Dieser Text wurden uns vom Filmladen zur Verfügung gestellt (und  stammt aus der Pressekonferenz in Cannes):

Mit Ihrem Film ist Ihnen einmal mehr ein außergewöhnliches Frauenportrait gelungen. Gleichzeitig zeigen Sie ein ziemlich hartes Bild unseres Europas.
JEAN-PIERRE DARDENNE Finden Sie? Ja, die Geschichte spielt auf unserem Kontinent, in dem Teil Europas, den wir den Westen nennen. Dabei haben uns aber vor allem die Menschen interessiert, die wie Lorna von woanders her kommen. Wie gelingt es ihnen, mit Mitteln, die vielleicht fragwürdig sind, sich ihren Teil des Glücks oder dessen, was sie für Glück halten, zu sichern? Wir wollten, dass diese Lorna als Mensch erkennbar ist, mit ihren Eigenheiten, Widersprüchen, ihren dunklen Seiten und ihrem Schweigen. Für uns ist das ein schönes Schweigen, weil dieses Schweigen etwas hervorbringen wird.

Seit „Rosetta“ haben Sie uns an eine Kameraführung gewöhnt, die dicht an den Figuren bleibt. In diesem Film gehen Sie etwas mehr auf Distanz. Warum haben Sie sich für diesen Stil entschieden?
LUC DARDENNE Das stimmt, wir haben in diesem Film eine sehr viel ruhigere Kameraführung. Ich glaube, wir wollten Lorna einfach betrachten. Als Jean-Pierre und ich das Drehbuch schrieben, sagten wir uns, dass man sich diese Frau und die drei, nein, sogar vier Männer, von denen sie umgeben ist, anschauen muss. Auch während der Proben wurde das klar. Um sie genau anschauen zu können, darf man sich nicht gleichzeitig mit ihr bewegen. Es ging nicht darum, Teil von Lornas Energie zu sein. Wir wollten in diesem Film mit der Kamera eher etwas aufzeichnen und nichts beschreiben.

Wie haben die Schauspieler die Zusammenarbeit mit den beiden Regisseuren erlebt?
ARTA DOBROSHI Wir haben anderthalb Monate geprobt, was eine außergewöhnlich lange Probenzeit ist – für uns Schauspieler ist das das Paradies. Jeden Tag entdeckten wir neue Facetten der Figur. Mir hat sehr gefallen, dass wir immer im Heute gearbeitet haben, nicht in der Vergangenheit. Die Frage war immer: Was passiert in diesem Augenblick? Für mich war es wichtig, bei Null anzufangen und völlig offen zu sein, und so konnten wir die Figuren dann entwickeln.

ALBAN UKAJ Das Faszinierendste für mich war, dass die Brüder Dardenne nicht versuchen, den Schauspieler etwas vorzugeben. Die Schauspieler sind eingeladen, Vorschläge zu machen, und die Brüder Dardenne schöpfen dann sozusagen aus uns. Es kam ein Punkt, wo ich die Kamera fast vergessen und mich ganz frei gefühlt habe, wie im Theater.

Die Bars und Cafés der Arbeiterbezirke, wo sie oft filmen, haben immer so einen leichten Retrotouch. Ich war lange nicht mehr in Belgien: Ist es da noch so?
LUC DARDENNE Was den etwas altmodischen Look der belgischen Cafés angeht: Da haben wir nichts verändert. Das ist unser Land Belgien, so sind unsere Bistros und Cafés, die Ihnen vielleicht etwas veraltet vorkommen mögen … Diesmal haben wir allerdings nicht wie bei unseren früheren Filmen in Seraing gedreht, der kleinen Industriestadt neben Lüttich, sondern in Lüttich selbst, wo mehr Leute auf den Straßen unterwegs sind. Lorna lebt mit ihrem Geheimnis unter Menschen, die davon keine Ahnung haben. Das verstärkt den Konflikt, das Schweigen von Lorna wirkt um so beunruhigender und befremdender. Vielleicht ist sie so auch einsamer. Denn sie könnte ja mit diesen Menschen reden, aber sie tut es nicht.

