antonio-grimaldi-01.jpg„Heute erwartet jeder von dir ein Meisterwerk!“

Der 1955 geborene Antionio „Antonello“ Luigi Grimaldi ist seit den 70er Jahren aktiv in der italienischen Filmbranche tätig und dreht gleichermaßen erfolgreich für Kino und Fernsehen. Nun erscheint sein Film Caos Calmo zu Deutsch Stilles Chaos mit Nanni Moretti in der Hauptrolle in den österreichischen Kinos.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sandro Veronesi, das erst ein paar Jahre alt ist. Wie kam man auf die Idee, einen derart „frischen“ Stoff zu verfilmen?


Grimaldi: Das geht auf den Produzenten Domenico Procacci zurück, der sobald das Buch erschienen war, sich die Rechte auf eine Verfilmung gesichert hat. Das seltsam faszinierende an der Geschichte ist, dass sie zu zwei Dritteln am selben Ort spielt, dass sie sich um einen Mann dreht, der den Mut hat, in seinem Leben stehen zu bleiben und daran aber wächst. Das passt auch sehr gut in unsere Zeit.


Wie sind Sie zu dem Projekt gestoßen?


Grimaldi: Domenico hat mir den Film angeboten, da Moretti nicht Regie führen, sondern nur die Hauptrolle spielen wollte. Er dachte, diese Figur darzustellen sei anstrengend genug.


Moretti hat aber am Drehbuch mitgeschrieben. Wie war seine Beziehung zu Veronesi? Hat sich Veronesi in den Prozess des Schreibens oder Drehens eingebracht?


Grimaldi: Nein, er hat zu keiner Zeit mitgearbeitet. Natürlich haben wir ihm Drehbuchentwürfe geschickt und ihn am Laufenden gehalten, vor allem in der Anfangsphase, aber an einem bestimmten Punkt hat er einfach gemeint: „Macht, was ihr für richtig haltet!“ Er war mit dem Endresultat auch sehr zufrieden. Im Film findet sich die Essenz des Buchs wieder.


Moretti hat vor wenigen Jahren mit La stanza del figlio einen ähnlichen Film gemacht, indem er auch jemanden verkörpert, der sich mit dem Verlust eines ihm nahe stehenden Menschen auseinandersetzen muss. Gab es keine Befürchtungen von Ihrer Seite aus, nach eigentlich relativ kurzer Zeit einen Film wieder mit Moretti zu drehen, der um dasselbe Thema kreist?

Grimaldi: Nein, Angst war es nicht. Außerdem denke ich, dass beide Geschichten doch sehr verschieden sind. In La stanza del figlio dreht sich alles um die ersten Tage nach dem Verlust des Sohnes. Der Schmerz, der an dieses Ereignis geknüpft ist, ist hier noch viel sichtbarer. In Caos Calmo hingegen ist dieser Schmerz nicht so sehr Thema, es geht vielmehr um die Verarbeitung, die noch Monate nach dem Ereignis selbst andauert. Außerdem nimmt in meinem Film auch das Thema des Stillstands, hier richtiggehend physisch dargestellt auf der Parkbank, und des Aussteigens aus einem stressigen Geschäftsleben einen wichtigen Stellenwert ein. Pietro wird gezwungen, über sich selbst nachzudenken, und dieses Nachdenken führt zu einer Reihe von positiven Konsequenzen und seinen Blick auf die Welt verändert.


Da Sie das Thema „Schmerz“ ansprechen – mit Italien assoziiere ich ein Land, dessen Bewohner sehr an ihren Riten, zum Beispiel religiöser Art, hängen. In Ihrem Film sparen Sie diese aber aus. Warum?


Grimaldi: Es stimmt natürlich, dass die Mehrheit der Italiener sehr religiös ist, aber dieser strenge Katholizismus gilt vermutlich nur für die ältere Generation. Jüngere verfolgen da eher andere Wege.


Im Film gibt es einen Kurzauftritt von Roman Polanski. Wie kam er zu dem Projekt?


Grimaldi: Nun, er war nur für einen Tag da um die Szene zu drehen. Ich habe mit ihm vorher auch nur eine halbe Stunde am Telefon geredet, um ihm seine Figur zu erklären. Aber wir waren selbstverständlich alle sehr geehrt, dass er mit uns drehen würde. Wir wollten für diese Figur, von der die ganze Zeit über im Film geredet wird, die aber erst am Schluss erscheint, eher einen Regisseur als einen Schauspieler haben. Wir hatten zwei Wunschkandidaten: Scorsese oder Polanski. Bei ersterem wäre die Organisation wohl sehr schwierig geworden, bei Polanski war all das sehr einfach, da er in Europa lebt. Er hat auch sehr schnell zugesagt. Ihm gefiel vor allem die Idee, dass man nicht hören sollte, was er und Piero im Auto besprechen würden…


Dieser Auftritt ist gewissermaßen das Schlüsselmoment des Films. Sehen Sie die Figur Steiners auch als deus ex machina?


Grimaldi: Genau. Er ist derjenige, der die Situation in Ordnung bringt – aber die Zuschauer wissen nicht wie, da sie nicht hören können, was er mit Pietro bespricht.


Im Buch wie im Film gibt es die „berüchtigte“ Sexszene, die sehr unvermittelt und sehr ausführlich kommt. Hier wie dort erscheint sie mir als Fremdkörper, die nicht so ganz in den Film passen will.


