Dieser Text wurden uns vom Filmladen zur Verfügung gestellt (das Interview führte Karin Schiefer):

INTERVIEW MIT ERWIN WAGENHOFER

Bereits in der Fertigstellungsphase von „We Feed the World“ haben Sie anklingen lassen, dass das Thema Geld als nächstes Filmthema nachdrängte?
Erwin Wagenhofer: Geld war etwas, das mich nie interessiert hat. Mein Spruch war immer: Geld ist etwas für Arme: jene, die wirklich arm sind und es brauchen und für geistig Arme, die sich nur mit Geld befriedigen. Es war aber insofern ein Thema für mich, als ich viele Jahre meines Lebens kein Geld hatte und genau dann hat es mich interessieren müssen. Irgendwann wurde ich auf einen Werbespruch aufmerksam, den ich frappierend fand: Lassen Sie Ihr Geld arbeiten. Geld kann nicht arbeiten, das können Menschen, Maschinen, Tiere vielleicht. Wenn man den Spruch ernst nimmt, heißt das, dass jemand anderes für uns arbeiten muss. Das passiert meistens über Ausbeutung und das wollte ich mir näher anschauen. Filmemachen hängt viel mit Fragestellungen zusammen. Die Beschäftigung mit dem Thema Geld ist eine gewachsene Sache, die sich jetzt aufgedrängt hat.

Welche Fragen waren das zum Beispiel?
Erwin Wagenhofer: Es hat mich interessiert, warum wir ein Wirtschaftswachstum brauchen, wo wir in einer saturierten Gesellschaft leben. Der Getreidepreis ist seit meinem letzten Film um 250% gestiegen. Wenn wir überprüfen könnten, wie viel Getreide an einem ganz normalen Handelstag gehandelt wird, dann kommt wahrscheinlich eine Menge heraus, die in 200 Jahren nicht wächst. Das ist reine Zocke, die wir nicht brauchen und die total zerstörerisch wirkt.

Es war alles schon da: 1913 war alles so dereguliert – die Globalisierung ist eigentlich ein
alter Hut – dass das System total gecrasht ist. Dann hat man nach dem Krieg ganz strenge Regulierungen eingeführt, die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds gegründet, den Dollar streng an das Gold gebunden. Genau sechzig Jahre nach dem Crash begann man unter Nixon 1973 wieder mit dem Feuer zu spielen, seither wird dereguliert und liberalisiert. Das dicke Ende wird erst kommen. Das sagen viele Leute, die sich besser auskennen als ich. Wir stehen am Beginn der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten, die selbst gemacht ist. Ohne Regeln ist das menschliche Zusammenleben ein Chaos, die Regulierung im Finanzsystem ist komplett abgeschafft. Es beschäftigten mich Fragen – was ist die Weltbank und was macht sie wirklich und vor allem, was hat sie mit uns zu tun? Was passiert, wenn es heißt, die EZB steckt Milliarden in den Markt, damit er nicht crasht. Woher kommen sie? Wer zahlt, wenn die Banken mit kaputten Krediten dastehen? Dann interessierte ich mich auch sehr für Asien und wollte dem Thema Steueroasen nachgehen.

Wie geht man dann filmisch an das Thema heran. Wie finde ich die Bilder für ein relativ abstraktes Thema?
Erwin Wagenhofer: Ich vertrete nicht die Ansicht, dass der Dokumentarfilm am Schneidetisch entsteht, wir hatten ein sehr konkretes Konzept. Die große Frage, die sich stellt, wo kann ich Bilder der Auswirkungen finden. Zusammenhänge in einem Film herzustellen, ist oft wirklich sehr schwierig, aber umgekehrt sehr filmisch. Eine der ersten Geschichten, die wir gedreht haben, war die Immobilienblase in Spanien. Schon beim Dreh für „We Feed the World“ ist mir aufgefallen, dass dort, wo wir die Glashäuser filmten, auch wie verrückt gebaut wurde. Die 800.000 Häuser, die dort jährlich gebaut werden, sind großteils Geisterstädte. Die werden als Investment gebaut und nicht um darin zu wohnen, nicht nur für Einzelanleger, da stecken auch unsere Pensionsfonds drinnen. Die Umwelt wird ruiniert, die Immobilienpreise in Spanien steigen ins Unermessliche, die Wohnungsnot für die Spanier ist akut.

