Wir sprachen also mit Bryan Hartnell; mit Mike Mageau, der heute obdachlos ist und sich nie richtig davon erholt hat, dass er 1969 niedergeschossen wurde; mit Dave Toschi; mit Bill Armstrong; mit Ken Narlow; mit George Bawart. Wir brachten Don Cheney und Sandy Panzarella in einem Raum zusammen - erstmals seit sie in den 1970er-Jahren von der Polizei vernommen wurden - und fragten sie nach allen Einzelheiten ihrer Story. Wir haben alles getan, um der Wahrheit Genüge zu tun."

 

Produzent Mike Medavoy, Mitbegründer und Vorsitzender von Phoenix Pictures, sagt über die Faszination des Stoffes: „Es geht nicht so sehr um den Serienmörder, der ja allein schon einen Film wert wäre, sondern um die Leute, die den Serienmörder jagen. Was passiert, wenn man derart von einer Sache besessen ist, dass man das Ziel aus den Augen verliert? Natürlich kommt man so vom Weg ab, natürlich macht man alles kaputt... und jedem von ihnen ist das tatsächlich passiert. Graysmith hat das überwunden, aber seine Ehe ging in die Brüche. Man muss sich wirklich mal anschauen, was aus den Hauptfiguren geworden ist. Gerade das hat mich an diesem Film fasziniert. Diese Männer haben sich bei der Jagd nach Sensationen verzettelt. David, Brad und Jamie (die für den Film selbst ermittelten) haben ebenso manisch darauf geachtet, alles ganz präzise darzustellen. Wir dachten schon, Brad würde dem Showbusiness den Rücken kehren und zur Polizei gehen - ganz so weit ging er aber dann doch nicht!"

 

Produzent Arnold W. Messer, Medavoys Partner und Phoenix-Chef, ist überzeugt, dass dieser Stoff „intensiver recherchiert und die tatsächlichen Ereignisse detaillierter und präziser dargestellt wurden als je zuvor in einem Kinofilm. Ich produziere seit 30 Jahren und habe noch nie an einem Film gearbeitet, der der Wahrheit derart nah kommt, der derart intensive Recherchen und Mühen voraussetzte. Alle Menschen, die im Film vorkommen und noch am Leben sind, wurden befragt. Sie alle haben auf die eine oder andere Art mitgearbeitet... die Jungs studierten die Bücher, die Polizeiberichte, die 10.000 Seiten mit den abgeschriebenen Protokollen. Wirklich eine beeindruckende Leistung, um sicherzustellen, dass die Tatsachen stimmen."

 

Die Gespräche

 

Die Filmemacher arbeiteten eng mit Bryan Hartnell und den am Fall beteiligten Beamten zusammen, um zu begreifen, was sich am 27. September 1969 am Lake Berryessa zugetragen hat. Detective Ken Narlow vom Napa Sheriff's Department war an jenem Tag nicht am Tatort, dafür aber die Streifenpolizisten John Robertson und David Collins. Doch Narlow, damals Detective Sergeant, leitete die Mordermittlungen in diesem Fall. Er ist inzwischen im Ruhestand, berät das Napa Sheriff's Department aber weiterhin im Zodiac-Fall und geht bis heute neuen Spuren nach. „Wahrscheinlich wird mich das nie loslassen", sagt er.

 

„Ich war oben in Berryessa dabei, als sie die Messerszene und dann die Szene mit Zodiacs geschriebenem Text auf dem Wagen drehten", sagt er. „Ich weiß noch: Es war 18 Uhr an einem Samstagnachmittag - genau der Zeitpunkt des Überfalls. „Das mit anzusehen, hat mich völlig fertig gemacht. Diese Kids hat er nicht niedergeschossen, sondern auf sie eingestochen. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung hat er auf Bryan Hartnell nur halb so oft eingestochen wie auf Cecilia - wahrscheinlich überlebte Bryan, weil Cecilia aufschrie und so von ihm ablenkte. Er hat zehnmal auf sie eingestochen - fünfmal in die Brust und fünfmal in den Rücken. Mir schossen die Tränen in die Augen, als ich zuschaute, wie sie das nachstellten. Ich kann eigentlich eine ganze Menge ertragen, und ich hätte mir nicht träumen lassen, dass mich das so mitnehmen würde. Denn das ist doch immerhin schon 37 Jahre her. Ich schaute mir den Dreh an und dachte immer nur: Das haben die Kids wirklich durchgemacht. Ich nahm das wohl recht persönlich. Wir hätten den Typen wirklich fassen müssen."

