Dieser Text wurden uns vom Filmladen zur Verfügung gestellt:
EIN GESPRÄCH MIT JENNIFER DECKER

LULU & JIMI erzählt eine romantische und wilde Liebesgeschichte. Wie war Ihre erste Reaktion auf das Buch?
Bevor ich das komplette Buch gelesen habe, bekam ich zunächst nur ein paar Szenen für das Casting. Zwei Tage vor dem Casting traf ich Oskar Roehler das erste Mal und er gab mir drei Szenen von LULU & JIMI, die ich gemeinsam mit einem Coach probte. Ich fühlte –  obwohl Lulu in einigen Punkten anders funktioniert als ich – großes Verständnis für sie und mochte sie total. Als Oskar dann sagte, dass ich die Rolle bekomme, las ich das ganze Buch, erst in englisch und dann in deutsch, da ich auch einige Teile auf deutsch lernen musste.
Lulu ist eine „Julia“, die egal was kommt, kompromisslos ihren Weg geht. Sie handelt instinktiv und ist dabei sehr impulsiv, sie schaltet nicht immer erst ihren Kopf ein, bevor sie loslegt. So kommt sie natürlich oft in extreme und auch gefährliche Situationen, wenn sie spontan ist und sich von Nichts und Niemandem aufhalten lässt. Mir gefällt diese Idee einer Liebesgeschichte, die von einem Albtraum umgeben ist. Es ist ein Märchen in einem Albtraum oder ein Albtraum in einem Märchen – jedenfalls eine radikale Geschichte, die ich sehr mag.
 
Wie würden Sie Lulus Charakter beschreiben? Und steckt in Lulu auch ein Teil von Ihnen?
Ich finde, Lulu ist ein sehr zwiespältiger Charakter. Sie lebt in einer kleinen Stadt, die sie niemals verlassen hat, bei ihren Eltern. Ihre Mutter will sie mit einem reichen Erben verheiraten, aber sie trifft auf Jimi, einen Schwarzen, der auf der Kirmes arbeitet. Sie fühlt sich von ihm angezogen und zuerst weiß man nicht genau, ob sie das nur aus Rebellion macht oder ob es wahre Liebe ist – oder vielleicht auch beides. So oder so, am Ende ist klar, dass sie Jimi wahrhaftig liebt. Die beiden passen nicht in diese Zeit: Sie sind modern und weltoffen!
Ich bin beinahe neidisch auf ihre völlige Freiheit. Ich glaube nicht, dass ich in der Lage wäre, für die Erfüllung meiner Träume, so weit  zu gehen wie Lulu. Wenn jemand wie Lulu stirbt, kann er am Ende wirklich sagen: „Ich habe gelebt!“ Ich fühle mich ihr sehr verbunden, weil sie auf mich wie Julia aus Shakespeares Stück „Romeo und Julia“ wirkt. Die Julia war meine erste Rolle am Theater in der Inszenierung von Irina Brook, als ich 18 war. Ich arbeitete an denselben Themen und Fragen für Julia wie für Lulu.
 
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Am Anfang hatte sich Oskar eigentlich eher so einen Typ wie Gwen Stefani vorgestellt: gut gebaut, sehr blondes Haar, mehr eine Frau als ein junges Mädchen. Deshalb haben wir verschiedene Perücken probiert, aber irgendwie klappte das alles nicht. Am Ende hat Oskar entschieden, dass wir mich nehmen wie ich bin, wir haben sogar meine braunen Haare noch dunkler gefärbt als sie sind. Die passende Veränderung brachten dann Kostüm und Maske. Ich hatte während meiner Vorbereitungen auf die Rolle einiges zu lernen: Rock’n’Roll tanzen, eine gute Turnerin werden und ich musste für einige Szenen Deutsch sprechen können. Zwei Monate vor Drehbeginn flog ich von Frankreich nach Deutschland zu einem intensiven Training. Manchmal hatte ich an einem Tag zwei Stunden Gymnastik, dann drei Stunden Rock’n’Roll-Tanz und dann noch zwei Stunden Sprachunterricht.
 
