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„Langfilme sind Angeber.“ So ein alter Promosticker des Vienna Independent Shorts, das dieses Jahr sein 10-jähriges Bestehen mit zahlreichen Specials und Partys im Programm feiert. Ein sechstägiges Angebot an Kurzfilmen zwischen Avantgarde, erzählerischem Kino, Animation, Experimentalfilm und Musikvideos - mit viel Raum auch für Jenes, das der Schubladendenker nur schwer kategorisieren kann. Das VIS steht für aufgewecktes Kino, das seinen Zuseher herausfordert: die Shorts zitieren, interpretieren und experimentieren ungeniert, wie es im Spielfilmkino garnicht möglich wäre. Es gibt keinen Drang eine epische Geschichte zu erzählen, aber es stellt auch keine Unmöglichkeit dar, wie David OReillys Einminüter (Story of Genki dauert nur 57 Sekunden) beweisen.

Etwa 260 Filme werden im Gartenbaukino, Künstlerhaus Kino, im Filmmuseum und im brut im Künstlerhaus gezeigt: Hier steht der nationale neben dem internationalen Film, der Trash neben der Animation Avantgarde, Pornofilmchen werden nach einem Programm mit experimenteller Kunstfilmen gezeigt. Eine breite Palette an Vielfältigkeit, sorgfältig kuratiert- und doch „nur“ Kurzfilme? Seit zehn Jahren erfüllt VIS den Auftrag, so viele Menschen wie möglich von der kurzen Form zu begeistern, die als hässliche Schwester des Langfilms verschrieen ist. VIS steht jedes Jahr aufs Neue für die abseits von der großen Filmindustrie situierte Kurzfilmszene und auch für den Animationsfilm, der immer noch auf Festivals und im Kino als Genre für Kinderfilme und -themen gehandelt wird.

Die Kategorien des Wettbewerbs teilen sich in Spielfilme und Dokus (Fiction & Documentary), experimentelle und animierte Filme (Animation Avantgarde) und die besten nationalen österreichischen Filme (Österreich Wettbewerb) sowie in Musikvideos (Screensessions). Außerdem gibt es verschiedene Programme mit dem Titel „Strange Days“ zwischen surrealem Kino, Horror, Revolution und politischem Kino. Dazu ein Specialprogramm zu David OReilly und Michaela Grill/Billy Roisz, außerdem ein Expanded Cinema-Programm und ein Programm mit den Highlights aus zehn Jahren VIS. Sowie natürlich die berühmtberüchtigten Mitternachtsscreenings mit Horror, Porno und Trash und ein ganz besonders ausgelassenen Stimmung- in diesem Sinn: ein Hoch auf das VIS!

Ein Vorzug der Kurzfilme, gerade für Festivals, ist, dass sich aufgrund der kompakten Form der Filme kuratorisch die Möglichkeit bietet, viele Filme nebeneinander in einem Programmpunkt zu zeigen und diese so in einen Dialog miteinander treten zu lassen. Hervorragend realisiert im Programm „Political Filmmaking“ wo zwei unabhängig voneinander produzierte Filmhommagen an Jim Jarmusch im Nahen Osten gezeigt werden. Der österreichische Regisseur Fritz Ofner hat eine erfrischende Beirut-Edition des berühmten Jarmusch-Films, der zwei beliebte Laster, die sich nur zu gut kombinieren lassen, thematisiert: Coffee and Cigarettes. In Beirut Blend sind es ganz andere Situationen, in denen sich Menschen zu Kaffee und Tabak unterhalten, aber dennoch zeigt sich in dieser Gewohnheit bei Koffein und Zigaretten zu entspannen ein Internationalismus- ein spannender Vergleich entsteht. Statt Zigaretten ist es hier eben bei vielen die Shisha, wie die ersten Gesprächspartner zu Beginn sinnieren. In den verschiedensten Episoden besuchen wir Menschen völlig verschiedener sozialer Schichten- finden jedoch bei allen das vereinende Element des geselligen Kaffeetrinkens mit der dazugehörigen Zigarette als Entspannungsmethode. Auch in David Muñoz‘ Another Night on Earth, einer Adaptierung von Jarmuschs Night on Earth treffen wir Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten in Kairo, diesmal im Taxi. Wie der Regisseur im Anschluss im Gespräch erklärt, ergab sich die politische Thematik von selber, da die Meisten nicht umhin kamen über die Geschehnisse am Tahrir- Platz zu sprechen. Durch die gesellschaftspolitische Komponente entfernt sich der Dokumentarfilm Another Night on Earth vom starbesetzten Original und bereichert es ungemein. Beide Filme sind durch die Fantasie und Interpretationslust der Regisseure ein fabelhaftes Kinoerlebnis geworden, nicht nur für Jim Jarmusch Fans und FilmenthusiastInnen.