 

Der inzwischen pensionierte Collins sprach als letzter mit Cecilia vor ihrem Tod. „Ich tauche im Film nicht auf, wurde aber für die DVD interviewt und habe mir deswegen den Film angeschaut. Ich war entsetzt und mitgerissen von dem, was auf der Leinwand passiert. Mir wurde richtig mulmig, weil alles absolut lebensecht wirkt. Ich konnte kaum hinsehen. Als ich mich an jenem Tag um Cecilia kümmerte, sagte sie immer wieder: ,Mir ist kalt.‘ Sie stand unter Schock, also habe ich ihr meinen Mantel angezogen, den sie anbehielt, bis der Krankenwagen kam. Sie weinte, war schwer verletzt. Immer wieder sagte sie: ,Das tut so weh, gebt mir etwas gegen die Schmerzen.‘ Aber wir hatten nichts dabei."

 

Der Zodiac hatte auf Bryan eingestochen, bis sein Körper leblos war, dann stach er auf Cecilia ein, bis sie tot spielte. In dem Moment hörte er auf und ging weg, wie Cecilia Collins sagte: „Sie lagen gefesselt auf der Decke. Auf dem nahen See befand sich ein Angler. Sie schrien um Hilfe. Zunächst nahm der Angler das nicht ernst. Dann fürchtete er, dass ihn jemand anlocken und überfallen wollte. Er wartete also etwa zehn Minuten, bevor er begriff, dass es sich um einen Notfall handelte. Sie schrien, dass jemand auf sie eingestochen hatte und dass der Mann ihnen doch bitte helfen sollte. Er rief ihnen zu, er wolle Hilfe holen. Sie wollten aber nicht, dass er sie allein ließ. Doch er wandte sich an die Eigentümer eines nahe gelegenen Hotels namens Rancho Monticello Resort. Er ging, und sie blieben weiterhin gefesselt auf der Decke liegen. Sie glaubten nicht, dass er wiederkommen würde, und versuchten sich selbst zu befreien. Cecila sagte mir, sie hätten sich gegenseitig befreit, aber erst bei der Filmvorführung konnte ich endlich mit Bryan sprechen und bekam so die Antwort auf die Frage, die mich in all den Jahren bewegt hatte: Wie konnten sie ihre Fesseln lösen, wo doch ihre Hände und Füße auf dem Rücken fest zusammengebunden waren? Von dieser Position, durch den Blutverlust und den Schrecken waren sie sehr geschwächt. Bryan erzählte mir, dass sie sich Rücken an Rücken legten und so die Knoten lösen konnten. Er versuchte wegzukriechen, aber als wir dort eintrafen, war er nur etwa zehn Meter weit gekommen und dann ohnmächtig geworden."

 

Als Collins und Robertson eintrafen, waren der Hotelbesitzer, ein Parkranger, der Angler und sein Sohn am Tatort und warteten auf die Polizei und den Krankenwagen. Die Streife brauchte etwa 30 Minuten bis zum Tatort, weil auf der kurvigen Bergstraße starker Verkehr herrschte. Der Krankenwagen traf erst 20 weitere Minuten später ein. Vom Überfall bis zur Rettung mussten die Opfer anderthalb Stunden warten. Cecilia starb auf dem Weg ins Krankenhaus. „An jenem Tag konnte ich nicht mit Bryan sprechen - Cecilia wollte, dass ich ständig bei ihr blieb", sagt Collins. „Man brauchte sie nur anzuschauen und wusste sofort, dass sie keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Sie war ein hübsches, zartes kleines Mädchen... Er hat ihnen nichts gestohlen. Er wollte sie nur umbringen."

