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„Mr. Nolan, setzt Ihnen der Hype allmählich zu?“ – ein Kommentar zur künstlerisch beunruhigenden Entwicklung des begnadeten Meisterregisseurs Christopher Nolan

Christopher Nolan drehte in 16 Jahren neun Filme, an sieben davon wirkte er maßgeblich am Skript mit oder entwarf und schrieb das Drehbuch selbst. Was der talentierte Filmemacher in dieser Zeit mit Gewissheit bewiesen hat, ist seine Begabung, das cineastische Bewusstsein eines wahren Film-Auteurs mit den megalomanen Vorstellungen eines Blockbuster-Producers in Einklang zu bringen. Man möchte fast meinen, dass Nolan eine sich selbst melkende Cash Cow ist, ein Selbstläufer, der sowohl der künstlerischen als auch kommerziellen Erwartungshaltung stets voraus sein will. An seinen ökonomischen Verdiensten ist nichts auszusetzen, manche seiner visionären Leistungen hingegen sind ihm seit geraumer Zeit zur Last geworden.

Gelungene und gescheiterte Schwindel

Für sich betrachtet ist sein aktuelles Werk INTERSTELLAR von ansehnlichem Erfolg gekrönt. Der Film nahm am heimischen US-Markt zwar nur ernüchternde 20 Millionen mehr ein als die Produktion insgesamt an Budget geschluckt hat – der echte finanzielle Erfolg errechnet sich dennoch wie so oft aus den Auslandseinnahmen. Niemand erwartete, dass der Film die 1 Milliarden Marke ernsthaft ansteuern würde, dafür bzw. dagegen sprechen drei Argumente:

1) Die Abenteuer des maskierten Gerechtigkeitsfanatikers und Polizeivolontärs in Schwarz interessiert das Publikum viel mehr als die emotionale Achterbahnfahrt eines Astronauten, 2) THE DARK KNIGHT RISES, 3) (fast)-Everybodys Darling GRAVITY ist gerade mal ein Jahr her. Alfonso Cuaróns visueller Rausch eines 91 Minuten lang andauernden Witzes über physikalische Unmöglichkeiten und dramaturgischen Slapstick entfaltete vielleicht nur vor der Leinwand seine gewaltige Sogwirkung, aber beeindruckend und wahnwitzig genug, um sich noch gut an das Kinoerlebnis zu erinnern. In der Prämisse des Spektakels dachte Nolan aber erst gar nicht daran mit Cuarón zu konkurrieren, sondern selbsttreu die eigenen Standards zu setzen, wie er es schon immer tat.

Als BATMAN BEGINS 2005 in die Kinos kam, befand sich die Nerd-Kultur, nach den zwei Welterfolgen von Sonys erster SPIDER-MAN-Reihe, im fortgeschrittenen Stadium absoluter Überkommerzialisierung. Im aufkommenden Trubel des popkulturellen Evolutionsprozesses – in dessen Gegenwart schon ersichtlich war, dass die Filmindustrie ihre neuen Helden gefunden hat – offerierte man Nolan, mit allen zur Verfügung stehenden Freiheiten, über eine ausgemachte Blockbuster-Produktion zu verfügen. Die düstere Antithese zu Marvels buntem Zauberland nannte sich realistisch und dank ihm waren die ästhetischen Realismus-Bestrebungen mehr als nur ein oberflächlicher Anstrich. Dabei fiel uns damals in der erfolgreich vollzogenen Synthese, zwischen der Vorlage Batmans pessimistischer gezeichneten Comics und dem psychologischem Realismus Nolans, der große Schwindel nicht auf; zu erkennen gibt er sich dort, wo man anfängt die Idee vom Drehbuch und die Inszenierung dieser Idee einander gegenüber zu stellen.

