Viennale08-Poster01.jpgVon 17. - 29. Oktober findet die Viennale im Herzen Wiens statt und wir versuchen Ihnen so gut wie möglich einen Überblick über alle gezeigten Filme zu verschaffen. Das Festival besteht aus einer gerechten Aufteilung aus aktuellen Spiel- Dokumentar und Kurzfilmen. Weiters finden Tributes zu Bob Dylan, Werner Schroeter und Franz Schwartz und Special Programms zu den Filemmachern John Gianvito und Miguel Gomes und zur Schauspielerin Nora Gregor statt. Zusätzlich findet im österreichischen Filmmuseum eine Retrospektive unter dem Thema "Los Angeles - Eine Stadt im Film" statt. Dabei ist zu beachten, dass auch wir die Filme die auf der Viennale gezeigt werden, großteils noch nicht gesehen haben, sondern uns nur auf die Erfahrung beim manövrieren durch das Programm berufen können. Dennoch hoffen wir eine Hilfe zu sein um einen Weg durch das Programm der Viennale zu finden.

Anmerkung: Alle Bilder und Texte, verwendet von Viennale.at

Die Beginnzeiten der Filme finden Sie hier!

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Aktuelle Spielfilme:

The Wrestler
Regie: Darren Aronofsky

Ein Kampf ist ausgefochten. Der Wrestler Randy «The Ram» steigt unter die Dusche, ohne sich vorher zu entkleiden. Allmählich löst sich der Schweiß und das Blut von seinem Dress, und das Wasser in der Wanne färbt sich rot. Die Kunstfigur verwandelt sich in diesem stillen Moment zurück zum Menschen, zur einsamen Kreatur, der die Anstrengung des Kampfes immer noch anzusehen ist.

Mit seiner Hommage an eine grelle Subkultur, die dem Kino durchaus ähnelt, sowie an einen Star, der vom Ruhm vergangener Tage lebt, gelang Aronofsky eine fein ausbalancierte Arbeit, in der der US-Regisseur auf die optischen Vordergründigkeiten früherer Filme verzichtet. Zum Ereignis wird The Wrestler aber erst durch seinen Hauptdarsteller Mickey Rourke. Wie ein trauriger Koloss schreitet er durch den Film und versucht, nachdem ihm ein Herzinfarkt die Weiterarbeit als Wrestler unmöglich gemacht hat, in ein normales Leben überzuwechseln. Natürlich wirkt in dieser Rolle Rourkes eigene Starpersona fort: In den 80er Jahren ein unorthodoxer Jungstar, verpasste er den Anschluss - nicht zuletzt deshalb, weil er für die Erfordernisse der Kulturindustrie zu wenig anpassungsfähig war. Mit einer guten Dosis Nostalgie erzählt The Wrestler auch von einem grotesken Schauspielerkörper, den Rourke hier mit einiger Hingabe in die Schlacht wirft. (Dominik Kamalzadeh)

Mit Mickey Rourke hat dieser Film ein Zentrum von solch schmerzlicher Intensität, dass man den Blick nicht mehr abwenden kann. Dies ist die Rolle eines Lebens - das, was Jake La Motta in Raging Bull für De Niro war -, nur musste sich Rourke dafür kaum verstellen. (Michael Althen)


Entre les murs (Die Klasse)
Regie: Laurent Cantet

Schon seit vielen Jahren hatte Laurent Cantet einen Spielfilm über den Alltag an einer Schule drehen wollen, ohne jedoch eine «dokumentarische Grundlage», wie er es selbst nennt, gefunden zu haben. Das Buch «Entre les murs» von François Bégaudeau, in dem der Autor, ein ehemaliger Lehrer, einen solchen Alltag einer einzelnen Klasse über ein ganzes Schuljahr hinweg erzählt, kam ihm wie gerufen: In dessen Verfilmung begleitet Cantet nun den jungen Französischlehrer François, der eine 7. Klasse in einem sogenannten Problemviertel unterrichtet. Von Bégaudeau und dessen Mitarbeit am Drehbuch begeistert, schlug Cantet dem Autor zudem die Rolle des Lehrers vor.

