thalheim.jpgRegisseur Robert Thalheim und Hauptdarsteller Alexander Fehling im Gespräch über ihren aktuellen Film Am Ende kommen Touristen. Der Film erzählt die Geschichte des Zivildieners Sven, der sich eigentlich um eine Stelle in Amsterdam bemüht, aber schließlich in einer Begegnungsstätte in Ausschwitz landet. Dort muss er sich unter anderem um den Zeitzeugen Krzeminski kümmern, und sieht langsam die Ambivalenz des Ortes, zwischen Andenken an die Vergangenheit, und normalem Leben in der Gegenwart. Am Ende kommen Touristen, läuft seit 26. Oktober in unseren Kinos. (Zum Film)


Dieses Interview wurde uns vom Filmladen zur Verfügung gestellt!
 

INTERVIEW MIT REGISSEUR ROBERT THALHEIM

Mit dem Hochschulfilm NETTO machte der Berliner Robert Thalheim (32) 2005 auf sich aufmerksam. Der Träger des Deutschen Filmkunstpreises schloss sein Regiestudium an der Filmhochschule Babelsberg mit dem Drehbuch zu AM ENDE KOMMEN TOURISTEN ab. Die Realisierung dieses Drehbuchs wurde sein Debütfilm - eine Produktion von 23/5 Filmproduktion in Koproduktion mit „Das kleine Fernsehspiel" (ZDF). Auf dem 60. Filmfestival Cannes feierte AM ENDE KOMMEN TOURISTEN in der Sektion „Un certain regard" Weltpremiere.


Welche Geschichte erzählen Sie in AM ENDE KOMMEN TOURISTEN?

Es ist die Geschichte des Zivis Sven, der eigentlich eher unfreiwillig im heutigen Auschwitz landet. Das ist zunächst ziemlich deprimierend für ihn. Die polnische Kleinstadt Oswiecim, die schwierige Sprache, diese unfassbare Vergangenheit und das Museum voller Touristen. Durch die Begegnung mit zwei Menschen, die sehr wichtig für ihn werden, beginnt er sich aber schließlich auf den Ort und dessen Widersprüche einzulassen. Das ist zum einen Ania, die Museumsführerin, in die sich Sven verliebt, und zum anderen der ehemalige Häftling Krzeminski, der immer am Lager wohnen geblieben ist und den Sven in seinem Alltag unterstützen soll.


Wie ist der Titel entstanden?

Ich wollte im Filmtitel nicht das Wort Auschwitz verwenden. AM ENDE KOMMEN TOURISTEN ist der Titel eines Gedichtbandes des Berliner Autors Björn Kuhligk, dessen Gedichte allerdings nicht mit meinem Thema in Verbindung stehen. Der Titel hat mich sofort begeistert, weil er eine allgemeinere Dimension hat, aber sehr schön auf das Dilemma verweist, das mich auch in meinem Film beschäftigt. Auf der einen Seite liegt etwas Befremdliches darin, dass an einem Ort der Verbrechen des Nationalsozialismus heute Touristenbusse vorfahren und sich Leute vor dem Tor „Arbeit macht frei" fotografieren. Auf der anderen Seite ist es eben wichtig, dass dieser Ort besucht wird und nicht in Vergessenheit gerät und dazu braucht es eine gewisse museale Infrastruktur.


Trägt der Film autobiografische Züge?

Ich habe, ähnlich wie mein Protagonist Sven, meinen Zivildienst in der Begegnungsstätte in Oswiecim geleistet. Das war für mich eine Möglichkeit, nach der Schule ins Ausland zu gehen. Das Nachbarland Polen war Anfang der 90er Jahre für einen Jugendlichen aus der Berliner Vorstadt exotischer als Asien. Ich war mit meinen Eltern viel in der Welt herum gereist, war als Austauschschüler in den USA, aber alles östlich vom Alexanderplatz erschien mir fremd und viel weiter entfernt. Die 18 Monate in Polen waren eine sehr prägende Zeit für mich. Es sind neue Freundschaften entstanden, ich bin in die polnische Kultur eingetaucht und habe begonnen, mich mit dem Kino von Roman Polanski, Krzysztof Kieslowski und Andrzej Wajda zu beschäftigen. Polen war eine neue Welt für mich und es ist manchmal schwer zu erklären, dass sich mir das Land gerade von Auschwitz aus erschlossen hat. Aber genau dieser Widerspruch hat mich gereizt, an diesem Ort eine fiktionale Geschichte zu erzählen, die nichts konkret Autobiografisches enthält.