„People are always accusing my films of having plot holes, and I’m very aware of the plot holes in my films and very aware of when people spot them, but they generally don’t!“

Selbstredend beurteilt Nolan diesen Umstand etwas anders als seine Kritiker. Die irritierenden Unglaubwürdigkeiten fingen nicht mit der Zerfahrenheit von THE DARK KNIGHT RISES an, sie fingen mit der Krankenhaus-Szene an, in der sich Harvey Dent (Aaron Eckhart) und Joker (Heath Ledger) gegenüber-“standen“. Dieses Aufeinandertreffen rechtfertigt jedwede Kritik, die sich Nolan in seinem weiteren Karriereverlauf zum Thema Plot Holes konfrontiert sah.

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Das wirklich tragische dabei ist, dass ihre überragenden Leistungen als Darsteller nicht über die Unglaubwürdigkeit ihrer Handlungen und dem was sie sagen, hinwegtäuschen können. Als sich Joker und Dent in einem Raum befanden, löste sich das Gute (Harvey Dent) in einer Art Demenz-Verwirrung auf, während das Böse (Joker) sich sehr überzeugend – immer nur dem Chaos zu frönen – selbst belügt. Man müsste die Figur des Jokers für einen großartigen Manipulator halten, wenn er denn wirklich einer wäre. Passend dazu, endet THE DARK KNIGHT mit Batmans Einfallslosigkeit, der, so edel er ist, die Verantwortung für Dents begangene Morde übernimmt. Man hätte auch Joker beschuldigen kö.......egal

Opernhafte Dimensionen, die den Gebrüdern Nolan (und David S. Goyer) leider völlig zu Kopf gestiegen sind. Harvey Dents geistige Umnachtung zum Bösewicht Two Face entwickelte sich über seinen Tod hinaus generell zu Nolans lästigem Drehbuch-Furunkel. Du kannst einen beschissenen Film mit einem guten Ende retten und ein Meisterwerk mit einem falschen Pinselstrich zu etwas machen, das Mal ein perfektes Meisterwerk hätte sein sollen.
Ein Fehler, dessen Urheber das System selbst ist, kann weder ignoriert noch zum eigentümlichen Grundzug erklärt werden. Sein Perfektionismus ist das in Sterilität abgeschottete Wesen, das von jeder kleinen Unstimmigkeit bedroht ist. Nicht Plot Holes sind das große Problem, sondern welche Widersprüche aus ihnen entstehen.

Überwältigende Gefühlsregungen und Mathematische Formeln

Vom gut ausbalancierten INCEPTION ausgenommen, verstärkte Nolan seit BATMAN BEGINS zunehmend den Aspekt des Emotionalen. Sein Mitwirken am Drehbuch zum 2013 erschienen MAN OF STEEL gab manchen Fans berechtigten Anlass zur Besorgnis, ob ihm in ferner Zukunft nicht jeder Sentamentalitäten-Zirkus recht sein wird, wenn das Budget stimmt.

Er war schon immer versessen darauf die Grenze der Reizüberflutung so weit zu voranzutreiben, dass es immer noch im Raum des akzeptablen lag: Twists (THE PRESTIGE), Verwirrung (MEMENTO), das Spiel mit dem Mysterium (INCEPTION) – immer war ein Aspekt, eine Eigenschaft in seinen Filmen dominierend. Diese dominanten Aspekte können auch als inhaltliche Superlative verstanden werden, und von all diesen beinahen Reizüberflutungen, die Nolan bisher so gut beherrschte, degradierte er sie in INTERSTELLAR zum erzählerischen Zweckmittel, um große Gefühle zu vermitteln. Jedenfalls ist das sein neuer Superlativ, wenn es darum geht als Visionär zu kurz zu denken.

Ausgehend von dem dominierenden Motiv INTESTELLARS, ging ihm hier der Sinn für Maßhaltung in den Weiten des Weltalls verloren. Er zeigt sich vom Aspekt des Emotionalen als kühler Mathematiker, der menschliche Empfindungen errechnet und akkurat bebildert. Wie er übermäßigem Kitsch Einhalt gebietet, hebt seine Filme auf eine lobenswerte Weise von anderen Großproduktionen hervor, doch gerade seine kühle Auffassungsgabe erwies sich für die poetische Expressivität individueller Akteure als hinderlich. Zu allem Übel basiert seine Begrenztheit in diesen Dingen auf ein merkwürdiges Drehbuch, das von der ersten bis zur letzten Seite dazu abgestimmt ist diesen Mangel auszugleichen, ja sogar zu überkompensieren – womit wir mit INTERSTELLAR nun doch beim Kitsch angekommen sind.

