NonPensarci-Poster01.jpgWas passiert, wenn ein Rockmusiker in eine Schaffenskrise stürzt, und zu seiner Familie aufs Land zurückkehrt, um bei ihr Halt, Verständnis und Geborgenheit zu suchen? Regisseur Gianni Zanasi, geboren 1965, gibt in seiner Familienkomödie NON PENSARCI – NICHT DRAN DENKEN einige der möglichen Antworten. Der Publikumsliebling zahlreicher Filmfestivals läuft seit 22. August in den österreichischen Kinos. Filmering.at traf den smarten Regisseur zum Gespräch.

Wie entstand die Idee zu NON PENSARCI?

Aus meinem persönlichen Zustand heraus. Ich habe schließlich seit vielen Jahren keinen Film mehr gemacht, das heißt, ich habe zwar sehr viel in dieser Zeit geschrieben, aber keinen Produzenten gefunden, der meine Stoffe auch verwirklichen wollte. In Italien ist es nämlich seit ein paar Jahren wirklich schwierig, Produzenten zu finden, die noch Rückgrat besitzen und sich auch an etwas „anspruchsvollere“ Stoffe wagen. Ich lebe in Rom, obwohl ich eigentlich aus dem Norden komme, um dort leichter Filme machen zu können und habe mir eines Tages einen E-Bass gekauft. Jetzt bin ich damit sogar in einer Band, allerdings kann niemand von uns wirklich spielen. Und da kam mir dann die Idee für die Geschichte eines Punk-Rockers, der wieder zurück in sein Familienhaus geht. Ich habe nach und nach die Personen der Handlung entwickelt und mich erst dann so richtig auf die Feinheiten der Story gestürzt.

Du hast bereits gesagt, dass das Klima in der italienischen Filmindustrie etwas schwierig ist – wie konntest du dann einen Produzenten für NON PENSARCI finden?

Es hat sich jetzt ein bisschen gebessert. Ich habe gemeinsam mit Rita Rognoni, die den Schnitt gemacht hat, und Lucio Pellegrini, einem anderen Regisseur, eine Produktionsfirma gegründet, die Pupkin Productions. Das Problem lag eher darin, die Finanzierung zu stellen. Denn in Italien gibt es zwei große Fernsehanstalten, die RAI und Mediaset – und wer die politische Situation in Italien kennt, der weiß auch, wer diese beiden Anstalten kontrolliert. Mich nervt es aber ziemlich, über die italienische Politik zu reden, weil sie meiner Meinung nach in Gebiete vordringt, in denen sie nichts zu suchen hat. Das ist ein viel größeres Problem als die Frage ob links oder rechts.

In deinem Film wird der Familie ein besonders hoher Stellenwert zugesprochen. Wie wichtig ist für dich persönlich die Familie und wie hast du dieses „Netzwerk“ an Personen in deinem Film entworfen?

Für mich ist die Familie wahrscheinlich genau so wichtig wie für jeden anderen. Sie macht uns schließlich zu dem, was wir sind und sagt uns viel über das, was wir sind oder sein wollen. Aber sie hilft uns auch zu verstehen, dass es Momente im Leben gibt, in denen man sich distanzieren muss. In Italien spricht man sehr viel von der Familie, gibt ihr aber einen etwas unrealistischen Anstrich, als etwas unantastbares, heiliges oder auch reguliertes. Das ist ziemlich ideologisch, denn wir alle wissen, dass Menschen nicht perfekt sind und Fehler machen.
Im Film habe ich sicherlich persönliche Erfahrungen einfließen lassen, oder auch die von meinen Freunden. Es war mir aber wichtiger, die Personen als Ganzes zu entwerfen und sie nicht bloß auf ihre Rollen zu reduzieren.

Wie stehts da mit der Musik? Ist italienische Rockmusik eine Inspiration für dich?

Das ist etwas schwierig zu sagen... Ich unterhalte mich gerne über Musik, weil ich auch denke, dass das Kino der Musik sehr nahe liegt. Aber ich denke da nicht an nationale Eigenheiten. Für mich ist zum Beispiel Rockmusik gut oder nicht gut – aber es ist egal, ob sie aus Norwegen, Italien oder Österreich kommt. Dasselbe gilt für mich auch im Kino. In NON PENSARCI habe ich die Stilrichtung des Indie-Rock bewusst gewählt, weil von dieser Musik auch eine gewisse Energie ausgeht, die ich im Film haben wollte. Auf der anderen Seite haben wir auch Stücke aus La Traviata von Verdi benutzt – das ist für mich die Rockmusik des 19. Jahrhunderts, wenn man so möchte. Bei der Auswahl von Musik ist mir immer wichtig, die gewünschten Emotionen auch zu treffen und zu unterstreichen.

Stefano kehrt von der Stadt zurück aufs Land, du bist einer, der vom Land in die Stadt gegangen ist. Gefällt es dir eher, am Land zu leben oder bist du doch ein Stadtmensch?

Ich glaube, ich bevorzuge das Stadtleben. Am Land weiß jeder alles von jedem, man weiß oft schon Dinge über einen, noch bevor man sie angestellt hat... so ist das. Aber im Film ist wird auch nicht wirklich das Landleben portraitiert, denn er spielt in einer Kleinstadt. Ich habe einen glaubwürdigen Ort gesucht, der nicht irgendwelche Klischees erfüllt. Und in diesem Sinne hat mir Rimini da genau das Ambiente geliefert, das ich brauchte: Ein Ort, der ziemlich untypisch im besten Sinne des Wortes ist. Man stellt sich da nicht die Frage, ob das in Nord- oder Süditalien liegt.