 

Cecilia war die Einzige, die Zodiac an jenem Tag zu Gesicht bekam, bevor er seine Kapuze aufsetzte, aber sie sagte Collins gegenüber aus, dass sie ihn nicht kannte. „Ich persönlich glaube, dass der Täter nie identifiziert wurde", sagt er. „Wenn er noch am Leben ist, läuft er weiterhin frei herum."

 

Trotz all der Einzelheiten und der Indizien, die über die Jahre zusammengetragen wurden, findet Fischer einen Umstand erstaunlich eindeutig: „Erinnerungen sind von Natur aus subjektiv, und meist werden traumatische Ereignisse auch mit der Zeit nicht deutlicher. Dennoch sind die Aussagen jener, die dabei waren, heute unschätzbar. Ein Beispiel: Ein Polizeibericht widerlegte die Erinnerung eines Vallejo-Polizeibeamten, der sich ganz sicher war, Mike Mageau habe die Waffe des Zodiac als laut knallend, ohne Schalldämpfer beschrieben. Als ich dem heute pensionierten Beamten seinen eigenen Bericht vorlas, in dem es über Mageaus Aussage heißt: ,Er hörte mehrere gedämpfte Geräusche, die wie eine Schusswaffe mit Schalldämpfer klangen‘, antwortete der Beamte, dass er sich anders erinnere, aber er gab zu, dass diese Fakten korrekt seien. Mageau seinerseits erinnert sich sehr genau daran, dass der Knall gedämpft war. Tatsächlich merkte er erst, dass er beschossen wurde, nachdem er von der zweiten oder dritten Kugel getroffen war. Als er plötzlich den Schmerz vom ersten Schuss in seinem Hals spürte, dachte er laut seiner Aussage zunächst, der Mann habe ihn mit einer Taschenlampe geschlagen." Fischer engagierte einen Privatdetektiv, um Mageau aufzuspüren. Der saß wegen Landstreicherei in Haft, und Fischer interviewte ihn über ein Bildtelefon im Gefängnis. „Es war faszinierend, mit einem Menschen zu sprechen, der direkt dabei gewesen war und dem Zodiac-Killer Auge ins Auge gesehen hatte", sagt Fischer. Mageau und Hartnell - die einzigen überlebenden Opfer - loteten ihr Leben lang alle juristischen Möglichkeiten aus, wobei ihre Erfahrungen diametral entgegengesetzt ausfielen.

 

Der heute pensionierte George Bawart wurde vom Vallejo Police Department gebeten, mit den Filmemachern zusammenzuarbeiten. „Die Polizei in Vallejo unterstützt den Film hundertprozentig - in der Hoffnung, dass daraufhin jemand genauere Hinweise gibt, damit wir den Fall ein für alle Mal aufklären können." Am 4. Juli 1969 war Bawart Sergeant in diesem Revier. Sein inzwischen verstorbener Vorgesetzter Jack Mulanax war als leitender Detective für den Fall zuständig. Jahre später leitete Bawart selbst die immer noch andauernden Zodiac-Ermittlungen. Als Ferrin und Mageau überfallen wurden, handelte es sich laut Bawart „noch nicht um Ermittlungen zu einem Serienkiller. Es war der Mord an einem Paar, das sich an einem bei Liebespaaren beliebten Ort getroffen hatte. Er wurde wie jedes andere Tötungsdelikt behandelt. Denn es hätte ja auch ein eifersüchtiger Freund gewesen sein können. Doch als dann die Morde am Lake Berryessa passierten, war plötzlich alles anders. Kurz darauf begann die Zustellung der Briefserie. Als die Sache publik wurde, mussten wir alle fürchten, dass wir es mit einem Serienmörder zu tun hatten." Bawart gehörte nicht zu den Beamten am Tatort und bekam erst 1971 mit dem Fall zu tun, als er gegen seinen Hauptverdächtigen Arthur Leigh Allen ermittelte. 25 Jahre später vernahm Bawart Mageau an einem Flughafen, nachdem Graysmiths Buch erschienen war. „Es erregte viel Aufsehen, als Mageau Leigh Allen als Zodiac identifizierte", sagt er. „Als ich ihn am Airport traf, legte ich ihm eine Reihe von Fahndungsfotos vor, und das war's: Er erkannte ihn wieder. Ich fragte ihn, wie er sich so sicher sein konnte, und er antwortete: ,Ich weiß es genau. Er hat mich angesehen und auf mich geschossen. Ich bin mir sicher.‘" Trotz Mageaus Augenzeugen-Aussage ist Bawart heute davon überzeugt, dass ein Verteidiger Mageaus Aussage zerfetzen würde, weil derart viel Zeit vergangen war.

