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10 Jahre nach THE ROOM. Ein kleiner Einblick in das größte Film-Desaster der Kinogeschichte.


Ursprünglich plante ich diesem Film nicht mehr als eine gewöhnliche Retrokritik zu widmen, bis auch mir wie vielen anderen Menschen zuvor im jähen Verlauf des Films auffiel, dass ein diffiziles Urteil ohne Berücksichtigung der Produktionsebene, aus der alleinigen Werkselbständigkeit heraus nicht möglich sein wird. Der Grund ist simpel wie zugleich komplex: THE ROOM ist nur bedingt fähig für sich selbst zu sprechen. Bei Fans ist er nur als der (vermutlich) schlechteste Film aller Zeiten bekannt. Gründe dafür zu nennen sind nicht enden wollend. Weshalb ich mir mit diesem Artikel vornahm, einen diagonalen Querschnitt der symptomatischen Konfliktstellen dieses Horrorwerks zu skizzieren und folgerichtig die Entstehung dessen Kultes zu ergründen.

Der Kult ist bedeutender als der Film

Falls Sie geglaubt haben, eine Massenvernichtungswaffe lasse sich nicht in die Filmsprache transkribieren, dann irren sie. Vor zehn Jahren brachte ein Mann Namens Tommy Wiseau einen Film ins Kino, den er selbst produzierte, die Regie führte, das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle einnahm. Dessen primäre Bestimmung, die ohne übertriebenen Zynismus als bebildertes Sarin zu evaluieren ist, war es nicht, philosophisch kritische Fragen über den Wert des Films und wie wir Filme wahrnehmen, aufzuwerfen – allerdings besitzt seine oberflächlich inszenierte Geschichte über eine melodramatische Dreiecksbeziehung genau jene Kraft. Was ist ein Film?

Zwei Überlegungen drängen sich auf: Bewusste Selbstsabotage, Hass gegenüber dem Kino oder der größte Pfusch in der Kinogeschichte? Welcher ist nun wahr? Unter dem Publikum bildete sich eine Bewegung heraus, die sich auf die Suche nach dem verlorenen Plot machte und sie wurde alsbald hinter der Kamera fündig. In Wiseaus Fall waren es zwei Kameras. Was die Trash-begeisterten dort vorfanden, war ein Spiegelbild dessen was sie auf der Leinwand beobachteten – mit einem signifikanten Unterschied; am Set war das Drama nicht nur in den Unweiten eines vermeintlich verklärten Kontinuitätsverständnisses Wiseaus verloren, es war in jedem Moment der Arbeit allgegenwärtig. Nur für Wiseau – einem Visionär, der über die Gegenwart nicht hinauszublicken scheint – war schon immer alles bestens. Die Dreharbeiten liefen nach Plan.

Die allgemeine Empörung nach den regulären Screenings war in den darauffolgenden Mitternachtsscreenings mit social-happenings überwunden und aus der Massenvernichtungswaffe THE ROOM entwickelte sich in rasender Eile ein Projekt des erheiternden Beisammenseins, bei dem Zuseher mittels kollektiv kreierter Belustigungspraktiken auf kurioseste Weise mit dem Film interagieren konnten. Als sich dann noch Promis wie Alec Baldwin, Kristen Bell, Paul Rudd, Jonah Hill etc. zu Fans der unfreiwilligsten Komödie aller Komödien erklärten, bekam der Regisseur des Unfassbaren endlich das, was er sich am meisten wünschte – eine wie auch immer geartete Anerkennung.

