RobertZimmermann-Poster01.jpgInterview mit Maruschka Detmers

Die niederländische Schauspielerin Maruschka Detmers ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Dennoch wurde es in den letzten Jahren ruhig um die Frau, die von Jean-Luc Godard für seinen CARMEN X entdeckt wurde und die wenig später mit einer Fellatioszene in Marco Bellocchios IL DIAVOLO IN CORPO Furore machte. Jetzt erscheint nach langer Zeit mit Leander Haussmanns ROBERT ZIMMERMANN WUNDERT SICH ÜBER DIE LIEBE wieder ein Film mit ihr in den österreichischen Kinos. Maruschka Detmers hätte eigentlich für ein paar Tage nach Wien kommen sollen, doch auf dem Weg zum Flughafen brach sie sich einen Knöchel und musste die Couch hüten. Zum spontanen Telefonat erklärte sie sich netterweise bereit:


F: Frau Detmers, ich habe von Ihrem Unfall heute Morgen gehört. Wie fühlen Sie sich jetzt und wo sitzen Sie gerade?

Danke, es geht mir den Umständen entsprechend gut. Ich sitze gerade in meiner Wohnung und habe es mir auf der Couch gemütlich gemacht, denn ich darf meinen Fuß jetzt fünf Tage lang nicht bewegen. Ich werde es mir also mit DVDs vorm Fernseher gemütlich machen.

F: Was schauen Sie sich an?

Gerade sehe ich eine amerikanische Serie, SIX FEET UNDER, von der ich sehr begeistert bin. Ich finde es besonders schade, dass man hier in Frankreich keine Serien von dieser Qualität macht. Wir können noch viel von den Amerikanern lernen.

F: Sie selbst waren jetzt viele Jahre abstinent von der großen Leinwand. Wie war für Sie die Rückkehr ins Kino?

Beim Drehen selbst ergab sich für mich der Eindruck von Luxus. Wir nahmen uns wirklich sehr viel Zeit, uns Dinge einfallen zu lassen. Das ist der Unterschied zur Arbeit beim Fernsehen – dort kann man sich diesen Luxus leider nicht gönnen. Leanders kreativer Impuls geht erst dann los, wenn alles umgeschoben wird. Bei ihm ist es fast so, dass man unvorbereitet kommen muss, denn während des Drehs entwickelt er immer mehr originelle Ideen und alles wird anders. Gut, dass er kein Fernsehregisseur ist (lacht)

F: Sie haben in den letzten Jahren vor allem Fernsehspiele und Theater gemacht. Die Frage ist zwar immer etwas blöd, dennoch: Gibt es für Sie etwas, das Sie lieber machen?

Ich sage es mal so: Ohne Theater will ich nicht mehr. Nur dort spüre ich eine Freude an der Arbeit, die durch nichts anderes ersetzbar ist. Und man bekommt auch eine unmittelbare Reaktion vom Publikum. Ich bin gerade wieder in der Vorbereitung für ein Theaterstück, wir beginnen am 22. August mit den Proben.

F: Was konnte Sie an Ihrer Rolle bei ROBERT ZIMMERMANN WUNDERT SICH ÜBER DIE LIEBE faszinieren? Kannten Sie beispielsweise die Romanvorlage?

Nein. Ich denke, es ist besser, sich mit möglichst wenigen vorgefertigten Ideen in ein solches Abenteuer zu stürzen. Mich hat eher die Arbeitsweise an sich fasziniert: Leander war sofort kreativ und hatte immer den Mut, alles umzuwerfen und die Pläne zu ändern. Er verfügt über eine Lebendigkeit, die man sonst eher selten in einem Menschen sieht.

F: Im Film geht es um die Liebe zwischen zwei Generationen. Wie stehen Sie selbst der Beziehung zwischen Robert und Monika gegenüber?

Es ist nicht nur die Liebe zwischen zwei Generationen, sondern auch die Liebe zwischen zwei unterschiedlichen Milieus. Ich denke, dieser Faktor ist wesentlich und darf nicht übersehen werden. Robert ist einer dieser neuen Softwareprogrammierer, jung und erfolgreich, Monika hingegen ist eine allein erziehende Mutter, die in einer Wäscherei arbeitet. Aber wenn es etwas gibt, das diese Grenzen überschreitet, dann ist das die Liebe. Ich weiß nicht, wie die Beziehung zwischen Robert und Monika weiter gehen wird… es bleibt zu hoffen, dass sie funktioniert. Ich kann mir das durchaus vorstellen, allerdings benötigt es wohl von beiden Seiten eine gewisse Reife. Als Schauspielerin hatte ich kein Problem, mir das vorzustellen.

F: Wie war die Zusammenarbeit mit Tom Schilling?

Tom ist sehr professionell, allerdings war er gewissermaßen ein alter ego von Leander am Set. Leander macht ständig Witze, noch dazu auf Berlinerisch und ich hatte Schwierigkeiten, diese zu verstehen. Die beiden haben sich wirklich prächtig miteinander verstanden.