Eine Frage an Jérémie Renier: Es ist nicht das erste Mal, dass Sie einen Drogenabhängigen spielen, ich erinnere an „Mére de Toxico“ von Lucas Belvaux. Wie bereiten Sie diese Rollen vor?
JÉRÉMIE RENIER Bei Lucas Belvaux war es eine andere Herangehensweise. Es gibt ja verschiedene Formen von Abhängigkeit, man kann sich auf unterschiedliche Weise an Drogen festklammern. Ich habe mich mit Psychologen unterhalten, ich habe eigene Ideen entwickelt, und dann gab es die Proben. So ist das entstanden, was ich in diesem Film für richtig hielt.

Eine Frage an die Regisseure: Wie arbeiten Sie miteinander, wenn Sie zusammen einen Film drehen?
LUC DARDENNE Ich werde versuchen, die Antwort kurz zu halten … Wir reden viel miteinander, wenn wir das Drehbuch schreiben. Das Casting machen wir immer selber, alle beide. Am Set arbeiten wir dann immer zuerst mit den Schauspielern, nur wir und die Schauspieler, niemand sonst. Wir proben sehr lange, bis wir das Gefühl haben, dass die Einstellung jetzt fast steht. Erst danach holen wir dann Kamera, Ton, manchmal auch die Ausstattung dazu. Ab diesem Moment zieht sich immer einer von uns beiden zurück, an den Videomonitor, der mit der Kamera verbunden ist. Er hält dann still, denn es bringt ja nichts, dass wir immer zu zweit mit allen reden. Nach dem Take sprechen mein Bruder und ich am Monitor miteinander. Da ist nur selten jemand dabei, es muss niemand wissen, über was wir reden. Wir fragen uns: „Wie fandest Du es? Was denkst Du?“ Und derjenige, der für die Einstellung verantwortlich war, redet dann mit den Schauspielern und den Technikern. Diese Aufgabenverteilung tauschen wir regelmäßig. Bei der Montage sind wir beide dabei, ebenso bei der Mischung. Ich glaube, es ist nicht komplizierter, als wenn man alleine wäre. Für uns ist es sogar leichter. Sonst hätten wir längst aufgehört, zu zweit zu arbeiten.

JEAN-PIERRE DARDENNE Sie dürfen ihm nicht glauben. Er ist ein Lügner.

Glauben Sie, dass nach dem Beitritt verschiedener Staaten zur EU jetzt eine gute Regelung in Bezug auf Emigration und Menschenhandel möglich ist?
LUC DARDENNE Ich möchte jetzt keine lange Diskussion beginnen über Länder, die ich nicht gut kenne. In unserem Land wird die Regierung bald eine Regelung verabschieden, die transparenter ist und für alle, die ohne offizielle Papiere im Land leben, Einzelfallprüfungen vorsieht. Wir wünschen uns eine Regelung, die darüber hinaus geht, z.B. was die Familienzusammenführung oder den Schulbesuch angeht. Die Einsperrung von Migranten in Abschiebehaft, während die Kinder zur Schule gehen, ist unmenschlich und einer Demokratie unwürdig. Aber ich denke, dass man inzwischen in unserem und auch in den anderen Ländern dank einiger sensibler Politiker genau weiß, dass es eben Migrationsströme gibt. Man muss daran arbeiten, menschenwürdige Lösungen dafür zu finden. Gleichzeitig darf man auch nicht naiv sein. Denn natürlich gibt es Anbieter für Schwarzarbeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen ohne Papiere ausnutzen. Es muss Maßnahmen gegen diese Ausbeuter geben, und gleichzeitig eine freundschaftlichere, menschlichere Aufnahme der Migranten. Das ist natürlich sehr allgemein, was ich jetzt sage. Aber wenn wir in die Einzelheiten gehen, werden wir wohl in ein paar Stunden noch hier sitzen.

Wir treffen in Ihrem Film vier Schauspieler wieder, mit denen Sie schon gearbeitet haben. Hatten Sie das Bedürfnis, „in der Familie“ zu bleiben?
JEAN-PIERRE DARDENNE Wir haben ja eine junge Frau mitgebracht. Das hat uns wohl etwas Angst gemacht, und wir haben uns gesagt: Jetzt müssen wir die Boys rufen. Und sie haben alle zugesagt, Jérémie, Fabrizio, Morgan, Olivier; Alban kam mit Arta und wurde dann auch einer der Boys … Wir wollten Arta mit Schauspielern umgeben, mit denen wir schon zusammen gearbeitet hatten. Das stand noch nicht fest, als wir mit dem Drehbuch angefangen haben, das hat sich so ergeben.

