VIS.jpg Sakrale Umgebung und vortreffliche Filmauswahl:
Das Vienna Independent Shorts Festival lädt zum Film & Food Schwerpunkt

Experimentelle Erzählweisen und innovative Ideen in einem Zeitraum von maximal 30 Minuten: Alles ist erlaubt beim größten internationalen Kurzfilmfestival in Österreich, solange die Länge stimmt. Bereits zum fünften Mal eröffnet das Vienna Independent Shorts Festival (VIS) seine Pforten in Wien und wirbt dieses Jahr mit zwei offensichtlich landesweit dominierenden Schwerpunkten: Der Schweiz und Fußball.


In das eigenwillige Flair der ältesten evangelischen Kirche Wiens eingebettet, befasst sich das Film & Food Programm mit der dunklen Seite der Schweiz, fernab von jeglichen Heidi-Analogien soll die Kehrseite der Schweiz ergründet und gezeigt werden, auf das „einem die Schokolade im Hals stecken bleiben soll“ – um Kurator Simon Koenig zu zitieren. Film & Food deswegen, weil im kleinen, mit Efeu bedeckten Innenhof der reformierten Stadtkirche die Schweizer Botschaft ein wohlschmeckendes Buffet aufgetischt wurde. Bei belegten Brötchen mit kleinen Schweizer Fähnchen, Wein und kleinen Fußbällen aus Schokolade wurde ein gemütlicher Auftakt für das überschaubare Publikum geschaffen, das sich versammelt hatte, um das von Swiss Film veranstaltete Programm zu begutachten.

Kurator Koenig, der seine Einleitung mittels kurzem Teaser auf der Leinwand vorbrachte, versprach eine Schweiz, wie man sie zuvor noch nie gesehen hatte, ein Kratzen am Image der Eidgenossen, die immer als Musterknaben dargestellt werden – der Funkenflug einer Zündschnur folgte als passende Überleitung zu den Kurzfilmen. Auch das schöne sakrale Flair konnte anfangs nicht von zwei immanenten Problemen ablenken: unbequeme Kirchenbänke und eine nicht für eine Filmvorführung geschaffene Akustik – beides ließ den ersten Film Broke (1999), der die Geschichte eines sich am Klo mit einer Waffe verbarrikadierten, lebensmüden Aktienbrokers erzählt, beinahe unbemerkt verstreichen.

Einspruch III oder neulich an der Schweizer Grenze
(2002) spiegelt die Problematik der Abschiebung – die in der Schweiz umgänglicher als Rückschaffung bezeichnet wird – wider: Bei einer Grenzübertretung und der anschließenden Rückführung nach Deutschland wird die Beinprothese eines Algeriers und dessen Entsorgung zum größten Problem der Schweizer Zollbeamten. Untermalt mit eingespielten Lachern im Sitcom-Stil, zeigt der Film eine pointierte und zynische Episode eines zentralen Themas, das vor allem durch Christoph Blochers restriktiver Asylpolitik ein Dauerbrenner im politischen Alltag der patriotischen Schweizer geworden ist.

Ganz andere Kost hingegen liefern Cevapcici (2005), in dem in Zeitlupenästhetik zwei übergewichtige Köche ihre Bäuche benutzen, um ein Fleischbällchen in bester Tischtennismanier zusammen zurollen, und rasende liebe (2006), das von Autoliebhabern und ihren Statussymbolen erzählt, sie teils als Kinder und als mechanische, kontrollierbare Frauen tituliert und die Problematik des Wintereinbruchs zeigt. Die Geschichten rund um die beinahe zärtliche Verbundenheit mit dem fahrbaren Untersatz, dem Installieren von Gittern anstatt von blickdichten Türen, um dem Besitzer keine Entzugserscheinungen zu bereiten und der alljährlichen Auto-Beauty-Farm enden schlussendlich dort, wo sie begonnen haben: Bei den Abstellplätzen - die nun allerdings explodieren anstatt sich zu schließen um letzten Endes die eingesperrten Liebespaare in die Freiheit des Fahrens zu entlassen.

Nosferatu Tango
(2002) begeistert durch seine mitreißende und verspielte (computeranimierte) Optik, die entfernt an 3D – Pappaufsteller erinnert und durch ständiges Auffalten und Umlegen eine tragikomische Liebesgeschichte zwischen einer Stechmücke und Dracula schildert.
Der letzte und zudem längste der Kurzfilme, lakonisch Hell for Leather (1998) benannt, erzählt in eindrucksvollen Schwarz-Weiß Bildern das Buch der Offenbarung als Lack und Leder Oper nach. Luzifer wandelt als Kopf einer Motorradgang im besten Mad Max Stil durch ein düsteres London der Gegenwart, jagt Priester und bedient sich jeder Sünde, bis er schließlich besiegt und mit abschließenden Feuerflatulenzen zur Hölle fährt.


An diesem Programm zeigt sich, dass keine EM für eine gute Kooperation mit der Schweiz benötigt wird.

Christoph Stachowetz

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