letters01Da Letters From Iwo Jima am 11. Februar auf der Berlinale Europapremiere feierte und unser passendes Review zum Film vorraussichtlich am Freitag online geht, finden sie hier ein großes Special zum Oscarnominierten Clint Eastwood Film.

 

 

INHALT

Vor 62 Jahren trafen die amerikanischen und japanischen Truppen auf Iwo Jima aufeinander. Jahrzehnte später fand man Hunderte von Briefen in der Erde der kargen Insel. Durch diese Briefe bekommen die Männer, die dort unter Führung ihres außergewöhnlichen Generals gekämpft haben, ein Gesicht, eine Stimme.

 

Als die japanischen Soldaten nach Iwo Jima geschickt werden, wissen sie, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zurückkehren werden. Zu ihnen gehört der Bäcker Saigo (Kazunari Ninomiya), der nur überleben möchte, um einmal seine neugeborene Tochter zu sehen; Baron Nishi (Tsuyoshi Ihara), siegreicher Reiter bei den Olympischen Spielen, der sich mit seinen Fähigkeiten und seiner Aufrichtigkeit weltweit einen Namen gemacht hat; der ehemalige Militärpolizist Shimizu (Ryo Kase), dessen Idealismus sich noch nicht in der Realität des Krieges bewähren musste; und der überzeugte Soldat Leutnant Ito (Shidou Nakamura), der eher Selbstmord begehen als sich ergeben würde.

 

Befehligt werden die Verteidiger von Generalleutnant Tadamichi Kuribayashi (Ken Watanabe), der Amerika bereist hat und deshalb weiß, dass sein Land keine Chance hat. Allerdings ist er dadurch strategisch versiert genug, um die auf dem Pazifik herannahende amerikanische Armada wirkungsvoll zu empfangen.General Kuribayashi standen zur Verteidigung wenig mehr als sein eiserner Wille und das Vulkangestein der Insel zur Verfügung. Doch die erwartete schnelle und blutige Niederlage verwandelte sich durch seine neuartige Taktik in einen heldenhaften, unerbittlichen Kampf, der fast 40 Tage dauern sollte.

 

Fast 7000 amerikanische Soldaten fielen auf Iwo Jima; über 20.000 Japaner kamen dort um. Der schwarze Sand von Iwo Jima ist von ihrem Blut durchtränkt. Doch ihre Opferbereitschaft, ihre Anstrengungen, ihr Mut und ihre Empfindungen leben weiter - in den Briefen, die sie nach Hause schrieben. Oscar-Preisträger Clint Eastwood („Million Dollar Baby", „Erbarmungslos") erzählt die unbekannte Geschichte der japanischen Soldaten und ihres Generals, die die Insel Iwo Jima vor 62 Jahren gegen die amerikanischen Invasoren verteidigten.

 

Bei seinen Bemühungen, ein Ereignis zu beschreiben, das beide Kulturen nach wie vor beschäftigt, fürchtete Clint Eastwood, dass ein Film allein - „Flags of Our Fathers" - nur die halbe Wahrheit berichten kann. Mit diesem beispiellosen Doppelfilm-Projekt, das unmittelbar hintereinander gedreht wurde und in zwei Teilen nacheinander ins Kino kommt, möchte Eastwood die Schlacht von Iwo Jima - und indirekt den gesamten Krieg im Pazifik - nicht nur als militärische Auseinandersetzung, sondern als Zusammenstoß zweier Kulturen darstellen.

 

Die Geschichten in „Letters From Iwo Jima" und „Flags of Our Fathers" sind nicht die gleichen, sie werden aus verschiedenen Blickwinkeln und in verschiedenen Sprachen erzählt, doch mit beiden erweist Eastwood all jenen die Ehre, die auf beiden Seiten des Konflikts ihr Leben ließen. Der Regisseur möchte die Story aus beiden Perspektiven berichten und mit ein bisschen Glück auf diese Weise einen neuen Blickwinkel finden, aus dem man diesen erschütternden Moment unserer gemeinsamen Geschichte betrachten kann.