 

„Die für mich überzeugendsten Beweise fanden wir in Leigh Allens Haus", sagt Bawart. „Wir fanden Bomben und viele Gegenstände, über die Zodiac in seinen Briefen schrieb. Bevor ich mir den Durchsuchungsbefehl besorgte, sprach ich in Napa mit Ken Narlow. Der Jahrestag eines der Zodiac-Morde stand kurz bevor. Die Medien erfuhren von unserem Vorhaben und veröffentlichten eine ganze Reihe von Storys. Was gut und schlecht war. Das Gute: Eine Frau las darüber in der Zeitung, bemerkte den Namen Robert Emmett the Hippie und sagte: ,Ich weiß, wer das ist.‘ Es handelte sich um den Homosexuellen Robert Emmett Rodifer, der ein Schwimmteam gemanagte hatte. Arthur Leigh Allen gehörte als Turmspringer zu diesem Team. Er war so zurückhaltend und still wie Rodifer kontakfreudig war. Ich flog also nach Deutschland, um Rodifer zu vernehmen. Er sagte, er erinnere sich an Leigh Allen. ,Der Typ hasste mich‘, sagte er. Aufgrund seiner Aussagen hielt ich Leigh Allen für den Zodiac. Wie er ihn beschrieb und wie er auf ihn reagierte."

 

EBEORIETEMETHHPITI

 

„Als Redaktionskarikaturist entwickelt man einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn - man möchte die Welt verändern. Als Zeichner und Karikaturist hatte ich es täglich mit Symbolen zu tun... Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich seit Jack the Ripper kein Killer an die Presse gewandt und die Polizei mit Hinweisen auf seine Identität verspottet. Der seltsame Brief faszinierte mich."

Autor Robert Graysmith, „Zodiac"

 

Griechische Buchstaben. Morse-Code. Wetter-Symbole. Buchstaben des Alphabets. Flaggensignale der Marine. Astrologische Symbole. Sie alle waren verquirlt in die chiffrierte Terrorbotschaft, die von Hand mit einem blauen Filzstift geschrieben war und am 1. August 1969 per Brief an die Redaktionen des San Francisco Chronicle, des San Francisco Examiner und des Vallejo Times-Herald geschickt wurde:

 

„Ich will, dass ihr diese Chiffre auf dem Titelblatt eurer Zeitung abdruckt. Diese Chiffre enthält meine Identität. Falls ihr die Chiffre nicht bis zum Nachmittag des Fr., 1. August 69 veröffentlicht, werde ich Fr.-Nacht einen mörderischen Amoklauf beginnen. Ich werden das ganze Wochenende herumfaren und nachts einsame Leute töten..."

 

Jahrzehntelang trafen weitere Briefe ein, die schreckliche Einzelheiten von Morden schilderten, die nur der Polizei bekannt waren. Auch eindeutige Beweise wie ein Fetzen des blutigen Hemds eines Mordopfers waren darunter, oder Einzelheiten über Bomben und Androhungen eines geplanten, groß angelegten Massenmordes an Schulkindern.

