apocalypto1Lesen sie was der Regisseur von seinem neusten Projekt: Apocalypto berichtet. Interesante Geschichten von den Dreharbeiten und über Mel Gibsons erste Erfahrungen mit Laiendarstellern.

 

Wie lange hat das Projekt APOCALYPTO insgesamt gedauert?
Vor zweieinhalb Jahren haben wir angefangen das Drehbuch zu schreiben. Der Schnitt war dann der helle Wahnsinn, weil wir kaum Zeit für die Post Production hatten. Da die Dreharbeiten zu diesem Film sehr schwierig waren, hingen wir schließlich um vier Monate hinterher. Das ging schmerzhaft von unserer Zeit für die Post Production ab, so dass wir in kürzester Zeit schneiden und in der Hälfte der vorgesehenen Zeit mischen mussten. Aber ich glaube trotzdem, dass wir gute Arbeit geleistet haben.

Wie schwierig war es für Sie, im Regenwald zu drehen?
Es gibt da einen Typen, der sieht so aus wie ein mexikanischer John Malkovich, und der lässt sein Land völlig unberührt. Er sägt nicht einen Baum um, das ist wunderbar. Es ist ja schlimm genug, dass vom Regenwald in Süd-Mexiko kaum noch etwas übrig ist, aber dieser Mann schützt wenigstens noch einen kleinen Rest. Es handelt sich um circa 20 Hektar. Dort ist man vom Rest der Welt ziemlich abgeschnitten. In diesem Fall hatte man es mit einem Film zu tun, in dem unheimlich viel Bewegung herrscht. Die Kamera fährt andauernd und auch in den Einstellungen gibt es jede Menge Bewegung. Die wenigsten Darsteller hatten je zuvor vor einer Kamera gestanden, und sie mussten die Grundlagen der Schauspielerei erst einmal erlernen. Aber das haben sie dann sehr gut gemacht. Sie haben sich voll darauf eingelassen, was wunderbar war. Das Schöne, wenn man mit Laien arbeitet, ist, dass sie völlig "unverdorben" sind. Es hat zwar ein Weilchen gedauert, aber dann hatten sie den Dreh raus. Gegen Ende der Dreharbeiten waren sie dann schon richtige Profis. Von ihrer Gage konnten sie acht Monate lang die Schulgebühren ihrer Kinder finanzieren, und das ist doch gut. Mir hat es auch Spaß gemacht, weil sie so enthusiastisch waren.

Wie schaffen Sie es, über acht Monate hinweg Ihren Enthusiasmus und Ihre Energie aufrechtzuerhalten?
Na ja, manchmal war das gar nicht so ganz einfach. Dann fängt man einfach an, launisch zu werden und fragt sich bloß noch, wann das hier endlich ein Ende hat. Aber als wir das Drehbuch entwickelten, hatte uns alle der Ehrgeiz gepackt, eine wirklich mitreißende Geschichte zu erzählen, mit allen möglichen versteckten Andeutungen. Die Handlung an sich ist ja eigentlich relativ schlicht, doch was sich dahinter verbirgt, ist ausgesprochen komplex. Da gibt es klare Stellungnahmen zu Kulturen, und wir haben uns auch bemüht, geschichtlich so authentisch wie möglich zu sein. Es war uns wichtig, die Frage mit aufzunehmen, warum diese Zivilisationen untergingen, warum sie schwächer wurden und schließlich zerbrachen.

In Ihrem Film sprechen die Priester davon, den Göttern unmittelbar nahe sein zu wollen.
Genau darum ging es überhaupt. Sie waren auf der Suche nach einem Erweckungserlebnis. Darum haben sie auch diese Pyramiden gebaut, gewissermaßen so eine Art Turmbau zu Babel.

Meinen Sie, dass dieser Film beim Publikum das Interesse an dieser Phase der Geschichte wecken könnte?
Das möchte ich hoffen. Man findet ja jeden Tag mehr heraus. Es ist wirklich erstaunlich. Wir hatten als Fachberater Richard Hansen, einen Professor der UCLA (University of California Los Angeles), der jetzt an der Universität von Idaho lehrt, und dessen Spezialgebiet die Frühgeschichte der Maya ist. Mit ihm sind wir zu den Ruinen gegangen und standen schließlich oben auf den Pyramiden mit Blick auf die Überreste dieser frühen Hochkultur. Es ist umwerfend, es ist wie Manhattan. Dort gibt es die höchsten Pyramiden der Welt, höher als die der Pharaonen in Ägypten.
Riesenhafte Bauwerke, von denen aus man einen Blick auf all die antiken Städte hat, mit all den Straßen, die alle auf das Zentrum zulaufen. Die Maya hatten einen ausgeprägten Sinn für Ausgewogenheit. Nichts steht zufällig da, wo es ist, alles hat seinen Bezug zum Firmament. Sie hatten profunde Kenntnisse in Astronomie und einen ausgesprochen komplexen Kalender, wesentlich komplizierter als der unsrige. Eine unglaublich gebildete Hochkultur, die gleichzeitig wiederum erschreckend archaische Züge trug.