War es für Sie schwierig, mit einem ausländischen Team zu arbeiten, dessen Sprache sie nicht sprechen?
Mit einem fremdsprachigen Team zu arbeiten, hat Vor- und Nachteile. Dadurch, dass ich kein Deutsch sprechen konnte und die einzige Französin in dem Team war, ist es nachvollziehbar, dass ich von der alltäglichen Verständigung etwas ausgeschlossen war. Das hat andererseits aber dazu geführt, dass ich mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentriert habe. Natürlich fiel mir der Kontakt zu den anderen schwieriger als bei einem französischen Team, aber am Ende war es genau diese Schwierigkeit, die die entstandenen Beziehungen so besonders machte. Niemand sprach Französisch, auch Oskar nicht, so dass wir am Set alle Englisch sprachen, obwohl mit Ray Fearon nur ein wirklicher Engländer dabei war. Das machte die Sache sicher nicht leicht, aber es lief irgendwie gut.
Meine größte Herausforderung war, als Gabriela Sperl mir sagte, dass ich nur 15 Tage Zeit hätte, um Deutsch für die Szenen mit den deutschen Schauspielern zu lernen. In meiner Schulzeit habe ich Englisch und Spanisch gelernt, aber kein Wort Deutsch. Also bekam ich einen Coach. Erst lernte ich Wort für Wort jeden Satz meiner entsprechenden Szenen, dann lernte ich Satz für Satz und erst am Ende lernte ich die Bedeutung dessen, was ich da sagte. 
 
Wie war die Zusammenarbeit mit Oskar Roehler? Kannten Sie seine Filme schon vorher?
Ich kannte die Filme, die Oskar vorher gemacht hatte. Mir scheint aber, dass LULU & JIMI sich sehr von seinen anderen Arbeiten unterscheidet. Die späten 50er Jahre legen eine etwas kitschige (aber ich meine das im positiven Sinne) und sehr farbenfrohe Atmosphäre nahe. Ich denke, die Geschichte ist optimistischer als alles, was ich vorher von ihm gesehen habe. Mit Oskar zu arbeiten – und das wird jeder sagen, der mal mit ihm gedreht hat – ist eine sehr intensive Zeit. Manchmal haben wir bis zu 17 Stunden am Tag gearbeitet. Er ist jemand, der von einem verlangt, weiter zu gehen und sich nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Du kannst sehr genau spüren, wann er glücklich ist mit der Szene. Dann steht er auf von seinem Stuhl – mit einem großen Lächeln – und sagt: „Wir haben es!“ Oskar ist aber auch jemand, der seine Ansichten über eine Szene noch ein paar Minuten vor Dreh ändern kann. Dann muss man sich sehr schnell darauf einstellen können, weil man genau weiß, dass es gut ist für das Projekt. Sein Kopf ist immer am Arbeiten – und er lässt einen auch immer an seinen Gedanken teilhaben, so dass man mit ihm zusammen den besten Weg für die Szene entwickeln kann. Das kann manch einen sicher etwas durcheinander bringen, aber am Ende entscheidet Oskar – und es funktioniert!
 
Lulu und Jimi sind ein sehr gut aussehendes Paar. Wie war die Zusammenarbeit mit dem britischen Schauspieler Ray Fearon?
Erstmal vielen Dank für das “sehr gut aussehende Paar”… 
LULU & JIMI ist eine Liebesgeschichte. Und wie in jeder Liebesgeschichte muss die Chemie zwischen den Rollen-Charakteren genauso wie zwischen den Schauspielern stimmen, damit das für die Zuschauer funktioniert. Dank des Rock’n’Roll-Trainings haben wir es sehr schnell geschafft, so eine Chemie zwischen uns herzustellen. Ray Fearon ist ein sehr umgänglicher sympathischer Mann. Er braucht vor allem Fisch, Tofu und Yoga, um glücklich zu sein… Nein, jetzt mal im Ernst: Er war wirklich sehr aufmerksam meinen Bedürfnissen als Schauspielerin gegenüber.

Glauben Sie an die Macht der Liebe?
Ich denke da genau wie Lulu, dass Liebe gesellschaftliche Konventionen sprengen kann. 
 
Lulu hat eine sehr schwierige Beziehung zu ihrer Mutter. Würden Sie sagen, dass eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter immer schwierig sein muss?
Das hängt davon ab, ob und wie viel man miteinander redet. 


EIN GESPRÄCH MIT RAY FEARON

LULU & JIMI erzählt eine romantische Liebesgeschichte zur Zeit des Rock’n’Roll in Deutschland. Wie war Ihre erste Reaktion auf das Buch?
Was mich an der Geschichte gleich packte, waren die sehr speziellen Charaktere in dieser Zeit, natürlich auch die tollen Autos und die schicken Mädels. Besonders angesprochen fühlte ich mich von den Sing- und Tanzszenen. Da hatte ich die Möglichkeit einen Allround-Charakter in einem Spielfilm zu spielen – genial!
 