 

Die Dechiffrierexperten der CIA, des FBI, der National Security Agency und des Navy-Geheimdienstes waren ratlos - die Chiffre des Killers ließ sich nicht knacken. Bis Highschool-Lehrer Donald Gene Harden aus North Salinas sein einstiges Jugendhobby reaktivierte und herausbekam, was keinem Experten gelungen war: das Motiv des Killers und seine mögliche Identität oder einen Hinweis auf seine Identität.

 

„Nachdem der Zeitungsbericht erschienen war, versuchte sich meine damalige Frau an dem Code, aber sie hatte keine Ahnung", erinnert sich der heute 78-jährige Harden, der wieder geheiratet hat und in Fountain Hills/Arizona lebt. „Ich musste mir die Sache schon deswegen vornehmen, damit sie endlich damit aufhörte, weil es mich verrückt machte, ihr bei den Versuchen zuzusehen. Sie ließ einfach nicht locker. Er verwendete jede Menge Hinweise. Drei Tage habe ich daran gearbeitet. Damals habe ich mich kaum mit Dekodierung beschäftigt. Früher, als ich bei den Pfadfindern war, machte ich das manchmal. Als Junge hatte ich darüber gelesen und mich daran versucht. Ich rief bei der Zeitung an und sagte, ich hätte das Rätsel gelöst. Die Antwort war nur: ,Klar, schicken Sie uns das per Post.‘ Das habe ich getan.

 

Als der von den Hardens entschlüsselte Text erschien, wurden sie über Nacht berühmt - was sie nie für möglich gehalten hätten. Dann rief das FBI an. Sie hatten tatsächlich recht. „Ich weiß nicht, was meine Ex-Frau ihnen gesagt hat, ich war nicht dabei. Ich weiß nur, dass wir nie wieder etwas von ihnen gehört haben", fügt er hinzu. „Wir hatten keine Ahnung, was die Medien auslösen würden. Ich wurde sogar in der Fahndungs-Sendung „America's Most Wanted" interviewt - etwa eine halbe Sekunde lang. Doch meine Ex-Frau entwickelte bald einen regelrechten Verfolgungswahn, wenn ein Reporter auftauchte, denn sie hatte Angst, dass der Killer uns aufspüren könnte. Ich musste mir eine Schusswaffe besorgen und sie unters Bett legen. Ich hatte nie eine Waffe besessen und habe sie auch nie ausprobiert. Ich kaufte sie nur, um meine Frau zu beruhigen. Ein paar Jahre später habe ich den Revolver dann verschwinden lassen."

 

Die Schüler staunten nicht schlecht über die Fähigkeiten ihres Lehrers, denn sie hatten wie alle Schulkinder im Großraum San Francisco eine Heidenangst vor dem Chiffre-Schlitzer. „Als der entschlüsselte Text erschien, sprachen mich die Kids ständig darauf an. Also habe ich mir eines Tages die Zeit genommen und ihnen genau erzählt, wie ich das gemacht habe. Und das war's", erinnert sich Harden. „Ich wollte sie damit beruhigen. Und danach war das kein Thema mehr." Zunächst musste er ihnen das Code-Knacken erklären, ein Jargon-Begriff für die Entschlüsselung eines chiffrierten Textes. Texte werden chiffriert, um ihren Inhalt zu verbergen, sodass er nur denjenigen zugänglich ist, die ein entsprechendes Spezialwissen haben. Chiffren sind normale Textbuchstaben, Lettern oder Ersatzsymbole, die separat oder in Gruppen als chiffrierte Botschaft dienen. Obwohl der Ausdruck Code als Synonym für Chiffre benutzt wird, bestehen Codes normalerweise aus umgeformten Wörtern oder Phrasen, die üblicherweise verwendet werden, um die Botschaft zu verkürzen.

