woody_allenWoody Allen im Gespräch. Lesen sie hier was der New Yorker Meisterregisseur über seinen neusten Film Scoop, Journalismus und das Arbeiten in London erzählt.

 

 

Sie sagten in früheren Interviews, dass oft mehrere potenzielle Filmprojekte auf einmal in Ihrem Inneren durchlaufen. Wie kam es, dass SCOOP in den Vordergrund rückte?

Woody Allen: Ich hatte Match Point mit Scarlett Johansson gedreht und wir hatten darüber gesprochen, einen weiteren Film zusammen zu machen. SCOOP war eine Idee von mir, die uns beide Raum bot, also dachte ich, das sollten wir machen.

 

Was war, als Sie das Drehbuch schrieben, der kreative Ansatzpunkt der Geschichte - das Rätsel, die Romantik, oder das Konzept von Scarletts Figur als hartnäckige junge Journalistin?

WA: Nein, ursprünglich war die Idee die eines Reporters, so beharrlich und getrieben, dass er zurückkehrt aus dem Jenseits, um doch noch seine Geschichte zu bekommen. Dass da eine gute Story war, die etwas hergab, erfuhr er erst nach seinem Tod, und nichts konnte ihn davon abhalten, den Hintergrund aufzudecken. Eine Hommage an erstklassigen Aufklärungs­journalismus.

 

 

Im Gegensatz zu dem „Fleet Street"-Journalismus, den wir in den letzten Jahren vorgesetzt bekommen?

WA: Im Gegensatz zu weniger gutem Journalismus.

 

Aus diesem Ansatz entwickelte sich die Figur der jungen Journalisten-Kollegin, die Scarlett spielt.

WA: Ja. Als ich die Idee hatte, dachte ich, es sei ein männlicher Reporter, weil die Idee vor meiner Bekanntschaft mit Scarlett geboren wurde. Als ich am Buch arbeitete und wusste, dass Scarlett die Figur spielt, erschien es mir ganz natürlich, dass sie eine Kollegin auf Sommer­urlaub war.

 

SCOOP ist der zweite Film, den Sie in London gedreht haben, ein dritter ist in Vorbereitung. Haben Sie sich, anders als die Figur, die Sie in SCOOP spielen, in die Stadt verliebt?

WA: London ist ein wunderbarer Ort zum Drehen. Ich meine, ich liebe auch Dreharbeiten in New York, aber London ist zu mir sehr entgegenkommend. Das Wetter ist dort sehr gut und die Drehbedingungen - von finanzieller und künstlerischer Seite - sind gut, also macht es Spaß, dort zu arbeiten.

 

Haben Sie schon Lieblings-Locations in London, entsprechend, sagen wir, den Kaufman Astoria Studios oder Greenwich Village?

WA: Wissen Sie, ich kenne London nicht so gut, ich genieße es immer noch, durch die Stadt zu laufen. Ich liebe es, durch Londons Straßen zu gehen, es ist eine ungewöhnlich hübsche Stadt. Es ist also leicht, Drehorte zu finden, wenn man die Schönheit der Stadt mit der Schön­heit des alltäglichen Wetters verbindet. Dieser wunderbare, stimmungsvolle, graue, leicht verhangene Himmel! Das macht sich sehr gut auf Celluloid.

 

In SCOOP hat man den Eindruck, dass Sie Teile Londons immer noch erkunden, nach „Match Point".

WA: Richtig. Weil ich mich nicht so gut auskenne, tendiere ich natürlich zu Orten, die mir bekannt sind oder greife Vorschläge des Art Directors von pittoresken Plätzen auf. Als Stadt­mensch bin ich angetan - wie jeder in London - von der Vielzahl von Parks und Plätzen und den wunderschönen weißen Häusern und den hinreißenden Locations auf dem Land. Ihre Country-Häuser und Ländereien sind berühmt, und es ist herrlich, dort zu drehen.

 

Für diese Aufnahmen haben Sie sich wieder, wie schon in „Match Point", Ihren Kamera­mann Remi Adefarasin geholt ...

WA: Vor Match Point kannte ich Remi gar nicht, aber sein Ruf eilte ihm voraus. Man sagte mir, dass ich sehr gern mit ihm zusammenarbeiten würde, und er ist grandios. Ich traf mich mit ihm, er ist ein sehr umgänglicher Mensch, und ich habe wirklich sehr gern mit ihm gear­beitet. Also habe ich ihn wieder eingeladen für den nächsten Film. Ich war glücklich, dass er Zeit hatte für meinen zweiten London-Film. Remi ist ein sehr begabter Kameramann.