Wie wuchs aus den verschiedenen Schauplätzen eine Struktur?
Erwin Wagenhofer: Der Film beginnt mit etwas, dass ich als den „Goldraub“ bezeichne. Man sieht eine absolut moderne Goldmine des weltweit zweitgrößten Goldschürfers Newmont. Reden wir gar nicht von der Umweltzerstörung und auch nicht davon, dass der Kredit dafür von der Weltbank kommt. Zweimal in der Woche kommt ein Helikopter in den tropischen Regenwald, in diesem Fall in Ghana – und holt das Gold. Es geht von Accra direkt in die Schweiz, dort in den Süden der Schweiz, wo es auf 99,99% Gold verfeinert wird. 3% des Wertes bleiben in Afrika, 97% gehen in die Schweiz.

Wo setzt Ihre Kritik in erster Linie an?
Erwin Wagenhofer: Bei den Recherchen in Jersey habe ich mit John Christensen, einem Entwicklungsökonomen, gesprochen, der eine sehr klare Analyse am Beispiel der Bananen gibt: Bananen gehen von A nach B, die Papiere hingegen nach Jersey, von dort in die Schweiz, nach Luxemburg, nach Liechtenstein, dann auf die Isle of Man und zurück nach Jersey und dazwischen waren sie noch auf den Bahamas. Diese Spur, die niemand nachvollziehen kann, wird nur gezogen, um Steuern zu vermeiden und die Gewinne zu erhöhen.

Einer der absurden Aspekte in unserem System ist, dass die klügsten Köpfe dafür eingesetzt
werden, nicht um unsere drängenden Probleme (Energie, Umweltzerstörung etc.) zu bewältigen und um zu helfen, wo es wirklich notwendig ist. Sie werden dafür eingesetzt, diese Art von Konstrukten zu entwerfen, die letztendlich eine zerstörerische Wirkung haben. Ich will niemanden diabolisieren, aber es gibt gravierende Systemfehler im Kapitalismus und das geht auf den Grundsatz „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“ zurück. Das Wirtschaftswachstum brauchen wir, weil das Kapital die Zinstilgung befriedigt haben will. In einer Kritik zu „We Feed the World“ ist der Film als Aufklärungsfilm bezeichnet worden. Wenn man unbedingt mit einem Etikett versehen werden muss, dann stimme ich zu. Ja, ich mache Aufklärungsfilme, weil es um die Werte der Aufklärung geht, die wir verlieren, weil sie von einem solchen System untergraben werden. Kein Mensch will, dass es Hunger in der Welt gibt, trotzdem arbeiten wir alle in diesem System mit. Mir geht es
nur um die Transparenz.

Welche Auswirkungen hat „We Feed the World“ auf Ihre neue Arbeit gehabt. War es schwieriger, Gesprächspartner zu finden?
Erwin Wagenhofer: Prinzipiell ist es mir wichtig, bei Gesprächspartnern, die in Strukturen tätig sind, möglichst oben anzusetzen, denn das sind die Personen, die man tatsächlich zur Verantwortung ziehen kann. Ich würde diese Gesprächspartner als Protagonisten bezeichnen. Sie sind Figuren, die eine Funktion im dramaturgischen Sinn erfüllen. Manche stehen schon im Vorhinein fest, andere ergeben sich erst im Laufe des Drehs. Natürlich sucht man sich Leute, von denen man ausgehen kann, dass sie etwas zu sagen haben und es gut rüberbringen.

Ich hätte gerne Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, als Gesprächspartner
gehabt. Er war einer der ersten, der gesagt hat, die Selbstheilungskräfte des Marktes reichen nicht mehr aus, der Staat muss einspringen. Wenn das Finanzsystem nicht mehr funktioniert, wird es nämlich dem Staat zurück geschmissen. Der Staat, das sind wir, und wir müssen es dann wieder sanieren. Wir bekamen nach langem einen Termin mit ihm, alles war organisiert. Am Tag des Drehs jedoch erhielten wir um acht Uhr morgens die Absage. Aus seiner Sicht kann ich die Absage verstehen, weil er in diesem Kontext nicht gewinnen kann, auch wenn ich sehr einfache Fragen im Fragenkatalog formuliert hatte.