Ganz anders als bei Nicolas Philibert und seinem erfolgreichen Dokumentarfilm Être et avoir (2002) geht es Cantet und Bégaudeau vor allem darum, den schulischen Alltag als eine Welt aufzuzeigen, die auf einen einzigen Raum beschränkt ist und in der Aspekte wie Ungleichheit, Integration, kulturelle und soziale Ausgrenzung zum Tragen kommen. Dank dreier Kameras, einer für den Lehrer, einer für die Schüler und einer für alles Improvisierte, entgeht Entre les murs kein einziges Detail.
(Olivier Bombarda)

Dieser Film ist ein kleines Wunder: Wir teilen die Lust und die Last an der Sprache, wir wechseln zwischen dem Lehrer und seinen Schülern ständig die Seiten. Nie passiert in Entre les murs etwas Spektakuläres, nie wirkt der Film falsch oder überzogen - und doch ist er ungemein amüsant und tief bewegend. Nie sieht man den Lehrer zu Hause, nie etwas trinken, essen oder beim Sex. Einmal raucht er, da fordert ihn eine Reinigungsfrau sofort auf, seine Zigarette zu löschen. (Lars-Olav Beier)


Waltz With Bashir
Regie: Ari Folman

Waltz With Bashir bezieht sich auf die Massaker, die 1982 in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila an Palästinensern verübt wurden - von libanesischen christlichen Phalangisten, nachdem deren Führer Bashir einem Attentat zum Opfer gefallen war. Die Phalangisten waren Verbündete Israels; der damalige Verteidigungsminister Ariel Sharon wurde später wegen Duldung der Massaker, von denen er Kenntnis hatte, verurteilt. Zwanzig Jahre später wurde Scharon Premierminister.

Ari Folman hat nun in Waltz With Bashir seine Zeit als Soldat der israelischen Armee im Libanon aufgearbeitet, seine Entstehung verdankt der Film Alpträumen: Boaz, ein Freund Folmans, wurde im Schlaf immer wieder von 26 Bluthunden gehetzt, und Folman selbst träumte wiederholt von jungen Männern, die des Nachts nackt dem Meer entsteigen, am Strand Uniformen anlegen und sich auf bedrohlich schlafwandlerische Weise in Kampfmaschinen verwandeln. Während Boaz einen Zusammenhang zu den Massakern herstellte, konnte sich Folman nicht mehr an seine damalige Rolle erinnern. Das verstörte ihn ungeheuer, und so ist Waltz With Bashir nicht nur ein therapeutischer Film über Kriegstraumata und Mitschuld geworden, sondern auch einer über die Anatomie der Erinnerung.

Überragend ist Waltz With Bashir dabei durch seine Ästhetik. Ari Folman drehte einen «dokumentarischen Animationsfilm», was man sich so vorzustellen hat: Zunächst befragte er einstige Kameraden, mit denen er im Libanon war, aber auch Trauma-Experten. Die Interviews waren Grundlage für Storyboards, die der Kinderbuchautor David Polonsky zeichnete. Der Zuschauer sieht also animierte Bilder aus einem Krieg, der wirklich stattgefunden hat; und diese Bilder zu einem Soundtrack aus Popsongs werden mehrheitlich kommentiert von den authentischen Stimmen der Beteiligten, die sich erinnern. Das Ergebnis ist ein ebenso heikler wie gelungener Vermittlungsakt zwischen popkulturellen Ästhetiken, dokumentarischen Mitteln und tradiertem Antikriegskino. (Anke Westphal)


Ballast
Regie: Lance Hammer

Der 12-jährige James lebt mit seiner Mutter Marlee im Mississippi-Delta. Sie arbeitet hart als Reinigungsfrau, um über die Runden zu kommen, während James sich mit einigen jugendlichen Dealern einlässt. Als die Situation eskaliert, flüchten Mutter und Sohn vor der drohenden Gewalt in das Haus des bereits verstorbenen Vaters von James, den dieser nie kennen gelernt hat. Im Nebenhaus wohnt Lawrence, der Zwillingsbruder des Toten, mit dem Marlee noch einige Rechnungen offen hat.