Am 2.6. wurde im Rahmen der Preisverleihung der Wiener Kurzfilmpreis an den Regisseur von The Curse Fyzal Boulifa verliehen. Der britisch-marokkanische Film überzeugt durch ein gesellschaftlich brennendes Thema für viele Frauen: eine junge Frau in Marokko, die sich aufgrund einer Affäre mit einem Mann jenseits gängiger Moralvorstellungen begibt und so in einer teuflischen Spirale landet, die sie weiter in die gesellschaftlichen Abgründe treibt.

Nun zu einigen wenigen meiner Highlights: Der Schwedisch-thailändische Film Killing the Chickens to Scare the Monkeys, der Out of Competition gezeigt wurde, basiert auf einem Foto von knieenden Gefangenen die kurz vor ihrer Exekution stehen, das aus China geschmuggelt wurde. Kompromisslos zeigt der Film in den ersten 15 Minuten schnittlos eine Szene in der eine Gruppe von Häftlingen in einer verlassenen Landschaft ankommt um erschossen zu werden und daraufhin wieder auf die Fahrzeuge beladen und abtransportiert wird. Effektlos und unkommentiert passiert dies vor den Augen der Zuseher. Danach sehen wir in einigen Szenen das Schicksal einer der Häftlinge, einer Lehrerin in der Rückblende in neun Teilen. Ein verstörendes Kinoerlebnis, das den Schrecken der verschwiegenen und versteckten Verbrechen zeigt- keine leichte Kost.

Dann gibt es auch ästhetische Leckerbissen wie Double Fikret, ein animiertes Gemälde, das sich vor unseren Augen entfaltet in surrealistisch-assoziativer Manier. Oder wir gleiten in die absurede Welt von Gurehto Rabitto, einem japanischen Animationstrickfilm, der sich um einen dicken Jungen und einen Hasen dreht, die seltsame Rituale vollziehen- eine abstrakte Metapher, die traumhaften Charakter hat.

Zu lachen gibt es auch viel: Whaled Women nimmt den Rassismus und die grassierende Islamophobie unserer Gesellschaft aufs Korn, visualisiert durch Frauen mit Walen auf dem Kopf, die diskriminiert und aufgrund ihrer Andersartigkeit schließlich ermordert werden. Der Wal als Sinnbild fürs Kopftuch, mithilfe dieser Entfremdung wird die Absurdität in der Xenophobie deutlich. In A brief history of John Baldessari erzählt Tom Waits schnell. knackig und einfallsreich die Geschichte des Künstlers John Baldessari, mit viel Humor, kein langweiliger Kunstfilm.

Mit dabei ist auch die Kurzfilmlegende Don Hertzfeldt mit seinem neuesten und aufwendigsten Werk It’s such a beautiful day, der in seiner wie immer minimalistischen Strichmännchen-Animation, diesmal mit experimentelleren Methoden kombiniert ist. Erzählt wird eine berührende Geschichte eines Mannes, der mit psychischen Erkrankungen und Gedächtnisverlut zu kämpfen hat, ein berührendes und doch einfach zugängliches Stück Film. Im Animationsfilmbereich des Programms gibt es einige Schätze zu entdecken innerhalb der Puppenanimationen (But milk is important, Oh Willy...), die auch allesamt von einsamen Männern mit soziophobem Charakter und psychischer Labilität erzählen. Ganz eigenwillig erzählte Geschichten mit fluffigen Wattemonstern und bärartigen Muttertieren.

Beeindruckend sind auch die österreichische Kurzfilmproduktionen, wie zum Beispiel die einfache Geschichte einer Kindergärtnerin und eines kleinen Jungen in Wir fliegen. Eine sensibel erzählte anekdotische Geschichte, frei erzählt nach einer Kurzgeschichte. Ganz anders Die Leute von Stiege 5, ein dokumentarisches Projekt eines jungen Mannes, der endlich die Menschen in seinem Haus kennenlernt und auf die Leinwand bannt. Auch Altes wird wieder aufgegriffen in Der Telefonbuchpolka, eine Trickfilmverfilmung des gleichnamigen Liedes des österreichischen Komponisten, Sängers und Kabarettisten Georg Kreisler, das humorvoll an Österreich-Ungarn zurückdenkt.

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