INTERSTELLAR: ein Kuriositätenkabinett auf 70mm Film

Angenommen, die Kritiken über Kausalitäts-Fehler und Zerfahrenheit haben ihn schwerer getroffen, als er es in der Öffentlichkeit eingestehen mag, dann ist die Schlussfolgerung von einer Überreaktion auf seine Kritiker gar nicht so abwegig.

Zu viel, war auch die neuerliche „Erklärungs-Orgie“, die wir bereits aus INCEPTION kennen – nur da hat es noch einen Sinn erfüllt. Das zu übernehmen war insofern ein Fehler, als dass sich Wissenschaftler gegenseitig Theorien und Ideen vortragen, die ihnen zu genüge bekannt sein sollten. Die oftmals überflüssigen Dialoge wechseln in lästiger Regelmäßigkeit mit wahrlich gelungenen aber viel zu flüchtigen Weltraumszenen ab – als ob er der aufkommenden Langeweile, eines nicht enden wollenden Dia-Abends, mit geistreichen Konversationen beizukommen versucht.

Wie kommt Nolan darauf einen Film zu machen, der im Weltraum spielt und wie ein störrisches Kind keine zehn Sekunden Ruhe geben kann? Eine Erklärung dafür ist, dass sein Gespür für Rhythmus und Tempo in diesem Setting schlichtweg keinen Raum für eine gleichmäßige Entfaltung fand. Wenige verstehen sich darin den Zuseher so immersiv in das Geschehen einzubinden wie er – nur ist jetzt das Talent für konstante Spannungserzeugung eine unrhythmische Zwangsneurose auf engsten Räumen, und zwischen den Räumen.

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Wenn nichts passiert, wird unablässig geredet. Über Familie, über astrophysikalische Theorien, über Plan A und Plan B, Lagebesprechungen usw. usf. Und als ob die ständigen Meetings zwischen den Figuren nicht überbewertet genug wären, holt Nolan in einer der dramaturgisch entscheidenden Szenen den obszön plumpen Hammer der absoluten Bedeutungsschwangerschaft hervor und presst all den esoterischen Käse in einem einzigen Monolog raus. Anne Hathaway kann man für diese Zeilen, die sie hat sprechen müssen, nur bedauern. Dr. Amelia Brand wird wohl auf ewig die bescheuertste Figur in Nolans Film-Universum bleiben. Da hilft es auch wenig, dass der Film in der finalen Schlusssequenz all den Unsinn mit der Übernatürlichkeit der Liebe argumentativ zu begründen sucht. Jedenfalls war es zum Brüllen komisch, nach dem man anerkennen musste wie sinnlos es ist, sich darüber zu ärgern. Schließlich war Nolan viel daran gelegen, beim Publikum Emotionen zu evozieren – vielleicht war es ihm einfach nicht wichtig, ob es sich um Ergriffenheit oder Brechreiz handelt.

“I understand the risk of losing the audience, and it’s a risk I am prepared to take but I think that if you can engage people emotionally, they are much more likely to follow the arc of the story, than if you engage them purely intellectually and you try to ask them to understand a puzzle. Audiences are capable of understanding anything if they are interested. And to me, the interest is never intellectual, it’s always got to be about character; it’s always got to be about an interesting emotional situation, an interesting narrative situation.“

Dieses Statement ist entweder frei erfunden oder gerade deswegen wahr, weil es Nolans jüngste Glaubwürdigkeitsprobleme unterstreicht. Andersrum formuliert: in Anwendung dieses Zitats erscheint die Lesart (die Art wie man einen Film betrachtet) INTERSTELLARS von einem Familiendrama, das sich vor dem Hintergrund eines Science-Fiction Setting abspielt, als die vernünftigste. Zweifellos wahr, ist Nolans verwegene Behauptung von Stanley Kubricks A SPACE ODYSSEY 2001 beeinflusst worden zu sein. Insofern wahr, als dass er tatsächlich die Nerven hatte so etwas zu sagen.