Was gefiel Ihnen an Ihrer Rolle am meisten und wie würden Sie Jimi beschreiben? Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Ihnen beiden?
Mich beeindruckte vor allem, dass Jimi ein Typ ist, der völlig auf sich selbst gestellt ist. Er hatte eine schwere Kindheit und es gelingt ihm trotzdem, seinen Stolz und seine Selbstachtung zu bewahren. Er ist einer, der sich durchbeißt und niemals aufgibt. Er ist ein starker und stolzer Mann, der gleichzeitig sehr feinfühlig und offen ist – was allerdings erst Lulu richtig aus ihm herausholt. Die beiden erinnerten mich an Romeo und Julia, in dem Sinne, dass beide so leidenschaftlich lieben. Jimi hätte an mehreren Punkten der Geschichte sterben können, hätte dabei aber auf ein sehr erfülltes Leben zurück geschaut. Ich wünschte, ich würde diese Eigenschaften mit Jimi wirklich teilen! Aber da ich schon früher Rollen wie Romeo oder Pericles gespielt habe, konnte ich mich zumindest sehr gut auf diesen romantischen Shakespeare-Helden einlassen.
 
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Oskar Roehler? Kannten Sie seine Filme vorher?
Es war eine hervorragende Zusammenarbeit mit Oskar – ich vertraute ihm als Regisseur wirklich sehr. Aber ich kannte seine vorherigen Filme nicht wirklich, obwohl sein Ruf als großartiger Regisseur auch bis zu mir schon vorgedrungen war.
 
Wie war es für Sie, in Deutschland zu drehen, unter Leuten, dessen Sprache Sie nicht sprechen?
Sicher war es nicht so einfach, sich an die sprachliche Situation anzupassen. Aber das hat man ja als Schauspieler immer mal wieder. Ich tat, was ich konnte – und hoffe, dass es funktioniert hat. Deutschland ist ein sehr schönes Land. Wir haben ja auch in Ost-Deutschland gedreht, und da hat es mir wirklich sehr gut gefallen, vor allem die Landschaft mit ihren Wäldern.
 
Finden Sie, dass LULU & JIMI eine speziell deutsche Geschichte ist?
Für mich war es nicht so, dass es in dem Film um eine bestimmte Nationalität ging. Das habe ich gar nicht so wahrgenommen. Die Rolle, die ich spielte, hätte von überall herkommen können, ich glaube, er wäre in jedem Land ein Außenseiter gewesen, besonders zu dieser Zeit.
 
Lulu und Jimi sind ein sehr schönes Paar. Wie war es für Sie, mit der französischen Schauspielerin Jennifer Decker zusammen zu arbeiten?
Vielen Dank für das Kompliment! Die Arbeit mit Jennifer war eine wunderbare Erfahrung – sie ist eine sehr nachdenkliche und natürlich sehr schöne Schauspielerin. Wir verstanden uns wirklich sehr gut, was die gemeinsame Arbeit natürlich viel leichter machte.
 
Haben Sie für die Rolle besondere Recherchen vorgenommen, um etwas über die späten 50er zu erfahren?
Mein Wissen über die späten Fünfziger Jahre dreht sich vor allem um die Filmstars dieser Zeit wie James Dean, Marlon Brando oder Sydney Poitier. Das sind alles Charaktere, auf die ich mich bei der Vorbereitung auf meine Rolle bezogen habe. Am Ende hat das Drehbuch selbst bei mir schon die Atmosphäre, das Gefühl und die politische Situation dieser Zeit herauf beschworen, so dass ich gar keine großen Recherchen mehr zu machen brauchte.
 
Glauben Sie an die große Liebe?
Absolut! Ich glaube, dass Liebe die Welt verändern kann – und ich wünschte, ich wäre dann dabei!


EIN GESPRÄCH MIT KATRIN SASS

Was hat Sie gereizt, die Rolle der Mutter Gertrud zu spielen? 
Da gibt es mehrere Faktoren. Einmal war es ein klasse Drehbuch, da braucht man gar nicht lange darüber reden, das war klar. Dann kam dazu, es war ein Kinofilm, und dann Oskar Roehler. Von dem Buch war ich sofort fasziniert, so was hat man wirklich nicht jeden Tag in der Hand.
 
Oskar Roehler erzählt hier ja eine große Liebesgeschichte… Glauben Sie an die große Liebe?
Ja. Immer zu einer bestimmten Zeit. Ich glaube nicht, dass das ein Leben lang so ist, ich glaube wirklich an den Moment, an dem das passieren kann, Liebe auf den so genannten „ersten Blick“. Was danach kommt, sieht dann anders aus. Dieser Moment kann eine Woche anhalten, tatsächlich aber auch zehn Jahre. Das ist verschieden. Diese Schmetterlinge, die natürlich nicht ewig flattern können, wenn die dann irgendwann Flugzeuge werden, wird’s doof. Dann sollte man gehen – und wieder die Schmetterlinge suchen.
 
