Bild0
Filmfest München - Nicolas Winding Refn über Drogenkonsum am Filmset, das Drive Sequel und die Höhen und Tiefen seiner Karriere!

Das 30. internationale Filmfest München hat am Freitag den 29.06.2012 seine Pforten geöffnet. Im Mathäser Filmpalast lief zur Feier des Tages der Eröffnungsfilm Starbuck des Regisseurs Ken Scott. Am Samstag starteten dann auch die Zuschauervorstellungen, die bei den Filmfans äußerst beliebt sind, da dort Regisseure, Kameramänner oder sogar Schauspieler ihre Filme persönlich im Kinosaal vorstellen und nach der Vorführung im Rahmen eines Q&A den Zuschauern zur Verfügung stehen. Darüber hinaus finden zahlreiche Publikumsgespräche statt, sodass dieses Jahr der dänische Kultregisseur Nicolas Winding Refn (Drive, 2011), sowie Melanie Griffith (The Grief Tourist, 2012), Julie Delpy (2 Tage New York, 2012), James Franco (127 Hours, 2010), Ingrid Caven (Angst vor der Angst, 1975), Fernando Mereilles (360, 2012) und Todd Haynes (I’m Not There, 2007) das Festival besuchen, um ihre Projekte vorzustellen.

Am Samstag um 17:30 Uhr begann im CinemaxX die Hommage an Nicolas Winidng Refn mit der Ausstrahlung seines ersten Films Pusher (1996). Der Kinosaal war gut befüllt, die Zuschauer gespannt auf den ersten Film des Filmemachers. Nach der Vorführung ehrten die Zuseher den Regisseur mit einem Applaus. Ein Mitarbeiter des Filmfest München führte den Kultregisseur ein und fragte ihn darauf nach der Entstehungsgeschichte seines ersten Werkes Pusher. Refn holte weit aus und verriet sogar Setgeheimnisse, die Gelächter und große Augen beim Publikum auslösten. Zudem beantwortete er auch nach der Pusher 2-Vorstellung die Publikumsfragen. Am Sonntag, dem 01. Juli 2012, sprach der Kultregisseur während des  Publikumsgesprächs über seine neuen Projekte, seine Arbeit mit Ryan Gosling, das Drive Sequel Driven und seinen Karrieretiefpunkt. Im Folgenden werden wir die Aussagen nacheinander zusammenfassen und in Form einer kleinen Filmbiographie des Regisseurs präsentieren. Beginnen möchten wir mit dem Weg des Regisseurs, der ihn zum Filmemachen führte.

„Ich bin in New York, Manhattan, in Filmsets aufgewachsen und blieb bis zu meinem 17. Lebensjahr in Amerika. Ich bin somit ein amerikanisches Produkt. Meine Mutter arbeitete hinter der Kamera, mein Vater war ein Editor und mein Onkel im Filmverleih tätig. Meine Eltern liebten das französische Cinema. Sie waren vom New Wave Cinema begeistert. Ich konnte nicht gegen meine Eltern rebellieren, denn sie sind in den 60ern und in der Hippie-Zeit aufgewachsen. Ich wusste aber, dass es meine Mutter stören würde, wenn ich mir Horrorfilme ansehen würde. Für mich war das europäische Kino der Antichrist und amerikanische Horrorfilme wahre Kunst. Mit 14 habe ich dann The Texas Chainsaw Massacre gesehen und zu meiner Mutter gesagt: ‚Das ist Kunst!’, und sie meinte: ‚Nein ist es nicht!’. Daraufhin entdeckte ich Genre-Movies und liebte sie. Demnach gefiel mir alles, was meine Eltern nicht mochten.“