Es gelingt Ihnen in Ihren Filmen immer wieder, eine ziemlich harte Realität in ihren komplexen Dimensionen abzubilden. Woher kommt diese Fähigkeit?
LUC DARDENNE Es gibt einen französischen Dichter, Henri Michaux, der gesagt hat: “Der Künstler ist nicht der Herr in seinem eigenen Haus“. Ich denke das auch. Dass man als Künstler in einem Haus lebt, dessen Zimmer man nicht alle kennt. Er macht, was er macht. Und ich kann Ihnen nicht sagen, wir machen das so, weil dieses oder jenes ... Ich will nicht sagen, dass es unser Schicksal ist oder dass wir das nicht beeinflussen können. Aber ich möchte das auch nicht analysieren und selbst erklären.

Warum zeigen Sie in Ihren Filmen immer wieder, wie Geld zirkuliert, sehr physisch und stofflich, dass man meint, es anfassen zu können?
JEAN PIERRE DARDENNE Geld reguliert einen großen Teil der zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Verhältnis zum Geld muss auch nicht immer etwas Negatives sein. Geld kann auch Dinge verändern. Es gibt einige, die würden gerne wieder zum Tauschhandel zurückkehren, Geld wird jedoch auch immer abstrakter. Bei uns im Film wird es für Claudy, Lorna, Fabio und Sokol zu etwas, mit dem man sein Leben verändern kann. Für alle vier ist es so, wie übrigens für ziemlich jeden von uns heute und seit langer Zeit, dass man sein Leben nur mit Hilfe des Geldes verändern kann. Das ist, wie gesagt, nicht immer etwas Negatives. Zum Beispiel kann man ohne Geld keine Filme machen.

LUC DARDENNE Vielleicht kann ja Denis etwas zur Produktion sagen?

JEAN-PIERRE DARDENNE Ich möchte nur den Gedanken noch beenden. Es stimmt, dass in etlichen Filmen Geld nicht gezeigt wird, als sei es etwas Schändliches. Wir zeigen es gerne. Geld ist nun einmal da und präsent.

LUC DARDENNE Sehr oft wird Geld als schmutzig, als Symbol des Kapitalismus gesehen. Aber das ist nicht so. Geld bedeutet einen Tausch, und es ermöglicht moralische Verhaltensweisen. Jemandem das Geld wiederzugeben, das man ihm schuldet, ist moralisch. Wenn Sokol im Film Lorna das Geld wegnimmt, dann ist das schrecklich. Geld regelt auch die Verhältnisse von Menschen untereinander. Sokol lässt Lorna allein, obwohl er sie geliebt hat, obwohl sie gemeinsam gespart haben, um die Snack-Bar zu eröffnen. Wenn Lorna am Ende Claudys Geld für das Kind auf der Bank einzahlt, dann ist das gut eingesetztes Geld. Geld kann eben auch zu richtigen, uneigennützigen Verhaltensweisen führen.

Und Geld ermöglicht auch Filme. Was sagt der Produzent dazu ?
DENIS FREYD Das ist einfacher. Da gibt es keinen solchen Geldkreislauf. Es gibt nur das Ziel, die Vision der Filmemacher zu ermöglichen. Wir haben wieder mit unseren gewohnten Partnern zusammen gearbeitet, und mit den Brüdern bereden wir dann, wie wir das Geld am besten im Sinne des Films einsetzen können. Es gibt keinen moralischen oder symbolischen Wert des Geldes, wenn man es für die Produktion eines Filmes ausgibt.

