DieWelle-Poster.jpgIn Zusammenarbeit mit Constantin Film präsentieren wir Euch Interviews mit Regisseur Dennis Gansel, Hauptdarsteller Jürgen Vogel, Produzent Christian Becker und Original Experimentleiter Ron Jones zum kommenden Film Die Welle. Der Film handelt von einem folgenschweren Experiment an einer Schule, bei dem ein Lehrer beweisen will, dass es heutzutage noch problemlos möglich ist, dass seine Schüler einer Diktatur folgen. Leider läuft das Experiment dabei gehörig aus dem Ruder. Die Welle startet am 14.03.2008 in unseren Kinos. (Zum Film)


Die folgenden Interviews wurden uns von Constantin Film zur Verfügung gestellt:


Interview Dennis Gansel (Regie und Drehbuch)

Nach NAPOLA hast Du mit DIE WELLE erneut ein Thema aus dem Nationalsozialismus aufgegriffen. Ist das Zufall oder Dein Steckenpferd?

Das ist auf jeden Fall ein Steckenpferd! Die Frage, ob Faschismus wieder möglich ist, wie das System Faschismus funktioniert, wie Verführung funktioniert, das finde ich extrem interessant. Das hängt mit meiner Familiengeschichte zusammen. Mein Großvater hat als Offizier selbst seine Rolle im Dritten Reich gespielt, die mein Vater und seine zwei Brüder extrem kritisch gesehen haben. Und ich habe mich als Jugendlicher immer gefragt, wie ich mich wohl damals verhalten hätte. In NAPOLA lautet das Thema „Wie hat das damals funktioniert? Wie hat Verführung im Dritten Reich funktioniert?". Und in DIE WELLE geht es darum „Wie würde Verführung heutzutage funktionieren? Wie funktioniert Faschismus? Ist das heutzutage noch möglich? Könnte so was passieren an einer deutschen Schule im Hier und Jetzt?"


Was hat Dich an dem Experiment THE THIRD WAVE so fasziniert, dass Du die Ereignisse verfilmen wolltest?

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich das Buch DIE WELLE gelesen habe. Das erste, was man sich natürlich direkt nach der Lektüre fragt ist, „Wer wäre ich gewesen? Hätte ich mitgemacht? Und natürlich sagt man sich immer, na ja also damals Ende der 60er in den USA, da war ein Thema. Aber heutzutage, in Deutschland: no way. Aber ich glaube, dass es schon ein bisschen tiefer geht. Und das war natürlich auch die Prämisse für uns zu sagen, wir setzen das eben nach Deutschland, in die heutige Zeit  und gehen der Frage „ist so was möglich?" nach.


Wie seid Ihr bei Euren Recherchen vorgegangen?

Wir hatten natürlich die Originalprotokolle von Ron Jones. Wir wussten also ziemlich genau, wie der Versuch ablief. Wir haben dann aber beschlossen, dass wir es nach Deutschland adaptieren. Das bedeutet, dass man sich überlegt, was macht denn Deutschland aus und was können wir über Deutschland erzählen. Und da wir beide in ähnlichen Verhältnissen groß geworden sind, haben wir gesagt, wir beschreiben einfach die Schule, auf die wir selber gegangen sind. Und es gibt Charaktere im Film, mit denen ich selber zur Schule gegangen bin, mit denen Peter Thorwarth zur Schule gegangen ist. Es kommen Lehrer vor, die wir gerne gehabt hätten und die, die wir hatten. Der Blick ins wahre Leben hat uns sehr geholfen. Und aus diesen Charakteren heraus haben wir dann die Geschichte entwickelt. So, wie wir uns das vorgestellt haben, welche Schritte wahrscheinlich gewesen wären und in sich logisch sind. 


Ist der Erfolg des Experiments Deines Erachtens von der Akzeptanz und Beliebtheit des Lehrers abhängig?

