ImportExport_poster01.jpgIn Zusammenarbeit mit Filmladen präsentieren wir Euch einen Auszug aus dem Drehtagebuch zum neuen Film von Ulrich Seidl, Import Export, geschrieben von Klaus Pridnig, Regieassistent. Import Export erzählt die gegenseitigen Geschichten von Olga und Paul. Während Olga aus der Ukraine, nach Österreich kommt um sich ein besseres Leben zu verschaffen, muss Paul, aufgrund seiner Schulden, in den Osten gehen um zu arbeiten. Dabei bleibt Seidl, wie man es von ihm gewohnt ist, seinem semi-dokumentaren Charakter treu und serviert einen fordernden und harten Film der Extraklasse. Import Export kommt am 09.11.2007 in die Kinos, wird aber schon vorher im Rahmen der Viennale gezeigt! (Zum Film)


Dieser Text wurde uns von Filmladen zur Verfügung gestellt!


Drehtag 26      Winter 2006, Ostukraine, Minus 20 bis Minus 30 Grad
  

Zweimal sah ich Seidl bei den Dreharbeiten lächelnd und glücklich: Einmal, als uns ein Schneesturm während des Drehs in Koice überraschte, und wir kaum noch die Hand vor Augen sahen, ein zweites Mal in der Ostukraine, bei Schneeverwehungen und -30°. Während alle an den äußersten Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit angekommen waren, war nur einer glücklich: Seidl.  


Drehtag 34      Rote Bar im Hotel Zarkarpatia, Uschgorod, Westukraine 

Weil für Seidl alle Motive original belassen werden müssen, was Atmosphäre und Menschen betrifft, musste in der roten Bar bei vollem Betrieb gedreht werden. Eingeklemmt zwischen betrunkenen ukrainischen Schlägern und einer korrupten, halbkriminellen Security drehten wir zwei Nächte lang unter Beschimpfungen und Bedrohungen. Einmal mussten wir sogar die Polizei einschalten, die aber auch erst einmal Geld von uns wollte, um die betrunkenen Schläger, die uns terrorisierten, zu entfernen. Seidl, der sich auf seine Inszenierung konzentrierte, bekam davon wenig mit, und wie bei minus Dreissig Grad im Schneesturm lächelte er und war glücklich. Zum dritten Mal, übrigens.  


Drehtag 42      Vom minimalen Tanken in der Ukraine 

Oft ging Fahrzeugen das Benzin aus, weil länger gedreht wurde, als ich ursprünglich geschätzt hatte. Einmal sprang Seidl wie ein Rumpelstilzchen, weil einem Motorrad beim Dreh das Benzin ausgegangen war. Er verstand nicht, dass, egal wie viel Geld ich dem Fahrzeughalter auch gab, dieser doch nur ein Gläschen Benzin tankte und den Rest des Geldes behielt. Minimales Tanken (tröpfchenweise) ist in der Armut der Ostukraine eine Tradition, die durch nichts durchbrochen werden kann. Schon gar nicht dadurch, dass ein Regisseur aus Österreich das will.   


Drehtag 45      Stahlwerk Enakievo und die Mafia  

Eines unserer Lieblingsmotive war ein Stahlwerk in Enakievo. Für die Drehgenehmigung mussten wir direkt mit einem Zweig der Donetzker Mafia verhandeln. Nach zähem Hin und Her und einem für mich äußerst ungesundem alkoholgeschwängertem Abend mit einem der zuständigen Halbweltler, gelang es, diese Genehmigung  zu bekommen. Doch wie sooft bei Seidl: Kurz vor den Dreharbeiten befand er, das Motiv doch nicht zu brauchen, er sagte den Dreh einfach ab - der Halbweltler war vor den Kopf gestoßen. Erst als wir die Miete für das (nicht verwendete) Motiv zahlten und auch noch eine Flasche eines edlen Cognacs beifügten, versprach er, uns nicht umzubringen. Sofern wir ihm nie wieder unter die Augen kämen.  


Drehtag 47      Heizung abdrehen bei - 20°.  