Ihre Rolle hat etwas von einer bösen Fee oder der bösen Stiefmutter in einem Märchen. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?
Ich bereite mich auf keine Rollen vor. Ich weiß nicht, wie das andere machen, ich tue es jedenfalls nicht. Man kann sich auf nichts vorbereiten: Man kann nicht das Böse suchen, es steckt ja in uns. Ich glaube, dass das jeder in sich hat; ich habe gerade eine tolle Sendung darüber gesehen. Das Böse kommt raus durch besondere Umstände oder durch genetische Fehler im Gehirn oder, oder… Dass das Böse in uns steckt, das glaube ich ganz sicher. Wir haben nun mal diesen wunderbaren Beruf der Schauspielerei, das dann ausleben zu können. Wenn man das, was in der Figur drin steckt, auf einmal spielen kann, ist es großartig. Wenn man es leben würde, wäre es furchtbar, aber wir Schauspieler können es spielen – und das ist das Tolle!
 
Sie sind durch Kostümbild und Maske so verändert, dass man Sie zu Beginn erst gar nicht erkennt. Aber Ihre unverkennbare Stimme ist gleich identifizierbar. Klingt eine böse Stimme eigentlich anders?
Ich kann z.B. die üblichen Frauenstimmen nicht, solche Ausbrüche mit Kreischen und Schreien gehen bei mir gar nicht, weil das nicht meine Stimmlage ist. Ich mach es anders. Ich schrei auch anders, ich schrei innerlich. Natürlich habe ich gemerkt, sofort am ersten Drehtag: Man steht da in dem kompletten Kostüm und der Maske, und sofort ergibt sich was. Man läuft anders, man spricht anders und setzt mit der Stimme, die ich habe, noch einen drauf. Das wurde ja von Oskar auch unterstützt, dass er sagte: Komm, sprich das mal noch fieser und noch tiefer und leiser… Und zum Glück ist da ja bei mir auch so viel stimmlich möglich.

Sie tragen ja sehr besondere Kleider aus der Mode der 50er Jahre. Wie war die Zusammenarbeit mit der Kostümbildnerin? 
Die Kostümbildnerin war grandios! Wir hatten Kostümproben lange, lange vorher, viel wurde genäht, und ich ließ mich da auch gern beraten. Das war einfach stimmig, was sie gemacht hat. Ich brauche einen guten Regisseur, um gut zu sein, und so ist es mit den Kostümbildnern auch. 
 
Das aller Auffälligste ist erstmal Ihre Frisur im Film. Das hat Ihren Typ sehr verändert. Wie war das für Sie?
Klasse. Ich hab dafür ja meine Haare geschnitten. Wir merkten vor dem ersten Drehtag, als Masken- und Perückenprobe war, dass mein eigenes dunkles Haar aus der blonden Perücke rausguckte. Dann sollte das gefärbt werden, das ging aber irgendwie auch nicht. Und dann habe ich gesagt, passt auf, schneidet mir die Haare komplett ab und macht mir eine Perücke für privat. Dann haben sie mir einen Igel geschnitten, und ich fühle mich so wohl damit. Wer es tragen kann…
 
Noch ein Wort zu Oskar Roehler. Wie war Ihre erste Zusammenarbeit?
Sehr intensiv.


EIN GESPRÄCH MIT UDO KIER

1959 waren Sie ungefähr so alt wie Lulu im Film – dann kennen Sie das Szenario ja sicher gut?
Genau. Ich bin in dieser Zeit in Köln groß geworden – LULU & JIMI spielt ja auch in der Nähe von Köln – ich kenne mich also gut aus mit der Zeit des Wirtschaftswunders. Auch dieses Auto, das ich im Film als Chauffeur fahre, der Adenauer-Mercedes, der eigentlich nur der Regierung vorbehalten war – an den kann ich mich auch noch gut erinnern.
Wie Lulu mit ihrer Familie dort lebt, also diese „Villen-Situation“, kenne ich so nicht, ich komme aus ganz anderen Verhältnissen. Wir wohnten ganz bescheiden in einer 1,5 Zimmer-Wohnung in irgendeinem Mietshaus. Aber für mich war die Zeit vor allem auch die Zeit von Elvis Presley: Man trug die engsten Hosen und die spitzesten Schuhe und die Elvis-Presley-geölten-Haare. Das habe ich natürlich auch alles mitgemacht. Natürlich!
 