Es hilft natürlich, wenn man einen extremen Charismatiker als Lehrer hat. Jemanden,  der wirklich eine Führungsperson ist, der Führungsqualitäten hat, der überzeugen kann, den die Schüler lieben. Ich bin der Meinung, dass das System, das er aufbaut, dieses System Faschismus, in sich psychologisch so perfide ist, dass es überall wieder passieren kann. Dass eben Leute, die vorher nichts zu sagen hatten, plötzlich ihre kleinen Verantwortungsbereiche haben. Dass es eine Gemeinschaft gibt, dass es eine Qualität innerhalb der Klassengemeinschaft gibt. Dass starke Unterschiede, die vorher geherrscht haben, gleich gemacht werden und dass jeder die Chance hat, vermeintlich aus sich herauszukommen. Das ist etwas, das überall funktioniert. Gerade in einem Schulsystem. Und jeder, der eine Schule in Deutschland besucht hat, weiß, wie es läuft. Dass die Leute, die gut aussehen, die Leute, die was zu sagen haben, einfach in dieser Hackordnung ganz oben sind. Und dass viele, die vielleicht etwas stiller sind oder Leute, auf den zweiten Blick, einfach nicht so zum Zuge kommen. Und ich bin fest davon überzeugt, wenn sich so ein System von einem Tag auf den anderen umdreht - dass so was sofort wieder funktionieren kann. 


Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt vom Individualismus. Inwiefern kann der Trend, sich von der Masse abzuheben, Experimente wie DIE WELLE erst ermöglichen?

Ich hab mir in meiner Jugend immer stark gewünscht, dass es irgendwas gibt, womit ich mich identifizieren kann. Ich hab dafür sehr meine Eltern bewundert, die 68er waren, ein gemeinsames Ziel hatten, die Gesellschaft wirklich aktiv zu verändern und etwas voranzubringen. Ich bin in den 80er und 90er Jahren groß geworden und da gab es tausend Gruppierungen, aber es gab überhaupt keine politische Richtung mehr. Etwas, wofür man sich wirklich engagieren konnte. Ich hab das extrem vermisst. Und ich glaube, dass geht den Jugendlichen heute ganz genauso. Es kann ja nicht sein, dass man sich nur noch durch Klamotten und Musik definiert. Ich glaube, die Leute sehnen sich ganz stark nach Inhalten und das Bedürfnis nimmt immer stärker zu. Dieser Drang zur Individualisierung und immer weitergehenden Atomisierung von verschiedensten Gruppen, das kann auf Dauer keine Zukunft haben. Irgendwann entsteht ein enormes Vakuum. Und die Gefahr ist natürlich, dass gerade irgendein -ismus wieder kommt und versucht dieses Vakuum aufzufüllen.


Ron Jones ist begeistert von DIE WELLE. Was bedeutet Dir das?

Das bedeutet uns natürlich enorm viel. Das ist für uns einfach der Mann, der das Experiment gestartet hat. Das sind ja größtenteils alles Erlebnisse von ihm. Auf eine gewisse Art war es fast unheimlich. Denn wir haben uns entschieden, dass Rainer (Jürgen Vogel) mit seiner Frau (Christiane Paul) auf einem Hausboot wohnt, dass seine Frau auch Lehrerin ist und dass es bestimmte Streitsituationen gibt. Und als ich Ron Jones die ersten Bilder im Schneideraum gezeigt habe, sagte er: „Das ist unglaublich. Ich habe damals im Baumhaus gewohnt und ich hatte mit meiner Frau die und die Dialoge, die sind original im Film!" Das konnten wir ja gar nicht wissen, das haben wir einfach intuitiv reingeschrieben. Während der Drehbucharbeit sind Szenen herausgekommen, die jetzt sehr dieser wirklichen Situation von Ron Jones Ende der 60er Jahre entsprechen. Das ist für uns natürlich fantastisch. Weil wir immer bemüht sind, bei aller Fiktionalität von so einem Stoff, von den psychologischen Abläufen und von den Charakteren her so glaubhaft wie möglich zu sein. Deshalb ist eine Aussage von Ron Jones, der sagt, die Geschichte glaube ich zu 100 Prozent, natürlich für mich das größte Lob was man bekommen kann.