Für meinen dritten London-Film, den ich im Sommer drehe, stand er leider nicht zur Verfü­gung. Er hat schon vor langer Zeit für einen anderen zugesagt (das Elizabeth-Sequel The Gol­den Age). Deshalb werde ich wieder mit Vilmos Zsigmond drehen, den ich schon von Melinda und Melinda kenne.

 

Mit Ihrer Figur des Sid Waterman, genannt Splendini, die Sie geschrieben haben und selbst spielen, kehren Sie zum Magischen zurück - und zu denen, die es praktizieren. Geht der Reiz daran auf Ihre Kindheit zurück?

WA: Ja. Es ist etwas, was mich immer interessiert hat. Schon als Kind hat mir das gefallen, ich bin aufgewachsen als Magie-Junkie. Es schien mir immer amüsant und spannend zu sein, ich bin fasziniert von diesen billig aussehenden roten japanischen Lack-Boxen und Seiden­handschuhen und Schwertern und Karten und Silberringen und all den Apparaturen, die das ganze so exotisch wirken lassen.

 

Und ebenso von dem, was der Magier trägt, oder?

WA: (lacht) Was der Zauberer trägt, richtig. Ich nehme da immer Anleihen.

 

Welche Entwicklung macht Ihre Figur im Verlauf der Geschichte durch? Sie erinnert mich ein wenig an die Menschen in Ihren Filmen oder Geschichten, die sich unerwartet von einem Teil ihres Lebens in einen anderen katapultiert finden und irgendwie deplatziert wirken in dieser neuen Situation, die sie nicht vorhergesehen haben.

WA: Es gibt sozusagen ein Standard-Bild für Spannung - in diesem Fall in einem komischen Thriller - wo ein Unschuldiger, aus welchem Grund auch immer, in eine Geschichte hinein­gezogen wird, die ihn nichts angeht und mit der er keine Zeit vergeuden will. Aber es gibt natürlich immer einen Grund dafür. In SCOOP lässt sich Sid von Sondra überreden, weil sie eine liebenswerte, energische, sympathische Schülerin ist. Er rutscht in die Geschichte hinein und wird von ihr ein bisschen mitgerissen, weil er ihr hilft.

 

In den späteren Szenen scheint ihm viel daran zu liegen, ihretwillen am Ball zu bleiben.

WA: Ja, er mag sie. Nicht als Freundin, sondern als Mensch. Sein gesunder Menschenvers­tand verbietet ihm, sich hineinziehen zu lassen - das wird nur Ärger geben - aber sie kommt aus seiner Nachbarschaft, seinem Land, er kann sich mit ihr identifizieren, kann mit ihr mit­fühlen. Also wird er immer mehr involviert, ihr Enthusiasmus ist grenzenlos, weil sie unnach­giebig ist und sich in den Gegenstand ihrer Ermittlungen verliebt.

 

In Ihren letzten Filmen standen jüngere Protagonisten im Mittelpunkt. In SCOOP hat Ihr Charakter und der von Ian McShane - aus dem Grab heraus - so etwas wie eine väterliche Beschützerfunktion Scarlett gegenüber ...

WA: Mmm-hmm.

 

Ist das eine bewusste Entwicklung in Ihrem filmischen Geschichtenerzählen?

WA: Nein, ich denke, was passierte, ist, dass ich viele Jahre lang in meinen Geschichten die Hauptrolle gespielt habe. Und als ich älter wurde, musste die Hauptrolle weitergegeben wer­den - klar, die romantische Hauptrolle muss an jüngere übergeben werden. Und so habe ich sie also in dieser Weise besetzt.

 

War in Bezug auf die männliche Hauptfigur Cary Grant vielleicht eine Inspiration für Hugh Jackmans Charakter und die Art, wie er ihn spielt - in Hitchcocks „Verdacht" vor allem?

WA: Nein, ich glaube, das ist in Hugh angelegt. Er ist ein so gepflegter, entzückender, lie­benswerter Typ, der tanzen und sich elegant bewegen kann. Er sieht so gut aus und kann sin­gen, das fordert Vergleiche heraus. Das könnte man immer - Cary Grant war sehr flott und charmant, das ist Hugh Jackman auch - es ist also ein unvermeidlicher Vergleich.

 

Hatten Sie Hugh auf der Bühne gesehen, in „The Boy from Oz"?

WA: Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Ich hatte Hugh Jackman oder seine Filme nie gesehen. Bevor ich ihn traf, wusste ich nicht einmal, wie er aussieht. Er war einfach einer der Men­schen, mit denen ich nie in Kontakt kam, aus welchem Grund auch immer. Ich habe nur groß­artige Geschichten über ihn gehört, und was für ein großer Schauspieler er sei.