Wie würdest du dich als Regisseur charakterisieren? Gehst du mit deinen Schauspielern streng um?

(lacht) Weder das eine, noch das andere. Als Regisseur hat man die wichtige Aufgabe, den roten Faden durch den Film zu spinnen. Das fängt damit an, dass man auswählt, welches Handy in einer Szene von den Darstellern benutzt wird und hört schließlich mit der Wahl der Besetzung und des Teams auf. Jede Wahl, die man trifft, soll dem Verständnis der Geschichte weiterhelfen. Und auch da halte ich wenig von Klischees, wie dem Regisseur, der streng sein Ding durchzieht oder demjenigen, der alles demokratisch von seinem Team entscheiden lässt. Sagen wir es also so – die wichtigste Aufgabe besteht schon darin, überhaupt die richtigen Mitarbeiter zu finden. Man findet sie nicht immer, aber wenn man sein Team zusammen hat, dann ist das wie in einer Rockgruppe Musik zu machen. Da kann es dann auch nicht sein, dass der Gitarrist wichtiger ist als der Bassist.

Wie sieht es dann mit der Vorbereitung der Schauspieler aus? Haben die einfach das Skript gelesen und sind aufs Set gekommen, oder haben sie sich in ihre Rollen auch einleben müssen?

Selbstverständlich. Anita hat beispielsweise einige Wochen in einem Wasserpark mit Delfinen gearbeitet. Und Valerio hat seine Musik tatsächlich selbst gespielt – auch dafür hat er sich vorbereiten müssen.

Wo denkst du, dass sich dein persönlicher Stil am ehesten äußert? Beim Schreiben eines Drehbuchs oder wenn du am Set einen Film drehst?

(denkt nach) Das ist wirklich eine schwere Frage. Schau, ich kann das gar nicht so einfach sagen, besonders nicht bei einem Film, der erst so kurze Zeit zurückliegt. Ich bräuchte vermutlich eine größere zeitliche Distanz, vielleicht kann ich das in drei oder vier Jahren beantworten. (lacht)

Gibt’s auch ein paar Lieblingsfilme?

Ein Film der letzten Jahre, den ich wirklich äußerst genossen habe, was ETERNAL SUNSHINE OF A SPOTLESS MIND. Er hat mich sehr stark berührt, weil es ein echtes „Original“ ist – ein frischer und jugendlicher Film.

Noch eine – wenn auch nicht ganz ernst gemeinte Frage – zu deinem Film: Wie ist es möglich, dass in einem italienischen Film, in dem es um eine insolvente Firma geht, ein Gewerkschafter nur einen Mini-Auftritt hat?

Na ja, mein Hauptaugenmerk lag schon auf der Familie. Die Firma sollte lediglich als ein Faktor, der eine gewisse Stabilität – auch in ökonomischer Hinsicht – vermittelt, bestehen. Und diese Stabilität wird bedroht, die Arbeiter können nicht mehr bezahlt werden und schließlich tritt eben die Gewerkschaft auf den Plan. Mir gefiel besonders, wie der Schauspieler, Naterino Barasso – in Italien vor allem aus Fernsehkomödien bekannt – an die Rolle heranging und sie trotz seines kurzen Auftritts durch sehr feine Gesten mit sehr viel Glaubhaftigkeit erfüllte. 

Wie denkst du über den Film – findest du, er ist mehr eine Komödie oder mehr ein Drama?

Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Ich denke auch hier, dass man möglichst vorurteilsfrei an die Sache herangehen sollte. Vielleicht gibt es in unserem Gehirn irgendwelche Zonen, die uns sagen, der Film sei mehr ein Drama, denn der komödiantische Aspekt weicht doch sehr stark von dem, was man unter einer typischen Komödie versteht, ab. Aber wie schon mal gesagt, denke ich selten in solchen Schubladen. Für mich hebt sich eine Komödie dadurch vom Drama ab, dass sie ihren Personen mehr Freiheiten zugesteht und sie sich leichter verändern können.

Wir haben darüber schon zu Beginn etwas gesprochen – mir scheint es fast so, dass sich das italienische Kino sehr auf der Stelle bewegt. Im Ausland bekommen wir nur Komödien zu sehen, von denen viele sogar den Anschein haben, sie seien produziert, um auch in anderen Ländern erfolgreich zu sein. Gibt es deiner Meinung nach eine kreative Krise, oder bekommen wir einfach nur zu wenig zu sehen?

Von der Krise im italienischen Kino höre ich bereits, seit ich ein kleiner Junge war. Daher interessiert es mich ehrlich gesagt nicht. Es ist ein bisschen so, wie ich es dir vorher gesagt habe: Wenn ich mir „Yesterday“ anhöre, dann ist das für mich kein englisches Lied, sondern einfach nur ein Lied. Das hat auch damit zu tun, dass wir in Europa leben. Ich finde, man sollte überhaupt verstärkt von europäischen Filmen sprechen. Es ist zwar schön und gut, wenn Filme aus verschiedenen Ländern von ihren Eigenheiten erzählen, aber mir gefallen sie nur dann, wenn sie auch den Atem des Kinos an sich innehaben. Und der ist unabhängig von Hautfarbe oder Nationalität.

Wie war das dann gestern bei der Premiere deines Films in Wien?

Ich war nicht den ganzen Film da, aber ich empfand eine sehr große Wärme, die man sowohl mir als auch dem Film entgegenbrachte.

Das Interview führte Florian Widegger.

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