Viennale08-Poster01.jpg„DER LURCH VOM HURCH“

Diesen ersten Spitznamen hat die APA vorschnell dem neuen VIENNALE Maskottchen, das die Festivalplakate des heurigen Jahres ziert, verpasst. Dabei handelt es sich laut Direktor Hans Hurch ausdrücklich nicht um einen Lurch, sondern um einen Gecko. Dieser stammt aus einem arabischen Stoffmuster und dient gewissermaßen als Glücksbringer für das heurige Festival, das vom 17. bis 29. Oktober stattfindet.

Prinzipiell ist alles beim Alten geblieben: Gartenbaukino, Metrokino, Stadtkino, Urania und Künstlerhauskino sowie das Österreichische Filmmuseum für die Retrospektive dienen als Spielorte, in der Dachzentrale der Urania finden wieder zahlreiche Konzerte, Diskussionen, Lesungen und Publikumsgespräche statt. Hans Hurch sieht es nach wie vor als Vorteil, dass das Festival über keinen Wettbewerb und kein Motto an sich verfügt. „Das Festival setzt sich aus den einzelnen Filmen wie ein Mosaik zusammen“.

Der erste Blick ins Programm offenbart zunächst wenig sensationelles, aber immerhin viel interessantes: Neben dem obligatorischen Cannes Sieger ENTRE LES MURS von Laurent Cantet gibt es den erfolgreichen österreichischen Locarno-Beitrag MÄRZ von Klaus Händl, den schwedischen Horrormix LAT DEN RÄTTE KOMMA IN von Tomas Alfredson sowie den 190 Minüter UNITED RED ARMY des Japaners Wakamatsu Koji – ein echter Pflichtfilm für Cineasten!

Im Dokumentarfilmbereich stechen besonders personenbezogene Filme hervor: JESUS CHRISTUS ERLÖSER ist für alle Kinski-Fans selbstverständlich ein Muss, außerdem sind Filme über Mike Tyson, Patti Smith und Roman Polanski angekündigt. Zu LA FORTERESSE, über ein Asylantenauffanglager in der Schweiz, meinte Hurch: „Wenn ich kein feiger Hund wäre, würd ich den als Eröffnungsfilm nehmen.“

Der Kurzfilmsektor bietet indessen neben dem neuen Film von Jean-Marie Straub, LE GENOU D’ARTEMIDE, auch 10-15 österreichische Kurzfilme. Im Gegensatz zu den letzten Jahren macht der erste Einblick ins Programm überhaupt den Eindruck, dass der Stellenwert des österreichischen Filmschaffens heuer leicht angehoben wurde.

Viennale08-Bild01.jpgWas wäre die VIENNALE ohne ihre Tributes und Special Programmes? Während letztes Jahr ein klarer Frauenfokus zu spüren war, dominieren heuer wieder die Männer: A TRIBUTE TO BOB DYLAN – kuratiert von Cyril Neyrat von den Cahiers du Cinema – zeigt nicht nur Filme von, mit und über Bob Dylan (neben den Klassikern von Pennebaker auch die unvermeidbaren I’M NOT THERE und NO DIRECTION HOME), sondern auch Filme, die nur indirekt mit Dylan zu tun haben: COCKFIGHTER von Monte Hellman oder GRANDEUR ET DÉCADENCE D’UN PETIT COMMERCE DE CINÉMA von Jean-Luc Godard. Zusätzlich sind Vorträge und Musikauftritte geplant.

Dem deutschen Filmemacher Werner Schroeter widmet sich das zweite Tribute. Schroeter zählt zu den Vertretern des Neuen Deutschen Films, ist aber heute nicht mehr so bekannt wie seine Kollegen Fassbinder, Herzog oder Kluge. Seit sechs Jahren hat Schroeter wieder einen Film fertig gestellt, NUIT DE CHIEN, und ist damit sogar auf dem Filmfestival Venedig im Wettbewerb vertreten. Die VIENNALE zeigt eine Auswahl seiner Filme – von den opernhaften Anfängen AGRILA (1968) und SALOME (1971) über die großen Erfolge PALERMO ODER WOLFSBURG (1980) und DIE ROSENKÖNIGIN (1986), bis hin zu seinem aktuellen Film. Neben einem großen Gala-Abend im Gartenbaukino in Anwesenheit des Regisseurs und einiger Freunde und Mitarbeiter wird Schauspielerin Ingrid Caven auch einen ihrer seltenen Konzertabende geben.

Zwei weitere Tributes widmen sich dem Filmemacher John Gianvito, der letztes Jahr mit PROFIT MOTIVE AND THE WHISPERING WIND auf zahlreichen Festivals Furore machte, sowie dem portugiesischen Filmemacher Miguel Gomes, über den Hurch meint, er sei einer der wenigen, die heute wirklich gute Komödien machen.

Die Retrospektive unter dem Titel LOS ANGELES – EINE STADT IM FILM ist kuratiert von Thom Andersen, seines Zeichens Regisseur der fabelhaften Doku LOS ANGELES PLAYS ITSELF, die auch schon vor ein paar Jahren auf der VIENNALE zu sehen war. Nicht nur Filme, die in seiner Doku Platz fanden, stehen auf dem Programm, auch andere, wie der wunderbare MINNIE AND MOSKOWITZ (1971) von John Cassavetes, THE SALVATION HUNTERS (1925) von Josef von Sternberg (in einer neu restaurierten Fassung) oder Amy Heckerlings FAST TIMES AT RIDGEMONT HIGH (1982). Für dieses Programm haben die Zuschauer etwas mehr Zeit – von 5. Oktober bis 5. November widmet sich das Österreichische Filmmuseum ganz der Stadt der Engel. Selbstverständlich finden auch hier wieder zahlreiche Podiumsdiskussionen und Publikumsgespräche statt.

Zum Stargast wollte sich Hans Hurch heuer noch nicht äußern – „Mir kommt vor, ich bin der Lugner der VIENNALE geworden“. Er wolle den Stargast bei der Hauptpressekonferenz am 1. Oktober vorstellen – vielleicht also doch Bob Dylan?
Insgesamt stehen der VIENNALE heuer 2,7 Millionen Euro zur Verfügung – ein Betrag, der sich nur mehr zur Hälfte aus öffentlichen Förderungen zusammensetzt. Den Rest decken zum großen Teil die Hauptsponsoren Erste Bank, A1 und Wiener Städtische ab.


Neuen Kommentar schreiben

Bitte anmelden oder registrieren um an dieser Diskussion teilnehmen zu können.

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.
Beliebte Neuigkeiten