 

ÜBER DIE PRODUKTION

Die zwei Seiten der Medaille

letters3„Diese Männer haben ihr Leben gegeben, um ihre Heimat zu verteidigen: Ihre Vorgesetzten glaubten, damit die Invasion der japanischen Hauptinseln zu verzögern", sagt Clint Eastwood, der mit der Arbeit an „Letters From Iwo Jima" kurz nach Abschluss der Dreharbeiten zum filmischen Pendant „Flags of Our Fathers" (Flags of Our Fathers) begann. „Ich halte es für wichtig, dass die Zuschauer - nicht nur in Japan, sondern überall - erfahren, was für Menschen das waren."

 

Mit den zwei Filmen möchte Eastwood eine komplette Darstellung beider Seiten des Konflikts präsentieren, indem er sich auf eine Hand voll Einzelschicksale konzentriert und die Schlacht durch das Prisma ihrer individuellen Erfahrungen reflektiert. „In den Kriegsfilmen meiner Jugend war die Welt meist klar in die Guten und die Bösen aufgeteilt", stellt Eastwood fest. „Das hat aber mit dem wirklichen Leben, mit dem wahren Krieg nichts zu tun. In meinen Filmen geht es nicht um Sieg oder Niederlage. Es geht um das, was der Krieg in den Menschen anrichtet, es geht um jene, die viel zu früh sterben müssen."

 

Bei der Vorbereitung von „Flags of Our Fathers" studierte der Filmemacher die Unterlagen über die geografischen und historischen Umstände, unter denen der Zweite Weltkrieg im Pazifik ausgefochten wurde. „Dabei begann ich mich sehr für die einzigartigen Verteidigungsmaßnahmen zu interessieren, die General Kuribayashi auf der Insel durchführte", berichtet Eastwood. „Die amerikanischen Streitkräfte konnten nicht begreifen, wie die Japaner das ungeheure Bombardement durch die Navy und das Air Corps der Navy aushalten konnten."

 

Weil Kuribayashi angesichts der gewaltigen amerikanischen Armada eine praktisch zum Scheitern verurteilte Aufgabe zu bewältigen hatte, benutzte er bei seiner Verteidigungsstrategie buchstäblich den schwarzen vulkanischen Boden der Insel selbst - indem er ein Wabensystem aus 5000 Höhlen und Maschinengewehrnestern mit Tunneln von fast 30 Kilometer Länge verband: So konnten die zahlenmäßig weit unterlegenen japanischen Truppen die Amerikaner ins Visier nehmen. Sein Befehl: Jeder einzelne seiner Männer musste zehn Feinde töten, bevor er selbst fiel. Der General persönlich lehnte den Krieg gegen Amerika ab, denn er schätzte dieses Land sehr. Aber dennoch kämpfte er leidenschaftlich und mit Überzeugung. „Ich fragte mich, was für ein Mensch das war, der diese Insel auf derart grausame, aber auch sehr clevere Art verteidigte", sagt Eastwood. „Indem er Tunnel graben ließ und alles unter die Erde verlegte, wich er von den damals üblichen japanischen Verteidigungsstrategien ab. Meistens wandte man die Brückenkopf-Verteidigung an und setzte eine Menge Artillerie von See her ein. Aber in dieser speziellen Schlacht war das unpraktisch. Bei den eigenen Truppen stieß er mit seiner Methode der Inselverteidigung auf großen Widerstand. Viele seiner Offizierskollegen hielten ihn für verrückt, als er die Tunnel graben ließ."

 

Um mehr über die Persönlichkeit hinter dieser Strategie zu erfahren, ließ Eastwood eine Reihe japanischer Bücher übersetzen. Er stieß auf eine Briefsammlung von General Kuribayashi selbst: „Bildbriefe des Kommandeurs" von Tadamichi Kuribayashi, herausgegeben von Tsuyuko Yoshida im Verlag Shogakukan-Bunko. „Er schrieb diese Briefe an seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn", erklärt Eastwood. „Viele schickte er aus den USA, wo er Ende der 20er- und Anfang der 30er-Jahre als Gesandter tätig war. Er war ein sehr sensibler Mann, ein Familienmensch, der seine Lieben sehr vermisste. Diese Briefe geben ein gutes Charakterbild ab."

