Festivalbericht TAG 2:
Tagebuch-Bild02.jpgZu viel habe ich nicht gefeiert im Kursalon, sodass ich schon wenige Stunden später wieder komplett „gestellt“ da auftauchen konnte, wo sich das eigentliche Geschehen abspielt: Im Kino! Mein erster Film am Samstag, 18.10. (und das Datum steht hier nicht ohne Grund, denn schon in ein paar Tagen wird mir wohl wieder jeglicher Sinn für Zeit fehlen), PARQUE VIA aus Mexiko im Metrokino.

Nicht von ungefähr bedankt sich der Regisseur dieses Erstlingswerks, Enrique Rivero, im Abspann bei Carlos Reygadas (BATTLE IN HEAVEN, 2005). Stilistisch ähneln sich die Filme doch stark. Rivero porträtiert den Alltag des alten Beto, der allein in einem riesigen Haus mitten in der Stadt als Verwalter lebt. Sein Tagesablauf ist von Routine geprägt – er hält den Laden in Schuss und darf so lange darin wohnen, bis die namenlose ältere Senora das Haus verkauft. Hin und wieder bekommt Beto Besuch von einer Prostituierten oder Kaufinteressenten. Und eines Tages soll es dann tatsächlich so weit sein…

Zugegebenermaßen sind manche Bilder etwas banal geraten: Wenn Beto im Fernsehen ständig grausige Meldungen von Mord und Totschlag auf der Welt sieht und hört, ist das Haus für ihn Isolation und Sicherheit. Das bedient vor allem den Schluss, der in seiner Intensität vielleicht überraschend, aber in Wahrheit auch darauf hin berechnet ist.
Dennoch ist PARQUE VIA ein echter Geheimtipp des Festivals, weil der Film genau weiß, was er will und wohin er will. Kamerafahrten sind selten, aber wenn, dann äußerst präzise und ausgeklügelt. Selbstverständlich ist auch hier die Erzählweise etwas sperrig geraten, allerdings gibt es durchaus komische Momente und bei allem Alltagstrott und Alleinsein gestalten sich die knapp 90 Minuten durchaus leichtfüßig. PARQUE VIA basiert auf der Lebensgeschichte von Norberto Coria, der selbst die Rolle Betos spielt.

Nach dem Film passiert mir gleich mein erster Fauxpas an diesem Tag – eigentlich wollte ich in die Urania, um dort FLOWER IN THE POCKET zu sehen, doch war ich einfach der Meinung, der Film wäre im Künstlerhaus. Dort war übrigens noch ein Empfang von orf.at – zu dem ich uneingeladen kam, und mich trotzdem am Buffet bediente (somit hatte mein Irren auch wieder was Gutes). Jedenfalls merke ich erst als ich im Kino sitze (weil ich auch nicht auf die Karte schaue), dass ich in MASKED AND ANONYMOUS geraten bin. Jetzt ist es zu spät und ich muss da – zumindest für ein Stündchen – durch. Bis auf den immer tollen John Goodman war der Film allerdings ziemlich öde und das lasse ich einfach mal ganz unbegründet so stehen, mögen mich jetzt tausende Dylan Fans steinigen wollen.

Film Nummer drei empfand ich auch nicht viel besser, wenngleich aber anspruchsvoller. Das Gartenbaukino warf BALLAST auf die Leinwand. Karge Bilder, schwer verständliche Dialoge, Adoleszenzprobleme aufgrund brauchbarer Vaterfiguren – ja, alles schön und gut, aber mich nervt dieses Gangster-Gehabe schon im echten Leben und erst recht im Film. Formal erinnert das Ganze an Filme von den Dardennes oder Charles Burnett, als dass es als übermäßig innovativ und neuartig zu bezeichnen wäre. Nein, daran konnte ich einfach nur wenig finden.

Nach einer Stärkung im dem Gartenbaukino nahe gelegenen Billabong sollte ich eigentlich zu Kitano, war aber fünf Minuten zu spät dran. Somit konnte ich mir das abschminken, aber immerhin noch Karten für den Bonustrack reservieren, der wenige Stunden nach dem Tippen dieser Zeilen beginnen soll. Somit schlug ich die Zeit ein bisschen im Pressezentrum im Hilton tot…

Zu Petzolds JERICHOW war ich allerdings wieder pünktlich und im ausverkauften Gartenbaukino sollte das eine ganz schöne Premiere werden. Fast zumindest, denn wenn mich eins wirklich stört, dann sind es (vor allem) junge Menschen, die mit Bier und Popcorn bewaffnet in den Saal stürmen und sich dann wundern, warum sie ständig aufs Häusl müssen. Nennt mich versnobbt, altmodisch, hochnäsig, was auch immer – aber die VIENNALE ist nun mal keine Multiplexveranstaltung. Man sollte den dort dargebrachten Filmen – zumindest meiner Meinung nach – mit etwas Respekt entgegnen und nicht sich selbst als besonders hip und cool zu inszenieren, nur weil man mal wieder im Gartenbau sitzt. Da sieht man tatsächlich auch ein wenig die negativen Auswüchse des Eventcharakters, den das Festival von Jahr zu Jahr mehr annimmt.

