seidl.jpgIn Zusammenarbeit mit Filmladen, präsentieren wir Euch ein Interview mit dem österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl, zu seinem neusten Film Import Export, der dieses Jahr in Cannes gefeiert wurde. Import Export erzählt die gegenseitigen Geschichten von Olga und Paul. Während Olga aus der Ukraine, nach Österreich kommt um sich ein besseres Leben zu verschaffen, muss Paul, aufgrund seiner Schulden, in den Osten gehen um zu arbeiten. Dabei bleibt Seidl, wie man es von ihm gewohnt ist, seinem semi-dokumentaren Charakter treu und serviert einen fordernden und harten Film der Extraklasse. Import Export kommt am 09.11.2007 in die Kinos, wird aber schon vorher im Rahmen der Viennale gezeigt! (Zum Film)


Dieses Interview wurde uns von Filmladen zur Verfügung gestellt! 


Import Export
war ein anstrengendes Projekt: In der Ukraine haben Sie bei Minus 30 Grad gedreht, in Österreich unter Sterbenden. Geht das an die Grenze der Belastbarkeit oder ist das Normalbedingung?


Ulrich Seidl:
Jeder Film hat eigene Gesetze und kaum einer fliegt mir zu. Aber äußere Bedingungen schrecken mich selten ab. Ich glaube, dass intensive und extreme Szenen und Bilder immer auch unter extremen und intensiven Bedingungen entstehen.


In Ihrem Film geht es um Arbeits-Migration zwischen Ost und West. Was ist Ihnen zuerst aufgefallen, der Import oder der Export?


Ulrich Seidl:
Der Export. Die Idee zu diesem Film kam bei der Arbeit an einem anderen Film. Bei den Recherchen zum episodischen Dokumentarfilm „Zur Lage" habe ich eine proletarische Großfamilie kennengelernt, in der alle arbeitslos waren. Seit dieser Begegnung habe ich daran gedacht, sie zur Vorlage eines Spielfilms zu machen. Und was den Import betrifft: Schon seit Jahren hatte ich den Wunsch, in Osteuropa einen Film zu drehen, weil ich mich den Menschen dort sehr nahe fühle. Also habe ich angefangen, Geschichten zu schreiben, die sich von Ost nach West und von West nach Ost bewegen. 


Sind die Darsteller der beiden Hauptrollen Schauspieler oder wieder Laien wie in ihrem letzten Film „Hundstage"?


Ulrich Seidl:
Die beiden Hauptdarsteller sind vorher noch nie vor einer Kamera gestanden. Paul Hofmann, der  Österreicher, lebt sehr nahe an der Rolle, die er verkörpert. Auch er ist arbeitslos, treibt sich herum, sucht die Liebe und den Kampf der Straße. Ekateryna Rak, die Ukrainerin, war Krankenschwester und spielt jetzt Kinderrollen am Theater. Vor ihrer Filmrolle ist sie noch nie im Westen gewesen und hat auch nicht vor, hier zu leben.


Die beiden Hauptfiguren begegnen einander in der Geschichte nicht. Warum nicht?


Ulrich Seidl:
Sie sollten einander sogar treffen, wortlos, an der Grenze. So stand es im Drehbuch, und ich glaube, so würde es in jedem Drehbuch stehen. Als der Zeitpunkt des Drehens kam, wollte ich aber keine äußere Grenze mehr im Film haben, weil die ja ohnehin fallen. Ganz im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Grenzen. Die bleiben.


Sie haben den Film über zwei Winter gedreht. Sie haben zwei Jahre geschnitten und ein Jahr gecastet. Wieso dauert die Arbeit an Ihren Filmen so lange?


Ulrich Seidl:
Weil bei mir alles ein bisschen langsamer geht (lacht). Nein, Im Ernst: Meine Drehbücher sind ja nur Drehvorlagen. Das heißt: Der Film nimmt irgendwann seinen Anfang, und ich begebe mich mit meinem Team auf eine Reise. Die Reise hat zwar ein Ziel, aber die Wege dorthin kennt niemand. Es ist ein Prozess, der sich entwickelt und es gibt sehr oft auch Stehzeiten, weil mir einfach nicht das Richtige einfällt.


Import Export ist ein Spielfilm, der so inszeniert ist, dass er stellenweise extrem dokumentarisch wirkt...


