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Interview mit Fernando Meirelles zu seinem aktuellen Film 360

Hr. Meirelles, können Sie kurz erklären, wie sich der Titel des Films „360“ in der Story spiegelt?
Es handelt sich hier um eine kreisförmige Story, sie beginnt hier in Wien, und eine handelnde Figur trägt sie dann weiter nach London, dann geht es nach Denver und Phoenix, weiter nach Paris und schlussendlich wieder zurück nach Wien. Um diese Kreisbewegung geht es im Film, und das ist der Grund für den Titel „360“.

360 ist ein Film der über Entscheidungen und Chancen erzählt, und die daraus folgenden Konsequenzen. Glauben Sie, dass Dinge zufällig passieren, oder vertrauen Sie auf das Schicksal?
Nein ich glaube nicht an Schicksal. Ich bin der Meinung Dinge passieren durch ein Zusammentreffen von Umständen. Aber wenn wir dann mit verschiedenen Möglichkeiten konfrontiert sind, haben wir die Wahl sie anzunehmen oder vorbeistreichen zu lassen. Was passieren wird, hängt also natürlich einerseits von den Möglichkeiten ab die sich uns bieten, aber andererseits auch von unseren Entscheidungen. Wie das letzte Mädchen im Film, die diesen sehr attraktiven Mann kennenlernt, der sie dann plötzlich bittet mit ihm zu gehen. Hier ist eine Chance gekommen, und sie kann sie annehmen oder nicht. Aber sie sagt: „Ja.“ Das ist es, was der erste Dialog ihm Film sagt, wenn du an eine Weggabelung kommst, nimm sie einfach, du musst eine Entscheidung treffen und sehen wo sie dich hinbringt.

Was hat Sie im Drehbuch dazu bewegt, den Film zu machen? An welchem Punkt wussten Sie, dass Sie Peter Morgan zusagen werden?
Also der erste Punkt war auf jeden Fall Peter Morgans Name auf der Frontseite. Mir gefiel „The Queen“ von ihm sehr gut oder auch „Frost/Nixon“, ich mag seine Arbeit sehr. Als ich sein Drehbuch bekam dachte ich nur: “Oups, dass ist etwas, das mich sehr interessiert, sogar ohne das ich es lesen muss“. Dann habe ich begonnen die Geschichten zu lesen, und war gleich sehr in die Storys und Dialoge hineingezogen. Und eine Sache, die mir wirklich sehr gefiel, ist dass es hier keine Antagonisten gibt. Alle Charaktere sind gute Menschen, die stets versuchen, ihr Bestes zu geben, wie z.B. ein guter Ehemann, eine gute Schwester oder ein guter Vater zu sein. Aber irgendwas in Ihnen versucht sie woanders hin zu bringen. Der Antagonist ist also in ihnen drinnen. Sie haben mit sich selbst zu kämpfen. Wie Jude, ich meine er will diese Prostituierte, aber gleichzeitig will er auch seine Familie nicht zerstören. Er muss sich entscheiden. Und das war es, was ich so mochte, es handelt sich um lauter gute Menschen, wie wir es selbst auch sind. Einfach eine sehr, normale Geschichte, - sehr menschlich. Sogar Tyler, der Sexualverbrecher ist ein guter Mensch. Ok. er hat etwas falsch gemacht in seiner Vergangenheit, aber er kämpft wirklich stark dagegen an es nie wieder zu tun. Er will ein arbeitender, normaler Mensch sein. Und er bleibt tatsächlich standhaft. Ich meine das Mädchen springt auf ihn, sie vergewaltigt ihn ja nahezu, und er bleibt stark. Er ist sehr tapfer, ich mag ihn sehr. Und nebenbei überhaupt Ben Foster, er ist fantastisch oder nicht?

Sie haben sehr verschiedene Schauspieler zusammengebracht, wie war die Atmosphäre während den Dreharbeiten?
Es war so, dass wir neun verschiedene Geschichten an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher Besetzung gedreht haben. Es haben sich also nicht immer alle Schauspieler getroffen. Es ist wirklich unglaublich, wir hatten so ein großes Team, und es sind sich nie alle begegnet. Aber ich bin der Meinung eines der besten Dinge am Film ist die Besetzung. Eine wirklich beeindruckende Gruppe von Schauspielern. Einige kennt man auf der ganzen Welt, und andere sind nur in deren Heimatland berühmt. Zum Beispiel Johannes Krisch oder Vladimir Vdovichenkov, der in Russland sehr bekannt ist, und Jamel Debbouze ist in Frankreich berühmt.

