Diese Interviews wurden uns von Constantin Film zur Verfügung gestellt!

FRAGEN AN BERND EICHINGER

Wie kam es dazu, dass Sie DER BAADER MEINHOF KOMPLEX verfilmt haben?
Ich wollte schon 1978 einen Film über Ulrike Meinhof drehen. Aber damals war das Thema deutscher Terrorismus noch nicht genügend recherchiert und es war auch zu vielschichtig für mich als jungen Filmemacher. Erst jetzt fühle ich mich erfahren genug, um dieses zentrale Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte anzugehen. Die Geschichte der RAF ist ein Thema, das mich seit meiner Jugend beschäftigt. Die Studentenbewegung der späten 60er habe ich als etwas sehr Positives erlebt. Das Aufbrechen von autoritären Strukturen, die Solidarisierung unter den Jugendlichen, die Suche nach neuen Lebensformen, weg vom Mief der Kleinfamilie – all das hat mich fasziniert und geprägt. Als dann aber die Diskussionen über Gewalt anfingen, habe ich auf einmal das Ziel nicht mehr gesehen. Als die Bewegung militant wurde, wurde sie auch autoritär. Und wenn mir jemand mit selbstangemaßter Autorität begegnet, kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen. Trotzdem gab es viele Leute in meinem unmittelbaren Umfeld, die diese Militanz befürwortet haben. Und gerade weil ich das nie nachvollziehen konnte, ist es für mich ein Faszinosum geblieben. Einerseits bin ich abgestoßen davon, andererseits kann ich nicht davon lassen, weil ich es verstehen will. Insofern war die Motivation, „Der Baader Meinhof Komplex“ zu verfilmen, die gleiche wie bei DER UNTERGANG.

Warum haben Sie sich für den Film Stefan Austs Buch zur Vorlage genommen?
Stefan Austs „Der Baader Meinhof Komplex“ ist ein Standardwerk. Sein Buch ist die einzige wirklich kompetente Zusammenfassung der Ereignisse von 1967 bis zum „Deutschen Herbst“1977 im Zusammenhang der Geschichte der RAF.

Warum haben Sie sich für Uli Edel als Regisseur entschieden?
Zunächst einmal wollte ich für diesen Stoff unbedingt einen deutschen Regisseur, der mit der Thematik vertraut ist. Dazu kam noch, dass ich von Anfang an wusste, dass der Film mit vielen Regeln der Dramaturgie brechen würde. In diesem Film gibt es keine Helden, keine Identifikationsfiguren, keine klaren Sympathieträger, keine stringente Handlung. Es ist einzig und allein die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse, die den Zuschauer mitreißt. Ich wusste, der Film würde auf das Publikum wie ein wilder Strom wirken müssen, bei dem man weiß: irgendwann kommt der Wasserfall, und es wird ein gewaltsames Ende geben. Um einen solchen Film zu machen, braucht man einen Regisseur, der tagtäglich am Set einen enormen Druck aufbauen kann. Es musste ein Regisseur sein, der mit einer großen Crew, einer riesigen Truppe an Schauspielern und mehreren tausend Komparsen einen wilden Kurs fahren kann, ohne dass es ihn aus der Bahn trägt und ohne dass er die Kontrolle verliert. Solche Regisseure gibt es in der ganzen Welt nur sehr wenige, und Uli Edel ist einer davon. Wir haben uns 1970 an unserem ersten Tag an der Filmhochschule in München kennen gelernt. Wir sind sozusagen seit unserer Stunde Null als Filmemacher befreundet. Ich kenne jeden Zentimeter Film, den Uli belichtet hat – auch seine Hochzeits- und Urlaubsfilme. Wir haben CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO und LETZTE AUSFAHRT BROOKLYN zusammen gemacht. Ich habe absolutes Vertrauen zu ihm, ich weiß, wie er tickt und ich kann mit Gewissheit sagen: Uli ist einer der besten lebenden Regisseure weltweit.