Ulrich Seidl:
Dieser Film ist in dem Sinn dokumentarischer als „Hundstage", als er zu einem beträchtlichen Teil in wirklichen, also dokumentarischen, öffentlichen Räumen und Welten gedreht wurde. Also in wirklichen Spitälern, wirklichen Arbeitsämtern, wirklichen Sex-Agenturen oder geriatrischen Anstalten.


A propos geriatrische Anstalt:  Auch dort haben Sie Schauspieler mit echten Patienten gemischt. Wie schwierig war es, mit Sterbenden zu drehen?


Ulrich Seidl:
Schwierigkeiten gab es nur von Seiten der Behörde und des Personals. Man hat massiv versucht, mein Vorhaben zu verhindern, weil die geriatrischen Institutionen in Österreich durch diverse Skandale in Verruf geraten sind. Wir haben Monate vor den Dreharbeiten begonnen, Zeit mit den Patienten zu verbringen. Die Schauspieler haben sich großartig in das Alltagsleben der Geriatrie eingelebt und sind schließlich ein Teil davon geworden. Für die Patienten selbst, natürlich nur für die, die es noch mitbekommen haben, waren unsere Dreharbeiten eine willkommene Abwechslung ihres Gefängnisalltags.


Mit Ihrem ersten Spielfilm „Hundstage" haben Sie bei den Filmfestspielen von Venedig den Großen Preis der Jury gewonnen. Verändert Erfolg? Verändert er Ihre Arbeit?


Ulrich Seidl:
Ich glaube nicht. Einen Film zu machen ist für mich immer mit großen Anstrengungen verbunden und bedeutet oft einen Leidensweg. Ich mache es mir und meinen Mitarbeitern nicht leicht und jeder Film ist auch ein Abenteuer, das man sich erkämpfen muss. Ich habe kein Erfolgsrezept. Schon beim nächsten Film ist der Absturz möglich.


Ed Lachman, einer der beiden Kameramänner mit denen Sie in Import Export zusammengearbeitet haben, hat Sie als jemanden beschrieben, der ein moralischer Filmregisseur sei, aber kein moralistischer. Sehen Sie das auch so?


Ulrich Seidl:
Ich will die Leute im Kino nicht nur unterhalten, sondern sie berühren, wenn nicht sogar verstören. Ich übe mit meinen Filmen Kritik, nicht am einzelnen Menschen, sondern an der Gesellschaft. Und ich habe eine Vision von einem würdigen Leben. Wenn es ein Film schafft, beim Zuschauer über das Vergnügen hinaus etwas aufzubrechen, das mit seinem eigenen Leben zu tun hat, dann hat er viel erreicht. Ich will, dass die Menschen im Kino auf sich selbst zurückgeworfen werden.


Sie sind keineswegs der klassische, sozialkritische Filmemacher. Sie zeigen. Sie bewerten nicht.


Ulrich Seidl:
Ich habe keine Ideologie zu einer Verbesserung der Welt. Es geht nie darum, den Einzelnen zu bewerten. Ich versuche, einen ungeschönten Blick auf das Leben zu werfen. Ich glaube, dass die Realität uns alle betrifft, unsere Ängste und unsere Sehnsüchte: Die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach Liebe. 


Der Pessimismus in Ihrer Arbeit wurde oft diskutiert. Gleichzeitig arbeiten Sie mit dem Element des Humors...


Ulrich Seidl:
Das Schreckliche, das Unabwendbare ist oft besser mit Humor zu ertragen. Außerdem bin ich immer auf der Suche nach den Schnittstellen zwischen Tragödie und Komödie. Und was den Pessimismus betrifft: Für mich  ist der Optimist nicht a priori konstruktiver als der Pessimist und deswegen auch nicht positiver zu bewerten. Wenn ich mit offenen Augen die Welt anschaue, komme ich oft am Pessimismus nicht vorbei. Aber wie jeder Pessimist habe ich ja auch das Schöne vor Augen.


Import Export
ist ein schockierender Film, andererseits könnte man ihn den bisher humanistischsten Ihrer Filme nennen. Sind Sie milder und weiser geworden?


Ulrich Seidl:
Hoffentlich weiser, aber nicht milder. Aber alle meine Filme sind aus meiner humanistischen Weltsicht entstanden. Auch wenn sie verstört, provoziert oder schockiert haben.

Quelle: Filmladen

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