Also stellte das Drehen in verschiedenen Sprachen keine sehr große Schwierigkeit dar?
Nein, weil es beim Schauspielen ja auch um andere Dinge geht. Ich konnte die Schauspieler zwar nicht immer verstehen, wusste aber durch das Skript ja was sie sagen. Es geht ja vielmehr darum, wie sie sich ausdrücken, wie sie schauen und wie sie lachen. Das heißt, sogar wenn man nicht versteht was sie sagen, kriegt man trotzdem mit um was es geht, und das ist wunderbar. Viele von Ihnen sprechen Englisch, Französisch oder Portugiesisch, so dass ich mit ihnen sprechen konnte. Nur der russische Schauspieler konnte kein Englisch, da brauchten wir einen Dolmetscher, das war zwar ein bisschen schwierig aber er ist so ein guter Schauspieler und wirklich netter Kerl, also haben wir auch das geschafft. Ich hätte auch keine Bedenken einen Film in Chinesisch oder einer ähnlichen Sprache zu drehen.

Die Charaktere im Film wirken sehr lebensnah, ich hatte das Gefühl jeder von ihnen könnte eine reale Person sein, und das, obwohl man immer nur einen kleinen Teil deren Leben sieht. Wir wurde Ihrer Meinung nach dieser Effekt erzielt?
Das Gefühl das man es mit echten Menschen zu tun hat liegt definitiv daran, dass ich mit großartigen Schauspielern arbeiten durfte. Wenn man so gute Leute vor der Kamera hat, ist das wirklich einfach, das ist nicht mein Verdienst. Das man die Leute in den Geschichten immer nur ein kurzes Stück begleitet, war wirklich eine Schwierigkeit. In den meisten anderen Filmen hat man eine Zeitspanne, so c.a. 10 Minuten, die dazu dient die handelnden Figuren vorzustellen und interessant zu machen, damit das Publikum von ihnen gefesselt wird und sie dann weiter durch die Geschichte begleitet. Ich hatte in diesem Film aber keine Zeit die Figuren vorzustellen. Wenn der Charakter aufgetaucht ist, war da auch schon der Konflikt. Also habe ich mich selbst gefragt, wie kann man es anstellen, dass das Publikum einen Bezug zu den Figuren bekommt. Und der Trick dabei war, wirklich bekannte Gesichter einzusetzen. Normalerweise bevorzuge ich es mit unbekannten Schauspielern zu arbeiten, weil ich der Meinung bin, wenn man Julia Roberts sieht, lässt es sich nicht vermeiden, dass  man an ihr Leben denkt. Man weiß sie ist Millionärin, und bekommt 20 Millionen dafür diese Zeilen zu sagen. Man ist der handelnden Filmfigur gegenüber nicht unbefangen, das spielt immer mit. So denke ich normalerweise, aber in diesem Fall habe ich genau das Gegenteil getan. Ich dachte, wenn ich jemand wirklich bekannten habe, würde mir das helfen. Wie in der ersten Szene in der Bar in Wien, wo wir eine Menge Leute haben, die wir nicht kennen, und dann haben wir da Jude Law. Ich bin mir sicher, Sie und jeder andere denkt sofort: Ah, das ist die Person über die ich mehr wissen will! Ich dachte also, die Berühmtheit der Schauspieler hilft dem Publikum eine Beziehung zu den Charakteren aufzubauen.

Und war es schwierig all die Schauspieler zu bekommen, oder haben sie alle gleich zugesagt?
(lacht.) Ja sie haben alle gleich zugesagt. Das lag natürlich in erster Linie an den tollen Dialogen von Peter und in zweiter Linie daran, dass wir sich ja nicht für lange Perioden brauchten. Wenn ich Jude Law für 6 Monate brauche, wird er sicher dreimal darüber nachdenken ob er den Film machen will oder nicht, und mir außerdem ein Vermögen verrechnen. Aber so handelte es sich um vier Tage, ein Wochenendtrip nach Wien und einen Drehtag in London und er war wieder frei, also warum nicht? Das ist natürlich auch ein Grund warum viele von ihnen unmittelbar ja gesagt haben.

Der Film hat ja die Liebe als Haupt-Thematik. Würden Sie sagen er zeigt Beziehungen, so wie sie im 21Jhd. Üblich sind?
Ja das glaube ich. Ich glaube aber auch, dass sie schon immer so waren. Das zeitgemäße daran ist, zu sehen, wie sich eine Entscheidung sehr schnell in verschiedene Richtungen ausschlägt. Die erste Entscheidung passiert in Wien, als Jude Law nicht mit der Prostituierten schläft und Rachel in London anruft, die sich daraufhin von ihrem Geliebten trennt. Dann das eine Mädchen, das in die USA unterwegs ist und Denver und dann kommt alles nach Paris zurück. Die ganze Geschichten passieren in zehn Tagen in also es geht alles sehr schnell. Das könnte auch alles 200 Jahre früher passiert sein, aber dann hätten die Auswirkungen vielleicht zwei Jahre gedauert. Heutzutage geht alles sehr schnell.

