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Wie fühlt es sich an nach Wien zurück zu kommen, in die Stadt, in der die Filmreihe ihren Anfang nahm?


Wien ist ein wichtiger Teil aller drei Filme, also fühlt es sich natürlich besonders an.

Wieso hast du dich vor 18 Jahren entschieden, „Before Sunrise“ in Wien zu drehen?

Ich mag die Stadt und ich mag die Leute hier. Ich war bei einem Filmfestival hier und es schien, als wenn Wien eine Stadt wäre, die einen Film wie diesen und die Dreharbeiten unterstützt. Ich habe auch bei anderen Städten, etwa in Deutschland, angefragt, aber da wäre alles viel schwieriger gewesen. Du musst an einem Platz drehen, wo nicht gegen dich gearbeitet wird. Auch in Griechenland waren wir sehr willkommen. Und wichtig war mir auch die Geschichte – in Griechenland und damals in Wien. Ich war zuvor kaum außerhalb der USA gewesen und als ich das erste Mal in Europa war, war ich sehr von den alten Städten beeindruckt. Wien haben wir im Film wirklich erkundet, da keiner der beiden Charaktere dort gelebt hat und wir mit ihnen Touristen waren.

Und wieso ist der Schauplatz diesmal Griechenland?

Da Jesse und Celine in Paris leben, hätten wir auch da drehen können, aber wir mochten die Idee, dass sie auf Urlaub sind und da ihre letzten Tage verbringen, sein Sohn abreist – also etwas Trauriges und die Stimmung von einem Ende in der Luft liegt. Diesen Moment wollte ich festhalten. Außerdem fand ich das Haus des Schriftstellers cool.

Wieso hast du dich entschieden, mehr Charaktere einzuführen als in den Filmen davor – wie den Schriftsteller und dessen Freunde?

Jesse und Celine sind jetzt ein Paar. Die ersten beiden Filme waren nur über sie – speziell der zweite, weil sie nur eine ganz begrenzte Zeit hatten. Aber diesmal gab es keine Zeit, die ablief, denn sie sind ja zusammen und haben eine unbegrenzte Zeit zusammen. Sie haben jetzt Kinder... und die spielen mit anderen Kindern und so werden meistens die Eltern auch Freunde. Mir war es wichtig, ihre soziale Seite zu zeigen. Es schien mir ihrem Alter entsprechend, da sie jetzt in ihren 40ern sind. Ich fand es interessant für die Geschichte, wollte aber gleichzeitig nicht zu weit von Jesse und Celine weggehen. Die Themen am Tisch mit ihren Freunden driften weit ab, kommen aber immer wieder auf sie beide zurück. Die beiden in Interaktion mit anderen gibt viel über sie und ihre Beziehung preis. Es war interessant, wie sie über sich selbst reden vor anderen.

Am Ende von „Before Sunset“ vor neun Jahren war so ein großer Cliffhanger. Wann war der Moment, an dem du beschlossen hast, dass sie im nächsten Film ein Paar sein werden?

Ich glaube, dass ich, Ethan Hawke und Julie Deply, aber auch die Zuseher wussten, dass er das Flugzeug am Ende des zweiten Teils versäumen wird. Das musste reale Konsequenzen habe, da er ja ein anderes Leben in den USA hat. Man muss einen Preis für seine Leidenschaft zahlen, speziell wenn man älter wird. Es fühlte sich richtig an, mit den beiden ernst zu machen. Wir hatten aber trotzdem lange Zeit nach dem zweiten Film keine Ahnung, welche Geschichte wir weitererzählen wollen. Erst vor ein paar Jahren haben wir das beschlossen.

Meiner Meinung nach war die Spannung zwischen ihnen, ob sie nun zusammenkommen oder nicht, ein wichtiger Aspekt der ersten beiden Teile. Hattest du Angst, dass etwas fehlt, wenn die beiden zusammen sind?

Ja, hatte ich. Es ist viel schwerer die Geschichte einer Beziehung zu erzählen, es ist leichter den Beginn oder das Ende einer Romanze zu zeigen. Es war viel anspruchsvoller, diesen Film zu schreiben als die anderen. Wir haben versucht, Liebe in diesem Alter auszudrücken – es fällt dir nicht mehr alles mit deinen Hormonen zu, du musst sie dir verdienen. Ich finde es romantisch, dass sie sich nach all den Jahren immer noch so viel zu sagen haben... und noch immer miteinander schlafen wollen.

Für mich ist „Before Midnight“ vor allem die Bestandsaufnahme einer Beziehung. Ist es für dich eine optimistische oder pessimistische Beziehung?

Das ist eine gute Frage. Ich wähle die optimistische Seite. Aber eigentlich ist es vor allem realistisch, irgendwo in der Mitte. Viele Paare, habe ich bemerkt, interpretieren den Film auch nach dem, wo sie sich gerade selbst befinden. Wenn man gerade eine Scheidung durchmacht, sieht man den Film eher als dunkel. Paare, die gerade eine Krise überwunden haben, sehen ihn vielleicht eher als positiv, denn auch auf der Leinwand arbeitet sich ein Paar durch eine harte Phase hindurch. Sie würden sich wahrscheinlich nie streiten, wenn sie nicht beide so gerne das letzte Wort haben wollten. Deshalb muss der Film das letzte Wort haben.

„Before Sunrise“ basierte auf deiner persönlichen Erfahrung: Du bist mit einem Mädchen die ganze Nacht durch Philadelphia gelaufen und hast geredet. Enthalten auch die anderen Filme eine persönliche Note?