Ist die Geschichte des Holocaust-Überlebenden, der in Auschwitz geblieben ist, wahr?

Als ich als Zivi in Auschwitz gearbeitet habe, wohnten noch fünf ehemalige polnische politische Häftlinge, zu denen ich teilweise ein sehr persönliches Verhältnis hatte, in der Stadt. Viele kümmerten sich um das Museum und sprachen mit Jugendlichen über ihre Erlebnisse. Sie sind da geblieben oder zurückgekommen, um das Museum aufzubauen und zu erhalten. Irgendwann ist das Museum Teil ihres Lebens geworden, sie haben dort Familien gegründet und sind nicht mehr weggegangen. Wie für Krzeminski in AM ENDE KOMMEN TOURISTEN war ihr Alltag dort auch immer ein stiller Triumph: „Seht her, wir leben noch - und Eure Taten sind hier dokumentiert für die Welt." Heute lebt nur noch ein ehemaliger Häftling, Kazimierz Smolen, in der alten Kommandantur am ehemaligen Lager. Nur noch wenige Besucher haben die Möglichkeit, sich von Menschen berichten zu lassen, die das Lager wirklich erlebt haben.


Wie hätte Andrzej Wajda wohl AM ENDE KOMMEN TOURISTEN erzählt?

Ich bewundere am Kino Wajdas, wie es ihm gelingt, große gesellschaftliche Themen anhand persönlicher Geschichten zu erzählen. Aber als Filmemacher hätte er sich wahrscheinlich stärker an die historischen Vorgänge - beispielsweise durch Rückblenden - gehalten. Das ist es ja gerade, dass sich viele Filme mit den historischen Ereignissen auseinandersetzen oder sie als Kulisse für ihre Geschichte benutzen. Mich haben aber die Auswirkungen und der Umgang mit diesen Ereignissen am heutigen Ort Auschwitz interessiert. Und als Pole wäre seine Perspektive auf das Thema ohnehin eine andere. Er dreht gerade einen Film über die Verbrechen der Roten Armee in Katyn. Mal sehen, wie er das macht.


Wie sind Sie bei der Besetzung vorgegangen?

Vor allem nach den drei Hauptdarstellern haben wir mit Hilfe von Simone Bär in Berlin und Magda Szwarcbart in Warschau sehr lange gesucht. Mir war es wichtig, für Sven ein unbekanntes Gesicht zu finden, das nicht für den Zuschauer schon durch andere Rollen besetzt ist. Obwohl Alexander Fehling zum ersten Casting zwei Stunden zu spät aufgetaucht ist, war nach einem Jahr der Suche dann schnell klar, dass wir Sven gefunden hatten. Alex ist wirklich ein unglaublich genauer und ehrgeiziger Schauspieler. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er mich immer wieder herausgefordert hat und nichts mit sich hat machen lassen, was ihm selbst künstlich oder gestellt vorgekommen wäre. Ryszard ist ein Schauspieler alter Schule, seine Filmographie liest sich wie die Chronologie des polnischen Kinos. Ich war beeindruckt mit welcher Geduld und Offenheit er uns Jungen begegnet ist. Er ist eng befreundet mit einigen ehemaligen Häftlingen, das hat ihm für die Rolle sehr geholfen.


Wie haben sich die Dreharbeiten in Polen gestaltet?