Als Drehbuchautorin Iris Yamashita, eine japanischstämmige Amerikanerin der zweiten Generation, dieses Buch später las, war sie von der Persönlichkeit des Generals ebenso stark beeindruckt. „Ich las die Briefe und hatte den gleichen Eindruck wie Clint, als sie ihn zu dem Film inspirierten", berichtet sie. „Es war kaum zu fassen, dass dieser warmherzige, liebevolle Vater der verantwortliche japanische General auf Iwo Jima war. Die Briefe enthalten Kritzeleien, Karikaturen, sind von einer humorvollen Stimmung geprägt. Man merkt deutlich, wie sehr er seinen Sohn liebt und vermisst."

 

letters4„General Kuribayashi war ein ganz außergewöhnlicher Mann", fährt Eastwood fort. „Alle Quellen schildern ihn als sehr fantasievollen, schöpferischen und einfallsreichen Menschen." Bei den Nachforschungen über die jungen Männer unter Kuribayashis Befehl wurden auch ihre Gesichter und Stimmen lebendig. „Die jungen zwangsrekrutierten Soldaten auf der Insel ähnelten den Amerikanern sehr", sagt Eastwood. „Sie hatten sicher kein großes Interesse, in diesem Krieg zu kämpfen. Man schickte sie dort hin und sagte ihnen gleich, dass sie keine Pläne für die Rückkehr machten sollten. So etwas könnte man keinem Amerikaner direkt ins Gesicht sagen. Die meisten ziehen in den Kampf und denken: ,Klar wird das gefährlich, ich könnte dabei draufgehen, aber ich habe auch die Chance, wieder nach Hause zu kommen und ein normales Leben zu führen."

 

Im Falle der jungen Japaner war das nicht so. „Sie wussten, dass sie diese Insel höchstwahrscheinlich nicht mehr verlassen würden", sagt Eastwood. „Ich persönlich habe große Schwierigkeiten, mich in diese Mentalität hineinzudenken. Aber ich versuche sie zu begreifen, und ich las so viel wie möglich über sie und ihre Erfahrungen."Auch Yamashita setzte sich mit den schriftlichen Quellen der japanischen Verteidiger auseinander und lernte dadurch etliche der Männer sehr gut kennen, die das Schicksal 1945 auf die Insel verschlagen hatte. „Die Erzählstruktur ergab sich wie von selbst", erinnert sie sich. „So als ob die Figuren darum bettelten, ihre Geschichte erzählen zu dürfen."

 

Yamashita wurde von Eastwoods Mitarbeiter Paul Haggis zu dem Projekt hinzugezogen. Haggis hatte zuvor „Million Dollar Baby" (Million Dollar Baby) geschrieben und war an „Flags of Our Fathers", dem filmischen Pendant zu „Letters From Iwo Jima", als Co-Autor beteiligt. (Diesmal wird er im Vorspann nicht nur neben Yamashita als Co-Autor der Story genannt, sondern auch als Executive Producer.) Haggis erinnert sich, wie begeistert Eastwood von dem Doppelfilm-Projekt war: „Immer wenn er von den beiden Projekten sprach, leuchtete sein Gesicht auf. Er kniet sich gern in die Vorbereitungsarbeit hinein, erforscht gern historische Hintergründe. Er begeistert sich für geschichtliche Details, entdeckt dabei Einzelheiten, die uns unbekannt waren, vor allem in Bezug auf die japanische Perspektive: viele Dinge, die vor der Schlacht auf der Insel passiert sind, auch persönliche Eigenarten und komische Situationen."