Es ist eine somnambule Welt, die Lance Hammer in seinem Erstling zeigt. Die Menschen stecken in ihrem Leben fest, als hindere sie der morastige Boden, der sie umgibt, einen Schritt nach vorne oder auch nur zurück zu machen. Verschlammte Biografien ohne Aussicht auf Veränderung. Nur ihr Körper treibt sie weiter, im täglichen Kampf um die blanke Existenz. Wenn das Glück einmal in dieser weiten grauen Ebene Station gemacht haben sollte, hat es keine Spuren hinterlassen. Es ist mit dem Vogelschwarm davongeflogen, dem der Junge zu Beginn hinterher sieht.

Hammer braucht nur wenige Striche, um ein komplexes Beziehungsgeflecht zu entwerfen. Er beobachtet seine Figuren, allesamt von Laiendarstellern gespielt, im Stile eines Dokumentaristen und schaut, was passiert. Ganz ohne soziologische Erklärungsversuche, ganz ohne Empörung, ganz ohne Sentimentalitäten. Es ist, wie es ist. Doch unter dem scheinbar ungeregelten Fluss der Dinge liegt eine präzise Komposition, die zuspitzt, verknappt und beschleunigt. Hammer weiß genau, was er zeigen muss und weglassen kann. Eine solche kluge Montage braucht keine Musik. Sie vertraut sich und der Klarheit der Bilder. Selten war Stille in einem Film so musikalisch. (Mark Stöhr)


Achilles to kame
Regie: Takeshi Kitano

Der kleine Machisu möchte unbedingt Künstler werden und zeichnet immerzu und überall. Als Sohn eines reichen Kunsthändlers werden ihm bei diesem Berufswunsch natürlich keine Steine in den Weg gelegt. Doch als sein Vater stirbt, scheint sich sein Wunsch nicht zu erfüllen. Als junger Mann schafft es Machisu trotzdem auf die Kunstgewerbeschule. Dort findet er zwar ebenso vom Malen begeisterte Mitschülerinnen und Mitschüler, aber keinen Erfolg bei Galeristen oder Kundschaft. Auch als er sich intensiv mit den großen Meistern auseinandersetzt, schauen nur billige Imitate heraus. Dafür verliebt er sich in Sachiko, die ihm fortan bei seinem Künstlerdasein zur Seite steht. Wird er im Alter endlich als ernsthafter Maler wahrgenommen werden?

Achilles and the Tortoise lässt sich verstehen als ironisches Selbstporträt des japanischen Regisseurs Kitano Takeshi, der im letzten Teil, wenn aus dem Kind des ersten und dem jungen Mann des zweiten der mittelalte des dritten geworden ist, die Rolle des Künstlers selbst übernimmt. Auch die Bilder, allesamt scheußlich, hat Kitano eigenhändig gemalt, und es gehört schon einiger Humor dazu, sie öffentlich vorzuzeigen. Die stets abweisende Kritik und die Vorschläge, wie es besser zu machen wäre, die ein Kunsthändler geduldig über die Jahrzehnte immer wieder anbringt, sind ebenso treffend, wie sie ziemlich genau einen kritischen Jargon nachbuchstabieren, der so albern ist, dass das Kunstbemühen Machisus und sein treues Befolgen jeden Rats immer absurder wirken. Am Ende sind die Fragen des Anfangs nicht beantwortet: Die Opfer und die Leben, welche die Kunst forderte, haben sich aufgetürmt, und zurück bleibt der Künstler ohne Publikum als komischer Kauz. (Verena Lueken)


Jerichow
Regie: Christian Petzold

Drei Menschen im Nordosten Deutschlands: ein Ex-Soldat, der das Haus seiner verstorbenen Mutter renovieren will, aber das nötige Geld früh an einen Schuldner verliert; ein älterer Türke, der eine Kette von Imbissbuden betreibt, die er täglich abklappern muss, wofür er den Ex-Soldaten als Fahrer einstellt; und seine junge Frau, von der man erstmal nicht weiß, was sie an ihn bindet, weil der Film sie im Hintergrund hält, wo sie sich eher mürrisch ihren Pflichten widmet. Dass sich Frau und Fahrer verlieben werden, liegt in der Natur der Konstellation.