Wie schon bei DER UNTERGANG haben Sie auch zu DER BAADER MEINHOF KOMPLEX das Drehbuch geschrieben. Worin bestanden hier die Herausforderungen?
Die erste Frage war: Wie gieße ich zehn Jahre Zeitgeschichte in eine im Kino erlebbare Form? Eine traditionelle Herangehensweise war da ausgeschlossen. Statt dessen habe ich mich einer zerrissenen Form der Dramaturgie bedient, was ich auch „Fetzendramaturgie“ nenne. Der Film besteht aus lauter Puzzleteilen, die der Zuschauer letztendlich selbst zu einem Gesamtbild zusammensetzen muss. Figuren tauchen auf, viele von ihnen bleiben namenlos, und wenn sie keine weitere Rolle in der Zeitgeschichte spielen, verschwinden sie auch wieder. Es gibt niemanden, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann, denn ich wollte den Film nicht emotional an einer Figur festmachen. Wenn ich das getan hätte, hätte ich die Interpretation des Films zwangsläufig gleich mitgeliefert. Aber genau das wollte ich vermeiden. Vielmehr wollte ich, dass der Film Fragen stellt, ohne die Antworten mitzuliefern. Das sollte kein Lehrfilm über den deutschen Terrorismus werden mit der vorgekauten Moral zum Schluss zum Mitschreiben. Das Ganze heißt DER BAADER MEINHOF KOMPLEX und nicht der „Baader Meinhof Simplex“.

Wie viel künstlerische Freiheit haben Sie sich beim Drehbuch genommen?
Gerade wenn man es mit einem Stoff zu tun hat, bei dem Menschen in realiter getötet wurden und getötet haben, dann sind Recherche und Präzision die oberste Verantwortung des Filmemachers. Einzig und allein die Figur von Horst Herolds Assistenten ist erfunden. Bei den Dialogen habe ich mich, so weit es ging, auf Originaltexte und überlieferte Inhalte gestützt. Allerdings habe ich den Polit-Jargon, der in den 70ern in der linken Szene üblich war, reduziert, einfach um die Dialoge für den heutigen Zuschauer verständlich zu halten.
        
Wie kam die Besetzung der drei Hauptrollen zustande?
Es gab nur sehr wenige Schauspieler, die für die Hauptrollen in Frage kamen. Nicht viele Schauspieler können so komplexe und changierende Figuren wie Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin spielen.  Außerdem müssen gewisse Anmutungen der realen Personen, die sie verkörpern – also z.B. das Alter - stimmen. Außerdem musste die Chemie zwischen den dreien stimmen, denn wenn diese drei sich nicht getroffen hätten, wäre der Verlauf der Geschichte wahrscheinlich ein anderer gewesen.

Im Film stehen nicht so sehr die Theorien als die Taten der RAF im Vordergrund. Warum?
Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Erstens teile ich Stefan Austs Bestreben zu fragen: Was genau ist da eigentlich passiert? Zweitens war es die RAF, die sich für den Kampf und gegen die politische Debatte entschieden hat, so ist es denn nur konsequent, dass wir im Film ähnlich vorgehen. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass sich Menschen letztendlich nicht über das definieren, was sie sagen, sondern über das, was sie tun. Hinzu kommt, die Sprache der RAF ist wie Beton.

FRAGEN AN ULI EDEL

Was hat Sie an DER BAADER MEINHOF KOMPLEX gereizt?
Als mir Bernd die Regie zu DER BAADER MEINHOF KOMPLEX anbot, war meine erste Reaktion: Wer zum Teufel sonst soll das erzählen? Das war unsere Generation. Diese Geschichte hat mich beschäftigt wie keine andere. Sie war, nicht nur für mich, die größte deutsche Tragödie der Nachkriegszeit.
Bernd und ich kennen uns seit 1970, als wir gemeinsam die Filmhochschule besuchten. Da gab es die Apo schon nicht mehr.  Aber da ich zwei Jahre älter bin als er, hatte ich die Jahre 1968 und 1969 schon an der Uni München miterlebt. Ich studierte dort Theaterwissenschaften und Germanistik,  gehörte einer politischen Theatergruppe an und rannte jeden zweiten Tag auf irgendeine Kundgebung, Versammlung oder Demonstration. Es war eine emotional extrem aufgeladene Zeit, die ich zu Beginn unseres Films auch einzufangen versuchte. Ich war ein unheilbarer Revolutionsromantiker, wie so viele damals.  Und natürlich habe ich auch die Anfänge der RAF mit grossem Interesse verfolgt. Es war spannend, dass sich da welche so weit vorwagten. Der Schock und die große Verunsicherung kamen erst 1972, als die ersten Bomben explodierten und es die ersten Toten und Verletzten gab.