Was, glauben Sie, hat Oskar Roehler bewegt, diese Geschichte zu erzählen?
Ich glaube, er wollte auch einen Spiegel dieser Zeit liefern: Diese Dekadenz und die Suche nach Liebe und Geborgenheit, er wollte vor allem auch die Klassenunterschiede zeigen. Es war ja undenkbar, dass jemand von der Kirmes die „wohlhabende“ Tochter heiratet – das war wirklich nicht das, was sich die Mutter vorgestellt hatte. Und es ist natürlich eine sehr große Liebesgeschichte, die Oskar Roehler da erzählt. Gerade auch, weil sie in einem großen Klassenunterschied stattfindet, schmiegt das die beiden noch enger zusammen. Das Verbotene reizt eben umso mehr.
 
Glauben Sie an die große, bedingungslose Liebe?
Das fragen Sie mich jetzt mit 63… Aber wenn man nicht an die Liebe glaubt, dann braucht man auch gar nicht zu leben. Die Liebe ist ja sehr wichtig, und nimmt natürlich in den verschiedenen Altersgruppen auch verschiedene Formen an, das ist klar. Wenn man 16 oder 17 ist, dann verliebt man sich jedes Wochenende neu und sucht die große Liebe – das verändert sich aber dann mit den Jahren. Es gibt Leute, die schon 50 Jahre zusammen rumhängen, da macht die Liebe dann sicher auch viel Gewohnheit aus.
 
Wie sind Sie zu der Rolle in LULU & JIMI gekommen?
Es war ja so: Oskar und ich kannten uns von TERROR 2000 von Christoph Schlingensief, und wir hatten daraufhin schon mehrmals überlegt, ob wir zusammen arbeiten. Das kam dann eine ganze Weile nicht zustande – bis wir uns vor einiger Zeit in Los Angeles wieder getroffen haben. Dann bekam ich das Drehbuch von LULU & JIMI, das mich von Anfang an fasziniert hat. Ich wollte mal richtig mit Oskar Roehler zusammen arbeiten. Jetzt weiß ich, es ist hervorragend mit ihm zu arbeiten, man darf ihm nur nicht so viele Fragen stellen. Ich habe das beherzigt, und es ging ausgezeichnet.
 
Sie leben ja in Amerika – Kommen Sie gerne für Dreharbeiten immer wieder nach Deutschland? 
Ja, auf jeden Fall. Ich dreh ja auch gerade sechs Wochen hier für Til Schweigers neuen Film 1 1/2 RITTER. Ich lebe mittlerweile 16 Jahre in Amerika und habe natürlich zwischendurch immer wieder woanders gedreht, vor allem in Deutschland. Natürlich ist es am schönsten, im eigenen Land zu drehen, das ist doch klar. Ich habe hier meine Sprache und mehr Rechte als in Amerika, da bleibt man Ausländer. Hier kann ich sagen, was ich will.


 


EIN GESPRÄCH MIT REGISSEUR OSKAR ROEHLER

Die Geschichte des Films beginnt 1959, in Ihrem Geburtsjahr. Was hat Sie gereizt, die Geschichte in Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger anzusiedeln?
Diese Zeit war eine goldene Ära, in der Rohstoffe und Gefühle noch reichlich bzw. ungebrochen vorhanden waren, eine Zeit des Überflusses, die von unerhörter Unschuld und einer unbändigen Lebensgier beseelt war. Alles war irgendwie „groß“: die Musik, die Leidenschaften, die Liebe! Man denke nur an diese wahnsinnigen Autos aus reinem Chrom, die durch die Straßen fuhren oder an diese unglaublich blonden oder brünetten Mädchen mit ihren unfassbar tollen Frisuren und Kleidern.  Eine Ära der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, frei von Berechnung, in der Menschen, die sich zueinander bekannt hatten, noch ganz auf ihr Herz hörten und damit auch mitunter blind in Katastrophen hineingelaufen sind. Eine Zeit, die von echten tragischen Kräften beseelt war, oft belastet von fürchterlich festgefahrenen familiär-politischen Konstellationen. Und die daraus folgenden Kämpfe gegen die Gesellschaft waren vollkommen anarchistisch und noch frei vom politischen Bewusstsein und Handeln der späteren 68er – einfach nur aus dem Herzen, diesem wilden Lebensgefühl heraus. Genau das ist es, weshalb ich so einen Film wie LULU & JIMI machen wollte. Da war eine ganz große Sehnsucht, mich von diesem goldenen Zeitalter des Kinos einfach noch mal blenden zu lassen. 
 