Es gibt bei Petzold immer Filmvorbilder, die lose einen Plot oder ein Thema vorgeben, in denen sich seine Arbeiten dann auf bestimmte Weise spiegeln. Für Die innere Sicherheit war das Bigelows Near Dark, für Yella war es Carnival of Souls - und nun ist es eben The Postman Always Rings Twice. Das ist im Grunde eine praktikable Methode - denn Petzold dreht keine Remakes, sondern seine Filme sind Wiedergänger, Phantomgeschichten, denen wie Untoten kaum mehr als eine Erinnerung an ihre Vorgänger eingeschrieben ist und die ihrem Muster trotzdem wie unter Zwang folgen.

Bei Petzold hat das natürlich System, dass alle so gefangen sind in ihrem deutschen Erwerbsalltag. Petzold zieht das zu einem Kammerspiel der Leidenschaften unter freiem Himmel zusammen: Ein beklemmendes Picknick am Ostseestrand, eine Scharade am Waldesrand, ein Showdown an der Steilküste am Meer - das sind manchmal fast Operationen am offenen Herzen wie bei Fassbinder; und dann ist es wieder reiner Petzold, wenn Nina Hoss verzweifelt den Namen ihres Geliebten in den dunklen Wald hineinruft und man nicht weiß, welcher der beiden Männer sich aus der Finsternis schälen wird. Mit Jerichow ist Petzold eine faszinierende Fortschreibung seiner Filmografie gelungen, mit unnachahmlichem Blick auf Landschaften vorgetragen, mit knappen Strichen skizzierte Lebenswelt und Arbeitsalltag. (Michael Althen)


März
Regie: Klaus Händl

Mitten in der Nacht leihen sich Christian, Berni und Elmar ein Auto aus, um in den Wald zu fahren. Die jungen Männer rauchen eine letzte Zigarette, leiten den Auspuff ins Auto, setzen sich in den Wagen und starten den Motor. Mit einem Anflug eines Lächelns auf den Lippen atmen sie tief ein und sterben. Ein paar Monate später: Die Familien von Christian und Berni, die in einem Tiroler Dorf wohnen, versuchen wieder ein normales Leben zu führen. Doch der Schmerz ist immer da, und jeder der Hinterbliebenen versucht auf seine Art, mit dem schrecklichen Verlust klarzukommen.

Wie geht man um mit dem Tod, wenn man sein Motiv nicht kennt? Händl Klaus beschäftigt sich seit nunmehr zehn Jahren mit dieser Frage. 2004 betrachtete er im gleichnamigen Kurzfilm den Fall aus der Perspektive der jungen Männer. Im Langfilm dienen Teile des Kurzfilms als Prolog, dann ändert er die Perspektive und konzentriert sich ganz auf die Überlebenden, indem er Fragmente aus deren Alltag aneinanderreiht. Da steht die Mutter etwa immer wieder vor der Tür des Zimmers ihres toten Sohnes, an der sein Name in großen Lettern geschrieben steht. Als sie ihre Geburtstagstorte anschneidet, bekommt sie einen spontanen Heulkrampf - es ist ihr erster Geburtstag ohne Berni. März lässt mehr aus als er erzählt. Der Rest ist der Fantasie und den Gedankengängen des Zuschauers überlassen. (Nana A.T. Rebhan)

Die Entscheidung, die Figuren in einer radikalen Dialektversion sprechen zu lassen, war eine Rückkehr in eine Art «Ursuppe». Ich komme aus Tirol, lebe aber seit zwanzig Jahren nicht mehr dort. Wenn ich für das Theater schreibe, dann ist das eine stark stilisierte, rhythmisierte Kunstsprache. Aber hier war es ein Genuss, mit den verschütteten Ausdrücken umzugehen, mit denen ich aufgewachsen bin und für die man im Hochdeutschen längere Umschreibungen bräuchte. Der Dialekt bringt alles gleich auf den Punkt, und oft hat er eine eigentümliche Sinnlichkeit.
(Händl Klaus)


Le Silence de Lorna
Regie: Jean Pierre u. Luc Dardenne

Wie in vielen ihrer Filme entfalten Jean-Pierre und Luc Dardenne in Le Silence de Lorna mit leiser Entschlossenheit und äußerster Ökonomie eine dramatische Geschichte und vertrauen dabei ganz auf das stoische Gesicht einer jungen Frau: Die Albanerin Lorna (Arta Dobroshi) strahlt eine Stärke und Menschlichkeit aus, der man zutraut und wünscht, dass sie allen Widrigkeiten des Lebens trotzen möge - ganz ähnlich wie die früheren Dardenne-Heldinnen Rosetta (Rosetta) und Sonia (L' Enfant).