Da es mir wichtig war, an Originalmotiven zu drehen, waren wir an allen 28 Drehtagen in Oswiecim. Allerdings bin ich schon vier Wochen vor Drehbeginn mit den Hauptdarstellern dort gewesen. Wir haben uns Zeit genommen, um uns das ehemalige Lager und die Stadt anzuschauen. Großartig war für mich, dass die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz, in der ich ja selbst gearbeitet habe, uns so intensiv unterstützt hat. In Oswiecim haben wir vor Drehbeginn die wichtigsten Szenen geprobt und vom 26. Juli bis 1. September 2006 gedreht. Dabei hat uns die polnische Serviceproduktion Nordfilm Gdynia sehr unterstützt. Gedreht wurde in einer Mischung aus Deutsch, Polnisch und Englisch - immerhin war die Hälfte des gesamten Teams polnisch. In der Stadt sind wir auf sehr positive Resonanz gestoßen, viele Leute wollten uns helfen oder als Komparsen mitmachen. Sie haben sich gefreut, dass ihre heutige Stadt und ihr Umgang mit der Vergangenheit einmal zum Thema gemacht wurden. Es war sehr wichtig für mich, dass viele der Leute im Team dabei waren, denen ich mich seit der gemeinsamen Arbeit an NETTO sehr verbunden fühle: Stefan Kobe (Schnitt), Yoliswa Gärtig (Kamera), Anton K. Feist (Ton- und Musikgestaltung) und Michal Galinski (Szenenbild).


Wie sah Ihr ästhetisches Konzept aus?

Mir geht es um die Konzentration auf die Charaktere, die Schauspieler. Ich wollte mich dem Thema sachlich, dokumentarisch, mit einer behutsamen Handkamera nähern. Daher haben wir zu Gunsten des Drehverhältnisses auf kostenintensive Kamerafahrten und aufwändigen Lichteinsatz verzichtet.


Was hat dieser Ansatz für Ihren visuellen Umgang mit dem ehemaligen Konzentrationslager bedeutet?

Von vornherein war es immer wieder ein Thema, wie wir diesen Ort zeigen sollen. Wie man in Dialog mit den Bildern treten kann, die viele Zuschauer im Kopf haben, ohne sie einfach zu verdoppeln. Mir ging es darum, die Perspektive von jemandem zu illustrieren, der nicht als Besucher für einige Stunden kommt, sondern um für einige Zeit dort zu leben und zu arbeiten. Gerne hätte ich dazu auch einige dokumentarische Szenen auf dem Gelände der Gedenkstätte gedreht, verstehe aber, wenn die Leitung des Museums Spielfilmaufnahmen grundsätzlich untersagt. Wir haben daher einige Orte, die uns für unsere Erzählung unerlässlich erschienen, nachgebaut. Dazu gehörten die Kofferausstellung und der Gang von Sven durch eine ehemalige Lagerstraße in Auschwitz I. Ansonsten haben wir originale Ansichten des ehemaligen Lagers von außen gewählt, die einem auch im Alltag der Stadt begegnen. Beispielsweise wenn die Jugendlichen nahe des Museums baden gehen, Sven und Ania mit dem Fahrrad an dem langen Zaun von Birkenau entlang fahren oder durch das Dorf Monowitz (Auschwitz III) gehen. Ich setze darauf, dass der Zuschauer an diesen Stellen selbst die historischen Bilder abrufen kann oder zumindest wie Sven durch die Geschichte von Krzeminski eine Ahnung von den Verbrechen der Vergangenheit dieses Ortes bekommt.


Zwischen polnischem Hardrock und Schubert oszilliert der Film durch den Einsatz von verschiedenen Musikstilen...

Schon früh gab es einige Lieder, die ich mir für den Film vorgestellt habe. Dazu gehörte der Titelsong von Czeslaw Niemen, die Schubertmusik und die Rockmusik von Coma, der Band von Anias Bruder Krzysztof. Niemen ist eine Musikerlegende, das Stück hat eine unheimliche Kraft und ist für mich ganz persönlich eng mit Polen verbunden. Auch der Text überschneidet sich auf merkwürdige Weise mit den widersprüchlichen Eindrücken in Svens erster Fahrt durch die Stadt: „Verrückt ist diese Welt" heißt das Lied und erzählt davon, was der Mensch dem Menschen anzutun im Stande ist, dass sich aber am Ende die Menschlichkeit durchsetzen wird. Bei Krzeminskis Leidenschaft für Schubert geht es mir um den Widerspruch, der für uns darin liegt, wenn ein ehemaliger KZ-Häftling deutschsprachige Kultur schätzt. In meiner Zeit in Auschwitz habe ich Herrn Opuczinski kennen gelernt, der immer stolz mit seinem Mercedes zum Zeitzeugengespräch vorgefahren ist und Herr Smolen, der immer gesagt hat: „Aber die Sprache kann doch nichts dafür."