Wie war das Wetter während der Dreharbeiten?
Wir haben die Dreharbeiten in die Trockenzeit gelegt, aus leichtverständlichen Gründen. Andererseits waren wir jedoch im Regenwald, also hat es geregnet. Es hieß, dass das um diese Jahreszeit fast nie vorkommen würde. Dadurch verloren wir mindestens einen guten Monat.

Und wie war die Arbeit in dieser kräftezehrenden Hitze?
Nach einer Weile gewöhnt man sich daran. Es dauert zwar ein Weilchen, anfangs macht es einem schon zu schaffen, aber dann merkt man es gar nicht mehr. Man gewöhnt sich einfach an das Schwitzen. Manchmal, wie zum Beispiel in der Szene in der Stadt, da war es allerdings fast unerträglich.
Die heißeste Szene im ganzen Film ist die, in der die Gefangenen von dem Felsvorsprung herabhängen. Das war brutal, der reinste Brutofen. Die Hitze wurde gnadenlos von der Gesteinsoberfläche reflektiert, was dazu führte, dass wir 57 C hatten. Man erkennt das auch an den Gesichtern der Schauspieler. Wenn einer an den Felsen hängt, dann sieht man bei dem anderen den Schweiß in Strömen fließen. Das war da heißer als in der Hölle. Wenn ich zu den Schauspielern raufgegangen bin, um ihnen Anweisungen zu geben, bin ich fast umgekippt. Aber zumindest gab's an dem Tag keine Fliegen. Selbst denen war das zu heiß.

Hatten Sie ein spezielles Team, das sich um den Schutz Ihrer Leute vor Insekten und wilden Tieren gekümmert hat?
Ja, wir hatten da ein paar Spezialisten dabei. Wenn man nämlich auf eine Ferdelance, eine gefährliche Giftschlange, tritt, dann kann's das gewesen sein. Das ist die Schlange, die im Film einen der Mayas in den Hals beißt. Wir mussten hinsichtlich Schlangen und Insekten sehr vorsichtig sein. Und dann gab es natürlich noch die kleineren Verletzungen, die der ausgesprochen rauen Landschaft zuzuschreiben sind. Trotzdem hatten wir beschlossen, in Mexiko zu drehen, weil es dort noch den unberührten Regenwald und die Hochebenen gibt, die wir für den Film brauchten.

All Ihre Filme brachten irgendwelche Widrigkeiten mit sich. War dies Ihr bisher schwierigstes Projekt?
Dies war mit Abstand der schwierigste Film. Wir kamen mit der Drehzeit nicht hinterher, dann schien gelegentlich alles schief zugehen, weil Jaguare, Tapire, Schlangen und Affen nicht mitspielen wollten. Ich erinnere mich, dass die Nabelschweine besonders widerborstig waren.

Bei all diesen Widrigkeiten, wie haben Sie es da nach Drehschluss überhaupt noch geschafft, abzuschalten?
Man schaltet da praktisch automatisch ab. Man steigt einfach in den Wagen und nach einer Viertelstunde Fahrt bricht man in seinem Bett zusammen und ist einfach weg. Am anstrengendsten war es, als wir uns alle was eingefangen hatten, das ich hier mal als 'Montezumas Rache' bezeichnen möchte. Unser Körper ist an diese kleinen Viecher nicht gewöhnt. Irgendwann passt man sich aber an; die Einheimischen sind immun dagegen. Aber wenn man da gerade angekommen ist, dann erlebt man nach seiner ersten Tortilla Dinge, die ich hier nicht näher beschreiben möchte.

Gab es auch Tage, an denen Sie die Dreharbeiten wegen Krankheit unterbrechen mussten?
Ein paar Tage, aber ansonsten hieß es einfach: Augen zu und durch. Man verliert dabei jede Menge Gewicht.

Sie haben eine spektakuläre Maya-Stadt nachgebaut. Wieviele Statisten haben Sie dafür benötigt?
Wir hatten bis zu 850 Statisten, aber bei einigen Szenen benötigten wir noch erheblich mehr. Die Statisten waren klasse. Die Bewohner von Vera Cruz sind einfach toll. Es war brüllend heiß, und sie haben nicht einmal gemeckert. Sie haben sich ungeheuer ins Zeug gelegt, den ganzen Tag lang. Darüber hinaus mussten sie immer im Morgengrauen aufstehen, weil schließlich auch die Statisten sorgfältig geschminkt und kostümiert werden mussten. Wir hatten allein 300 Visagisten, deren Arbeitstag regelmäßig eine Viertelstunde nach Mitternacht anfing. Daher war die Arbeit für alle äußerst anstrengend, für die Maskenbildner genau wie für die Schauspieler. Nach der Arbeit blieb ihnen nur etwa fünf Stunden Schlaf, und dann mussten sie schon wieder raus. Sie konnten sich während des Tages bei Leerlauf mal hinlegen, was sie auch immer wieder gemacht haben. Auch in der Maske sind sie oft wieder eingeschlafen. Ich bin immer früh am Set gewesen, wodurch ich die Möglichkeit hatte, mit der mexikanischen Crew noch einmal alles durchzusprechen. Gewöhnlich bringt man ja seine eigenen Leute mit, aber ich hatte früh gemerkt, dass das mexikanische Team dort sehr gut war, und damit ist das auch ein echt mexikanischer Film geworden. Es gibt dort jede Menge unentdeckte Talente.