War es häufig der Fall, dass geplante Gespräche wieder umdisponiert werden mussten?
Erwin Wagenhofer: Das war sehr oft der Fall. Es ist natürlich schwierig, mit jenen Leuten zu drehen, für die man sich einsetzt. Ich denke an die afrikanischen Bauarbeiter in Spanien, die haben natürlich enorme Angst. Der Afrikablock endet mit der Aussage eines Baumwollarbeiters, der sagt: wenn ihr keine Lösung findet, werden wir alle kommen, seien die Mauern noch so hoch. Und es gibt einen Schnitt auf eine Frau, die genau aus diesen Gründen in der Schweiz lebt. Weil wir ihnen zu Hause die Basis zum Leben nehmen. Das wissen die Leute hier aber nicht und lesen dann in der Zeitung, diese Menschen aus Afrika sollen zurückgeschickt und die Mauern hochgezogen werden. Ich will auf keinen Fall, dass die Gesprächspartner wegen des Films Schwierigkeiten bekommen, man muss sich dann Lösungen überlegen, wie man dennoch von diesen Leuten erzählt und da gibt es sogar sehr spannende Lösungen. Gewisse Information kann allerdings nur über das Wort kommen, die Alternative wäre weglassen gewesen, das will ich nicht. Mir ist wichtig, dass der Zuschauer die Zusammenhänge versteht. Dafür gibt es im Kino keine Regeln, kein Dogma außer die, die man sich selbst auferlegt. Warum nicht etwas in einem kurzen Satz sagen, bevor ich kompliziert nach erklärenden Bildern suche?

Recherche, Regie, Kamera und Schnitt machen Sie wie beim letzten Film selbst. Wie schwierig ist es, Distanz zum Material zu gewinnen?
Erwin Wagenhofer: Da ich der Ansicht bin, dass die primitivste Form der Kreativität die Negation ist, gehe ich in meiner Arbeit ganz allgemein oft sehr unkonventionell an die Sache heran. Ich stelle bei den Gesprächen meine Fragen mit einer gewissen Naivität, stelle klar, dass ich kein Wirtschaftsfachmann bin, und sage – „Erklären Sie mir die Sachverhalte so, dass ich es verstehe und die anderen auch“. Damit bekommen viele ein Problem, denn sie erklären und publizieren ständig nur für Insider, die keinen Konnex mehr zur Außenwelt haben. Es kann aber nur mit einer Bewusstseinsbildung auf beiden Seiten etwas Neues entstehen. Es braucht Leute, die das System hinterfragen, damit sich etwas Neues entwickeln kann. Natürlich ist es wichtig, zum eigenen Material eine enorme Distanz zu haben. Wir haben ca. 130 Stunden Material, das seit Oktober 2006 entstanden ist. Ich bin nicht in meine schönen Bilder verliebt, die allein machen noch keinen guten Film. Es geht jetzt darum, wie bekomme ich einen »Zug« hinein und daran stricke ich lange herum. Diese Leidenschaft, unzählige Wochen mit dem Material zu verbringen, braucht es auch, sonst wird daraus nichts. Und es muss immer den Bezug zu uns, zu den Zuschauern geben. Sie sollen verstehen, dass eine Veränderung am Finanzmarkt auch mit ihnen selbst zu tun hat.

Haben sich die Rahmenbedingungen im Vergleich zu „We Feed the World“ deutlich verbessert?
Erwin Wagenhofer: Die einzige Änderung war ein höheres Budget: wir konnten mehr reisen, wir haben eine bessere Technik. Lisa Ganser war wiederum meine Assistentin und Hauptstütze und im Prinzip sind wir dieses kleine Team geblieben, auch wenn wir diesmal Leute im Hintergrund gehabt haben, die uns sehr geholfen haben. Der Nachteil daran ist, dass es in der Schlussphase einen unheimlichen Stress gibt, aber die andere Seite ist die, dass die Kamera hier bei mir ist, das Equipment in einer Kiste Platz hat und der Filmschnitt bei mir im Atelier entsteht. Ich kann jederzeit, wenn sich noch etwas ergibt, einen Dreh organisieren, ich kann im Schnitt, wenn mir gerade etwas einfällt, es auch gleich ausprobieren.

