control.jpgIn Zusammenarbeit mit Polyfilm präsentieren wir Euch ein Interview mit Control Regisseur Anton Corbijn. Control handelt vom Leben und Sterben des Joy Division Frontmanns Ian Curtis. Sein musikalisches Talent brachte die Band zum Ruhm, aber mit diesem konnte er nicht umgehen. Gebeutelt von epileptischen Anfällen und hin- und hergerissen zwischen zwei Frauen nahm er sich schließlich das Leben. Control kommt am 18.01.2008 in unsere Kinos. (Zum Film)


Dieses Interview wurde uns von Polyfilm zur Verfügung gestellt:

Als Sie von Produzent Orian Williams aus heiterem Himmel angesprochen wurden, ob Sie einen Film machen wollten, hatten Sie ohnehin im Sinn, sich von der Fotografie abzuwenden...
Die letzten fünf Jahre überlegte ich immer wieder, dass ich irgendwann einmal einen Film machen sollte. Wenn man so lange als Fotograf arbeitet, tut es ganz gut, wenn man sich auch einmal in einer anderen Disziplin ausprobiert. Ich habe Videos gedreht, Grafik- und Bühnendesign gemacht und als Fotograf gearbeitet. Ich habe mich stark entwickelt, was den Stil meiner Fotos und die Wahl meiner Themen anbetrifft. In meinem Hinterkopf arbeitete es unentwegt, dass ich einen Film drehen wollte. Ich habe viele Filmschauspieler und Regisseure fotografiert, und ich wollte eine Geschichte endlich einmal mit anderen Mitteln als der Fotografie erzählen.


Zunächst lehnten Sie den Stoff ab. Schließlich hatten Sie aber doch das Gefühl, der Richtige zu sein, um die Geschichte von Ian Curtis und Joy Division zu erzählen?

Rückblickend war das so, ja. Zunächst war ich mir nicht sicher, weil ich nie zuvor einen Film inszeniert hatte. Ich wollte das Projekt auch nicht für andere kaputt machen. Man will keinen schlechten Film drehen, weil es dann lange dauern würde, bis Ian Curtis den Film bekäme, der ihm zusteht.


Können Sie sich an Ihre persönlichen Erlebnisse mit Ian Curtis erinnern?

Ich habe Ian ein- oder zweimal getroffen. Der erste Fotoshoot in der U-Bahn-Haltestelle war sehr kurz, fünf oder zehn Minuten vielleicht. Mein Englisch war damals noch sehr schlecht - ich bin Holländer. Ich weiß noch, dass ich mich ihnen vorstellen wollte und sie sich geweigert haben, mir die Hand zu schütteln. Nachdem wir die Fotos gemacht hatten, schüttelten sie mir die Hand. Also war da schon etwas, das sie mochten, bevor sie die entwickelten Fotos sahen. Ich schickte ihnen Abzüge der Fotos, und sie gefielen ihnen. Damit standen sie allerdings alleine da. Niemand mochte die Fotos, weil niemand gerne die Hinterköpfe von Menschen ansieht. Niemand veröffentlichte sie. Die Band dagegen benutzte eines der Fotos für eine ihrer Single-Veröffentlichungen. Dann fragte ihr Manager Rob Gretton mich, ob ich nach Manchester kommen wollte, um sie in der freien Zeit ihres Videodrehs für „Love Will Tear Us Apart" noch einmal zu fotografieren. Also traf ich sie noch einmal, konnte mich aber immer noch nicht richtig mit ihnen unterhalten, weil mein Englisch immer noch nicht so gut war. Außerdem war ich wahnsinnig schüchtern. Es ist übrigens auch interessant, dass ich wegen meines schlechten Englisch überhaupt nicht verstand, worüber Ian Curtis in seinen Liedern sang. Aber mir war klar, dass es um schwerwiegende Dinge ging, einfach wegen der Art, wie Ian sie vortrug. Es fühlte sich so an, als ginge es um etwas. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum ich nach England gezogen war. Die wenigen Male, die ich Fotos von Leuten und Bands in England gemacht hatte, fühlte sich das essenzieller an als in Holland. Bei Musikern in Holland hatte man immer das Gefühl, es ginge um ein subventioniertes Hobby. In England schien es eher um eine Flucht vor einem gewissen Leben zu gehen.


Haben Ihnen Ihre Erfahrungen aus erster Hand geholfen, sich ein Bild von Ian Curtis zu machen?