Worauf achten Sie beim Casting Ihrer Darsteller? Und eine zweite Frage: Was ist der Grund für die relativ lange Probenzeit mit den Schauspielern?
JEAN PIERRE DARDENNE Das wichtigste Merkmal, nach dem wir suchen, ist, dass sie gut sind … Und eine gute Schauspielerin oder ein guter Schauspieler ist für uns jemand, der offen ist. Damit Dinge einfach geschehen können und sich im Film festhalten lassen. Warum die lange Probenzeit? Wir möchten, dass die Schauspieler am ersten Drehtag so vorbereitet und so offen wie möglich sind. Das ist unser Ansatz, unsere Arbeitsmethode. Wir meinen, dass man freier ist im Umgang mit einem Stoff, wenn man schon damit gearbeitet hat. Für mich persönlich ist das der schönste Teil der Arbeit, und manchmal habe ich es fast bedauert, dass wir drehen mussten. Diese anderthalb Monate Proben mit den Schauspielern waren für mich ein großer Glücksmoment.

Wie verändert sich während der Proben die Figur im Vergleich zu dem, was im Drehbuch stand?
FABRIZIO RONGIONE Schauspieler zu sein bedeutet, zuerst mit seinem Körper zu spielen, bevor man mit seiner Stimme und seiner Intelligenz spielt. Als Schauspieler versucht man immer, nicht zu intelligent zu sein. Wir müssen machen, etwas produzieren… Wir sind gleichzeitig Bildhauer und Material, wir bieten etwas an, wir probieren aus und wir suchen die Anerkennung der Filmemacher. Wir reden während der Proben gar nicht so viel mit den Brüdern. Das ist instinktiv, ein Gefühl… Es ist wie ein Fußballtrainig. Man rennt, man nimmt ab, und am Ende versucht man, Meister zu werden.

Das Autorenkino kämpft zunehmend darum, wahrgenommen zu werden und im Kino zu laufen. Beschäftigt Sie dieses Problem, oder beeinflusst Sie das sogar, wenn Sie am Drehbuch arbeiten?
LUC DARDENNE Nein, nein und nochmals nein. Wenn wir an einem Film arbeiten, denken wir nicht daran, ob wir damit zur Neueröffnung oder zur Schließung von Kinosälen beitragen. Aber wir sind nicht pessimistisch. Wir glauben an die Zukunft des Autorenkinos. Man muss allerdings dafür sorgen, dass es nicht in die Schublade des „schwierigen, anstrengenden Kinos“ gerät, dass es sich nicht in ein Ghetto begibt. Wenn das Publikum und die Kritiker finden, dass ein Film gut ist, dann werden sie erzählen: Diesen Film muss man sehen. Es ist etwas simpel, was ich jetzt sage, aber ich finde, es gibt gute und schlechte Filme, ob es sich dabei um „Autorenfilme“ handelt oder nicht, ist völlig egal.

Wann haben Sie beschlossen, dass es bei Lorna diesen Twist gibt? Sie glaubt, schwanger zu sein, man sagt ihr, sie sei es nicht. Warum dieses Ende?
JEAN PIERRE DARDENNE Wir haben uns bei diesem Film gesagt, dass unsere Hauptfigur einen anderen Weg gehen muss, dass sich das formal unterscheiden muss. Auch in unseren vorangegangenen Filmen werden die Figuren am Ende immer menschlicher, das war in „Rosetta“ so, und so ist es auch jetzt. Aber Lornas Weg ist ein anderer.

LUC DARDENNE Es gab eine Episode, über die wir sehr lachen mussten. Der Förderkommission in Frankreich lag noch eine Drehbuchfassung vor, in der die Gynäkologin nach dem Ultraschall sagt: „Gute Frau, Sie sind nicht schwanger“. Dann kommt die Szene, die Sie gesehen haben, wo sie sagt: „Sie sind etwas durcheinander, aber Sie sind nicht schwanger.“ Die Kommission glaubte jedenfalls, dass Lorna schwanger sei... Viele der Zuschauer denken das auch. Weil sie wollen, dass Lorna schwanger ist. Lorna versucht sich ja an einer Art Wiedergutmachung, und der Zuschauer mit ihr. Und obwohl die Wissenschaft das Gegenteil festgestellt hat, vertrauen die Zuschauer Lorna, weil sie sich so sicher ist, schwanger zu sein. Und weil Arta die Lorna so überzeugend verkörpert, ist es eben schon öfters passiert, dass Leute zu uns kamen und gesagt haben: Aber das Kind von Lorna, das existiert doch! Und wir antworten: Ja. Nein. Ganz, wie Sie wollen.


Quelle: Filmladen

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