Filmmuseum.jpgBella Italia mia!

Das Filmmuseum zeigt noch bis 10. Februar eine umfassende Schau zum italienischen Kino der 60er Jahre. Die erste Halbzeit wäre geschafft – ein paar Blicke zurück also und dann auf in die zweite Hälfte...

Ermanno Olmis unbekanntes Erstlingswerk „Il tempo si è fermato“ – Als die Zeit still stand – nicht nur ein ungemein lyrischer Titel, sondern auch programmatisch für den Film, der die Schau einleitete (und nochmals am 1. Februar zu sehen sein wird). Weihnachten in den Bergen – aber nur fast: Während der Feiertage ist es ruhig auf der Baustelle eines Staudamms hoch oben in den Dolomiten. Nur zwei sind zurückgeblieben, um nach dem Rechten zu sehen: Natale, ein älterer Kauz, und der junge Student Roberto, der nur durch einen dummen Zufall in diese Bergstation geraten ist. Irgendwie scheinen sich die beiden zu mögen, und das obwohl sie verschiedene Persönlichkeiten sind. Ein schwerer Sturm schweißt die beiden schließlich zusammen.
Olmi reduziert hier alles und lässt nur die Körper und Gesichter seiner beiden Protagonisten im Rausch der wunderschönen wie gefährlichen Naturgewalten sprechen und schafft dadurch eine unfassbare Sogwirkung, die mir so noch in keinem anderen Film begegnet ist. Der Reichtum dieses Films ist unermesslich groß, so groß, dass man ihn sich am liebsten gleich noch einmal ansehen möchte.

Selbiges kann auch für den zweiten Olmi Film der Schau gelten – „Il posto“ – Der Job. Hier wird die einsame Bergromantik gegen die Hektik der Großstadt Mailand getauscht. Der junge Domenico hat Aussichten auf einen – wenigstens – sicheren Job in einem großen Büro, „dessen Baumeister sicher Kafka und Escher hießen“ (Olaf Möller) – beim Vorstellungsgespräch verliebt er sich in die hübsche Antonietta, die ebenfalls in der Firma zu arbeiten beginnt. Was folgt, sind die wunderbar zarten Liebesanbandlungen, harte Revierkämpfe um Sitzplätze im Büro, eine rauschende Silvesterfeier und schließlich doch die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit des Daseins. Auch dieser Film ist nochmals zu sehen, am 28.1.

„La dolce vita“ von Fellini ist Sinnbild der Amüsiergesellschaft der 60er Jahre, die von einer rauschenden Party zur nächsten feiert (und dabei nicht das Bad im römischen Trevibrunnen vergisst). Dass dieser Film zum Kanon gehört, muss nicht weiter betont werden, anders sieht es aber beim „bürgerlichen“ Gegenentwurf von Dino Risi aus. „Il Sorpasso“ – Die Überholspur – heißt der Film, Vittorio Gassman spielt einen älteren Herren, jung geblieben im Herzen und ohne Rücksicht auf Verluste mit seinem Sportwagen durchs Leben brausend. Er trifft eines heißen Augusttages den Studenten Jean-Louis Trintignant, der für seine bevorstehende Prüfung strebern will, und eher der zurückhaltende, schüchterne Typ ist. Was für eine Explosion, wenn diese beiden Elemente aufeinandertreffen! „Il Sorpasso“ – der Film, der die italienische Mittelschicht so zeigte, wie sie wirklich war: Auch hier gibt es jede Menge berauschender Feste, die in bäuerlicher Landatmosphäre stattfinden. Auch hier geht man baden, aber nicht in antiken Wahrzeichen, sondern wie es sich gehört am Strand und lauscht dem Soundtrack des Lebens – pulsierenden Cha-Cha-Chas und dem „St. Tropez Twist“. So herrlich, dass man dem Film sein Ende fast schon böse nehmen muss. Trotzdem einer meiner Lieblingsfilme – noch mal zu sehen und highly recommended am 25.1.

Gemäß dem Titel der Schau „Pier Paolo Pasolini und das italienische Kino der 60er Jahre“ gebieten es Anstand und Chronistenpflicht, etwas zu PPP zu vermelden. Die Filmauswahl umfasst nicht alle seine Filme der 60er Jahre („Edipo Re“ und „Il porcile“ (um mal zwei zu nennen) fehlen – leider). Zu sehen gibt es trotzdem genug von ihm: Seien es seine beiden bitteren Frühwerke „Accatone“ und „Mamma Roma“, die wohl BESTE Verfilmung des Lebens und Wirkens (nicht Leidens) Jesu Christi – „Il vangelo secondo Matteo“, ein Film, bei dem man vor lauter karger Pracht am liebsten in Tränen ausbrechen möchte, oder die Totò Komödie „Uccellacci e uccellini“ – Große Vögel, kleine Vögel – die mit zwei unbekannten Kurzfilmen Pasolinis mit Italiens Starkomiker numero uno, Totò, gezeigt wird. Und dann gilt es noch die „Geometrie der Liebe“ zu erforschen in „Teorema“ und Maria Callas als „Medea“ zu bestaunen. Ganz groß!

Schön ist auch, dass zumindest gewisse Anklänge des Genrefilms Einzug ins Programm gefunden haben, seien es Damiano Damianis anklagender „Il giorno della civetta“ – Der Tag der Eule -, mit Claudia Cardinale und Franco Nero oder Elio Petris wütender „Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto“ – Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger. Filme, die heute ganz sicher zu Unrecht unter „ferner liefen“ abgestempelt werden, Filme, die man dank der Schau (wieder) entdecken, und vor allem Filme, deren Kraft man sich auch heute nur noch schwerlich entziehen kann.

Es gäbe noch viel zu viel zu sagen zum italienischen Kino dieser Zeit, zu den Filmen und zu ihren Machern, am besten aber, man begibt sich selbst ins Filmmuseum und lässt sich vom „Boom“, dem „Pop“ und dem „Chic“ der 60er aufsaugen. Nur zu „La fantarca“ von Vittorio Cottafavi noch etwas – der Überraschungsfilm, den man versäumt hat, sofern man nicht Antonionis „Deserto Rosso“ am 17.1. gesehen hat – und ein Film, den man wohl nie wieder sehen wird: Eine schrille Science-Fiction Oper der 60er Jahre, im „Raumpatroullie Orion“ Stil, mit schrägen 12 Tonklängen (wobei ich bin dafür ja sehr empfänglich) und singenden Tieren im Weltall. Auch wenn nach dem „hochgeistigen“ Antonioni die Aufnahmefähigkeit für so viel „Trash“ wohl beschränkt war, sodass nur ganz wenige bis zum Schluss durchhielten – danke für dieses Erlebnis!

Weitere Informationen: www.filmmuseum.at


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