Ich bin mit den Rahmenbedingungen zufrieden, ich hab sie mir auch selbst so ausgesucht. PR-mäßig waren wir in der Entstehungsphase des Films sehr vorsichtig, weil es ein sehr heikles Thema ist. Ich will lieber in Ruhe arbeiten, Helmut Grasser als Produzent räumt mir da auch einen großen Freiraum ein und es besteht zwischen uns eine sehr faire Zusammenarbeit. Viele Leute haben mich gefragt, ob ich keine Angst vor einem »Absturz« nach dem Erfolg von „We Feed the World“ habe. Habe ich nicht, denn ich suche mir Themen, von denen ich ausgehe, dass sie für unsere Zeit von Relevanz sind, die mich auch wirklich interessieren und dann versuchen wir das so gut wie möglich umzusetzen, mehr ist mir nicht möglich – mal davon abgesehen, dass man es immer besser machen kann. Ich kann mir heute „We Feed the World“ nicht mehr anschauen, ich sehe 96 Minuten lang nur die Fehler, aber was ich daran nach wie vor mag, ist, dass daraus der Film geworden ist, der zum damaligen Zeitpunkt möglich war. Wir hatten eine Mini DV-Cam und ein kleines Budget. Der Film gibt nicht vor, ein großes Kunstwerk zu sein. Ich sehe mich auch nicht als großen Künstler, sondern als sehr ausdauernden und konsequenten Arbeiter, Filmarbeiter.

„We Feed the World“ konnte beim Publikum ein Umdenken im Konsumverhalten bewirken, beim Geld ist das viel schwieriger.
Erwin Wagenhofer: Die Handlungsmöglichkeiten sind natürlich genauso da. Wir müssten nur unserer Geldgier ein Ende setzen. Der Film ist ein Spiegelbild vom Zustand einer Gesellschaft. Wir sind gierige Wesen und müssen aufhören, das ganze Heil im materiellen Besitz zu sehen. Wir sind reich, aber wir sind nicht glücklich geworden. Wir haben uns isoliert, sind eine schrumpfende Gesellschaft - wollen uns nicht einmal mehr vermehren - aber parallel soll das Einkommen wachsen.

Das einzige, was wir verändern können, sind wir selbst. Und dazu ist gutes Kino in jeder
Form da. Es ist nichts anderes als eine Energieform, die uns Kraft gibt. Ich stelle mir am Anfang eines Projekts die Frage, was soll dieser Film leisten können? Er soll leisten können, dass die Leute erkennen, dass am Schluss immer sie selber zahlen. Der Film wird im Keller des Berliner Reichstags enden. Formal ist der Zweite Weltkrieg im Deutschen Reichstag beendet worden, die russischen Soldaten kamen dann offensichtlich in den Keller und haben sich in kyrillischer Schrift dort verewigt. Mit diesen Bildern hört der Film auf und ich will damit sagen, dass, es wieder zu einer Katastrophe kommen wird, wenn die Verteilung der Rohstoffe und der Nahrung und des Geldes nicht gelingt, wenn es nicht gelingt, dass auch die Schwächsten einer Gesellschaft partizipieren können. Globalisierung schließt auch globale Verantwortung mit ein. Wenn mein Hemd aus China kommt, dann habe ich etwas mit China zu tun. Das soll durch den Film transparent werden und sollte eigentlich die tägliche Botschaft unserer Regierungschefs sein. Das tun sie aber nicht. Warum nicht? Weil sie es teilweise nicht wissen, nur nach der Gunst der Medien schielen, überfordert sind und weil sie das System nicht hinterfragen, sondern es einfach laufen lassen.

Nach der Ernährung und dem Geld drängt sich die Frage nach dem nächsten Thema auf?
Erwin Wagenhofer: Für mich ist jetzt mit diesem Film auch eine größere Lebensperiode abgeschlossen, wo ich mich mit Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen beschäftigt habe. Wenn man sich ein Filmprojekt konkret vornimmt, dann will man, dass der Film von einer möglichst großen Zahl an Leuten gesehen wird. Godard hat gesagt, das Kino lebt nicht von den Filmen, sondern von den Leuten, die hineingehen. Das gilt für alle Künste, es geht um die Kommunikation, die entsteht zwischen Film und Publikum. Diese Kommunikation ist es, was ich als Kino bezeichnen würde. Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, dann stellt sich mir die Frage, nach der höchstmöglichen Wirkung. Das heißt, dass manche Themen dokumentarisch wirkungsvoller ins Kino zu übersetzen sind, andere zum Beispiel in einer Komödie besser transportiert werden könnten. Ich verspüre schon sehr lange den Wunsch, einen Liebesfilm zu machen. Dazu gibt es eine Geschichte, das Drehbuch liegt vor.

Interview: Karin Schiefer © 2008 Austrian Film Commission


Quelle: Filmladen

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