Es ist nicht autobiografisch, aber sehr persönlich. Ich beobachte meine Freunde, mich... Die witzigsten Textstellen sind Abwandlungen von Kritik, die Ethan, Julie und ich von unseren Partnern gehört haben.

Weiß das Mädchen aus Philadelphia, dass sie deine Celine ist?

Ich habe ihr „Before Midnight“ gewidmet, denn eigentlich ist es eine sehr traurige Geschichte: Ich habe mich immer gewundert, warum sie nie zu einer Vorführung gekommen ist. 1989 sind wir durch Philadelphia gelaufen, fünf Jahre später habe ich den Film gemacht. Vor ein paar Jahren kontaktierte mich eine ihrer Freundinnen und fragte mich: „Hey, meine Freundin Amy hat mir von dieser Nacht in Philadelphia mit einem texanischen Filmstudenten erzählt und ich habe mich gewundert, ob du und sie das sind im Film?“. Und dann kam der traurige Teil: Sie erzählte mir, dass Amy 1994 bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist, also war sie nicht mehr am Leben, als wir vor 19 Jahren in Wien gedreht haben. Aber ihre Familie und Freunde wissen jetzt, dass es die Filme nicht geben würde, wenn es sie nicht gegeben hätte. Aber im Nachhinein finde ich es interessant, dass Jesse und Celine im ersten Film auf den Friedhof gehen und über den Tod sprechen. Irgendwie ist Liebe manchmal nahe an Tod und Vergänglichkeit. Und in der Retrospektive macht es jetzt noch mehr Sinn.

Julie Delpy, Ethan Hawke und du, ihr schreibt den Film zusammen. Entwirfst du das Drehbuch und dann improvisieren sie oder schreibt ihr wirklich alles zusammen?

Bevor wir zu drehen anfangen, ist das komplette Drehbuch schon geschrieben. Wenn die Leute sehen, dass die Schauspieler das Drehbuch schreiben, glauben sie immer, dass Julie Celine und Ethan Jesse spielt und ich schreibe nieder, was sie zu sagen haben. Aber so ist das nicht. Wir gehen das Drehbuch als Autoren an. Wir denken noch nicht mal an die Darstellung, wir schreiben einfach nur. Dann lernen sie den Text und erst beim Drehen spielen sie. Manchmal bessern wir dann im Nachhinein noch was aus.

Fallen die zwei Hauptdarsteller während des Schreibprozesses nie in ihre Charaktere zurück?

Julie besitzt Celine nicht mehr als ich. Zum Glück sehen wir drei die beiden Charaktere ziemlich gleich. Wenn wir nicht alle drei hinter einer Idee stehen, dann schmeißen wir sie raus. Wir verwerfen wahrscheinlich 95% unserer Einfälle. Aber wir fordern uns gegenseitig und die häufigsten Antworten sind: „Nicht lustig“; „Passt nicht in den Film“; „Nicht interessant genug“. Und wenn wir etwas gut finden, dann überlegen wir, wo es hinpassen könnte und zu wem.

Passiert es dir manchmal, dass du Partei für Jesse oder Celine, also einen von beiden, ergreifst?

Ich sympathisiere mit beiden. Und ich will auch, dass der Zuschauer beide Perspektiven versteht. Sie sind in ihren Sichtweisen gleichberechtigt. Sie sind auch beide Manipulatoren und wollen den anderen überzeugen. Aber so ist das bei Paaren und das macht den Film aus. Sie mag vielleicht hin und wieder überreagieren, aber nur, weil sie ihn durchschaut und weiß, dass er sie manipulieren will. Du kannst die Reaktion des einen über den anderen verstehen. Aber so ist das Leben: Du versuchst das zu bekommen, was du willst und hoffst, dass die anderen um dich zustimmen und es ihnen sogar hilft. Du steigst auf einen Zug zusammen und bist nicht immer einer Meinung. Aber du musst dich entscheiden, ob du trotzdem gemeinsam auf dem Zug bleiben willst. Jesse und Celine haben alles, was sie wollen, aber nicht alles ist perfekt. Menschen sind komplex, es gibt keine einfache Psychologie.

Das macht die Filme glaube ich besonders, dass ihre Persönlichkeiten real und nicht vereinfacht sind....

Natürlich tappen sie manchmal auch ins Klischees, aber das machen wir alle. Und die Filmen handeln auch von typischen Beziehungsfallen und wie man wieder aus ihnen rauskommt.

Hast du einen Lieblingsmoment in allen drei Filmen?

Nein, eigentlich nicht. Ich mag diese kleinen Details, die sich durch alle Filme hindurchziehen – wie, wenn sie sich gegenseitig berühren wollen und zögern.

Ich habe mehrmals gelesen, dass „Before Midnight“ das Ende einer Trilogie ist... wie kommen die Medien auf diese Aussage?

Ich habe sie auch schon mehrmals gehört, aber das habe ich nie gesagt. Es ist nur das vorläufige Ende.

Wenn es einen vierten Teil gäbe, welche Städte würdest du als Schauplatz in Betracht ziehen?

Ich weiß nicht. Wir haben mehrmals darüber gesprochen, dass sie sich irgendwann in Wien finden sollten. Aber das wird glaube ich noch nicht im nächsten Film sein. Es wäre cool, sie auf den alten Schauplätzen noch einmal zu sehen – Erinnerung und Moment zugleich. Wir haben aber noch keine Ideen und haben zurzeit eine glückliche Pause von Jesse und Celine. Wenn es nur eine Trilogie ist, wäre es auch OK. Aber ich habe mir nach jedem Film gedacht, dass das der letzte ist.

Das Interview führte Valentina Resetartis.

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