Gab es einen Auslöser für diesen Film?
Ich wollte einen Film über eine bedingungslose, große Liebe machen. Sozusagen ein Märchen auf der Überholspur. Einen Film – schon beinahe „haptisch“ – in dem ich aus dem Vollen schöpfen, alle Register ziehen kann. Ich hatte einen „Genre“-Film im Auge und wollte alles reinbringen, was Leuten Spaß macht, was mir Spaß macht, angefangen von Schlägereien, diesen wahnsinnigen Tanz-, und Partyszenen bis hin zu den Szenen nachts im Bett, wo sich zwei Menschen von ihrer Sehnsucht erzählen. Ich wollte die Poesie bis auf die Spitze treiben.
Vielleicht ist LULU & JIMI auch wirklich eine Hommage an David Lynch, der für mich das vielleicht größte Vorbild unter den lebenden Regisseuren ist. Er versteht es, auf eine Art und Weise, die humorvoll aber auch sehr sexy ist, von zwei Menschen zu erzählen, die bedingungslos loslegen, auf die Barrikaden gehen, um ihre Liebe leben zu können ohne wenn und aber. 
 
Für wen haben Sie diesen Film gemacht? Hatten Sie ein spezielles Publikum im Auge?
Ich glaube, ich habe LULU & JIMI wirklich für alle die gemacht – das sag ich jetzt so wie ich es wirklich empfinde – die das Kino lieben. Ich mache ja eigentlich immer nur deshalb einen Film, um einer bestimmten Sehnsucht von mir Ausdruck zu verleihen. Und in diesem Fall war es einfach die Sehnsucht danach, in ein Genre zu gehen, das ganz viel für das Publikum hergibt. LULU & JIMI ist eine Lovestory und Gangsterstory. Eine mit Energie geladene Liebesgeschichte, in der alles grenzenlos ist – die erste wirklich große Liebe, die mit Schmerz und ganz großen Glücksgefühlen, aber auch mit Ängsten verbunden ist. Das ist Abenteuer, das ist Freiheit: Begriffe, die es heute eigentlich nur noch in der Werbung gibt, aber eigentlich im Kino zu Hause sein sollten. Ich hatte Sehnsucht nach dieser märchenhaften, verzauberten Welt, in der alles möglich ist, in der Menschen unschuldig sind, wo es gut und böse gibt, wo es Gefahren gibt und Verbrechen und wo der Tod an manchen Ecken lauert. Das ist für mich Kino. Ich liebe das Melodram, ich mag Liebesgeschichten. 
 
Ist die große Liebe immer mit Gefahr verbunden? 
Heutzutage nicht mehr. Aber wahre Liebe zeigt sich erst in dem Moment, in dem Gefahr droht. Ich habe den Film dramaturgisch so angelegt, dass er ganz und gar romantisch beginnt. Es liegt dieses Flirren einer starken erotischen Anziehung in der Luft. Es wird schnell klar, Lulu und Jimi sind füreinander geschaffen. Doch dann beginnen nach und nach die Räder der gesellschaftlichen Mühlen zu mahlen und bedrohen diese große Liebe. Das Geheimnis jeder leidenschaftlichen Liebe ist für mich immer diese Verschworenheit der Liebenden: Man lässt den anderen nie auflaufen, behandelt ihn nie schlecht. Man lässt einfach nichts auf sich kommen. Das wollte ich erzählen.
 
Gibt es einen biographischen Hintergrund zu Inhalt, Zeit oder Ort der Geschichte?
Das hat einen ganz klaren familiären Background. Ich bin bei meinen Großeltern mütterlicherseits aufgewachsen. Der Großvater war Siemensdirektor – genauso stand es oben auf seinem Briefkopf: Siemensdirektor. Die Großmutter war eine kleine, auf Madame gemachte Frau, die unglaublich viel Zeit damit zugebracht hat, ihre Frisur in Form zu bringen und das Haus einzurichten – natürlich in völliger Frustration, weil die Ehe schon seit 20, 30 Jahren nicht mehr funktionierte. Das ganze vermuffte „fränkische Barock“-Idyll inklusive nierenförmigem Swimmingpool. Ein anderes Beispiel für eine biographische Verankerung ist die Szene, in der Lulu ins Wasser geht, um sich ihr Baby wegzumachen. Während der Arbeit an DIE UNBERÜHRBARE, las ich ein Interview mit meiner Mutter von 1990 oder 91, das sie einem Journalisten für die Zeitschrift „Tempo“ gegeben hat. Darin legt sie in ihrer schon damals völlig abgehobenen Art dar, wie weit ihr Kinderhass ging. Sie erzählte, dass sie irgendwann im kalten November in einen See gegangen ist, um ihr Kind loszuwerden. Ich hab es nun auf eine andere Art und Weise in den Film rein gebracht. Überhöht, und in eine märchenhafte Form verwandelt.
 