Lorna steckt in einem Dilemma, das ein wenig zu ausgefeilt wirken könnte, wäre es nicht so brillant in der belgischen, im Grunde EU-weiten Realität von Migration, Ausländerrecht, östlichen Wanderarbeitern und organisiertem Verbrechen verankert. Eine Scheinehe mit dem Junkie Claudy hat ihr eine Summe Geld und die belgische Staatsbürgerschaft eingetragen, aber auch einen faustischen Pakt mit einem lokalen Kleingangster, der wiederum mit der Russenmafia Geschäfte macht: Claudy soll mit einer Überdosis ermordet werden, damit die Witwe eine weitere Scheinehe mit einem Russen eingehen kann - was wiederum mehr Geld für sie bedeuten würde.

Der Dardenne-Stammschauspieler Jérémie Renier verkörpert derart perfekt die nervenraubende Bedürftigkeit des süchtigen Claudy, dass man ihm fast selbst den Tod wünscht. Zugleich aber ist er wie ein Kind, das nicht nur Lorna bald immer dringender retten möchte. Sie entdeckt ihre wahren Gefühle in dem exakt Moment, wo es zu spät ist. Der unentrinnbare Sog dieses Films, hin zu einem beinah mythischen Ende, übertrifft an Tragik und Schönheit auch alles, was die Dardenne-Brüder schon zeigten.
(Tobias Kniebe)


Man Jeuk
Regie: Johnnie To

Kei und seine drei Kumpane leben in Hongkong ein unbeschwertes Leben als Taschendiebe. Mit Eleganz und Anmut bewegen sie sich wie die titelgebenden «Spatzen» im Gewühl der Großstadt. Die geheimnisvolle Schönheit Chun Lei überredet die Freunde, einen Schlüssel für sie zu stehlen. Doch bei der Übergabe löst sich die Schöne mit dem Schlüssel in Luft auf - und die Bande beginnen zu ahnen, dass mehr hinter Chun Lei und ihrem Auftraggeber steckt, als sie dachten. Vor allem, als mit dem öffentlichkeitsscheuen Tycoon Mr. Fu ein weiterer Interessent ins Spiel kommt.

An Sparrow hat Johnnie To vier Jahre gearbeitet; in dieser Zeit sind insgesamt acht neue Filme entstanden. Doch diese Arbeitslast hat Sparrow nicht geschadet - er hat sogar etwas von der Unschuld der frühen Nouvelle Vague. Und wie die jungen Franzosen damals klaut der Regisseur aus Hongkong einfach bei den alten Meistern. Es geht um elegantes Filmen von Gaunereien. Um Stil und Ästhetik. Um scheinbar nutzlosen Humor und besonders um Bewegung. Dafür bleibt die Handlung manchmal einfach stehen, und dann sieht man einer Frau beim Zigarette rauchen zu. Johnnie To wird oft für Dinge gescholten, die etwa bei Wong Kar-wai stets bejubelt werden. Der abschließende nächtliche Coup, wenn die Gegner sich gegenseitig an die Brieftaschen gehen, zeigt dann nur noch Großaufnahmen von Regenschirmen, Wassertropfen, starren Männergesichtern. Ein verführerisches, dunkles Ballett. (Holger Kreitling)


Ein Augenblick Freiheit
Regie: Arash T. Riahi

Ali und sein Freund Merdad möchten Alis Nichte und Neffen aus dem Iran in den Westen zu schmuggeln. Sie wollen die beiden Kinder nach Wien bringen, wo deren Eltern politisches Asyl gefunden haben. Nach einer lebensgefährlichen Wanderung über die schneebedeckten Berge landen sie endlich in der Türkei. Und auch das Ehepaar Lale und Hassan nimmt mit ihrem Sohn Kian diesen beschwerlichen Weg auf sich. Von einem betrügerischen Schlepper hinters Licht geführt, entgehen sie jedoch nur um Haaresbreite der Verhaftung. Zusammen mit anderen iranischen Flüchtlingen stranden sie schließlich in einem schäbigen Hotel in Ankara. Hier lernen sie zwei Freunde kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: den kurdischen Lebenskünstler und Optimisten Manu und den gebildeten und schwerblütigen politischen Aktivisten Abbas.