 

In Graysmiths Buch „Zodiac" berichtet Harden, wie er die verschlüsselte Botschaft des Killers knackte. Zunächst prüfte er die Häufigkeit bestimmter Buchstaben. „Er wusste, dass der häufigste Buchstabe im Englischen das E ist, es folgen T, A, O, N, I, R und S. Die gebräuchlichsten Doppelbuchstaben sind L, E und S", schreibt Graysmith. Die häufigsten Buchstabenkombinationen sind TH, HE und AN. Über die Hälfte aller Wörter beginnt mit T, A, O, S oder W, und die häufigsten Dreierkombinationen sind THE, ING, CON und ENT. Harden merkte, dass der Killer Ersatzchiffren verwendete, die nicht aus Buchstaben, sondern aus Symbolen oder Figuren bestanden. Weil der Killer eine Vielzahl von Symbolen verwendete, war es nicht möglich, jedem Einzelbuchstaben ein bestimmtes Symbol zuzuordnen. Also musste Harden kreativ werden, auf die Methode des Killers bei der Wiederholung der Symbole schließen und die Anzahl der Variablen reduzieren. Dann kam ihm die Erleuchtung - der häufigste Doppelbuchstabe im Englischen ist L. Also suchte er im Kryptogramm des Killers nach Gruppen von jeweils vier Buchstaben, die das Wort „kill" ergeben könnten.

 

„Im Krieg überprüfen Dechiffrierexperten die erbeuteten Chiffren immer in Hinsicht auf Symbole, die das Wort Angriff ergeben könnten", stellt Graysmith fest. Unter diesem Gesichtspunkt fanden die Hardens „killing" zweimal sowie „killed" und „thrilling" je einmal. Weitere Wörter mit dem doppelten L waren „will" (viermal) und „collecting" (einmal). Dann entdeckten sie die Fallen, die der Killer gelegt hatte: Er verwendete 15-mal ein umgedrehtes Q, um den Code-Knackern zu suggerieren, es handele sich um den häufigsten Buchstabe E. Für das E verwendete der Killer aber sieben verschiedene Symbole. Zwei verschiedene Symbole waren jeweils austauschbar dem A und S zugeordnet. Der Killer hatte nicht nur mit der Rechtschreibung Probleme, sondern verwendete manchmal auch die falschen Chiffren. Und zwar so:

 

„I LIKE KILLING PEOPLE BECAUSE IT IS SO MUCH FUN IT IS MORE FUN THAN KILLING WILD GAME IN THE FORREST BECAUSE MAN IS THE MOST DANGEROUE OF ALL TO KILL SOMETHING GIVES ME THE MOST THRILLING EXPERIENCE IT IS EVEN BETTER THAN GETTING YOUR ROCKS OFF WITH A GIRL THE BEST PART OF IT IS THAE WHEN I DIE I WILL BE REBORN IN PARADICE AND THEI HAVE KILLED WILL BECOME MY SLAVES I WILL NOT GIVE YOU MY NAME BECAUSE YOU WILL TRY TO SLOI DOWN OR ATOP MY COLLECTIOG OF SLAVES FOR AFTERLIFE.

EBEORIETEMETHHPITI"

 

Übersetzung:

„ICH BRINGE GERNE LEUTE UM WEIL DAS ECHT SPASS BRINGT ES BRINGT MEHR SPASS ALS DAS WILD IM WALD ZU TÖTEN WEIL DER MENSCH DAS GEFÄHRLICHSTA WILD VON ALLEN IST DAS IST DAS TOLLSTE ERLEBNIS SOGAR NOCH SCHÖNER ALS ES MIT EINEM MÄDCHEN ZU TREIBEN DAS SCHÖNSTE DARAN IST DASE ICH WENN ICH STERBE IM PARADIHS WIEDERGEBOREN WERDE UND DIE ICH ERMORDET HABE WERDEN MEINE SKLAVEN ICH NENNE NICHT MEINEN NAMEN WEIL IHR VERSUCHEN WERDET MEINE SAMMLUNF VON SKLAVEN FÜR DAS JENSEITS ZU VERMINSERN ODER ZU ATOPPEN.