Ein Problem drängt sich jedoch für das chronologische Verständnis der Geschehnisse auf. Tommy Wiseau, gebärdet sich als zwar redefreudiger aber geheimnisvoller Übervater des geborenen Kultes. Wie bereits erwähnt, ist der Film nur begrenzt fähig für sich selbst zu sprechen, womit die widersprüchliche Vergangenheit stets ein Fragezeichen in der Gegenwart bleiben wird. Sicher ist nur eins! Es begann damit, dass ein Mann sechs Millionen Dollar zusammenlegte, um das wahrscheinlich beschissenste Drehbuch aller Zeiten zu verfilmen. Wie er selbst meint, stammt das Geld aus eigenen Einnahmen, die er mit Importgeschäften erwirtschaftet hat. Alles klingt glaubwürdiger, nur nicht, dass jemand bei vollem Bewusstsein diesem Mann für dieses Drehbuch Geld zu geben wagte. Abgesehen von einigen wahrlich legendären Szenen und Dialogzeilen, sind es die Gegendarstellungen dieser Geschichte, die diesen unerträglich schlechten Film wirklich sehenswert machen.

Die zwei Versionen von THE ROOM: „Ich – Investor, Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, Hauptdarsteller und der Rest, der meine Kreativität eingrenzt“

So in etwa könnte Wiesaus Sichtweise interpretiert werden. Alles was er wollte war nur einen Film zu drehen. Aber dann kamen die anderen, die er bezahlte und sie stellten Ansprüche. Sie sagen: „Nein, so geht das nicht, so können wir das nicht drehen“. Tommy hatte es nicht leicht. Seien es die versierteren Fachleute oder solche, die kaum ein Fuß im Filmbusiness gefasst haben – er wurde in seiner kreativen Schöpfung gebremst wo es nur ging.

Am Set waren Begriffe wie Organisation und Planung neu zu bestimmen. Nicht, dass das etwas schlechtes hieße für den Film. Jean Luc Godard arbeitete zum Ärger seines Filmteams ebenfalls eigensinnig. Nur, diesen Satz mit einem „aber“ fortzuführen ist nicht nötig – es gibt die Architekten, die Freimaurer und es gibt gestrandete Menschen die Heuhütten auf Treibsand bauen. Wiseau ist unter den letzteren zu vermuten.

Sandy Schklair (Scriptdirector) gehörte zu den Leuten am Set, die bereits in der Frühphase das Projekt aus Vernunftgründen aufgaben. Obgleich Wiseau die Verhältnisse klar formuliert hat, besteht er ironischerweise nach dem unerwarteten Erfolg nun doch darauf als Regisseur angeführt zu werden. Schklair beschrieb die Arbeitsverteilung in einem ihrer ersten Aufeinandertreffen wie folgt:

Schklair: Umm...you want me to direct your project?
Wiseau: No! I am director!
Schklair: Yeah, you're the director, whatever. But you want me to direct your movie for you?
Wiseau: Yes, please.

Weitaus interessanter als seine selbst definierte Rolle des rettenden Koordinators, ist die Behauptung Schklairs THE ROOM`s Grundstimmung bewusst in das Kuriositätenkabinett gedrängt zu haben. Nachdem er aber genug davon hatte Tommy Wiseaus Hinterteil abzufilmen, räumte er nach etwas mehr als einem Monat das Feld. Womit seine Aussagen über seine Einflussnahme auf das Projekt mit großer Vorsicht zu genießen sind. Allerdings spricht nichts dagegen, dass der überschaubare Kern, um das im stetigen Wandel begriffenen Filmteam, so etwas wie Schklairs Grundsatzgedanken eines inszenierten Fiaskos fortführte. Nicht, dass der TR ohne die subversiven Tätigkeiten – von deren Ausmaß nur Vermutungen angestellt werden können – weniger Farce geworden wäre, doch vielleicht weniger Freakshow.

Wiseau behauptet heute noch, der Film sei nicht aus chaotischen Zuständen heraus geboren worden, sondern von ihm persönlich so geplant. Am Drehbuch allein ist das Fiasko schon vorauszusehen, was es noch braucht sind undurchschaubare Zustände, die niemandem mehr erlauben sich auf die Situationen neu einzustellen, geschweige denn klar zu denken. Jene Zustände, von denen die ganze Zeit die Rede ist. Sollte er also das fabrizierte Chaos tatsächlich akribisch vorbereitet und umgesetzt haben, dann ist der Mann wahrhaftig ein Genie, das nur darauf aus war, seine Persönlichkeit zu einem popkulturellen Begriff zu machen. Jedoch traut ihm eben jene Raffinesse kaum jemand zu. Meistens liefen die Aussagen darauf hinaus, dass Tommy versuchte fokussiert zu sein, aber nicht wirklich mitbekam was um ihn geschah.