Ankara, das bedeutet für die Flüchtlinge zunächst ein beglücktes Auskosten all der neuen, ungewohnten Freiheiten: keine lebensbedrohenden Schikanen bewaffneter Revolutionswächter, kein Schleierzwang, eine märchenhaft wirkende Freizügigkeit der Bekleidung und der Sitten, keine Angst, keine sichtbaren Zeichen der Repression. Für einen Augenblick scheint die Freiheit tatsächlich erreicht zu sein. Doch dann beginnt eine zermürbende Zeit des Wartens auf die Weiterreise, ein nicht enden wollendes Wechselbad aus Hoffnung und Enttäuschung.

«Die Nähe von tragischen und humorvollen Elementen ist mir extrem wichtig. Ich betrachte Humor als Überlebensmotto, und wenn man sich in solchen Extremsituationen nicht wie diese Flüchtlinge ein Minimum davon bewahrt, kann man zerbrechen. Man hat ja sonst nicht viel, woran man sich halten kann.» (Arash T. Riahi)


Let the Right One In
Regie: John Ajvide Lindqvist

Ein Vorort von Stockholm in den frühen 80er Jahren. Oskar Eriksson ist ein einsamer Zwölfjähriger, der die Schikanen seiner Klassenkameraden über sich ergehen lassen muss und in seinen Träumen seinen Rachegedanken freien Lauf lässt. Zu Hause lebt er allein mit seiner Mutter und sammelt Zeitungsausschnitte über Serienmörder. Eines Tages wird an einem Baum in der Nähe seiner Wohnung ein toter Junge aufgefunden, der scheinbar einem Ritualmord zum Opfer gefallen ist. Zur selben Zeit trifft Oskar das Mädchen Eli, das gemeinsam mit einem älteren Mann in die Wohnung nebenan eingezogen ist. Die kleine Eli ist ebenso einsam wie Oskar, und die beiden schließen Freundschaft.

Tomas Alfredsons Filmadaptierung des Romans von John Ajvide Lindqvist, der in Schweden ein enormer Bestseller wurde, wird mit Sicherheit zum internationalen Erfolg des Stoffes beitragen. Und tatsächlich ist auch der Film ausgezeichnet: Let the Right One In - der Titel ist von Morrisseys Song «Let the Right One Slip In» geliehen - ist teils grausig, schockierend und schaurig. Doch durch Alfredsons atmosphärische und intelligente Fabel über das Erwachsenwerden, über Ablehnung, Freundschaft und Schicksal wird das alte Vampirthema auf eine berührende, literarische Art und Weise neu belebt - mithilfe einer wunderbaren Kameraarbeit des niederländisch-schwedischen Kameramanns Hoyte van Hoytema. (Gerwin Tamsma)


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Aktuelle Dokus:

Tyson
Regie: James Toback

«Iron Mike», mit bürgerlichem Namen Michael Gerard Tyson, ist mehrfacher Boxweltmeister im Schwergewicht und bis heute Rekordhalter mit dem schnellsten Knock-Out aller Zeiten. Und steht ganz und gar im Zentrum dieses Films.

Die größte der vielen Qualitäten von Tobacks Kino ist seine Ehrlichkeit und Direktheit, die Tatsache, dass er mit seinen Obsessionen nicht hinter dem Berg hält: Drogen, Halbwelt, latente Gewalt und die Korruption des American Dream interessieren ihn, und viele Kompromisse hat Toback seit seinem Regiedebüt 1977 mit Fingers noch nie gemacht. Insofern ist er bei Mike Tyson genau an den Richtigen gekommen.

Schon einmal, 1999 in seinem Spielfilm Black & White, hat Toback Tyson in einem Film auftreten lassen. Tyson versetzt darin Robert Downey Jr. einen Kinnhaken, und Brooke Shields spielt mit, und die Musik ist von Schostakowitsch - diese Beschreibung allein sollte genügen, um klar zu machen, womit man es hier zu tun hat.