Wie haben Sie Ihre beiden Hauptdarsteller gefunden?
Wir hatten endlos lang gecastet und immer noch nicht die „richtige“ Besetzung für Jimi gefunden, als ich eines Morgens die „Gala“ aufschlug und diesen bildschönen schwarzen Mann, mit leuchtenden Augen, einem strahlenden Lächeln, einer Wahnsinnsfigur sah. Er stand neben dem Supermodel Elle McPherson. Die beiden flirteten ganz offensichtlich miteinander. Es war der Schauspieler Ray Fearon.
Die Produzentin Gabriela Sperl und ich sind sofort für ein Casting nach London geflogen. Wir waren völlig begeistert und überzeugt, endlich den Richtigen gefunden zu haben. Er war einfach genial. Und Jennifer Decker hat mich beim Casting in Paris einfach aus den Socken gehauen. Sie hat so hinreißend gespielt, dass ich kurz raus musste, weil mir die Tränen kamen. Ich war völlig begeistert, so eine außergewöhnliche Schauspielerin gefunden zu haben.
 
Und die anderen Darsteller? LULU & JIMI ist hochkarätig besetzt. Nach welchen Kriterien suchen Sie aus?
Ich wollte starke und markante Charaktere. Ich liebe Charaktere. Ich bin zum Beispiel ein Fan von diesen Gast- und Nebenrollen in amerikanischen Filmen, wenn  plötzlich Charakterköpfe wie Mickey Rourke, Dennis Hopper oder Chris Cooper auftauchen. Irgendwo haben die etwas mit mir zu tun, habe ich das Gefühl. Eine Art Seelenverwandtschaft. Die geben jedem Film so einen Glanz und verleihen ihm etwas anderes, als wenn man Plastikfernsehgesichter nimmt. Ich hatte großes Glück, dass so ausgeprägte und markante Schauspielerpersönlichkeiten wie Katrin Sass, Rolf Zacher, Udo Kier oder Hans-Michael Rehberg Zeit und Lust hatten bei LULU & JIMI mitzuspielen. Katrin Sass z.B. ist eine Schauspielerin, die minutenlang den Raum füllen kann, an der die Kamera klebt. Sie hat eine unheimliche Ausdruckskraft, etwas von diesen Bette-Davis- oder Gloria-Swanson-Qualitäten. 
 
Ihr Kameramann Wedigo von Schultzendorff hat auffallend schönes Licht gesetzt und große Sorgfalt auf die Farbkomposition gelegt. Wie kam es zu ihrer Zusammenarbeit?
Wedigo ist ein wahnsinnig erfahrener, brillanter Kameramann, der es versteht ein wirklich phantastisches Licht zu setzen. Es ist kein deutsches Licht, das er macht, das ist ein Hollywood-Licht. Was ich an Wedigo so sehr schätze, ist, dass er auch sehr klar bündeln und auf den Punkt bringen kann. Wir hatten zum Beispiel eine ganz explizite Auflösung, die sehr ins Detail ging, und haben irgendwann festgestellt, dass die Bilder viel mehr Kraft besitzen, wenn man diese komplizierte Fernsehdramaturgie einfach komplett verlässt und auf's große Kino geht. 

Wie war die Zusammenarbeit mit der jungen Produktionsfirma Sperl + Schott?
Gabriela Sperl und ich kennen uns schon seit vielen Jahren, noch aus der Zeit als sie beim Bayerischen Rundfunk war. Sie ist eine herausragende Persönlichkeit. Eine von diesen seltenen Produzenten in Deutschland mit Weitsicht, die begeisterungsfähig und loyal sind, sich nicht mit kleinlichen Bedenken aufhalten, sondern mit kämpferischem Elan und offenem Visier Hindernisse aus dem Weg schaffen und sich als Partner des Regisseurs verstehen. Ich hatte in ihr ein inspirierendes Gegenüber, mit dem man auch künstlerische Fragestellungen auf Augenhöhe diskutieren kann. Dazu kommt, dass sie unglaublich gut vernetzt ist, was bei der Umsetzung von LULU & JIMI Gold wert war. Genau wie ihr Geschäftspartner Uwe Schott, der die seltene Fähigkeit besitzt, Unmögliches möglich zu machen, auch unter schwierigsten Bedingungen. Die beiden sind ein echtes Dreamteam.