“Tommy ran a pretty tight ship in that regard. He takes his craft very seriously. There wasn't a lot of cracking up on set. But I can remember one time that I just lost it. It's the line where Johnny has locked himself in the bathroom and he says, “In a few minutes, bitch.”
„I was doing okay until I saw the entire crew in my field of vision, stifling their laughter. I couldn't help it. Tommy came out and demanded to know what was so funny. That made it worse!“

Wieso sollte THE ROOM der schlechteste Film aller Zeiten sein?

Der Bereich vor der Kamera (das Werk selbst) ist der andere Teil des Kultes und dieser beruht auf Fehlzündungen, die zu Running Gags wurden und den Wortwitz zahlreicher Kritiker schwer auf die Probe stellten. Jeder Versuch vernünftig und geordnet mit kritischen Beobachtungen anzusetzen, löst nur Verwirrung aus. Jeden Fehlschlag einzeln auszuarbeiten überzieht die formalen Vorgaben einer jeden Filmkritik bei weitem. Dadurch, dass Szene für Szene entweder für sich stehend oder im Verhältnis zu vorangegangen Szenen für gescheitert erklärt werden kann, ist eine umfassende Analyse inklusive Urteil in ihrem berechtigten Ausmaß buchfüllend zu denken. Unbestritten gehört THE ROOM zu diesen Filmen deren Reaktionen von Fachleuten als auch der Publikumsseite die Neugier vieler weckten. Unter dem galoppierenden Zynismus ihrer spöttischen Feststellungen traten sie das ohnehin verstümmelte Werk endgültig zu Brei. Tommy Wiseau nimmt es wie erwartet gelassen.

''It was actually a lot longer. There was stuff that was just unsayable. I know it's hard to imagine there was stuff that was worse. But there was.'' – Ein Crewmitglied, das wünschte anonym zu bleiben

Besonders hervorzuheben, die Dialoge. Sie schreien geradezu danach von einer Produkteinblendung unterbrochen zu werden. In dem Sinne, dass THE ROOM ein Stück Ewigkeit bedeutet. Ein Einblick in den Limbus des Werbefernsehens. So auch die schauspielerische Qualität, beziehungsweise die Authentizität der einzelnen Darsteller, die sich voneinander lediglich nuancenhaft unterscheidet aber gemeinsam in der Zone des Grotesken einzugrenzen ist. Und dennoch, unter diesen Produktionsbedingungen allen Darstellern Talentlosigkeit nachzusagen wäre grob fahrlässig. Dazu Robyn Paris, die eine kleine Nebenrolle (Michelle) spielte:

„I never saw a script, never knew the context of the scene we were shooting, and never even knew who the characters were“.

Niemand der Darsteller und Darstellerinnen bis auf Wiseau selbst hat jemals das vollständige Drehbuch erhalten. Tommy fürchtete sich, jemand könnte es stehlen. Spekuliert Tommy Wiseau etwa auf einen horrenden Sammlerwert?