Wie haben Sie sich diesem Stoff genähert?
Das war erst einmal Erinnerungsarbeit. Dann habe ich alles gelesen, was zu diesem Thema zu haben war. Ich habe mit Ex-Terroristen gesprochen, zum Teil sehr ausführlich. Allerdings erinnerten sich diese in einer Weise, die die eigene Schuld und Verstrickung abschwächte. Es ist ja schließlich auch 30, inzwischen 40 Jahre her. Das war wie bei der Generation meiner Eltern. Die haben sich schon 15 Jahre nach dem Krieg an nichts mehr erinnert, was ihre Rolle im Dritten Reich betraf. Da ist ein Verdrängungsprozess entstanden, der für sie die Dinge so zurechtgelegt hat, dass sie damit leben konnten.

Wie würden Sie Ihr Regiekonzept von DER BAADER MEINHOF KOMPLEX definieren?
Authentizität, nicht „Genrekino“, war für mich angesagt. „Cinema verite“ würden die Franzosen sagen. Alles vermeiden, was man als Regisseur im „Genrekino“ tun würde! Das heißt: Kein „Kinolicht“! Wir haben z.B. in Innenräumen mit dem vorgefundenen Licht gedreht. Wenn nötig, das vorhandene nur verstärkt. Auch keine gezirkelten Kamerafahrten oder ausgefallene Kamerapositionen. Alles wurde aus der Hand gedreht, das gab den Schauspielern größtmögliche Freiheit. Die Kamera richtete sich nach ihnen, nicht umgekehrt. Wenn irgendwie möglich, habe ich an den Originalschauplätzen gedreht –  z.B. die Polizeiübergriffe am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper Berlin, der Vietnamkongress in der TU Berlin und der RAF-Prozess im echten Gerichtssaal von Stammheim. Auf CGI, also digital erzeugte, visuelle Effekte, habe ich so weit wie möglich verzichtet.

Die Schießereien sind manchmal sehr gewalttätig, wie im Genrekino...
Wir haben uns bei der Inszenierung der Schießereien genau nach den Polizeiberichten gerichtet. So wurden beispielsweise bei der Schleyer Entführung am Tatort in den Körpern der Toten bis zu 25 Einschüsse gefunden. Die Täter gingen mit einer unbeschreiblichen Brutalität vor. Insgesamt 119 Kugeln feuerten sie auf Schleyers Begleitmannschaft. Bei Buback waren es 15 Schüsse und genau die habe ich gezeigt. Auch die Schüsse bei der Baader Verhaftung waren abgezählt. Das sind keine Erfindungen oder Übertreibungen, es wurde so viel geschossen.

Was war das für ein Gefühl, an Originalschauplätzen zu drehen?
Als wir Ohnesorgs Tod unter den Arkaden an der „Krummen Strasse“ nachgestellt haben, konnte ich das kaum inszenieren, so hat es mir die Kehle zugeschnürt. Bei den Schüssen auf Rudi Dutschke war das ganze Team so sehr emotionalisiert, dass einige vom Drehort gehen mussten. In der TU Berlin, wo der Vietnamkongress stattgefunden hat und Rudi seine berühmte Rede hält, haben die 1500 Berliner Jugendlichen im Auditorium einen ganzen Tag mit einer solchen Begeisterung „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh“ skandiert, dass man glauben konnte, die Zeit sei 40 Jahre zurückgedreht. Auch dass wir den Prozess in Stammheim drehen konnten, gab mir und den Schauspielern ein sicheres Gefühl.  Martina Gedeck, Johanna Wokalek, Moritz Bleibtreu und Niels Bruno Schmidt saßen auf denselben Bänken, auf denen schon Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe vor 30 Jahren saßen. Man unterbrach sogar für uns einen anderen Terroristenprozess, der gerade dort stattfand: bezeichnenderweise waren es diesmal Al Qaida-Mitglieder...