EIN GESPRÄCH MIT PRODUZENTIN GABRIELA SPERL

LULU & JIMI ist das erste Kinoprojekt Ihrer gemeinsamen Firma Sperl + Schott. Haben Sie dafür bewusst Oskar Roehler ausgesucht oder hat er sie ausgesucht?
In dem Fall hat Oskar eigentlich mich ausgesucht, weil wir gemeinsam DER ALTE AFFE ANGST gemacht haben, ich hab’ ihn auch begleitet bei AGNES UND SEINE BRÜDER… und insofern kennen wir uns seit Jahren, wir sind befreundet und haben eigentlich schon immer gesagt: Wir machen wieder was miteinander. Und da ich LULU & JIMI von Anfang an kenne und das Buch sehr liebe, und er dann gesagt hat, dass er jemanden sucht, der das produziert, war es nahe liegend, dass wir uns treffen. Und so kam, was kommen musste, wenn man die gleiche Leidenschaft hat: Es hat uns drei fast magnetisch zusammen gezogen – das Projekt, Oskar und mich.
 
Was war es genau, was Sie an diesem Drehbuch von Oskar Roehler von Anfang an gereizt hat?
Dass es diese wunderbare Liebesgeschichte hat und trotzdem sehr viel Oskar. Dass Oskars Geschichten mit der Mutter und dem Vater und dass diese ganzen – ich sag mal schon fast – typologischen Oskar-Roehler-Geschichten drin waren und trotzdem eben diese unheimliche Kraft der Liebesgeschichte da war. Diese gewinnt natürlich vor dem Hintergrund der 50er Jahre noch einmal an Brisanz, weil das Problem des Rassismus da erzählt werden kann, aber auf eine Art und Weise, die cineastisch und märchenhaft ist und eigentlich dann auch wie eine Parabel über das Deutschland der heutigen Zeit.

Hatten Sie das Gefühl, dass bei diesem Film alles ganz anders ist, dass Ihnen hier ein neuer Roehler begegnet?
Bei Oskar ist immer alles ganz anders! Aber es ist doch auch immer wieder alles Oskar! Es ist so, dass man durch seinen Filter die Welt sieht – und das ist das Besondere. Diese Geschichte ist eine Oskar-Geschichte, die biographisch verankert ist, in der immer wieder die gleichen Topoi aufscheinen: Kinder, die verletzt sind, durch die Nicht-Liebe oder Nicht-Ehe der Eltern. Das spielt einfach ganz viel in alles hinein und ist letztendlich ja auch der Ausgangspunkt von Lulus Geschichte. Oskar hat seine Biographie mit amerikanischen Sehmustern in einer Art und Weise zusammen gebaut, die unheimlich spannend ist. Er hat seiner eigenen Spiellust vollen Raum gegeben, mit Genres, seinen Lieblingsfilmen gewürfelt und gespielt und das dann in einem großen Mosaik an die Wand gemalt. LULU & JIMI ist natürlich auch eine Oskar-Roehler-Hommage an David Lynch – ein Film, in dem er seinen Blick auf David Lynch mit seinem Blick auf die Welt vereint. Und daraus wird dann ein richtiger Roehler.
 
LULU & JIMI ist hochkarätig besetzt. Inwieweit haben Sie Oskar Roehler bei seiner Suche nach den geeigneten Schauspielern unterstützt?
Wir haben natürlich vor allen Dingen die Hauptdarsteller zusammen gesucht. Wir sind gemeinsam durch Europa gereist, nach Paris und nach London, und das hat viel Spaß gemacht. Wir haben uns gesagt, das muss in der Konstellation des weißen Mädchens mit dem Schwarzen richtig „klick“ bei uns machen. Also wir müssen uns in die beiden verlieben und dann verliebt sich auch der Zuschauer in sie. Wir haben gecastet und gecastet, Hunderte von Mädchen, die man auch in anderen Rollen liebend gerne sieht oder sehen würde, aber es hat nie „klick“ gemacht. Und dann hatten wir plötzlich diese relativ unbekannte Französin Jennifer Decker und den Briten Ray Fearon und da hat es dann gefunkt.

Wenn Sie Schlagwörter für den Film finden sollten – welche würden Sie nennen? Was macht LULU & JIMI aus?
Es ist bunt, es ist knallig, es ist romantisch, rührend, zugleich aber auch sehr ernst, in Teilen auch ein bisschen gruselig, mit einem riesigen Panoptikum an Effekten, auch emotionalen Effekten: Man ist da vollkommen in dieser Liebesgeschichte drin, dann denkt man wieder: „Gott, was für ein Horror diese Elterngeschichte, das ist ja nicht zu fassen“, dann liebt man Katrin Sass mit ihrem rosa Pudel, Udo Kier oder Bastian Pastewka, der auftritt und wie in einer Parodie aus dem Hut gezaubert wird – es ist einfach diese Mischung einer völlig disparaten Welt. Es sprengt dann auch die Genres und ist wild und dunkel.


Quelle: Filmladen

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