Interview Christian Becker (Produzent)

DIE WELLE ist ein Gemeinschaftsprojekt unter Freunden: Dennis Gansel führt Regie und hat mit Peter Thorwarth zusammen das Drehbuch geschrieben. Du produzierst mit Deiner Firma Rat Pack den Film und Nina Maag ist die Ausführende Produzentin. Wie kam es zu diesem Get Together?

Die Idee zu DIE WELLE hatten Dennis und ich vor ein paar Jahren gemeinsam entwickelt. Ich habe lange Zeit auf der ganzen Welt recherchiert, um an die Stoffrechte zu kommen. Dennis hat sich zwischenzeitlich in den Stoff reingekniet. Um eine weitere Sicht auf die Dinge zu bekommen, haben wir Peter Thorwarth mit an Bord geholt. Wir drei haben zusammen an der HFF in München studiert. Mit Peter hatte ich schon „Bang Boom Bang", „Was nicht passt, wird passend gemacht" und „Goldene Zeiten" zusammen produziert. Und mit Dennis „Das Phantom", an dem damals auch schon Nina Maag als Producerin beteiligt war. Das Schöne ist, wir sind alle befreundet und das ist immer das, was ich mit der Firma erreichen wollte. Wir heißen ja nicht umsonst Rat Pack: Alle, die befreundet sind, arbeiten zusammen, feiern zusammen und entwickeln sich weiter. Peter Thorwarth ist stolz, dass Dennis diesen Film macht und dass er mit Dennis zusammen an dem Drehbuch gearbeitet hat. Denn Peter Thorwarth steht normalerweise für andere Stoffe, eher Ruhrgebiet-lastig, Action und lustig. Dennis macht die großen, anspruchsvollen Filme. Es gibt ja immer die private Ebene und die berufliche Ebene. Und es ist sehr interessant, wie das alles zusammen funktionieren kann, komplett ohne Ego-Probleme.


Ron Jones hat sich nie mit dem Buch von Morton Rhue identifiziert. Was hat ihn an Eurer Geschichte überzeugt?

Wir erzählen die Geschichte aus dem Blickwinkel verschiedener Personen. Das ist ein viel modernerer und zeitgemäßerer Ansatz. Deshalb gefiel das auch Ron Jones so gut. Er sagt, er ist froh, dass die Deutschen, die eine Verantwortung bezüglich ihrer Geschichte haben und sich mit Schuld beschäftigen, den Film machen. Er ist erleichtert, dass die Amerikaner die Filmrechte damals nicht bekommen haben.


Das Experiment hat 1967 an einer kalifornischen High School stattgefunden.  Warum habt Ihr euch entschieden, den Film in Deutschland spielen zu lassen?

Wir wollten den Film die ganze Zeit in Deutschland spielen lassen, damit die Jugendlichen einen Zugang dazu haben. Hier, in Deutschland, wo sie sich auskennen. Dass sie das Gefühl haben „das ist wie bei mir, das kenne ich, solche Figuren kenne ich". Wenn wir den Film in Amerika oder in der Vergangenheit hätten spielen lassen, dann hätte der direkte Bezug und die Glaubwürdigkeit darunter gelitten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir nicht zeigen, wo wir spielen. Zum Beispiel die ganzen Klischees: Berlin sei ein „sozialer Brennpunkt" oder - hätten wir die Geschichte nach Bayern gesetzt - „hier ist eh alles schwarz". Jede Region, jede Stadt hat seine Vorurteile und deshalb spielt DIE WELLE in einer fiktiven Stadt. Es war mir wichtig, dass wir diese Geschichte sehr allgemeingültig halten. Denn jeder, der den Film sieht, soll das Gefühl haben, das könnte auch bei mir passieren.


Neben renommierten Schauspielern wie Jürgen Vogel und Christiane Paul wurde ein außergewöhnliches Cast an jungen Darstellern zusammengestellt. Was zeichnet denn die Darsteller der Klasse aus?