EBEORIETEMETHHPITI"

 

Weil der Killer im Kryptogramm schrieb, er würde seinen Namen nicht angeben, nahmen die Hardens an, das Anagramm der Unterschrift bedeute ROBERT EMMETT THE HIPPIE. Erst am 23. August 1992, 23 Jahre nach der Entschlüsselung des Namens durch die Hardens, erfuhr die Polizei, dass der Hauptverdächtige Arthur Leigh Allen ein eifersüchtiger Schwimmteam-Rivale seines Highschool-Kameraden Robert Emmett Rodifer war, der als Student zum Hippie wurde und später nach Deutschland zog.

 

„Sogar darüber sind sich die Leute nicht einig", sagt David Fincher. „Selbst nach 35 Jahren und all den Expertisen gibt es keine absolute Wahrheit. Auch über die Dechiffrierung der Codes, Robert Emmett the Hippie eingeschlossen, wird noch gestritten, wobei Robert (Graysmith) davon überzeugt ist, dass sie stimmt."

 

Fincher hat Recht, bestätigt Graysmith. Er glaubt, dass Emmett ein Hinweis war, eine Verbindung zur Identität des Killers. „1969 knackte ein Paar von Amateuren, die Hardens, den Code des aus 312 Symbolen bestehenden Kryptogramms, das uns das Motiv des Zodiacs lieferte", fügt Graysmith hinzu. „Ihnen gelang, was NCIS, FBI und NSA nicht zustande brachten."

 

Anhand der Harden-Übersetzung konnte Graysmith das kodierte Vorhaben des Killers in Beziehung setzen zu den Methoden des Verbrechers in dem RKO-Film „Graf Zaroff, Genie des Bösen" von 1932: Der jagt das gefährlichste Wild - den Menschen. Nachdem die Hardens seinen Code im ersten Brief geknackt hatten, nannte sich der Killer in den folgenden Briefen Zodiac. Einige Symbole stifteten Verwirrung. Graysmith durchforstete Bücher über Codes und Chiffren und entdeckte, dass der Killer einige Symbole aus einem Chiffre-Bilder-Alphabet aus dem 13. Jahrhundert übernahm, das als Zodiac-Alphabet (Alphabet der Tierkreiszeichen) bekannt ist. Außerdem erfuhr er, dass alle Code-Bücher aus den Bibliotheken der Umgegend gestohlen oder verschwunden waren - dazu zählten die Bibliotheken des San Francisco Presidio, auf dem Marinestützpunkt Treasure Island Naval Base und im Oakland Army Terminal.

 

Den Hardens reichte eine Entschlüsselung. Sie knackten keine weiteren Codes. „Sicherlich sind die quälendsten Aspekte des Falles die noch nicht entschlüsselten Chiffren, die Zodiac uns geschickt hat", stellt Graysmith fest. „Ich hoffe weiterhin, dass einer der Filmzuschauer oder ein Leser des Buches die beiden Kryptogramme und die Karte entschlüsseln kann, die uns laut Zodiac seinen Namen und Aufenthaltsort nennen."

 

Beweisstück 1 - Brief vom 20. August 1970: Ich heiße...

 

„Hier spricht Zodiac Übrigens habt ihr die letzte Chiffre geknackt, die ich geschickt habe? Ich heiße - AENΦΘKΘMΘцNAM

Mich würde mal intresieren wie viel Geld ihr jetzt auf meinen Kopf aussetzt. Ich hoffe ihr glaubt nicht etwa ich hätte den blauen Bösen auf dem Polizeirevier ausradiert. Obwohl ich mit Einem darüber geredet habe, Schulkinder zu killen. Aber es würde einfach nicht funcktionieren, jemand anderem ins Gehege zu kommen. Aber es ist ehrenvoller einen Cop zu killen als ein Kind weil ein Cop zurückschießen kann. Bisher habe ich zehn Leute gekillt. Es wären schon viel mehr, aber meine Busbombe war ein Blindgänger. Der Regen neulich hat bei mir alles unter Wasser gesetzt."

 

Elemente der Tarnung

Die Handschrift und ein teils blutiger Fingerabdruck vom Tatort des 11. Oktober 1969, an dem der Taxifahrer Paul Stine in San Francisco erschossen wurde, hielt man für den Schlüssel zu Identität des Zodiacs. Darüber waren sich die Forensik-Experten damals einig.