Gibt es eine Verbindung zwischen CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO, LETZTE AUSFAHRT BROOKLYN und DER BAADER MEINHOF KOMPLEX?
Für mich ist DER BAADER MEINHOF KOMPLEX der dritte Teil einer Trilogie über das Thema Gewalt. In LETZTE AUSFAHRT BROOKLYN ist von sozialer Gewalt, in DER BAADER MEINHOF KOMPLEX von politischer Gewalt die Rede. Und CHRISTIANE F. handelt von jener Gewalt, die wir uns selbst zufügen. Wenn man sich CHRISTIANE F. genauer anschaut, kann man in der Fixerwohnung über ihrem Bett ein einziges Bild sehen. Es ist das Portrait von Ulrike Meinhof! Ich habe es damals selbst da hin gehängt, ohne genau zu wissen, warum es gerade Ulrike sein musste. Heute weiß ich es.

FRAGEN AN STEFAN AUST

Wie kam es dazu, dass Sie das Buch „Der Baader Meinhof Komplex“ schrieben?
Ich war von 1966 bis 1969 Redakteur bei „konkret“ und kannte so eine Menge Leute, die später direkt oder indirekt mit der Roten Armee Fraktion zu tun hatten, unter anderen eben auch Ulrike Meinhof. 1970 ging ich dann zum NDR, wo ich viele Beiträge zum Thema Terrorismus produzierte. Anderen Journalisten gegenüber hatte ich dabei einen Informationsvorsprung, ganz einfach weil ich viele der Beteiligten kannte. Ich war also schon unheimlich tief in dem Thema drin und irgendwann wollte ich es dann ganz genau wissen.

Wie war Ihre Reaktion, als Bernd Eichinger Ihnen sagte, er wolle Ihr Buch verfilmen?
Meine Reaktion war: ‚Wird aber auch Zeit!’ Ich hatte schon 20 Jahre darauf gewartet, dass Bernd Eichinger mir anbietet, „Der Baader Meinhof Komplex“ zu verfilmen.

Wird der Film Ihrer Meinung nach Ihrem Buch gerecht?
In meinem Buch wollte ich nicht meine persönliche Meinung zu den darin beschriebenen Ereignissen kund tun, sondern einfach nur beschreiben, was passiert ist. Und deshalb habe ich alle verfügbaren Materialien zusammengetragen und das aufgeschrieben, was ich gefunden habe. D.h. ich habe versucht, so nah wie möglich an die Personen und tatsächlichen Fakten heranzukommen, und das ist, glaube ich, auch der Grund dafür, dass sich mein Buch so lange gehalten hat. Bei Bernd Eichinger und Uli Edel hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass sie mit dem Film das gleiche Ziel verfolgten – sie wollten, genau wie ich, die Geschichte in ihrer Differenziertheit erzählen und gleichzeitig den Kern herauskristallisieren. Und ich finde, das ist ihnen wirklich sehr gut gelungen. Schon im Drehbuch hat Bernd Eichinger die Ereignisse wirklich sehr gut und auf nachvollziehbare Weise verdichtet. Soweit ich das beurteilen kann, sind die Grundlinien der Personen und der Handlungsabläufe sehr gut getroffen worden. Ich bin von dem Film wirklich sehr beeindruckt.