 

„Paul hat Iris Yamashita als Autorin des Drehbuchs engagiert", erklärt Eastwood. „Sie lieferte ein Skript, das den Persönlichkeiten der Männer, um die es uns geht, gerecht wird, aber sie bringt sie uns auch menschlich näher."Yamashita gab sich größte Mühe, die Geschichte absolut authentisch zu erzählen. „Mir war durchaus bewusst, dass ich mich zwischen den tatsächlichen Ereignissen und den politischen Implikationen der Geschichte auf schmalem Grat bewege", erklärt sie.

 

Eastwood und Produzent Robert Lorenz flogen mit Yamashitas Drehbuch nach Tokio. „Wir diskutierten Iris' Skript mit etlichen Iwo-Jima-Experten, um uns die präzise Darstellung der behandelten historischen Ereignisse bestätigen zu lassen", erinnert sich Lorenz. „Durch Vermittlung von William Ireton [President & Representative Director von Warner Entertainment Japan] lernten Clint und ich den Enkel von General Kuribayashi, den Sohn von Baron Nishi und den Leiter der Veteranenvereinigung von Iwo Jima kennen. Alle reagierten enthusiastisch auf das Projekt, kommentierten selbst das Geschehen und lieferten auch detaillierte Informationen, die die Story noch authentischer machen."

 

Die fertige englische Fassung des Skripts wurde dann an mehrere japanische Übersetzer geschickt, und die jeweils besten Passagen der Übersetzungen fügte man schließlich zu einem japanischen Drehbuch zusammen. „,Letters‘ ist als Projekt sehr innovativ", freut sich Yamashita. „Der Film ist Teil eines Konzepts, das es noch nie gab. Ich möchte den Figuren in der Story ein Denkmal setzen, wie es ohne diese Geschichte nicht möglich wäre." Bei seinem ersten Besuch in Japan bat Eastwood den Gouverneur von Tokio, Shintaro Ishihara, um Dreherlaubnis für Iwo Jima, das verwaltungstechnisch zum Stadtbezirk Tokio gehört, auch wenn die Insel 1100 Kilometer entfernt liegt. Gouverneur Ishihara hat sich vor seiner politischen Laufbahn als Schauspieler, Regisseur und preisgekrönter Romanautor profiliert. Er unterstützte Eastwoods Doppelprojekt „Letters From Iwo Jima" und „Flags of Our Fathers" mit großem Engagement.

 

„Ihm gefiel die Idee, vor Ort zu drehen - aber wir sollten die Gebiete mit geweihtem Boden nicht betreten", berichtet Eastwood. „Ihm hätte wohl nicht gefallen, was wir an Pyrotechnik für den Dreh auf der Insel vorgesehen hatten. Deshalb verlegten wir die Aufnahmen an die Strände auf Island, wo auch ,Flags‘ entstand."Als Eastwood dann doch die Insel selbst besuchte, war der erfahrene Filmemacher tief bewegt. „Das war ein schönes Erlebnis", erinnert er sich. „Es hat mich stark bewegt, über die Insel zu gehen, wo im Krieg auf beiden Seiten so viele Mütter ihre Söhne verloren haben."

 

Monate später kehrte er mit einem kleinen Team und Schauspieler Ken Watanabe noch einmal auf die Insel zurück, um in den Höhlen, auf den Stränden und an weiteren Schauplätzen zu drehen, zum Beispiel am Fuß des kahlen Wahrzeichens der Insel, des mächtigen Mount Suribachi, auf dem die Amerikaner die Flagge hissten. Dort entstand das berühmte Foto, wie in „Flags of Our Fathers" dargestellt.

 

Zusammenstoß der Nationen

Im Juni 1944, als sich das Kriegsglück unaufhaltsam gegen die Japaner wendet, betritt ein neuer Kommandeur Iwo Jima - Generalleutnant Tadamichi Kuribayashi der kaiserlichen Armee (Ken Watanabe), eine Persönlichkeit, der auch heute noch beiderseits des Pazifiks Respekt gezollt wird als jener japanische Kommandeur, der den amerikanischen Truppen im Pazifik den erbittertsten Widerstand leistete.