 

Doch erst Jahrzehnte später schaute sich ein anderer Experte die Handschrift in Zodiacs Briefen an und entdeckte eine Verstellung, durch die sich seine Identität feststellen ließ - für alle sichtbar.

 

Gerald McMenamin ist ein international anerkannter forensischer Linguistikfachmann, Professor für Linguistik an der California State University in Fresno und Autor des Buches „Forensic Linguistics: Advance on Forensic Stylistics". Fincher und Fischer engagierten ihn, um Zodiacs Briefe zu untersuchen und auszuwerten.

 

„Die Codes habe ich gar nicht beachtet, weil es sich dabei um eine künstliche Sprache handelt", sagt McMenamin. „Das Unterbewusstsein kommt nur in der natürlichen Sprache zum Tragen. Dort entdeckt man Muster, die ich untersuche - wie er seine Wörter, Silben und Morpheme trennt." Ein Morphem ist die kleinste Bedeutungseinheit in der Grammatik der Sprache. Sie lässt sich semantisch interpretieren.

 

Im Gegensatz zu den bisherigen Untersuchungen, die die Gestaltung der Briefe, die Handschrift, Papier und Tinte analysierten, konzentrierte sich McMenamin auf Zodiacs Sprache - wie er Sätze baute, vor allem seine Wortstruktur und die Rechtschreibung. Der Unterschied zwischen heute und den 70er-Jahren besteht darin, dass „Experten für Dokumente und Handschriften inzwischen viel größere Probleme haben, weil heute alles mit dem Computer geschrieben wird. Tatsächliche Handschriften spielen kaum noch eine Rolle. Aber die Sprache bleibt uns nach wie vor. Ein forensischer Linguist achtet auf zwei Dinge: Verstellung, und wie der Schreiber die Wörter aufteilt", sagt er. „David Fincher wollte, dass ich wie bei einem Gerichtsgutachten vorgehe."

 

McMenamin erhielt das rechtshändige Schreibmuster, das Allen am 20. September 1972 nach Aufforderung durch die Polizei lieferte. Man bat ihn, dieses Muster mit Zodiacs handschriftlichen Briefen zu vergleichen. Dieses Dokument war das einzig bekannte Schriftstück Allens, das er mit der rechten Hand geschrieben hatte - er war von Geburt Linkshänder, hatte aber auch mit seiner rechten Hand gewisse Fertigkeiten entwickelt.

 

„Die Beweisstücke, die ich untersuchte, bezogen sich auf den Umstand der Verstellung", sagt er. „Hat Zodiac versucht, seine Schrift zu verstellen? Ja. Allen war beidhändig, wobei die rechte Hand seine schwächere war. Seine starke Hand war die linke, die er normalerweise zum Schreiben und bei anderen Tätigkeiten benutzte. In Zodiacs Texten fiel mir die Aufteilung seiner Wörter in Silben und Morpheme auf. Eine Schriftprobe war von Allen mit der rechten Hand geschrieben. Darin entdeckte ich fünf Zeilen und drei Trennungen, die sich mit Zodiac vergleichen ließen." Doch das reichte nicht aus. „Meine persönliche Schlussfolgerung? In diesen fünf Zeilen handelt es sich um dieselbe Wortaufteilung und Wortsegmentierung", sagt er. „Ich bin überzeugt, dass Allen die Zodiac-Briefe geschrieben hat. Doch die Überzeugung ist das eine - der Beweis vor Gericht etwas anderes. Die Antwort muss absolut eindeutig ausfallen. Um den Beweis wissenschaftlich vertretbar zu machen, muss ich meine Kollegen überzeugen. Zu diesem Zweck muss ich ein Verhaltensmuster finden." Damit sind weitere Beispiele von Übereinstimmungen gemeint. Also brauchte er weitere Schriftproben von Allen.

 

Wieder erwiesen sich die Beweise gegen den Hauptverdächtigen als überzeugend. Wieder reichten sie nicht aus.

 

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