Wir haben wahnsinnig lange vor Ort gecastet: Wir haben alle Agenturen abgeklappert und -zig Castings veranstaltet. Dafür haben wir jetzt ein einzigartiger Cast - die Crème de la Crème der jungen deutschen Schauspieler. Jeder, der den Film gesehen hat, sagt, „das ist alles so realistisch, das sieht aus wie bei mir in der Schule". Das macht diesen Film einzigartig. Wir haben uns wirklich viel Zeit genommen und Dennis hat alles möglich gemacht, den perfekten Cast zu finden. Ich glaube, wir haben nicht nur wirklich angesagte Schauspieler, sondern auch wirklich passende Schauspieler. Es macht einfach Spaß, dabei zuzusehen!


Was kannst Du uns über die Filmmusik erzählen?

Neben aktuellen Songs haben wir einen perfekten Score: Ganz leise und hintergründig und dann wieder richtig schnell und laut. Was Heiko Maile hier gemacht hat, ist wirklich super. Heiko Maile ist einer der Musiker von 'Camouflage' gewesen. Als Jugendlicher war ich ein großer Camouflage-Fan, von „Great Commandment" oder „Love Is A Shield". Mit der Musik, die er geschaffen hat, bringt er eine zusätzliche Ebene rein. Das heißt, es ist modern, es ist schwungvoll, hat aber auch Elemente des klassischen Score. Das war eine tolle Zusammenarbeit zwischen Heiko, Dennis und uns und hat sehr viel Spaß gemacht.


DIE WELLE läuft im Januar in Sundance im Wettbewerb. Geht damit für Euch ein Traum in Erfüllung?

Ganz sicher! Wir wollten unbedingt mit dem Film nach Sundance und trotzdem war es für uns eine Riesenüberraschung. Von 620 Einreichungen im internationalen Kinofilmwettbewerb sind nur 16 angenommen worden. USA gilt unter Filmemachern immer noch als das Maß aller Dinge und Sundance gehört für uns zu den absoluten A-Festivals, dem besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Seit der Bekanntgabe häufen sich bei uns die Anfragen aus aller Welt... Wir haben immer an diesen außergewöhnlichen Film geglaubt. Deshalb ist es umso schöner, wenn man sieht, dass es auch andere tun.


Interview Ron Jones (US-Lehrer / Initiator des Experiments)

Sie haben während Ihres Setbesuchs in Berlin Ausschnitte von DIE WELLE gesehen. Wie war Ihr erster Eindruck?

Ich hatte das Gefühl, als wäre ich selbst im Klassenzimmer! Als wäre ich ein Teil davon und würde das Ganze nicht nur von Außen betrachten. Aber der Film hat noch etwas anderes. Etwas, das ich nicht verstehen kann, weil ich nie darüber berichtet habe. Im Film ist eine Dynamik, die auch an meiner Schule existiert hat. Ja, die vielleicht in jeder Schule zu finden ist. Und das ist auch in diesem Film.  


Der Regisseur Dennis Gansel trat lange vor Drehbeginn mit Ihnen in Kontakt. Wie lief die Zusammenarbeit ab?

Dennis und ich haben in Emails und Briefen kommuniziert, es war wunderbar! Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, als er mir das Drehbuch zuschickte. Wir haben uns in den Briefen darüber ausgetauscht, was im Klassenzimmer genau vor sich geht, was wir da beobachten und warum wir anderen vertrauen. Es war, als würde ich mit Dennis jemanden treffen, den ich schon lange kenne. Die Briefe gingen hin und her. Mit Peter war es genau das gleiche. Wir Autoren wissen, wir leben in einer kippeligen Welt und versuchen eben das Ganze zu verstehen.  


Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre Erlebnisse jetzt in Deutschland verfilmt wurden?

Die deutsche Kultur ist einzigartig. Die Deutschen sind die einzigen, die mir bekannt sind, die sich wirklich mit ihren Taten auseinandersetzen. Ihr beschäftigt euch damit, weil ihr verhindern wollt, dass es sich wiederholt. Wann auch immer in meinem Land etwas passiert ist, wie Hiroshima oder Nagasaki, wischen wir unsere Schuld sofort beiseite. Wir wollen uns nicht damit befassen. Wir beschäftigen uns nicht mit Rassismus und Gewalt. Die Deutschen sind anders. Ihr schaut Euch die Ereignisse von DIE WELLE an und versucht zu verstehen, warum wir unsere Freiheit aufgeben - nur weil wir denken, dann besser zu sein als andere. Das ist eine Lektion, die wir alle sehen, hören und uns darüber unterhalten sollten.   