 

Da Kuribayashi in Amerika studiert hatte, kannte er die militärische und technologische Macht des Westens sehr genau. In seine Hände legte Japan das Schicksal Iwo Jimas, jener Inselgarnison, die als letztes Bollwerk in der Verteidigung der Nation galt. Im Unterschied zu allen Kommandeuren, die die Mannschaften und Offiziere bisher erlebt haben, modernisiert Kuribayashi den militärischen Betrieb auf Iwo Jima sofort, setzt bei der seit Jahren angewendeten improvisierten Taktik auf diesem Außenposten neue Schwerpunkte und reduziert die unfaire körperliche Züchtigung von Untergebenen.

 

In der infernalischen Hitze und schwefelgeschwängerten Luft auf Iwo Jima überwacht Kuribayashi den Bau einer unterirdischen Festung, die aus einem Tunnellabyrinth besteht - es wird in den schwarzen, vulkanischen Fels der Insel getrieben. Obwohl die Tunnel unter grausigen Bedingungen entstanden, weil die Männer nur ungenügend mit Nahrung und Wasser versorgt wurden, verschafften sie den Truppen den unbedingt notwendigen strategischen Vorteil gegenüber den massiven amerikanischen Truppenverbänden, die zu diesem Zeitpunkt bereits in Richtung Iwo Jima unterwegs waren. Am 19. Februar 1945 strömten diese Streitkräfte schließlich auf den Strand.

 

Angesichts der überwältigenden Überzahl der Invasoren erwartete man, dass die Japaner nicht länger als fünf Tage durchhalten würden. Doch durch Kuribayashis revolutionäre Taktik verwandelte sich die Invasion in eine historische Schlacht, die über einen Monat dauerte. Mitten im Krieg, in dem der Tod als ehrenvoll gilt, befiehlt General Kuribayashi seinen Männern, um ihr Leben zu kämpfen, bis zum Ende durchzuhalten, die Insel kompromisslos zu verteidigen und die Kräfte der Amerikaner so lange wie möglich zu binden, um die japanische Heimat und die Familien daheim zu schützen.

 

Die Darstellung dieses vielschichtigen, hervorragenden Taktikers von Iwo Jima vertraute Eastwood dem Oscar-Kandidaten Ken Watanabe an, den er seit seinen Rollen in „Memoirs of a Geisha" (Die Geisha) und „The Last Samurai" (Last Samurai) bewunderte. „Wir haben uns vor einigen Jahren bei der Oscar-Verleihung kennengelernt", erinnert sich Eastwood. „Mich beeindruckte nicht nur sein schauspielerisches Können, sondern auch seine Persönlichkeit. Er wirkt privat genauso überzeugend wie auf der Leinwand - deshalb wusste ich, dass er das Zeug dazu hatte, General Kuribayashi zu spielen."

 

letters6Der weltweit renommierte Schauspieler war überrascht zu erfahren, dass General Kuribayashi zu den wenigen japanischen Offizieren gehörte, die die Vereinigten Staaten sehr gut kannten. „Er studierte in den USA und in Kanada, war pro-amerikanisch eingestellt, hatte viele amerikanische Freunde", berichtet Watanabe. „Er hat mit ganzer Kraft um sein Leben, für sein Land und seine Familie gekämpft, aber er stand auch vor dem Dilemma, dass er gegen einen Freund kämpfen musste, gegen die Vereinigten Staaten."

Watanabe war von dieser Persönlichkeit hinter der historischen Schlacht fasziniert und engagierte sich intensiv für die Rolle, machte aufgrund seiner eigenen Recherchen sogar der Drehbuchautorin Vorschläge. „Ken besuchte General Kuribayashis Heimatort, lernte seine Familie kennen und nahm ein Gefäß mit Wasser mit, das er am Denkmal für General Kuribayashi auf der Insel platzierte - so ehrt man in Japan traditionell die Verstorbenen", erklärt Produzent Lorenz.