F: Wie ist man überhaupt an Sie herangetreten um Ihnen die Rolle anzubieten?

Das habe ich Simone Bär (Casting) zu verdanken. Sie besitzt eine große Überzeugungskraft und konnte die Produzenten von Boje-Buck überzeugen, nachdem in Deutschland keine geeignete Schauspielerin gefunden wurde. Die Rolle war ja nicht für eine Französin geschrieben.

F: Ich möchte noch ein bisschen über Ihre Karriere und über Ihre frühen Filme sprechen. Sie sind besonders bekannt aufgrund einer Szene in IL DIAVOLO IN CORPO von Marco Bellocchio. Wie gehen Sie damit heute um?

Ich fand diese Szene nie besonders schockierend. Es war einzig die Presse, die daraus einen großen Skandal gemacht hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es heute keine solchen Reaktionen mehr geben würde. Aber wissen Sie, ich habe mit dieser Zeit eigentlich abgeschlossen.

F: Das heißt aber nicht, dass Sie sich, wie viele andere Schauspielerinnen, für diese Arbeiten schämen oder sie als „Jugendsünden“ abtun.

Nein überhaupt nicht. Aber das ist alles schon so furchtbar lange her. Ich betrachte sie einfach als Teil meiner Entwicklung, meiner Karriere.

F: Dennoch möchte ich noch ein paar Fragen zu dieser Zeit stellen. Sie wurden von Jean-Luc Godard entdeckt. Er gilt ja als nicht besonders frauenfreundlicher Typ, wenn ich daran denke, was Jane Fonda über ihn sagt, oder wenn ich mir Filme wie RETTE SICH, WER KANN (DAS LEBEN) anschaue. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Sie haben Recht, Godard hegte eine Bitterkeit der ganzen Welt gegenüber. Ich würde ihn sogar als menschenfeindlich bezeichnen. Die Zusammenarbeit mit ihm war sehr unangenehm. Auf der anderen Seite verdanke ich ihm aber auch meinen ersten Film. Wissen Sie, für mich hat sich das alles erst mit dem Alter gebessert, als ich nicht mehr die „Debütantin“ spielen musste. Ab 36 Jahren bekam ich Rollen, die näher an mir heran waren, denen eine tiefere Menschlichkeit inne war, die ich so lange suchte und wollte. Denn mit 20 Jahren hat sich bei mir nicht diese jugendliche Leichtigkeit eingestellt, ich war eher schwermütig. Das habe ich schon bei einem meiner ersten Interviews gesagt, auf dem Filmfestival in Venedig 1984, dass ich noch mal 18 Jahre warten müsste, bis ich das spielen könnte, was ich auch bin.

F: Lassen Sie mich noch einmal den Sprung in die Vergangenheit wagen – Sie haben auch mit Marco Ferreri einen Film gemacht, COME SONO BUONI I BIANCHI. Was können Sie über ihn erzählen?

Ferreri war ein sehr komischer Regisseur. Er hat immer mit dem Rücken zu uns gesessen und nur nach seinem Gehör Regie geführt. Das ist besonders zu Beginn etwas befremdend, allerdings gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Die Dreharbeiten selbst waren sehr schön, es gab spanische Sänger, fast arabisch, die mitgewirkt haben. Ein schöner Film.

F: Schauen Sie eigentlich Ihre Filme von damals noch an?

Normalerweise schaue ich jeden meiner Filme nur ein bis zwei Mal. Außer natürlich ich bin auf irgendwelchen Premieren oder ähnlichem. Es ist nicht so, dass ich mich selbst nicht sehen könnte, aber es bringt mir nichts, die Filme öfters anzusehen, denn ich kann, wenn ich selbst dabei bin, nicht beurteilen, ob ein Film funktioniert oder nicht. Bei ROBERT ZIMMERMANN ist das ja wieder etwas anders – da gibt es ja viele Szenen, in denen ich nicht zu sehen bin. Für mich liegt aber die eigentliche Freude an der Arbeit selbst.

F: Abgesehen vom erwähnten Theaterprojekt gibt es schon wieder Filmangebote für Sie?

Ich bin zwar theater- und fernsehmäßig stark eingebunden, aber eventuell drehe ich demnächst einen französischen Kinofilm. Aber das ist noch in der Schwebe. Im Moment geht es der französischen Filmindustrie ja nicht so gut, seit Sarkozy entschieden hat, dass auf fünf wichtigen Fernsehsendern nach 20 Uhr keine Werbung mehr gezeigt werden darf. Jetzt fehlen natürlich entsprechend die Einnahmen, Projekte sind gefroren und so weiter

F: Ich bedanke mich bei Ihnen für das nette Gespräch und wünsche gute Besserung!

Danke!

Das Interview führte Florian Widegger, mit freundlicher Unterstützung von Filmladen!

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