Die Band Coma ist eine real existierende, erfolgreiche polnische Rockband, deren Leadsänger der Schauspieler Piotr Rogucki ist. Ich habe ihn als Schauspieler entdeckt, bevor ich wusste, dass er auch Musik macht. Sie haben den Drehtag der Konzertszene auf ihrer Homepage veröffentlicht und dann

sind hunderte Jugendliche aus ganz Polen angereist, die wir gar nicht alle hineinlassen konnten. Ich mag es eigentlich nicht, wenn Musik zur Emotionssteigerung eingesetzt wird. Trotzdem haben Anton K. Feist und Uwe Bossenz es geschafft, eine sehr dezente Filmmusik zu komponieren, die den Film und die verschiedenen Originalmusiken zusammenfügt.


Sie waren mit Ihrem Film nach Cannes eingeladen. Wie waren Ihre Erfahrungen bei diesem größten europäischen Festival?

Das war ein sehr berührendes Ereignis für uns alle. Es war vor allem schön, dass wir diesen Augenblick und die warmherzige Reaktion des Publikums mit so vielen Leuten aus dem Team teilen konnten. Ich empfand es als eine große Ehre meinen Film in der Nachbarschaft der großen Regisseure zeigen zu dürfen, von deren Werken wir ja alle geprägt sind. Insgesamt sehe ich das als Herausforderung und Ansporn zum Weiterarbeiten, schließlich habe ich jetzt einen Smoking im Schrank hängen und der soll ja mal wieder zum Einsatz kommen.


Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich arbeite mit einem Stipendium der DEFA-Stiftung an einer Tragikomödie, über selbständige Ladenbesitzer, die von der Pleite bedroht sind. Außerdem entwickle ich mit Alexander Buresch einen Art-House Thriller und lese viele fremde Drehbücher, in der Hoffnung, dass mich eins so berührt, dass ich es verfilmen möchte...


INTERVIEW MIT HAUPTDARSTELLER ALEXANDER FEHLING


Worum geht es für Sie in AM ENDE KOMMEN TOURISTEN?

Um das Aufwerfen von Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Um das Aufzeigen von Widersprüchen, die Zwischenräume aufmachen und nebeneinander stehen und stehen bleiben. Was heißt Vergessen? Was heißt Erinnern? Wie erinnert man Ereignisse und Erlebnisse anderer Generationen?


Wer ist Sven und was ist seine Geschichte?

Sven hat kein bestimmtes Ziel, als er nach Auschwitz kommt. Er lässt sich auf das Leben, auf den Zufall ein und befindet sich plötzlich in einem Labyrinth von Fragen, die er noch nie gestellt hat. Ich kenne Svens Geschichte nur in Bezug auf seine Zeit in Polen. Er ist ein Mann meiner Generation, hat bisher ein durchschnittliches Leben geführt, aber ob er beispielsweise aus dem Osten oder Westen ist, weiß ich nicht. Mich hat auch nicht interessiert, ob seine Eltern geschieden sind oder nicht. Ich wollte die Figur offen anlegen, gleichzeitig war es mir wichtig, dass sie nicht ins Passive abrutscht. Sven ist Indikator, Projektionsfläche in AM ENDE KOMMEN TOURISTEN, das war mir wichtig. Er nähert sich Auschwitz mit einer gewissen Naivität und Unbedarftheit. Das historische Geschehen in Auschwitz ist unvorstellbar - auch mit dem Faktenwissen, dass dort Millionen Menschen den Tod gefunden haben.


Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Die Widersprüche, in denen Sven zu leben lernt. Er kommt nach Oswiecim, nach Auschwitz, und erwartet dort ein Lager - doch er lernt eine Stadt kennen. Er erwartet Historie und begegnet lebendiger Gegenwart. Natürlich haben mich auch die großen Themen des Films interessiert. Wie geht man mit dem Erinnern, wie mit dem Vergessen um? Wie kann meine Generation überhaupt von Erinnern sprechen? Wie erinnert man etwas, das man nicht selbst erlebt hat?


Wann und wie sind Sie zum ersten Mal mit dem Thema Auschwitz in Berührung gekommen?

Wahrscheinlich wie viele andere meiner Generation: In der Schule im Geschichtsunterricht, am Anfang der Oberstufe. Wir haben Texte gelesen, Filme gesehen - und haben Gedenkstätten wie Sachsenhausen besucht.


Hat AM ENDE KOMMEN TOURISTEN ihren Blick auf Auschwitz geändert?

Nein, die Arbeit hat meinen Blick auf Auschwitz gelenkt. Meine Generation erschöpft sich auf dem Weg, sich das Thema zu erschließen und kann sich doch nur bis zu einem bestimmten Punkt annähern. Uns war wichtig, vom Heute zu erzählen. Wenn heute Züge in den Bahnhof von Oswiecim fahren, sind das einfach nur Züge, aus denen Reisende steigen. Dennoch werden Zuschauer an die Transportzüge denken, mit denen die Menschen ins Lager deportiert wurden.


Waren Sie vor den Dreharbeiten schon einmal in Polen?

Nein, und ich war von Oswiecim genauso überrascht wie Sven es ist. Denn die Stadt, sie hat 40.000 Einwohner, liegt inmitten von Natur an einem idyllischen Fluss und verströmt einen fast mediterranen Flair. Gleich neben dieser sympathischen Stadt liegt das Lagermuseum. In diesem Spannungsfeld haben wir dort gearbeitet.


Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?

Als eine aufregende, angenehme Zeit. Crew und Team waren ja deutsch-polnisch, das hat mir gut gefallen. Die Vorstellung, dort mit einem rein deutschen Team zu arbeiten, hätte ich befremdlich gefunden. Wir hatten keinerlei negative Begegnungen. Den alten verbitterten Polen, der uns aus dem Fenster beschimpft hätte - den gab es nicht. Besonders erinnere ich mich an einen Tag, an dem wir Auschwitz, Birkenau und das Lagermuseum besichtigt hatten. Wir drehten ja während in Deutschland die WM lief. An jenem Tag fuhren wir abends in die internationale Jugendbegegnungsstätte, in der Regisseur Robert Thalheim seinen Zivildienst geleistet hatte, um das Spiel Deutschland gegen Argentinien zu sehen. Zu Beginn standen die rund 20 deutschen Jugendlichen, die ebenfalls dort waren, auf, als die deutsche Nationalhymne gespielt wurde. Für mich war das nach den Stunden in Birkenau sehr bizarr und ich fragte mich, was ich wohl fühlen würde, wenn ich einen damals ja noch möglichen WM-Sieg von Deutschland in Auschwitz erleben würde.


Gab es Szenen, die Ihnen besonders schwer gefallen sind?

Bei den Szenen mit Ryszard Ronczewski war ich anfangs sehr vorsichtig, auch, weil wir erst ein paar Sprachprobleme überwinden mussten. Aber er war von einer umwerfenden Offenheit. Ich habe mich vor allem aber immer gefragt: Was kann ich mit dieser oder jener Szene über Sven erzählen? Schwierig fand ich die Szene am See, in der Sven Ania fragt, wie es ist, in Auschwitz zu leben. Das durfte auf keinen Fall didaktisch rüber kommen.


Welche Erkenntnisse nimmt Sven mit?