 

Als der Zeitpunkt kam, dass Watanabe auf der Insel selbst vor die Kameras treten sollte, war der Schauspieler emotional tief ergriffen. „Er sagte sogar, er sei froh, dass die meisten Szenen zu dem Zeitpunkt in Los Angeles bereits abgedreht waren", erinnert sich Lorenz. „Er war gefühlsmäßig so mitgenommen, dass er fürchtete, nach der Erfahrung vor Ort auf Iwo Jima die Rolle nicht weiter spielen zu können." Eastwood und seine langjährige Mitarbeiterin, die inzwischen verstorbene Besetzungschefin Phyllis Huffman, arbeiteten mit dem in den USA tätigen japanischen Besetzungschef Yumi Takada und mit Warner Entertainment Japan zusammen, um geeignete Darsteller für den Film auszusuchen.

 

„Ich kannte kaum einen der Darsteller, deswegen schaute ich mir ihre Filme und ihre Videotests an", sagt Eastwood. „Das Schauspielhandwerk ist allerdings überall dasselbe. Wer mich überzeugt, der überzeugt mich auch, wenn ich die Sprache nicht verstehe." Kazunari Ninomiya erfreut sich als Mitglied der Popgruppe Arashi großer Beliebtheit und hat sich auch als Fernseh- und Bühnendarsteller einen guten Ruf erworben - er übernimmt die Rolle des gutmütigen Obergefreiten Saigo, der seiner geliebten Frau Hanako (Nae) verspricht, er werde am Leben bleiben und vom Schlachtfeld zurückkehren, denn er will wenigstens einmal seine neugeborene Tochter sehen. „Ich spiele einen ganz normalen Bäcker, der in eine Situation gerät, in der er unmenschlich handeln muss, um sein eigenes Leben zu retten", sagt Ninomiya.

 

Saigo gehört zu den Soldaten, deren brutale Bestrafung Kuribayashi verbietet. Durch diese Gnade spürt er neuen Lebenswillen in sich. „Der Krieg ist derart grausam, dass er nichts übrig lässt - die Kriegsnarben verschwinden niemals", sagt Ninomiya. General Kuribayashis Art, die Konventionen auf den Kopf zu stellen, bringt einige altgediente Offiziere gegen ihn auf, aber er schafft sich dadurch auch zuverlässige Verbündete wie Oberstleutnant Takeichi Nishi (Tsuyoshi Ihara), einen bekannten Aristokraten, der 1932 als Reiter bei den Olympischen Spielen in Los Angeles eine Goldmedaille gewann. Die Rolle des Baron Nishi übernahm Tsuyoshi Ihara - er stieg in Japan mit Filmen wie „Han-ochi" und „Minna no Ie" zum Star auf, profilierte sich aber auch mit der Bühnenrolle in „Rouningai". „Bei den Olympischen Spielen wurde der Baron zum Ehrenbürger von Los Angeles ernannt", berichtet Ihara. „Er war in Amerika sehr bekannt und beliebt. Deshalb hieß es in Japan, man sollte Baron Nishi allein in die Vereinigten Staaten schicken - er hätte auf diplomatischem Parkett viel mehr Erfolg gehabt als die meisten echten Diplomaten."

 

letters2Wie General Kuribayashi sah auch Baron Nishi die Amerikaner als seine Freunde an. Tatsächlich entdeckten die Filmemacher bei ihren Nachforschungen die Geschichte des amerikanischen Filmemachers Sy Bartlett, der Baron Nishi damals in Los Angeles kennengelernt hatte. „Bartlett traf auf Iwo Jima ein, nachdem die Amerikaner sich dort festgesetzt hatten, und erfuhr, dass sich sein Freund Baron Nishi auf der Insel befand", erklärt Lorenz. „Also ließ er ihn über die Lautsprecheranlage ausrufen und bat ihn, sich zu ergeben."