Wir riefen ihn an und fragten, ob er nicht Lust hätte, etwas Gemeinsames zu machen, und er sagte „klar". Er kam vorbei, um hallo zu sagen, und es ist nicht nur eine Freude, ihn anzuse­hen - tolles Aussehen - er ist auch reizend und einnehmend. Ich habe ihm die Rolle sofort angeboten und war sehr glücklich, dass er Zeit hatte und sie spielen wollte.

 

Wie war die Zusammenarbeit mit Ian McShane - er machte bereits Filme in London, als Sie anfingen, in den Swinging 60s. Haben Sie sich aufgrund dieser alten Zeiten noch an ihn erinnert?

WA: Nein, nein. Auch er war mir nicht bekannt. Seine Fernseh-Show „Deadwood" oder an­deres habe ich nie gesehen. Juliet Taylor, die mit mir besetzt, sagte: „Ich weiß, wer perfekt für diese Rolle wäre - Ian McShane". Und ich sagte: „Schick ihn mir". Er kam - und es war eine dieser Situationen, die ich mit Juliet über die Jahre immer wieder erlebt habe - sie schickt mir eine Schauspielerin oder einen Schauspieler, von denen ich noch nie gehört habe - und in der Sekunde, wo Ian den Raum betritt, wusste ich, er ist perfekt. Ich habe nicht weiter gesucht.

 

Sie kannten Scarlett Johansson gut, hatten Ihren vorherigen Film mit ihr abgedreht. In „Match Point" haben Sie eine neue, dramatische Seite an ihr gezeigt, und jetzt in SCOOP ihre komische. Wie ist es, sie zu führen und, wie in SCOOP, mit ihr zu spielen?

WA: Sie ist einfach die totale Freude. Es ist, als hätte ich den Jackpot geknackt oder so. Sie hat einfach alles. Sie hat im Leben einfach das große Los gezogen, ist schön, sexy, sehr klug, lustig, nett, hat eine schnelle Auffassungsgabe - es ist leicht, mit ihr zu arbeiten. Sie hat ein breites Spektrum. Dramatisch stark, und wenn du sie komisch brauchst, ist sie komisch.

Es gibt ein paar Menschen, mit denen ich im Lauf der Jahre gearbeitet habe - Diane Keaton war eine davon - die waren einfach von Talent geschlagen, total begabt. Das ist auch Scarlett. Wenn sie auftaucht, leuchtet das Set, die Crew liebt sie. Sie ist voller Energie und steckt das ganze Set mit ihren positiven Gefühlen an.

Es ist ein Gewinn, mit ihr zu arbeiten. Das sage ich nicht nur als ihr Mitspieler. Jeder im Team hat sich darauf gefreut, mit ihr den zweiten Film zu drehen, nach den Erfahrungen des ersten.

 

Von der schauspielerischen Seite her, hat sie mit Ihnen mithalten können in Szenen -

WA: Oh, sie lässt mich alt aussehen... (lacht). Ich meine, sie ist eine von den Menschen, die mich immer toppen, egal ob vor der Kamera oder nicht. Egal, wie gut mein Dialog war - wenn wir uns gegenseitig hochgenommen haben oder so - immer hat sie das letzte Wort, und das bessere. Und das mir! Das nötigt mir natürlich eine Menge Respekt ab. Denn ich halte mich immer für schnell und clever, und wenn mich jemand permanent austrickst, bin ich überwältigt. Aber so ist es - wird Ihnen jeder am Set bestätigen.

 

Sie kennen den Pool von Schauspielern und ihren Werdegang in New York City sehr genau. Aber in England gibt es diese unglaublich starke Ersatzbank. Bekannte Namen wie John Standing, Julian Glover, Fenella Woolgar u.a. tauchen in SCOOP in kleinen Rollen auf.

WA: Ja, England hat eine sehr bedeutende Theatertradition. Die Menschen dort sind wunder­bar. Und wirklich interessant ist, dass die talentiertesten, größten Schauspieler kein Problem damit haben, kleine Rollen anzunehmen. Man sieht also einen großen Shakespeare-Darsteller in einem Werbeclip im Fernsehen - da gibt es überhaupt keine Berührungsängste. So konnte ich diese großen Schauspieler besetzen - bei uns würden sie eher keine kleine oder eine 1-2 Tage-Rolle annehmen. Dort machen sie es mit großem Genuss und Enthusiasmus, und sie tun es gern. Jeder ist zum Vorsprechen bereit, und so bekommt man für alle Bereiche hervorra­gende Schauspieler. Und ich kann davon profitieren.

 

Hatten Sie irgendwelche Referenzfilme im Kopf aus dem Bereich des Comedy-Thrillers, wäh­rend Sie das Drehbuch schrieben oder während der Vorbereitung in London? SCOOP ist eine leichtere Geschichte als „Match Point", aber voller Geheimnisse ...