Gibt es Szenen oder Stellen im Film, die Sie besonders bewegen?
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die heulen. Aber es gibt Szenen in dem Film, die mir wirklich sehr nahe gehen. Zu sehen, mit welcher Folgerichtigkeit sich Ulrike Meinhof in ihr Unheil stürzt und sich daraus nicht mehr befreien kann, hat mich am meisten bewegt. Martina Gedeck hat auch das Wesen von Ulrike Meinhofs Verhaltensweisen sehr genau getroffen. Der Film vermittelt große Authentizität und hat stellenweise sehr viel von einem Dokumentarfilm. Immer wieder sieht man Bilder, die man von Fotos oder historischen Aufnahmen her kennt – also Bilder, die mittlerweile zum historischen Bewusstsein der Republik gehören. Gleichzeitig eröffnet einem der Film eine neue Dimension der Geschichte, die man in einem Dokumentarfilm nicht zeigen kann, und das finde ich wirklich sehr beeindruckend.
        
Wie war das, sich selbst als Figur auf der Leinwand zu sehen?
Ich sah mal so ähnlich aus, glaube ich (lacht). Also, ich will mal sagen, optisch sehr ordentlich besetzt. Es gibt eine Szene, in der ich Gudrun Ensslins Eltern interviewe. In Wirklichkeit wurde dieses Interview von einem anderen Journalisten ausgeführt. Da das aber nichts am Geschichtsverlauf ändert, ist das als dramaturgisches Mittel absolut vertretbar. Aber natürlich gibt es Szenen, bei denen ich dabei war und die tatsächlich so waren. Die Demonstration beim Springer-Auslieferungspark ist unglaublich dicht dran an dem, was man selbst in dieser Nacht erlebt hat.

Es gibt immer noch die These, dass Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nicht Selbstmord begingen, sondern umgebracht wurden. Was sagen Sie dazu?
Nach dem Fall der Mauer flog auf, dass Aussteiger aus der zweiten oder dritten Generation der RAF in der DDR untergetaucht waren. Diese Aussteiger haben alle ausgesagt, und so kamen eine ganze Menge neuer Informationen zu Tage. Das Wichtigste dabei war, dass nach der Schleyer Entführung innerhalb der Gruppe sehr offen darüber geredet wurde, dass es Selbstmord war. Ich habe das damals für das Buch sehr intensiv recherchiert. Es wäre für das Buch, ich darf es mal zynisch sagen, die bessere Geschichte gewesen, wenn die RAF-Gefangenen in Stammheim ermordet worden wären. Aber alle Spuren, die auf irgendeine Art von Fremdeinwirkung hindeuteten, führten ins Leere.

FRAGEN AN MARTINA GEDECK

Was bedeutet es für Sie, Ulrike Meinhof zu spielen?
Ulrike Meinhof ist so etwas wie eine Traumrolle. Die Frau war jahrelang ein Faszinosum für mich. Dass eine ernsthafte Frau mit hohen Idealen und scharfem Verstand, die mit ihren Artikeln viele Menschen erreichte, ihre Kinder, ihren Beruf und ihre Existenz aufgibt, um mit der Waffe die Welt zu verändern, hat etwas sehr Rätselhaftes für mich.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe alles gelesen, was ich von Ulrike Meinhof und über sie finden konnte. Ich habe mich mit Leuten unterhalten, die sie kannten, habe mir Interviews und Filme über sie angeschaut, habe mich mit ihren Features beschäftigt. Und ich habe mich mit ihrer Sprechweise, ihrer Stimme beschäftigt, die sich über die Jahre sehr veränderte.

Was ist Ihre Haltung zur Person Ulrike Meinhof und zum bewaffneten Kampf der RAF?
Dieses Unbedingte, dieses „Wir müssen bis zum Äußersten kämpfen,“ dieses „Wir müssen unsere Pflicht tun und für die Gerechtigkeit kämpfen,“ ein Sendungsbewusstsein bis hin zum Fanatismus, all das hat etwas Hysterisches. Eine hysterische Bewegung, die auf eine noch nicht ganz sattelfeste demokratische Gesellschaft trifft, die ihrerseits hysterisch reagiert. Der bewaffnete Kampf der RAF war etwas, was 40 Jahre früher hätte stattfinden sollen, als Hitler zum Krieg drängte. Damals hätte man sich zur Wehr setzen und bewaffneten Widerstand aufbauen sollen. Aber in den 70er Jahren war dieses Blutvergießen und Ermorden Unschuldiger nicht nur unangebracht und grausam, sondern auch politisch falsch.