„Ich würde gern wissen, was er empfunden hat, als er die Durchsage der US-Army hörte, die etwa den Wortlaut hatte: ,Baron Nishi, Sie sind unser Freund, bitte kommen Sie heraus!‘" sagt Ihara. „Es wäre schön, wenn wir mit diesem Film deutlich machen könnten, warum die Menschen sich bekämpfen."

 

Der Stabsgefreite Shimizu, ein junges und idealistisches ehemaliges Mitglied der Militärpolizei in Tokio, muss im Krieg eine harte Lektion lernen - er wird von Ryo Kase dargestellt, der mit seinen außergewöhnlichen Auftritten in Filmen wie „Pacchigi!", „Antenna" und „Scrap Heaven" bekannt wurde. „Shimizu entdeckt, dass er die Wahl hat und Dinge ändern kann - er hält sich nicht an seine Ideale, gibt sie aber auch nicht vollständig auf -, sogar in Situationen, in denen Ideale nichts mehr wert sind", sagt Kase. „Ich finde, dass er in dieser Situation sehr mutig die richtige Wahl trifft."

 

Während der Dreharbeiten versetzte Kase sich in die Lage des Mannes, den er darstellt: „Ich spürte das übermächtige Gefühl, nie sterben zu wollen. Während des Drehs wollte ich unbedingt uralt werden. Und jetzt merke ich, dass ich mir diese Empfindung mein ganzes Leben lang bewahren sollte."

 

Shidou Nakamura ist ein berühmter Kabuki-Darsteller, der sich auf der Leinwand mit seiner Hauptrolle in dem Film „Yamato" profilierte. Weitere Rollen übernahm er in „Ping-Pong" und „Ima Ai ni Yukimasu", und international bekannt wurde er neben Jet Li in „Fearless" (Fearless). Hier spielt er Leutnant Ito, einen Offizier traditionellen Zuschnitts, der Kuribayashis unkonventionelle Strategie zunächst ablehnt. „Er ist ein strenger Krieger, der für die Laufbahn des Berufsoffiziers erzogen und ausgebildet worden ist", sagt Nakamura. „Sogar in dieser aussichtslosen Lage würde er sich als Mann von Ehre eher selbst das Leben nehmen als durch Rückzug sein Leben zu retten. Man kann Mitleid mit Ito haben, aber ich finde, dass er sehr menschlich handelt."

 

Als die Dreharbeiten begannen, gab es praktisch keine Sprachbarriere zwischen dem amerikanischen Regisseur und seinen japanischen Darstellern: Sie verständigten sich offenbar jenseits des gesprochenen Wortes. „Ich muss sagen, dass dieses Schauspielerensemble mit allen mithalten kann, die bisher mit mir gearbeitet haben", sagt Eastwood. „Ich habe zuvor schon mit recht guten Schauspielern zu tun gehabt, aber die Arbeitsmoral dieser Gruppe war absolute Spitze. Die Arbeit lief sehr locker und angenehm, obwohl ich kein Wort von dem verstand, was sie sagten", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

 

Die Schauspieler empfanden den Film als wunderbare Gelegenheit, mit dem Meister an einem Projekt zu arbeiten, das ihnen allen viel bedeutet. „Für mich als Schauspieler, vor allem aber als Mensch war die Arbeit mit Clint Eastwood eine kostbare, sehr schöne Erfahrung", sagt Tsuyoshi Ihara. „Clint Eastwood und das gesamte Team bemühten sich, einen wirklich hervorragenden Film zu drehen. Das prägte die Stimmung am Set. Sie haben uns sehr freundlich aufgenommen und behandelt. Auch wenn wir aus einer anderen Kultur stammen und eine andere Sprache sprechen, sollte das bei der Arbeit von Schauspielern und Schauspielerinnen keine Rolle spielen. Mehrfach habe ich gewagt, eigene Vorschläge zu machen, und er akzeptierte sie. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen."