Welcher der Drehorte hat Ihnen am besten gefallen?
Besonders gut hat mir der erste Tag gefallen wo wir ohne Schauspieler in Minneapolis gedreht haben. Wir filmten die Flughafenrollbahn und stehende Flugzeuge. Das brauchten wir für die Szene mit dem Schneesturm der das Mädchen am Flughafen in Denver festhielt. Also sind wir nach Minneapolis gefahren, weil es dort gerade eine Menge Schnee gab. Und an dem Tag an dem wir in Chicago am Flughafen waren um dort hin zu fliegen, war er wegen Schneesturmes gesperrt. Also sind wir 8 Stunden mit dem Auto nach Minneapolis gefahren, um die Flugzeuge mit dem richtigen Schneesturm zu filmen. Das war wirklich erstaunlich zu sehen. Was ich auch sehr schön fand, war das Drehen am Gürtel und Wien von einer anderen Perspektive zu zeigen, einer die nicht jeder kennt. Aber jeder Ort hat seinen eigenen Charme.

Von den vielen besonderen Charakteren im Film, hat es Ihnen da eine/r besonders angetan?
Das hat sich im Laufe des Prozesses immer wieder geändert. Beim Drehbuchlesen mochte ich andere besonders, als dann zu dem Zeitpunkt als ich auf die Schauspieler traf. Nachdem ich den Cut jetzt gesehen habe würde ich jetzt sagen, der Franzose, Jamel Debbouze er ist fantastisch. Ich liebe die Szene wo er in der Zahnarztpraxis mit dem Mädchen flirtet, das war sehr charmant. Und ja, Ben Foster, er war so gut vorbereitet, er wusste alles über Sexualtäter. Und auch das letzte Pärchen, Gabriela und Vladimir. Sie sind ebenso großartige Schauspieler, ich denke diese drei Geschichten sind für mich herausragend.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Haupt-Message des Films ans Publikum?
Ja der Film ist einfach sehr positiv. Er sagt, wenn dir etwas im Leben begegnet, probier es aus. Egal ob du in die eine Richtung gehst oder in die andere, wichtig ist, das du dich bewegst. Man soll immer eine Entscheidung treffen, und nie vor einer Gabelung stehen bleiben, lass das Leben weitergehen. Aber das ist nicht wirklich eine Message, das ist es was Leben ist. Da war eine Sache, die uns Schwierigkeiten bereitete, aber schlussendlich angemessen schien. Wir hatten nämlich kein großartiges Ende. Aber der Film handelt über das Leben und da gibt es auch kein Ende. Ich meine, wenn du dann heiratest, kommt auch nicht von irgendwo Musik und Abspann, sondern es geht weiter, so ist das Leben. Und das spiegelt sich im Film. Wenn man Jude und Rachel wegspazieren sieht und denkt es ist das Ende, sieht man danach wieder eine Prostituierte die neu anfängt. Es ist ein Prozess und darüber spricht der Film. Es geht immer weiter und weiter, ich mag das Gefühl.

Gibt es da einen besonderen oder lustigen Moment den Sie von den Dreharbeiten in Erinnerung haben?
Naja wir haben generell sehr viel gelacht, denn wir hatten einen sehr lustigen ersten Assistenten, ein wirklich witziger Typ. Die ganze Drehzeit war sehr unterhaltsam. Die Crew war sehr entspannt, wir haben getrunken,… sehr viel (lacht). Ich kann mich nicht an einen speziellen Moment erinnern aber wir hatten alle eine super Zeit. Egal wen du fragst, jeder wird dir dasselbe sagen.

Haben Sie schon ein neues Projekt in Aussicht?
Ja, ich bereite einen neuen Film vor, der Nemesis heißen wird. Es geht um Onassis, basierend auf einem Buch von dem Briten Peter Adams. Das Thema ist der Hass zwischen dem reichsten Mann der 60er Jahre, Onassis, und dem mächtigsten Mann der Zeit, nämlich Bob Kennedy. Beides, sehr starke und üble Personen. Es ist eine großartige Geschichte voll von Skandalen, Sex und Betrügereien und obendrein eine wahre Story. Wir fangen im Oktober zu drehen an, und wenn alles gut geht wird der Film im September, Oktober nächsten Jahres raus kommen.

Und eine letzte Frage, wie gefällt Ihnen Wien?
Ich liebe es. Ich liebe es wirklich weil Wien bietet alles was eine große Stadt haben sollte, es hat großartige Sehenswürdigkeiten usw. ist dabei aber so entspannt. Es hat die guten Seiten einer Großstadt aber nicht die schlechten, wie diesen schlimmen Verkehr, und die vielen Touristen wie man es von anderen Städten kennt. Vor fünf Tagen war ich in Paris und ich meine Paris ist schön, aber die Leute dort… Die Franzosen jammern ständig, und sind träge, als könnten sie das Leben nicht genießen. Hier ist das anders, die Leute sind alle so entspannt, so wie es sein sollte, es ist die beste Lebensqualität die ich bislang gesehen habe. Sie haben Glück hier leben zu dürfen. Wenn da nur nicht diese schreckliche Sprache wäre die ihr sprecht. (lacht) Ich würde ja gerne mehr Zeit hier verbringen aber ich bleibe wohl immer Tourist weil ich diese langen Wörter die ihr da habt, einfach nicht verstehen kann.

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