Aber gut, genug gelästert, ihr wollt wissen, was euch in JERICHOW erwartet: Eine Dreiecksgeschichte, wie in THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE – eigentlich nicht viel Neues, wäre Petzold nicht ein so großer Könner und würde das Ganze wieder in allerlei unheimliche Bilder verpacken. Erneut ist das Geld Thema Nummer eins, wenngleich auch weniger abstrakt als beispielsweise noch in YELLA. Hier ist es konkret und angreifbar und soll als Schlüssel zum Lebensglück dienen. Nur daran hält sich das Dreigespann, auch wenn es eigentlich nicht daran glaubt. Man könnte JERICHOW als amerikanisches Kino mit Fassbinderkern bezeichnen, denn so manch bezeichnender Satz könnte genau so gut aus HÄNDLER DER VIER JAHRESZEITEN oder KATZELMACHER stammen. Aber bitte nicht falsch verstehen: Petzold macht keine Zitatesammlung wie Tarantino – sondern findet eine eigenständige und gänzlich faszinierende Form für seine Geschichte.

Im Anschluss zogen wir noch zur VIENNALE Zentrale auf ein Getränk und nette Gespräche – das Dachgeschoss der Urania war nicht wirklich voll (aber auch nicht wirklich leer – gerade angenehm), und der heurige Festivalcocktail ist selbst für meinen Geschmack viel zu süßlich. Rauchen darf man nur auf der Dachterrasse, auf die man aber keine Getränke mitnehmen darf. Hausordnung. Trotzdem wird’s mich da noch öfters hinziehen. So ganz vorbei war mein Tag dann schließlich doch nicht – zu Hause gab’s noch EL CANT DES OCELLS auf DVD. Dazu an anderer Stelle mehr. So long…

Festivalbericht TAG 1:
Tagebuch-Bild01.jpgGusi war da. Seine Lebensgefährtin ebenfalls. Und die gemeinsame Tochter, die nicht mehr ausschaut, wie ein Emo, aber vielleicht täusche ich mich auch bloß. Die Eröffnung der VIENNALE 2008 – wieder mal ein Schaulaufen für allerlei Prominenz aus Politik und Gesellschaft.

Ein „echter“ Stargast fehlt heuer freilich. „Die Filme sind die Stars“ – so Hans Hurch, der seit 1997 das Festival leitet und es – im Guten wie im Schlechten – dazu machte, was es heute ist. Bevor es mit ENTRE LES MURS, dem diesjährigen Cannes-Sieger, in den filmischen Teil der Eröffnungsgala ging, nutzten Hurch, Stadtrat Mailath-Pokorny und Eric Pleskow (der letztes Jahr aufgrund einer Erkrankung absagen musste) die Zeit für gegenseitige Schulterschlüsse und Kritik an der vorherrschenden Situation rund um den Österreichischen Film und der Finanzkrise.

Während Hurch noch Bresson zitiert – „Man muss Filme machen, als ob es kein Geld gäbe“ – erfüllt Laurent Cantets Eröffnungsfilm bereits dieses Kriterium. ENTRE LES MURS konzentriert sich auf den Lebensalltag in einer Migrationsklasse in einer französischen Mittelschule. Die persönlichen Erfahrungen von François Bégaudeau, Drehbuchautor und Hauptdarsteller, liegen dem Film zu Grunde, der auf beeindruckende Art und Weise seine Geschichte(n) aufs Wesentliche reduziert und nie überladen wirkt. Wer sich auf diese eigenwillige Erzählweise – oder sollte man mehr von Beobachtungsweise sprechen – einlässt, für den entfaltet der Film seine Sogwirkung. Den anderen wird’s wohl zu sperrig.

Im Anschluss wechselte das Publikum in den Wiener Kursalon, wo der Abend beschlossen wurde. Richtig glücklich war mit dieser Location wohl niemand – der Saal ist erdrückend und extrem eng. Zum Buffet verliere ich lieber keine Worte … kein Vergleich also mit den bisherigen Eröffnungsfeiern im Wiener Rathaus. Aber dort sind ja die Gamer… Wenigstens war die Musik abwechslungsreich und bot vor allem aufgepeppte 80s Hits und einmal sogar William Shatner. 10 Sterne dafür!


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