 

Shidou Nakamura stimmt ihm zu. „Der Dreh kam mir vor wie eine längere Unterhaltung", sagt er. „Wir haben uns ganz natürlich in unsere Darstellung eingebracht." Dazu die Schauspielerin Nae, die Saigos Frau spielt: Als ich ,Million Dollar Baby‘ sah, träumte ich davon, in seinem Film mitzuwirken. Es war tatsächlich traumhaft, unter seiner Regie zu arbeiten. Er ist ein sehr sanfter, hervorragender Regisseur."

 

letters7Eastwoods Gewohnheit, die Ausgestaltung der Rollen den Schauspielern selbst zu überlassen, ist laut Executive Producer Paul Haggis eine besondere Gabe des Regisseurs: „Er liebt die Haiku-Philosophie. Er spürt die Emotionen in einer Szene auf, überlässt die Umsetzung aber den Schauspielern in ihrem Bereich selbst - das ist eine Kooperation unter Künstlern. Das ist Teamarbeit. Und wahrscheinlich mögen ihn die Kreativen gerade deshalb. Die Schauspieler mögen ihn, und die Autoren auch. Er erwartet immer Höchstleistungen von uns. Das heißt, er fordert sie, doch dann akzeptiert er, was wir liefern. Und dann geht er über zur nächsten Szene - eine wunderbare Art, Filme zu machen."

 

Obwohl die Schauspieler auch Szenen mit den unaussprechlichen Brutalitäten des Krieges darstellen mussten, gab Eastwood ihnen genügend Zeit, die wahrhaften Momente in Ruhe auszuloten. „Er hörte sich meine Meinung an und hat sie oft übernommen", erinnert sich Ken Watanabe. „In der Hinsicht war er wie ein Vater zu mir. Die Stimmung am Set ist immer freundlich, konzentriert, intelligent und in jeder Phase sehr angenehm."Wie in „Flags of Our Fathers" werden in „Letters From Iwo Jima" Schlachtsequenzen verwendet, die auf den schwarzen isländischen Sandstränden und auf Iwo Jima selbst entstanden. Weitere Szenen des Films wurden in den Warner-Bros.-Studios sowie an Schauplätzen in und um Los Angeles gedreht.

 

Echos der Vergangenheit

Eastwood hat noch nie einen Kriegsfilm dieser Größenordnung gedreht - von einer Doppelproduktion ganz zu schweigen. „Letters From Iwo Jima" erlaubt ihm, den Soldaten auf ganz persönliche Weise Tribut zu zollen, ohne die politischen Aspekte des Krieges zu behandeln.

 

„12.000 Japaner werden auf Iwo Jima immer noch vermisst", sagt Eastwood. „Diese Menschen verdienen meiner Meinung nach eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal, einen gewissen Respekt - genauso wie ihn die amerikanischen Truppen verdient haben. Ich bin entsetzt über das, was auf beiden Seiten in jenem Krieg und in allen Kriegen geschehen ist und geschieht. Eine furchtbare Anzahl Unschuldiger wird in solchen Situationen geopfert, und wenn wir mit diesen jungen Schauspielern heute ein wenig von jenen Lebensläufen erzählen können, dann aus Ehrerbietung vor jenen Menschen, die ihr Leben für ihr Land geopfert haben."

 

„Natürlich ist uns im Grunde klar, dass der Krieg ein großes Übel ist", fügt Ken Watanabe hinzu. „Aber im Alltag kommt es eigentlich recht selten vor, dass wir den Krieg aus ganzem Herzen hassen. Doch wenn wir miterleben, was dort geschehen ist, was dort wirklich vor sich ging, dann werden wir nie wieder zulassen, dass unsere Söhne und Ehemänner in den Krieg ziehen."

 

Eastwood hat den Zweiten Weltkrieg nur als Teenager miterlebt, „aber ich erinnere mich, wie froh ich war, als er vorbei war", berichtet er. „Auf der ganzen Welt sehnten sich die Menschen nach Frieden. Ich hoffe nur, dass wir alle den Frieden zu unseren Lebzeiten möglichst umfassend genießen dürfen."

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