Tyson ist ein virtuoser, mutiger und spannender Film. In einer Mischung aus Splitscreen-Techniken und Talking Heads kommt der Boxer selbst ausführlich zu Wort. Überraschend hell ist seine Stimme, von durchscheinender Unsicherheit. Toback erzählt Tysons Leben chronologisch, doch immer wieder wird alles überdeckt von dessen Wucht im Boxring. Ein Kampfapparat, ein Tier, das doch gerade in seiner scheinbar hemmungslosen Zerstörungswucht verletzlich wirkt - als kämpfe er nur so schonungslos, um möglichst schnell wieder den unbehaglichen Ort des Boxrings verlassen zu dürfen. So gelingt Toback am Ende das Porträt eines sensiblen, komplexen Menschen - genau das, was Kino tun sollte. (Rüdiger Suchsland)


Man on Wire
Regie: James Marsh

Man on Wire berichtet über den französischen Hochseilartisten Philippe Petit, der 1974 weltweite Aufmerksamkeit erregte: Für seine (illegale) Vorführung hatten er und seine Freunde ein Drahtseil zwischen den Türmen des World Trade Centers gespannt.

Nach einer mehrjährigen Vorbereitungszeit begann der damals 25-Jährige am Morgen des 7. August mit seinem etwa einstündigen Drahtseilakt. Tausende Menschen blieben auf den Straßen stehen und verfolgten das Spektakel über ihren Köpfen. Nach der mehrmaligen Überquerung auf dem ein Zoll dicken Seil wurde Petit schließlich festgenommen. Vor Gericht wurde - nicht zuletzt aufgrund seiner Popularität - von einer Strafe abgesehen, und Petit bekam stattdessen eine Dauerkarte für die Aussichtsplattform des World Trade Centers überreicht.

In Man on Wire rekonstruiert der britische Dokumentarfilmer James March nun den Hochseilakt aus verschiedenen Perspektiven: Neben Interviews mit den Beteiligten von damals und natürlich mit Philippe Petit selbst greift March wiederholt auf das außergewöhnliche Archivmaterial zurück. Die Nostalgie, die sich beim Betrachten der Twin Towers einstellt, bekommt dabei ein andere Note als gewöhnlich. Denn nicht nur wirkt es so, als ob die Türme den jungen Franzosen zur Überquerung eingeladen hätten, auch ist der Auftritt Petits zu einem unwiederholbaren Kunststück geworden.


Jesus Christus Erlöser
Regie: Peter Geyer

Berlin, Deutschlandhalle, 20. November 1971. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, tritt Klaus Kinski auf. Schulterlanges Haar, einfache Jeans, ein Hemd mit Blumen- und Punktmustern. Ohne Kulissen, ohne Bühneneffekte, ohne Kostüm. Kinski rezitiert seinen eigenen Text «Jesus Christus Erlöser» und realisiert damit ein Projekt, mit dem er sich schon über zehn Jahre beschäftigt hat. Es soll eine hochemotionale, ganz auf die Stimme des Schauspielers reduzierte Erzählung werden. Doch das aufgebrachte Publikum lässt ihn nicht reden, unterbricht Kinski immer wieder mit Zurufen und Provokationen.

Von seinem «wichtigsten Vortrag» (Kinski), der sich letztlich sechs Stunden hinzog, gibt es lediglich 134 Minuten Filmmaterial, die Peter Geyer hervorragend zu einem 84-Minuten-Film zusammengeschnitten hat. Ein großartiges Zeitdokument und seltsamerweise der einzige Bühnenauftritt von Kinski, der filmisch dokumentiert ist. Kinski präsentiert dabei nicht so sehr (oder erst am Ende) den sanften Versöhner, sondern den aufrührerischen, antiinstitutionellen Jesus, der sich mit denen verbündet, die bei 68er-Theoretikern wie Marcuse und Lyotard die Rolle des Proletariats auf dem Weg zur Weltrevolution übernommen hatten: «Randgruppen» (Marcuse) oder «Patchwork der Minderheiten» (Lyotard). Also Junkies, Kriegsdienstverweigerer, weinende Mütter in Vietnam, Huren, Trinker, Kriminelle. Deshalb ist es umso befremdlicher, dass er immer wieder mit beleidigenden Zwischenrufen - «Du hast doch selbst nie gearbeitet», «Der hat doch schon seine Million» - unterbrochen wird. Diese führen dazu, dass er seinen Vortrag gegen die Zuschauer richtet; dass er sich immer besser in seine Rolle hineinsteigert. Jesus Christus Erlöser dokumentiert nicht nur einen großartigen Auftritt Kinskis, sondern auch die Dummheit und selbstzufriedene Kulturfeindschaft eines Teils der 68er, die - nachdem Kinski zum x-ten Mal die Bühne verlassen hatte - im vielstimmigen Chor «Kinski ist ein Faschist» skandieren. (Detlef Kuhlbrodt)