Lässt man die Low Budget-Produktion FOLLOWING aus Nolans filmischem Oeuvre konkurrenzlos außen vor, ist sein aktuelles Werk zweifelsfrei das Schwächste. Weder sein Talent als Regisseur noch seine cinephile Affinität täuschen darüber hinweg, dass es sich beim Drehbuch um eine verkrampfte Selbstzensur handelt, denn Nolan wäre in der Tat befähigt gewesen, Kubrick ein kleines Denkmal zu setzen. So wurde es ein Konsens-Experiment, das vor der DARK KNIGHT-Zeit eher noch ein kühnes Wagnis gewesen wäre. Der Vorwurf an ihn und seinen Bruder, welcher am Drehbuch maßgeblich beteiligt war, lautet nicht, sie hätten keinen Mut zur Radikalität gehabt. Im Gegenteil, das galaxienübergreifende Familiendrama verhält sich gewissermaßen sehr radikal darin, heiße Luft prätentiös in den Kinosaal zu blasen. Und für dieses Werk provozierte er das große Ärgernis, allen Kinobetreibern zwei Tage Vorzug gegenüber ihren Konkurrenten zu geben, wenn sie über die nötigen Mittel verfügen eine analoge 70-mm-Filmkopie zu projizieren(das sind sehr wenige)? Nun, der Mann mag in seinem Fach nicht überschätzt sein, ein eitler Gockel ist er gewiss.

Wirklich tragisch an Nolans Drehbuchversäumnissen, sind nicht etwa die Fehler an sich, sondern dass man den Eindruck nicht los wird, er sei schlichtweg zu faul geworden eine Sache richtig durchzudenken, bevor er sie inszeniert. Doch während es sich in der Vergangenheit um seltene Makel am scheinbar Makellosen handelte, rechtfertigt sich INTERSTELLARs Existenz nur durch den Hype seines Machers. Ironisch, dass dieser Film so gnadenlos überschätzt ist, wie sein Neo-Noir Meisterwerk INSOMNIA (Drehbuch: Hillary Seitz) unterschätzt.

Scheitert Nolan daran die simple Tatsache anzuerkennen, dass auch seinem Talent Grenzen gesetzt sind, dann werden die Kreise, die der Hype noch zuletzt unter seinen sektenähnlichsten Fans ziehen wird, von Film zu Film kleiner und kleiner. Ein radikaler Neuanfang ist jedenfalls vorerst auszuschließen.

Igor Basagic

Quellen:
http://www.avclub.com/article/christopher-nolan-responds-scientific-criticism-in-211676
http://www.comicvine.com/profile/seifd/lists/comics-that-inspired-nolans-films/7121/
http://www.filmstarts.de/nachrichten/18480036.html
http://www.boxofficemojo.com/
http://nerdbastards.com/2014/12/01/the-prestige-author-christopher-priest-disses-chris-nolans-batman-movies/
http://www.hollywoodreporter.com/news/why-theater-owners-arent-happy-737661
http://ap2hyc.com/?p=1463&page=2
http://ukscreen.com/articles/interviews/christopher-nolan-i-want-the-audience-to-feel-my-movies-not-understand-them-4567/











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Kommentare

heidls Avatar
25.02.2015 19:17 Uhr
Na endlich!
Nach Wochen oder gar Monaten, die fast ausschließlich von Film-Trailern geprägt waren, endlich mal wieder ein echter Artikel hier auf Filmering. Danke!
Zum Thema: Ich hab das Gefühl, dass Nolan Filme mit anderen (übertriebenen) Maßstäben gemessen werden. Interstellar mag seine Fehler haben, ein totaler Reinfall, so wie es hier rüber gebracht wird, ist er aber bei Gott nicht. It's just a movie! Wir sind schon zum Teil selbst Schuld, wenn wir bei jedem seiner Filme eine neue Revolution erwarten. Ich persönlich finde Interstellar super, mit seiner Dark Knight Trilogie konnte ich hingegen nie etwas anfangen. Jedem das Seine, aber bitte die Kirche im Dorf lassen.
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