Wie haben Sie Ihre zwei Hauptrollen besetzt?
Das hat in der Tat ziemlich lange gedauert, wir haben sehr viele Schauspieler dafür gecastet. Erst habe ich die Rollen ausgeschrieben, und dann waren wir in Kanada, in Kalifornien, in New Mexico, und schließlich in Oklahoma. Ich suchte Mittelamerikaner, und die kamen am Ende von überall her. Das kleine Mädchen, beispielsweise, spricht ausschließlich die Sprache der Maya. Sie stammt aus einem kleinen Dorf, das noch einfacher ist als das Dorf, das wir im Film zeigen. Und da lebt sie heute noch - im Regenwald, in einer Lehmhütte mit unbefestigtem Fußboden. Sie war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten sieben Jahre alt und hatte in ihrem Leben noch keine Kamera oder einen PKW gesehen. Als wir in Mexiko gecastet haben, haben sie uns am Anfang lauter Schauspieler geschickt, die irgendwie europäisch aussahen. Für mich war jedoch wichtig, dass die Authentizität erhalten bleibt, daher sollten die Schauspieler Indios sein.

Wussten die Schauspieler vorher, wie anstrengend die Dreharbeiten sein würden?
Das wussten sie von vornherein. Ich hatte ihnen das genau erklärt. Dies ist der anstrengendste Film, mit dem ich jemals zu tun hatte, was die rein physische Anstrengung betrifft. Und das über acht Monate! Ich dachte die ganze Zeit, dass irgendwann etwas passieren muss. Aber es hat sich niemand verletzt. Wir sind alle einige Zeit vor den Dreharbeiten vor Ort gewesen, und da hab' ich allen gesagt, dass sie mir ein bisschen zu wohlgenährt aussähen. Ich sagte, Ihr seid gut und Ihr habt es drauf, aber eine Diät war erst mal notwendig, damit sie so aussehen wie die Leute früher. Also wurde ihr Speiseplan dementsprechend umgestellt, und schon bald waren sie alle rank und schlank. Sie trieben Sport, um ihre Knöchel und Bänder in Schuss zu halten. So lagen vor den eigentlichen Dreharbeiten erst einmal sechs Wochen Training. Wir hatten sogar einen Bewegungs-Trainer, der dafür sorgte, dass sie sich natürlich bewegten. Und das war auch gut so, weil die meisten von ihnen noch nie an irgendeiner Art von Aufführung teilgenommen hatten. Dieser Trainer hat das 20. Jahrhundert aus ihnen heraustrainiert.

Der Sprung vom Wasserfall musste aber am Computer nachgestellt werden?
Ja, einfach, weil man einen Sprung von diesem Wasserfall nicht überleben würde. Daher haben wir den Stuntman von einem Haus derselben Höhe springen lassen. Die Fassade des Gebäudes war grau getüncht, den Rest hat der Computer erledigt. Also, der Sprung war echt, nur eben nicht der Wasserfall dahinter. Aber die Szene mit dem Treibsand war echt. Wir haben ein Loch gebuddelt und dann den Schlamm angerührt; so eine Art Schokoladenpudding mit Kieselsteinen.

Hat es Augenblicke gegeben, in denen Sie gedacht haben, dass Ihnen das Projekt über den Kopf wächst?
Und wie! Da hat man die Hosen gestrichen voll! Der gesamte Umfang, ein logistischer Alptraum. Aber so etwas hatte ich früher schon erlebt, daher wusste ich, dass es realisierbar ist. Aber trotzdem dachte ich immer wieder: Ich hab' keine Ahnung, wie wir das hinkriegen sollen. Es hat immer wieder Augenblicke gegeben, wo es nicht weiterging, und dann musste man improvisieren. Das war echt anstrengend, zum Beispiel, wenn der Jaguar nicht so wollte wie er sollte. Und diese Szenen wurden nicht am Computer erstellt, da musste der Schauspieler selbst höllisch aufpassen, dass er ordentlich spurtet und nicht stolpert. Allerdings war das Tier an einer Leine, die man nicht sieht. Es war nicht gefährlich, aber die Szene ist echt.

Nehmen Sie sich jetzt erst einmal eine Auszeit?
Ja. Man braucht ein Weilchen, um die ganze Anspannung loszuwerden, sich zu erholen und sich irgendwann einmal wieder neuen Ideen zuzuwenden. Mein nächster Film wird abwechslungshalber einmal auf Englisch sein. Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob ich das hinkriege. [lacht]

Hätten Sie nicht Lust, wieder einmal vor der Kamera zu stehen?
Also, bislang halte ich es noch aus. Wenn sich irgendwann ein wirklich gutes Projekt abzeichnen sollte, das zu mir passt und mich spontan anspricht, dann stehe ich bestimmt sofort zur Verfügung. Aber die Regiearbeit liegt mir im Augenblick mehr; das macht einfach mehr Spaß.
 

 
Interviewer: John Millar

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