Sven trifft am Ende eine intuitive Entscheidung, er hat gelernt, Verantwortung zu übernehmen, die über sein persönliches Leben hinausgeht. Wir haben uns immer wieder gefragt: Was für einen Menschen schicken wir dahin? Wir entschieden uns für Sven, der weder radikale Charakterwandlungen durchmacht noch auf jede Frage eine Antwort hat. Man kann Sven manchmal nicht verstehen, nicht all seine Handlungen sind plausibel oder etwa sympathisch. Svens Blick auf sein eigenes und auf das Leben an sich hat sich am Ende verändert. Er erkennt die Widersprüche und Zwischenräume, die man zwischen Erwartungen und Unsicherheit aushalten muss. Er muss sich fragen, wo sein Standpunkt ist und mit der Problematik klar kommen, dass der eigene Standpunkt manchmal wenig hilfreich oder sogar nicht relevant ist. Für mich war bei Svens Entwicklung wichtig, dass er sich erst in dem Moment, als er eine persönliche Verbindung zu Auschwitz hat, eine innere Beteiligung spürt, des Themas wirklich annehmen kann. Faktenwissen nützt einem Erinnerungsprogramm nur begrenzt.


Was nimmt Alexander Fehling aus dem Film mit?

Dass das faktische historische Wissen zwar wichtig ist, aber man sich vor allem über Situationen und Emotionen dem Unvorstellbaren öffnet und ihm entgegen gehen kann. Wobei wir im Film darauf geachtet haben, präzise in der Auslotung von Emotionen zu sein. Am Set hat mich einmal eine alte Polin gefragt, warum Sven nach dem Besuch der Kofferausstellung nicht weint. Ich habe das ganz anders empfunden. Es ging nicht um Svens Emotionen in diesem Moment, sondern um die Fragen, die die Situation für ihn aufwirft.


Wann wussten Sie, dass Sie Schauspieler werden wollten?

Das war mir mit 12 Jahren bereits klar. Dabei kann ich mich an kein singuläres Erlebnis erinnern, das mir diese Erkenntnis beschert hätte. Ich wusste es einfach. Mit 13 habe ich angefangen, in Theatergruppen mitzuspielen, nach dem Abitur an Off-Bühnen. Und obwohl mir viele sagten, dass sich mein Wunsch sicherlich noch verändern würde und ich sogar selbst darauf gefasst war, ist das nicht eingetreten. Ich habe mich an verschiedenen Schauspielschulen beworben, bin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" Berlin (HFS) genommen worden.


Worin liegt der größte Unterschied zwischen der Arbeit auf der Bühne und vor der Kamera?

Was die inhaltliche Arbeit angeht, heißt Filmarbeit für mich, im Kleinen anzufangen. Ich beginne bei der Rolle, die ich verkörpere, beim Individuum, dessen Geschichte ich erzähle, und öffne mich dann den Kernideen des Filmes. Bei der Theaterarbeit verhält es sich genau umgekehrt. Am Anfang steht das Große, der große sprachliche Gedanke. Zu diesem erhält man nur einen Zugang, wenn er Ausdruck eines individuellen Vorgangs ist. Beides muss miteinander verbunden werden. Bei Bühnenarbeit habe ich absolut gesehen natürlich einen größeren effektiven Spielanteil. Der geringere Spielanteil beim Film - man erarbeitet mitunter ja nur wenige Minuten am Tag - bedeutet auch, dass man vor der Kamera seltener intensive Spielerlebnisse hat. Allerdings stehe ich der romantischen Idee, dass man sich als Schauspieler in der Rolle gänzlich verliert, eher distanziert gegenüber. Das kann natürlich auch geschehen, aber dann habe ich den Eindruck, dass es mehr um den Schauspieler geht als um die Figur, die er erzählt.


Sie kommen vom Theater und spielen derzeit in Peter Steins „Wallenstein"-Marathon. Schiller hat einmal in einer Rede das Theater als „moralische Anstalt" gefordert. Sollte Theater heute und das Kino ebenfalls diesem Anspruch mehr gerecht werden?

Nein. Theater und Kino und Kunst überhaupt soll vom Leben erzählen. Das Leben aber ist nicht moralisch.

Quelle: Filmladen

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