Haben Sie durch die Rolle das Rätsel „Ulrike Meinhof“ für sich lösen können?
Ich habe immer noch Fragen zu Ulrike Meinhof. Und wenn sie heute noch leben würde, würde ich gerne wissen, wie sie das heute sieht, ob ihrer Meinung nach der bewaffnete Kampf damals auch etwas gebracht hat, nicht nur Tote, Verletzte und die Verschärfung des staatlichen Überwachungssystems. Ich würde wissen wollen, wie sie damit zurecht gekommen ist, dass sie, die gegen den Atomtod und die Ungerechtigkeit gekämpft hat, den gewaltsamen Tod Unschuldiger zu verantworten hat.

Stichwort Mythos RAF – welche Rolle kann diesbezüglich der Film spielen?
Ich glaube, dass es durch den Film die Möglichkeit geben könnte, eine Schublade, die man für die Mitglieder der RAF gefunden hat, noch einmal zu öffnen und dadurch die Legendenbildung zu zerstören, und die Geschichte der RAF stärker in die Realität zu rücken. Dadurch wird das Ganze gefährlicher, aber auch wahrer.

Wie haben Sie die Dreharbeiten in Stammheim empfunden?
Es ist beim Spielen immer eine Gradwanderung zwischen Film und Leben. Und bei diesem Film war der Grad sehr schmal. Bei DER BAADER MEINHOF KOMPLEX haben wir versucht, dieses „so tun als ob“ zu vergessen. Es geht für diese Leute um Leben und Tod, und dem muss man als Schauspieler ein Stück weit folgen. Deswegen hat mir Stammheim fast den Atem genommen, denn dort war man dem, was damals passiert ist, ganz nah.
          
FRAGEN AN MORITZ BLEIBTREU

Haben Sie eine Antwort darauf gefunden, wer Andreas Baader war?
Egal, wie man seine Taten moralisch werten will, Andreas Baader ist eine Legende, die immer noch in unserem kollektiven Unterbewusstsein umhergeistert. Und Legenden sind immer Projektionsflächen für alle möglichen Ideale, Sehnsüchte und Aggressionen. Jeder – auch die, die ihn gekannt haben – hat seinen eigenen Baader im Kopf und verteidigt den bis aufs Blut.
 
Wie haben Sie Andreas Baader dann spielen können?
Ich musste die Summe dessen, was ich über Baader in Erfahrung gebracht hatte, irgendwo im Hinterkopf behalten und trotzdem vergessen und meinen eigenen Baader spielen. Für mich war das ein Mensch mit einem extremen Geltungsbedürfnis, und es gibt wenige Hinweise darauf, dass er anfangs irgendeinen intellektuellen Anspruch hatte. Er wusste zwar schon, worum es politisch ging, und hatte einen starken anti-autoritären Drang, aber sein Intellekt ist meiner Meinung nach aus der Not geboren. Als er gemerkt hat, dass er so schnell nicht wieder aus Stammheim rauskommt, hat er sich intellektuell mit Politik auseinandergesetzt und wurde zu dem politischen Anführer, zu dem ihn die RAF-Sympathisanten gemacht hatten.

Andreas Baader ist für zahlreiche Tote und Verletzte verantwortlich. Hatten Sie manchmal Bedenken, dass Sie ihn zu positiv oder zu charismatisch darstellen?
Baader muss ein wahnsinnig charismatischer, charmanter Typ gewesen sein. Durch seinen Charme und seinen Witz konnte er die Leute auf seine Seite ziehen, eben wie ein typischer Anti-Held. Am Anfang hatte er diese Anziehungskraft auf jeden Fall. So ist er im Drehbuch angelegt und so wollte ich das auch spielen. Ohne da jetzt ein moralisches Urteil fällen zu wollen, muss man doch zeigen und der Zuschauer muss verstehen, warum so viele Leute diesem Mann gefolgt sind. Ohne Sympathiepotenzial konnte er nicht so viele Leute bezirzen.

