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Der Film Gnade erscheint ja in mehreren Tiefen, die man verschieden deuten kann, eine „plumpe“ Frage tut sich beim Titel und verschiedener Filmbilder auf, nämlich: Gibt es hier auch einen biblischen Deutungsbogen mit einem Filter „göttlicher Gnade“ oder befindet sich der Film in einer rein messbaren Sphäre?

Jürgen: Nein, eine biblische Interpretation ist auch absolut nicht gewollt. Wir wollten das ganze bewusst in eine gottlose Welt packen. Wir wollten sehen, wie diese ethisch-moralischen Themen die Menschen - auch außerhalb der Kirche - beschäftigen. Wie ist das, wenn es keine Instanz gibt, die das jetzt regelt, weder juristisch – also gesellschaftlich sozusagen, als auch religiös. Was haben wir so wie so in uns, an Möglichkeiten zu verzeihen, zu vergeben oder uns auch Schuld einzugestehen – ohne dass dies jemand von uns fordert. Ich denke darum geht es wohl eher. Also Verantwortung letztendlich nicht wegzugeben, sondern damit umzugehen. Und das Spannende ist, was gibt es in uns für Möglichkeiten diesbezüglich? Wir kennen das ja alle,  - wie das mit der Spirale des Bestrafens oder des Hasses ist. Das andere passiert halt sehr selten, aber es passiert. Es gibt ja heute noch in Israel und im Palästina Konflikt beispielsweise Mütter, die den Soldaten, welche ihre Söhne auf offener Straße erschossen haben, öffentlich vergeben. Weil sie eben klar aus dieser Spirale des Hasses und der Gewalt hinaus wollen.

Das heißt, du siehst auch in der Situation von den Eltern der toten Mette, die Reaktion der Vergebung durchaus als realistisch an?

Jürgen: Ja ganz klar, denn es passiert auch auf der Welt. Es gibt tatsächlich Menschen die auch solche Dinge vergeben. Es ist eine Möglichkeit, - ein Option. Und da wir seit längerer Zeit – vor allem nach dem 11. September – weltweit noch extremer in so einer Spirale des Hasses und auch der Vergeltung sind, ist die Frage nach dieser anderen Option umso spannender. - Ob es nicht auch diese Möglichkeit gibt. Man muss sich vorstellen, wenn sogar die deutsche Bundeskanzlerin sagt, dass es schön ist, das Bin Laden jetzt tot ist, stellt sich da schon eine große Frage von Moral und Ethik. - Also ob man so eine Aussage machen kann, - ob man das so sagen kann.

Wir werden ja in eine ganz „eigene“ Kulisse versetzt, der Film spielt ja in der eisigen Kälte Norwegens, wo auch ganz andere Lebensbedingungen herrschen. Was ist dein Eindruck von den Leuten die dort wohnen? Und wird dieser Eindruck im Film richtig transportiert?

Jürgen: Also zum Schluss sind es natürlich auch Menschen. Aber was auf jeden Fall anders ist, ist das die Natur dort so extrem ist. Man weiß zum Beispiel, im Fall einer Autopanne, - wenn dich keiner findet, dann erfrierst du einfach, das sind schon harte Bedingungen. Weißt du, in unserer Welt spielt sowas ja nicht so eine Rolle, aber das ist hart. Ich weiß auch, dass kurz nachdem wir weggefahren sind eine Gruppe von Jugendlichen mit dem Schneemobil hinausgefahren ist, und in einem Schneesturm umgekommen ist, weil sie nicht mehr zurückgefunden haben. Also diese Welt ist einfach irgendwie anders. Es ist einfach brutal. Und das hat aber auch zur Folge, dass die Menschen dort wahnsinnig hilfsbereit sind, gerade bei Autopannen, oder sie lassen z.B. auch immer das Licht an in den Häusern, damit man weiß, dass es bewohnt ist, und das man dort hin kann, falls etwas ist. Diese Art von Hilfsbereitschaft ist schon ganz besonders.

Und wäre das für dich auch eine Option in so einem Land zu leben, und diese Naturbegebenheiten in Kauf zu nehmen, wie Niels es im Film tut?

Jürgen: Es war schon sehr interessant. Ich kann es mir jetzt für mein Leben nicht wirklich vorstellen, weil es schon wirklich hart ist. Zwei Monate Finsternis und dann zweimonatige Helligkeit, das macht schon was mit den Menschen. Ich mochte auch die Leute dort sehr gern. Es hat mich auch sehr gefreut, dass wir dort drehen durften, denn das wurde zuvor noch nie gefilmt, - in Hammerfest. Und es haben ja auch ganz viele mitgespielt aus Hammerfest, der Chor der singt war beispielsweise der echte Chor von dort, und die ganzen Kinder, bis auf die Hauptfigur, waren ebenfalls aus den Schulen dort. Es waren generell mitunter die schönsten Dreharbeiten die ich bislang hatte. Wir drehen ja immer mit einem relativ kleinen Team, und das ist dann fast wie ein kleiner Familienausflug. Wir haben wirklich viel Spaß gehabt und viel gefeiert und getrunken. Das ist oft so, je ernster der Film ist denn du drehst, desto mehr Spaß hast du drum herum. Das gibt’s natürlich auch umgekehrt, manchmal entwickelt sich der Dreh einer Komödie zum Alptraum. (lacht). Ja, ist so!

Das Gespräch führte Marlene Blenig.

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