In der Ostukraine hatten wir eine Wohnung ausgewählt, die zur Wohnung der Figur Olga umgestaltet wurde. Die Wohnung war wie viele sehr kalte Wohnungen in der Ostukraine fernwärmegeheizt. Das heißt, dass die Heizung vom Staat ab- und angeschaltet wird. Diese Wohnung war zufällig wärmer als üblich. Und weil Seidl, wie schon in den Recherchen, den Atem vor den Gesichtern der Darsteller sehen wollte, mußten wir den Besitzern die Erlaubnis abringen, Ventile in die Heizung einzubauen, um diese überhaupt abzuschalten zu können.  Die Besitzer der Wohnung hielten uns tagelang für verrückt - wer dreht bei -20 Grad die Heizung ab? Sie stimmten Seidls Kühlwunsch erst nach langwierigen Verhandlungen zu.  


Drehtag 51      Das Laienhundcasting in der Geriatrie 

Trotz meiner Bedenken, dass der ganze Dreh an Schwierigkeiten kaum zu übertreffen sei, wollte Seidl unbedingt einen Hund an der Seite des Pflegers Andi. Da Seidl kaum professionelle Darsteller besetzt, musste klarerweise auch der Hund ein Filmamateur sein, ein trainierter  Filmhund kam nicht in Frage. Also durchkämmten wir das Krankenhausgelände und suchten Schwestern, Ärzte und Pfleger, die einen Hund besaßen. Wir veranstalteten sozusagen ein Laienhundecasting. Der Hund, der zuletzt ausgewählt wurde, und uns in vielen Szenen mehr störte als begeisterte, kommt im fertigen Film übrigens in zwei Szenen vor. Immerhin.   


Drehtag 57      Faschingfest in der Geriatrie 

Das schwierigste Unterfangen beim ganzen Geriatrie-Dreh war das Faschingsfest. All die alten Leute von verschiedenen Stationen zum Drehort zu schaffen, sie zu schminken und zu kostümieren, die Dreharbeiten mit der Essensausgabe zu koordinieren, die verantwortlichen Pfleger zu beschwichtigen oder gar zur Kooperation zu bewegen, das ganze stundenlang unterlegt vom Lied „Wiener Blut" - eine echte Sisyphus-Arbeit. Von allen Lainz-Dreh-Tagen war dies der anstrengendste, härteste, organisatorisch komplizierteste und genehmigungstechnisch heikelste.  Selten waren wir so froh, einen Drehtag hinter uns gebracht zu haben, selten waren wir vor allem so froh, dass wir es überhaupt drehen konnten. Seidl schreckt so etwas nur wenig: Monate später wurde die ganze Szene noch einmal gedreht, weil Seidl nicht zufrieden mit dem Ergebnis war. Ich kenne ihn. Ich hätte das vorraussagen können.  


Drehtag 62      Herr Koller und der Schweinsbraten 

Ein schwieriger Patient, Herr Koller, war nur solange zur Kooperation bereit, als sein Fernseher lief. Stundenlang lag er seitlich aufgestützt in seinem Bett, die Nase zwei Zentimeter vor dem Bildschirm, weil er schon fast blind  war, den Ton voll aufgedreht, weil er schon schlecht hörte. Wann immer man ihn bat, den Fernseher auszuschalten oder aber den Ton leiser drehte, erhob sich ein Schreikonzert ersten Ranges. Herr Koller schrie, Herr Koller brüllte. Es war kaum auszuhalten. Dann trat Seidl auf. Er sprach mit ihm und versprach, ihm das nächste Mal Schweinsbraten mitzubringen. Von diesem Moment an fragte Herr Koller immer nur nach Herrn Seidl, und ob er ihm vielleicht wieder Schweinsbraten brächte. Der Fernseher war gar kein Problem mehr. Den Schweinsbraten aß er übrigens in der Nacht, wenn alle anderen schliefen.  


Drehtag 68      Lieber heiliger Herr Ulrich 

Frau Schlamm, uralt und bettlägrig, begann laut zu beten, wenn  jemand ihren Raum betrat: „Heiliger Antonius", flehte sie, „bitte, bitte, bring mich doch zu meinen Eltern in den Garten. Bitte, bringe mich wenigstens zur Bushaltestelle, damit ich selber fahren kann. Bitte lieber Heiliger Antonius. Meine Eltern werden es dir mit ganz viel Obst vergüten, das du dann mitnehmen kannst."  Nach zwei Drehtagen klang ihr Gebet dann so: „Lieber Herr Ulrich! Bitte bringen Sie mich zur Haltestelle, damit ich zu meinen Eltern fahren kann. Bitte, bitte, lieber Herr Ulrich..."

Quelle: Filmladen

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