Hatte das Experiment denn berufliche Konsequenzen für Sie?

Ich wurde drei Jahre nach dem Experiment von der Schule verwiesen. Allerdings nicht wegen THE THIRD WAVE, sondern weil ich mich für Bürgerrechte und für das Ende des Vietnamkriegs eingesetzt habe. Mir wurde die Erlaubnis entzogen, an einer öffentlichen High School zu unterrichten. Mein Leben nahm damit eine Wendung, die ich nicht erwartet hatte. Ich habe mich einfach als einen guten Geschichtslehrer und Basketballtrainer gesehen, der sich um seine Familie kümmert  - wunderbar! Aber, das war mir nicht möglich.


Wann wurde Ihnen klar, dass Sie mit diesem Experiment zu weit gegangen sind?

Eines Tages folgte mir Robert in das Lehrerzimmer. Ein anderer Lehrer, einen ähnlichen Charakter habe ich übrigens im Film gesehen, forderte ihn auf, das Lehrerzimmer zu verlassen, da es nur für Lehrer vorgesehen ist. Da sah Robert ihn an und sagte „Ich bin kein Schüler, ich bin ein Bodyguard." In diesem Moment wusste ich, dass ich diese unsichtbare Linie überschritten hatte. Es war nicht nur ein Spiel, es war real. Und ich begriff, dass auch ich diese Linie überschritten hatte. Denn ich unterrichtete nicht einfach mehr zu diesem Thema Faschismus. Ich genoss es, ein Führer zu sein. Und das war beängstigend. Das Experiment verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es startete mit 30 Schülern und innerhalb einer Woche waren es 300, die Erkennungs-Armbänder trugen und die Schule übernehmen wollten. 


Waren Sie überrascht, wie weit Ihre Schüler gingen
?

Ich verteilte Mitgliedskarten an die Schüler. Drei von den Karten waren mit einem roten Kreuz markiert. Diese Schüler mussten mir berichten, wer sich in unserer Gemeinschaft gegen die THE THIRD WAVE richtet. Sie erzählten mir alles, sie erzählten mir von ihren Eltern... es war verrückt! Am Ende hatte ich Tonnen von Informationen - die ich nutzen konnte oder nicht. Ich hätte durchs Klassenzimmer gehen können und einen Schüler auf seine negative Äußerung über THE THIRD WAVE ansprechen. Er wäre schockiert gewesen, hätten nichts machen können. Ich meine, sie haben ihre besten Freunde verraten! Das war auch ein Teil von THE THIRD WAVE. 


Wie reagierte Ihre Ehefrau, die ebenfalls Lehrerin ist, auf das Experiment?

Meine Frau unterrichtete zu dieser Zeit auf der Grundschule. Wir waren zwei junge Lehrer, voller Ideen und Energie. Sie war zum Glück diejenige, die realisierte, was da vor sich ging. Vielleicht sind es ja Frauen, die unser Schicksal retten... Meine Frau sagte mir, dass es nicht gut ist, was ich da mache. Dass ich nicht weiß, wohin das führt, dass ich Menschen verletze und dass THE THIRD WAVE gefährlich ist. Sie war diejenige, die mich zurückpfiff und aufforderte, das Experiment abzubrechen. Tja, jeder sollte von einer tollen Frau umgeben sein, die sagt, bis hier hin und nicht weiter!  


Denken Sie, das Experiment hat funktioniert, weil Sie als Lehrer bei Ihren Schülern äußerst beliebt waren?

Oh nein! Das Experiment funktioniert, weil die meisten von uns einsam sind. Weil sie keine Familie haben, keine Gemeinschaft, kein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe. Und dann kommt ein junger Lehrer und sagt, ich kann Dir das geben.