WA: Ich dachte an die Murder Mystery Stories, die mir gefielen, als ich jünger war, egal ob sie komisch waren, oder, häufiger, ernst. Einer meiner eigenen Lieblingsfilme ist Manhattan Murder Mystery - ich mag diese Art Filme. Ich mochte die „Thin Man"-Filme, als ich sie als junger Mann sah, ebenso Bob Hopes Murder Mysteries, und natürlich die Hochspannung von Hitchcock, die ganze Palette bis zu anderen guten Filmen, die im Lauf der Jahre entstanden.

Wissen Sie, wenn Sie einen komischen Film drehen, können Sie nicht so effektiv sein wie bei einem ernsten Film. Aber ich konnte nichts dagegen tun - dies hier war ein komischer Film, ich wollte ihn leicht, teilweise sogar derb. Es ist ein Film, der mir selbst Spaß macht, wenn ich ihn anschaue - und es machte Spaß, ihn zu realisieren. Dass das Publikum ebenso fühlt, kann ich nur hoffen.

 

„Verdacht" habe ich vorher erwähnt; wegen des Glases Milch, das Sondra Peter in einer Szene bringt - später im Film dachte ich auch an „Die Teuflischen".

WA: Richtig. Man kann immer zurückgehen - ich möchte diesen Vergleich eigentlich nicht anstellen, weil er prätentiös ist, aber man kann sich bei solchen Filmen immer auf Hitchcock beziehen. Er hat nun mal so viele Hochspannungs-Filme gemacht und so viele Tricks ange­wendet, dass es unmöglich ist, Spannung zu erzeugen, ohne dabei irgendwie auf Hitchcock zurück zu greifen. Ich meine, nicht in der hohen Qualität, aber in der Struktur. Aber mein Film hat diesen leichten Touch, die Leichtigkeit ist sein bedeutendstes Merkmal.

 

Wie in „Manhattan Murder Mystery" ziehen zwei Menschen durch die Stadt und versuchen, etwas zu verstehen.

WA: Ja, mit vielen schnellen Dialogszenen. Das gleiche wollte ich in SCOOP machen. Wis­sen Sie, als Schauspieler habe ich kein breites Spektrum. Anders als bei Scarlett ist mein Spektrum begrenzt. Ich kann einen Intellektuellen spielen - einen College-Professor oder ei­nen Psychiater - oder jemanden aus der Unterschicht, eine käsigen kleinen Buchmacher. Oder in SCOOP einen billigen Varieté-Zauberer.

 

Sie haben erwähnt, dass Sie hoffen, dass die Zuschauer Spaß an Ihrem jüngsten Film haben. Bei Ihrem Tempo beim Filmedrehen - ist es Ihnen wichtig, wie das Publikum auf einen Film reagiert?

WA: Das darf einen nicht interessieren. Denn wenn es das tut, lähmt es dich, dann sitzt du zuhause und überlegst, was ihnen wohl gefallen könnte. Und du machst einen Schritt, dann kriegst du Panik und denkst „Nein, so nicht". Man muss tun, was man selbst für richtig hält und kann nur hoffen, dass es dem Publikum gefällt.

So habe ich immer gearbeitet. Ich habe immer gemacht, was ich wollte, sei es ein Musical oder einen Schwarzweiß-Film oder ein Bergmaneskes Drama. Was immer mir interessant erschien, habe ich umgesetzt. Und ich hoffe, dem Publikum gefällt's. Wenn es ihnen nicht gefällt, kann ich daran nichts ändern -ich mache bereits den nächsten Film. Wenn er gefällt, ist das immer schön.

Die Position, in der man nicht sein will, ist die, dass man seinen eigenen Film nicht mag. Ich schreibe das Drehbuch und führe Regie - und wenn mir nicht gefällt, was ich gemacht habe, wenn es vorbei ist, und es dem Publikum gefällt, denke ich mir: „Noch mal Glück gehabt" oder „Sie sind nicht aufmerksam" oder „Das ist so ein Mist" - das ist kein gutes Gefühl.

Aber wenn du einen Film machst, der dir gefällt - „Das ist wirklich eine gute Arbeit. Ich habe das Beste aus dem Script herausgeholt und wunderbar umgesetzt" - und dem Publikum ge­fällt's, das ist großartig. Wenn sie es nicht mögen, hast du trotzdem ein anständiges Gefühl. Du denkst dir „Nun, schlecht gelaufen für mich, sie lieben den Film nicht. Aber ich habe mein Bestes gegeben, und es tut mir leid, dass das Ergebnis nicht ankommt." Das ist ein viel besse­res Gefühl, als wenn die Zuschauer den Film lieben, und er dich selbst überhaupt nicht anmacht.

Neuen Kommentar schreiben

Bitte anmelden oder registrieren um an dieser Diskussion teilnehmen zu können.

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.
Beliebte Neuigkeiten