Sprechen wir vom Schauspiel, lohnt es sich natürlich nur über einen wirklich zu reden – den Hauptdarsteller Tommy Wiseau. Verglichen zu ihm, erschien der übrige Cast blass, bemüht das Beste aus ihrem Todesurteil zu machen aber Wiseau drehte so richtig auf. Achtung(!) nicht als Kompliment interpretieren. Jeder Moment (es gibt fast keine Szene ohne ihn) mit ihm macht den Film wirklich zu dem was er geworden ist: Ein bahnbrechendes Desaster, das man so nicht wahr haben will, aber höllisch viel Spaß macht. Und wie wir ungläubig seinem Spiel zusehen, zelebriert er es wie ein Sadist. Als großer Fan von Brando und Dean versucht er in seinem Inneren an große Emotionen ranzukommen. Zu unserem Glück gerät die fast berserkhafte Imitation seiner Schauspielhelden in trockene Deklamation von Hysterie, Affentheater und syphilisbedingter Geisteskrankheit. Dabei gedachte er nicht einen geistig benachteiligten zu spielen. Er wirkte bloß so. Man könnte sagen, er habe mit seiner Rolle jahrzehntelange Sensibilisierungsmaßnahmen sabotiert und die Verhöhnung von Down Syndrom-Betroffenen wieder salonfähig gemacht.

Die Liste der Fehler auf Regieebene ist nicht weniger beachtlich lang als das was man aus dem Drehbuch zu THE ROOM hätte rausstreichen können und steht unter dem gemeinsamen Nenner, dass dieser Mann, der sich die Kunst der Regie zutraute, entweder einen perfekten Blick für das Überflüssige hat, oder alles als wichtig empfindet. Er zwängte so lange unwichtige Gesten, unbedeutende Figuren und unbrauchbare Übergangsszenen als narrative Bestandteile in die Gesamterzählung, bis niemand mehr weiß worum es in TR eigentlich geht. Dafür lässt Wiseau auf narrativ-struktureller, bildhafter und dramaturgischer Ebene alles aus was für den Film nur irgendwie wichtig wäre, um die eigentliche Geschichte voranzutreiben.

Abgesehen von Vor –und Abspann misshandelte Wiseau auf gesamter Filmlänge die Filmsemiotik mit allen Elementen, die ihm zur Verfügung standen. Am Ende liegt sein Werk da, blutüberströmt, sämtliche Knochen zersplittert, in eigenen Exkrementen wälzend und nach Erlösung flehend: „Tötet mich!“ Ob aus Selbstverblendung oder eiskaltem Kalkül – Wiseau hat es geschafft, in dem er nicht weniger als sein Werk thematisiert wird, THE ROOM von sich abhängig zu machen, in dem er seinem Werk schreckliche Gewalt antat.

TR ist der schlechteste Film aller Zeiten, weil er der unfilmischste Film aller Zeiten ist. Weil er der unfilmischste Film aller Zeiten ist, ist er Kult geworden.

Es muss doch etwas Gutes an THE ROOM geben.

Ja, gibt es. THE ROOM ist vor allem eins – Lehrmaterial! Und dafür müssen alle, seien es Amateurfilmer oder angehende Profis, Dankbarkeit zeigen, dass es dieses Werk gibt. Vom Drehbuch bis zur Postproduction ist es in seiner stümperhaften Machart einzigartig falsch und zeigt uns durch alle Ebenen des Films hindurch wie es nicht zu machen ist. Ein unfilmischer Film aber ein filmisches Mahnmal.

Wessen Interesse geweckt wurde dieses unrühmliche Stück Kinogeschichte zu sehen, dem bietet sich die Gelegenheit am 29.11.2013 im Tonkino Saalbau in der Flachgasse 25 (15. Bezirk) das zehnjährige Jubiläum des (wahrscheinlich) schlechtesten Films aller Zeiten zu Feiern. Damit reiht sich das Tonkino Saalbau zu den wenigen außerhalb Nordamerikas befindlichen Kinos, die den Kult um THE ROOM weiterführen, und lädt zur anschließenden Diskussion an der Bar ein. Es gibt viel zu bereden. (www.saalbau.at)

Basagic Igor

Quellenangaben:
http://www.imdb.com/title/tt0368226/trivia
http://www.ew.com/ew/article/0,,20246031,00.html
http://www.ew.com/ew/article/0,,20467412,00.html
http://www.praxismagazine.com/interview/jdan.htm
http://www.backstage.com/advice-for-actors/first-person/how-the-room-turned-me-into-a-cult-movie-star/

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