Grimaldi: Da hast du nicht ganz Unrecht. Aber im Buch ist diese Szene viel härter und detailreicher geschildert als im Film. Es ist eine sehr wichtige Szene, denn ohne sie würde Pietro nicht aus seiner Krise ausbrechen. Sie hilft ihm, seine Trauer zu verarbeiten, denn obwohl es nicht die Schuld der Frau ist, gibt er ihr auf psychologischer Ebene dennoch die Schuld am Tod seiner Frau. Das Drehbuch stellte von Anfang an klar, dass dies nur eine Sexszene sei, bei der Gefühle keinerlei Rolle spielen sollten. Niemand wird hier auf die Idee kommen, dass sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte anbahnt. Diese Szene dient Pietro, um wieder etwas für sich zu gewinnen, und ihr, weil sie dank ihm ihren Mann verlassen hat und ein neues Leben beginnen kann.


Gab es Diskussionen am Set, wie man diese Szene inszenieren sollte?


Grimaldi: Alle haben diese Szene aus dem Buch gekannt und wussten dass sie hart werden würde. Wir haben sie in zahlreichen Gesprächen vorbereitet, was uns beim Drehen schließlich sehr geholfen hat, da es keine Schamgefühle mehr gab. Die Szene war innerhalb kürzester Zeit im Kasten. Außerdem ist man eine solche Szene von Nanni Moretti nicht gewohnt, was zusätzlichen Reiz ausübte.


Ich habe in einigen Rezensionen über den Film gelesen, die Musik sei zu aufdringlich und plakativ gewählt. Was denken Sie, angesichts dieser Kritik, wie Musik in einem Film eingesetzt werden sollte?


Grimaldi: Nun, ich bin mit dieser Auffassung nicht einverstanden. In Wahrheit ist es so, dass in meinem Film nur sehr wenig Originalmusik gibt, die kommentierend eingesetzt wird. Und von Paolo Buonvino sind auch nur ein paar Songs. Ich wollte damit einfach nur zeigen, dass Rockmusik auch in einem ernsten italienischen Film funktioniert. Denn das gab es bisher kaum.


Und die Standardfrage, die man allen italienischen Regisseuren stellt: Wie ist es aktuell um das italienische Kino bestellt? Gibt es die Krise noch oder wieder?


Grimaldi: (lacht) Ich bin seit den 70ern im Filmbusiness und seit dieser Zeit spricht man in Italien von der Krise. In jener Zeit gab es in Italien eine regelrechte Industrie – die gibt es heute nicht mehr. Damals wurden neben Meisterwerken auch viele - sagen wir mittelmäßige Filme produziert, die wir heute wieder mehr schätzen. Ich denke beispielsweise an die Filme von Dino Risi oder Mario Monicelli. Heute gibt es diese Art des Kinos nicht mehr, und in diesem Sinne befindet sich der italienische Film in der Krise. Aber man muss auch sehen, dass in den letzten Jahren viele italienische Filme in die Kinos kamen, die das heimische Publikum anzogen. Dieser Wechsel hat meines Erachtens mit L’Ultimo Bacio von Gabriele Muccino begonnen, der 2001 erschienen ist.


Da Sie kurz das italienische Kino der 70er angesprochen haben – ich liebe ja besonders diese Filme von Dario Argento, Umberto Lenzi und wie sie nicht alle heißen. Sie haben diese Filme damals gesehen?


Grimaldi: Schau, ich kann dir nur eines sagen: Der einzige Regisseur bei dem ich freiwillig assistiert habe damals und der mir alles über Technik beigebracht hat, war Dario Argento. Daher bewundere ich seine Arbeit sehr. Auch diese Filme waren für die damalige Industrie sehr wichtig, da sie viele Menschen ansprachen und gleichzeitig auch wieder große Autorenfilme ermöglichten. Aber heute ist jeder Regisseur in Italien gezwungen, am Ende ein Meisterwerk zu drehen. Dieser Zwang bestand damals nicht – die Regisseure drehten einen oder mehrere Filme im Jahr, einer ging gut, der andere weniger gut und so weiter. Vielleicht werde ich jetzt für die Puristen ja blasphemisch, aber ich denke, dass diese Form des Kinos heute das Fernsehen geworden ist. Viele Regisseure aus dieser Zeit arbeiten heute beim Fernsehen, das paradoxerweise zu der Industrie geworden ist, die das italienische Kino der 70er Jahre war.


Darf ich fragen, welcher Film es war, an dem Sie mit Argento gearbeitet haben?


Grimaldi: Das war bei Tenebre. Und ich erzähle dir noch mehr, ich habe sogar einen Mini-Auftritt im Film: Wenn du dich an die Szene erinnerst, in der John Saxon im Film ermordet wird, auf diesem großen Platz, gibt es im Hintergrund zwei Typen, die miteinander lautstark streiten. Einer der beiden bin ich. (lacht)


Gibt es bereits neue Projekte, an denen Sie arbeiten?


Grimaldi: Es wird dich sicher freuen – für Fox Crime habe ich gerade Il mostro di Firenze gedreht – eine siebenteilige Fernsehserie über die Mordserie in den 80ern in Florenz. Ich bin einer der wenigen Regisseure, die im Kino sowie auch im Fernsehen arbeiten können.

Das Interview führte Florian Widegger!

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