Es hat mir beim Kontext des Films geholfen - und mit den Leuten, die übrig geblieben sind und heute in New Order spielen. Meine Fotos und mein Video (zu „Atmosphere") sind mittlerweile sehr beliebt. Also bin ich akzeptiert - und auf gewisse Weise kein Fremdkörper mehr.


Der Film steht und fällt mit der Besetzung von Ian Curtis. Haben Sie diesbezüglich Druck verspürt?

Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Das hat mir richtig Angst gemacht. Man fängt immer mit Schauspielern an, die sich bereits einen Namen gemacht haben, glaube ich. Dann haben wir Castings in London und im Norden des Landes veranstaltet. Und ich sah mir Probeaufnahmen auf Video an. Auf einem dieser Bänder entdeckte ich Sam Riley. Er hatte etwas, das mich an meine Zeit mit Joy Division erinnerte. Als ich Ende der Siebzigerjahre nach England kam, gab es diese blutjungen Musiker, die kein Geld hatten, die schäbig angezogen waren und herumstanden und eine Zigarette nach der anderen rauchten. Sam Riley ist genau so ein Typ. Er war dürr, hatte kein Geld und stand herum und rauchte genauso, wie ich es damals gesehen hatte. Ich hatte sofort das Gefühl, dass er absolut der richtige Typ für unseren Film war. Natürlich machte mich diese Wahl ungeheuer nervös, weil ich wusste, dass er über keinerlei Erfahrung verfügte. Aber immer, wenn mir Zweifel kamen, dachte ich einfach an KES von Ken Loach. Ich liebe die Unschuld dieses Jungen, weil er keinen Ballast mit sich herumträgt. Genau das stellte ich mir mit Sam Riley vor. Unerfahrene Leute haben etwas wunderbar Ehrliches und Wahrhaftiges an sich. Was Sam macht, ist glaubhaft. Er hat sehr hart gearbeitet und steckte alles in seine Rolle.


War Ihnen immer klar, dass Sie in Schwarzweiß drehen würden?

Nein. Viele Menschen glauben, dass ich meine Fotos nur in Schwarzweiß aufnehme, aber das stimmt überhaupt nicht. Ich mache viele Farbfotos. Aber meine Erinnerung an Joy Division ist in hohem Maße schwarzweiß. Wenn man sich das Bildmaterial ansieht, dass es von Joy Division gibt, dann würde ich sagen, dass 99 Prozent davon schwarzweiß ist. Das liegt sicherlich daran, dass Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre alle relevanten Musikmagazine in England in Schwarzweiß gedruckt wurden. Eine Band musste schon einen großen Hit gelandet haben, um in einer wichtigeren Publikation mit einem Farbfoto bedacht zu werden. Aber eine Band wie Joy Division hatte keine Hits, damals zumindest noch nicht. Außerdem waren alle ihre Plattencover schwarzweiß. Und sie kleideten sich ausschließlich in Grautönen. Ich fand, dass das die richtige Art und Weise war, an Joy Division zu denken.


Der Look das Films ist sauber und simpel, was bei Filmen mit Musikthemen eher selten der Fall ist...

Ja, das stimmt. Aber genauso sollte der Film aussehen - sauber und simpel.


Was waren Ihre Bedenken vor dem Dreh ihres ersten Spielfilms?

Das Inszenieren von Schauspielern, das war Neuland für mich. Bei meinen Fotos inszeniere ich ein bisschen, aber ich mag es, wenn sich die Dinge natürlich entwickeln. So wollte ich es bei meinem Film auch halten, aber ich habe dann schnell einiges über die Schauspielerei gelernt.


Wollen Sie nach der Erfahrung mit CONTROL einen weiteren Spielfilm drehen?

Ich würde gerne wieder einen Film machen, dann aber einen Actionfilm mit mehr Spannung, einen Thriller, wenn Sie so wollen. Der Dreh des ersten Films, speziell wenn man keine Ausbildung im Medium besitzt, ist ein großes Mysterium. Aber wenn man einen gemacht hat, dann beginnt man zu verstehen. Dann kann man sich noch viel mehr auf den Dreh konzentrieren. Mir gefiel die Erfahrung ungemein, es war die umfassendste Erfahrung meines Lebens. Für einen Fotograf gibt es immer wieder Shoots, die unglaublich intensiv sind. Aber das hält selten lange vor.

Quelle: Polyfilm

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