Roman Polanski: Wanted and Desired
Regie: Marina Zenovich

1977 verlässt der Regisseur Roman Polanski über Nacht per Flugzeug die Vereinigten Staaten, um nie wieder amerikanischen Boden zu betreten. Zuvor verbrachte er 42 Tage in Haft und wurde schuldig gesprochen, bei einem Fotoshooting Sex mit einer Minderjährigen gehabt zu haben. In Roman Polanski: Wanted and Desired bereitet die Dokumentaristin Marina Zenovich nun jene Schlüsselereignisse im Leben Polanskis auf und befragt alle Prozessbeteiligten von damals: seinen Anwalt, den Staatsanwalt, Gerichtsreporter, Freundinnen des mittlerweile verstorbenen Richters, Vertraute Polanskis und nicht zuletzt das Opfer, ein damals 13-jähriges Mädchen.

Die exzellente Dokumentation vermittelt dabei einerseits Polanskis tragische wie verhängnisvolle Liaison mit der Presse mit mehr als interessantem Archivmaterial: In der europäischen Medienlandschaft wurde Polanskis Holocaust-Vergangenheit thematisiert, während er auf der anderen Seite des Atlantiks der kontroverse Star aus Hippie-Kalifornien war, der seit der brutalen Ermordung seiner Frau Sharon Tate durch den Charles-Manson-Clan mit Okkultismus und Orgien in Verbindung gebracht wird. Das zentrale Thema von Zenovich ist jedoch, wie ein selbstsüchtiger Richter versucht, den Fall medienwirksam für sich auszuschlachten: Wie die Interviews mit mehreren am Fall Beteiligten belegen, versuchte sich Richter Laurence Rittenband in erster Linie selbst zu profilieren: Wie ein diktatorischer Regisseur benutzte er den Gerichtssaal für sein mediales Setting. (Verena Dauerer)


Let's Make Money
Regie: Erwin Wagenhofer

Nach We Feed the World folgt Erwin Wagenhofer in Let's Make Money der Spur unseres Geldes im weltweiten Finanzsystem: Wagenhofer blickt hinter die Kulissen der bunten Prospektwelt von Banken und Versicherungen. Was hat etwa unsere Altersvorsorge mit der Immobilien-Blase in Spanien zu tun? Sobald wir ein zum Beispiel Konto eröffnen, klinken wir uns in die weltweiten Finanzmärkte ein - ob wir wollen oder nicht. Die Bank speist unser Guthaben in den globalen Geldkreislauf ein, täglich fließen Milliardensummen mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus, die möglichst hoch verzinst werden sollen. Ob unsere Bank das Geld an einen spanischen Bauentwickler verleiht? Wir Kunden wissen es nicht. Möglicherweise verborgen Banken, Versicherer oder Pensionsfonds unser Geld auch an einen Spekulanten. Die meisten von uns interessiert es auch nicht, weil wir gerne dem Lockruf der Banken folgen: «Lassen Sie ihr Geld arbeiten!» Doch Geld kann nicht arbeiten: Denn das können nur Menschen, Tiere oder Maschinen.

Let's Make Money folgt dem Weg unseres Geldes dorthin, wo spanische Bauarbeiter, afrikanische Bauern oder indische Arbeiter es vermehren und selbst arm bleiben. Der Film zeigt uns die gefeierten Fondsmanager, die das Geld ihrer Kunden jeden Tag aufs Neue anlegen. Zu sehen sind Unternehmer, die zum Wohle ihrer Aktionäre ein fremdes Land abgrasen, solange die Löhne und Steuern niedrig und die Umwelt egal ist.


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