Könnte dieses Experiment heute wieder funktionieren?

Es funktioniert heute immer noch, an jeder Schule! Die Leute fragen mich immer, ob ich glaube, dass THE THIRD WAVE heute wieder passieren könnte. Hey, geht zu eurer Schule vor Ort. Wo findet ihr da Demokratie? Wir sprechen immer nur von Demokratie und erleben es aber nicht. Wir entscheiden nicht, welche Bücher gelesen werden, welche Themen behandelt werden, wie man anderen helfen kann, bessere Bürger zu werden. An diesen Ideen wird nicht gearbeitet. Man folgt stur dem Lehrplan, weil einem gesagt wird, dass das so seine Richtigkeit hat. Oder man macht die Probe aufs Exempel, dann wird man versetzt. Das ist Kontrolle. Aber, nicht du hast die Kontrolle, sondern ein anderer hat die Kontrolle.


Interview Jürgen Vogel („Rainer Wenger")

Ron Jones hat während des Experiments bei seinen Schülern ein großes   Bedürfnis nach Konformität festgestellt. Ist das in der heutigen egozentrischen Gesellschaft noch von Bedeutung?

Generell ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe heutzutage wichtig. Gerade in einer Zeit, wo Familien auseinander fallen, die Struktur einer Familie mit Großeltern, Mutter, Vater, Kindern, Enkelkindern, Onkel und Tanten - wenn das alles nicht mehr da ist - sehnt man sich nach einem Gruppenzugehörigkeitsgefühl. Nicht um seine Individualität zu begraben, sondern um jemanden zu finden, der ähnlich ist. Dafür packt man sein Ego zurück, weil es für eine gemeinsame Sache ist. Zum Beispiel kann man sich bei Greenpeace super engagieren. Da gibt es das auch: Leute mit eigener Persönlichkeit und trotzdem ein tolles Gefühl, zu irgendwas dazuzugehören. Ich glaube, das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Nur wird es sehr oft missbraucht. Aber an sich ist es nichts Schlechtes.


Wie ist dieses Experiment denn aus Rainers Sicht verlaufen?   

Es verselbstständigt sich. Zuerst geht es nur darum, ein Mannschaftsgefühl zu entwickeln. Das kennt jeder aus Sportvereinen. Die Frage ist, wenn du die Leute auf Disziplin gebracht hast und sie die Hierarchie akzeptieren, was du dann damit machst. Wie benutzt du dieses System? Da gibt es verschiedene Richtungen. Du kannst es links benutzen, du kannst es rechts benutzen. Aber letztendlich ist es immer Manipulation und Machtmissbrauch und somit gefährlich - ganz gleich welche Ideologie dahinter steckt. Rainer hat  anfangs eigentlich gar keine Ideologie, außer dass der Gemeinschaftsgeist ihm wichtig ist. Und was dann passiert, das konnte Rainer dann gar nicht mehr kontrollieren.


Hast Du überlegt, welche Position Du in einem Experiment wie DIE WELLE eingenommen hättest?

Ich bin davon überzeugt, dass ein Experiment wie DIE WELLE jederzeit funktionieren würde. Deswegen habe ich mir darüber im Vorfeld gar nicht erst die Frage gestellt, welche Position ich selbst eingenommen hätte. Wir haben es ja oft genug erlebt und es gibt ganz viele Ebenen, auf denen es funktioniert: Manipulation von Massen, wie Gruppen aufeinander reagieren, was man machen muss, um Störenfriede auszugrenzen und dann vielleicht wieder reinzuholen und zu isolieren.


Der Original-Lehrer Ron Jones hat einige Ähnlichkeiten zwischen euch Beiden festgestellt. Stimmst Du dem zu?

Ron Jones ist ein guter Typ, der in seinem Leben viele tolle Sachen gemacht hat. Ich finde es zum Beispiel bemerkenswert, dass er bis heute Punk Musik macht. Es ist  sehr schmeichelhaft, wenn andere sagen, dass ich ihm ähnlich bin.

Quelle: Constantin Film

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