Wie war die Arbeit mit Uli Edel?
Die Arbeit mit Uli Edel war das wirklich Tolle an den Dreharbeiten. Uli ist jemand, der führt, ohne dass man merkt, geführt zu werden. Für einen Schauspieler ist das super, besonders weil Uli im richtigen Moment genau weiß, was man braucht. Wann man Ermutigung braucht und wann man in Ruhe gelassen werden muss. Vor allem aber hat man gemerkt, dass ihm der Film persönlich viel bedeutet und dass er persönlich einen großen Anspruch an seine Arbeit hat. Das Tolle war auch, dass er uns so viel von der damaligen Zeit erzählen konnte, denn er war ja dabei gewesen. Er hat es geschafft, eine Stimmung zu verbreiten, in der alle das Gefühl hatten, das, was man erzählt, war Teil seines Lebens.

FRAGEN AN JOHANNA WOKALEK

Wie haben Sie sich der Rolle der Gudrun Ensslin genähert?
Während der Dreharbeiten habe ich mich in diese fanatische Konsequenz im Denken, die meiner Ansicht nach ein wichtiger Wesenszug von Gudrun Ensslin war, hineingelebt und alles andere ausgeblendet. Ich glaube, nur so war diese Rolle zu spielen. So grausam die Taten auch waren, die Gudrun Ensslin begangen hat und die mit ihrer Billigung begangen wurden, mir war es nicht möglich, diese während der Dreharbeiten zu bewerten. Natürlich ist das Morden für mich nicht nachvollziehbar, wer kann das schon nachvollziehen? Aber ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe als Schauspielerin an, all die offenen Fragen zu Gudrun Ensslin zu beantworten. Im Idealfall wird das Publikum nach dem Film seine eigenen Antworten finden auf Fragen wie „Wie viel Kompromisslosigkeit ist vertretbar? Wie weit darf man gehen im Kampf für eine bessere Welt?“.

Was hat Sie an der Rolle gereizt?
In die Andersartigkeit dieser Person, deren Taten einem so fremd sind, einzutauchen und eine Art der Wahrheit zu finden, das ist natürlich der Reiz für einen Schauspieler. Als ich das Drehbuch gelesen habe, war meine erste Reaktion: „Wahnsinn, was war denn da alles los?“ Das Drehbuch ist ja der Versuch, die Fakten zu erzählen und zu bündeln. Die Geschichte der RAF ist extrem vielschichtig und der Film wird, denke ich, die Komplexität des Themas wieder hervorheben.

Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?
Wir mussten vor dem Dreh ein Waffentraining absolvieren. Dazu gehörte auch mit einem Maschinengewehr Dauerfeuer zu schießen. Das hat mich total gestresst. Die Gewalt einer Waffe so körperlich zu spüren war ein ganz eigenes, schreckliches Erlebnis. Auch die Szenen in Stammheim haben mich sehr angestrengt, denn der Druck, den wir in unseren Rollen aufeinander ausgeübt haben, war psychisch sehr aufreibend.

Wie viele andere Darsteller mussten auch sie während der Dreharbeiten abnehmen. Wie war das?
Dass viele von uns sozusagen auf „Hungerstreik-Diät“ waren, hat mir sehr geholfen. Dieses Gefühl von Abgezehrtheit hat einen härter gemacht, es ist mir leichter gefallen, mich in diesen Zustand der totalen Konsequenz hineinzuversetzen. Obwohl es anscheinend ohnehin so war, dass man damals Essen nicht wirklich wichtig fand. Ich habe mich mit einer der Kostümbildnerinnen unterhalten, die Mitglied der Kommune 1 gewesen war. Sie hat mir erzählt, dass sie immer alle extrem dünn waren und eigentlich fast nur geraucht und wenig gegessen haben.

Quelle: Constantin

Neuen Kommentar schreiben

Bitte anmelden oder registrieren um an dieser Diskussion teilnehmen zu können.

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.
Beliebte Neuigkeiten