Bild1

Auf die Frage, wieso The Texas Chainsaw Massacre – Blutgericht in Texas (1974) Kunst sei, antwortete Nicolas Winding Refn folgendes: „Bis dahin musste ich Filme wie The 400 Blows von Francois Truffaut ansehen. Darüber hinaus schaute ich Steven Spielberg-Filme. Für mich war das alles generisch. Danach ist mir natürlich klar geworden, dass The 400 Blows ein großartiges Meisterwerk ist. Es hat mich sehr beeinflusst, aber das wusste ich nicht mit 11. Mit 14 Jahren habe ich gemerkt, dass ein Film keine normale Erzählweise aufweisen muss. Es kann ein Ton, ein Bild, eine Emotion sein, denn Texas Chainsaw Massacre hat keine Geschichte, es hat eine Emotion die unerbitterlich ist. Es kann soviel sein, als ein anderer Film. Zudem bin ich Farbenblind also hätte ich nicht Malen können. Ich bin Legastheniker, also ist mein Schreiben eingeschränkt. Deshalb kann ich mich nur durch Filmemachen ausdrücken und deshalb habe ich diesen Weg verfolgt. Danach habe ich ein paar Jahre für das Filmstudio meines Onkels im Filmfest in Cannes gearbeitet. Ich konnte also die Filme dort ansehen. Zugleich habe ich zuhause mit der Videokamera Filme gedreht. Durch meine Mutter bin ich an die Kameras herangekommen, das war sehr hilfreich. Meine Eltern haben mich sehr unterstützt. Ich finde, dass Kunst nicht gelehrt werden kann. Man muss es erleben. Kunst kommt durch Erfahrung. Sie können dir zeigen, wie du es technisch machen kannst, aber zugleich gibt es keine Regeln mehr dafür. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es ist nur Ausdruck und das ist heutzutage so interessant daran. (…) Mit 24 hatte ich dann die Möglichkeit Film zu studieren oder Pusher zu machen und ich habe mich für das Filmemachen entschieden, da ich dachte: ‚Was die können, kann ich schon lange’. Ich war damals ziemlich arrogant.“

Für seinen ersten großen Erfolg Pusher (1996) verwendete er wahre Dealer und Junkies als Schauspieler, dies führte zu Drogenkonsum und Schlägereien am Set. Dazu meinte der Regisseur: „Ich habe Mads [Mikkelsen] gecastet als er noch in der Schauspielschule war. Gleich nach seinem Abschluss haben wir mit den Dreharbeiten begonnen. Mads war der einzige Schauspieler am Set. Ansonsten habe ich viele Amateure und Gangster gecastet, da ich wollte, dass sie sich selbst spielen. Die Gangster haben dann ihre Rolle manchmal zu ernst genommen, sodass Mads ein paar Mal am Set geschlagen wurde. Die Drogen und der Konsum im Film waren echt. Das hat den Gangstern beim Drehen geholfen. Ich hatte nur 6 Wochen Zeit und habe alles chronologisch gedreht. Ich drehe immer alles chronologisch. In Pusher 2 und 3 waren die Drogen nicht mehr echt, da wir sonst Probleme bekommen hätten.“

Nicolas Winding Refn musste Pusher 2 und 3 nacheinander drehen, um an Geld heranzukommen und seine Schulden abzubezahlen. Er schuldete damals nach dem großen Flop von Fear X (2003) seiner Bank eine Millionen Euro. „Ich hatte viel Druck. Ich musste das Skript zu Pusher 2 und 3 in 2 Wochen schreiben. Zugleich warteten zuhause meine Frau und unser Baby auf mich. Somit habe ich dem Hauptcharakter einfach meine Situation und somit ein Baby gegeben. Kreativität ist riskant. Dies habe ich in den Höhen und Tiefen erlebt. Aber wenn du nicht den Schmerz erlebt hast, dann weißt du nicht was Glück bedeutet. Nach Pusher 1 dachte ich, ich kann auf Wasser laufen. Ich war sehr arrogant. Ich habe Filme gemacht, weil ich große Kunst machen wollte. Ich war dumm. Jetzt mache ich dass, was ich sehen will. Ich bin zum Fetisch-Filmemacher geworden.“, sagte der Regisseur.

Bild2

Nach Pusher 2 (2004) und Pusher 3 (2005) hatte er viele Möglichkeiten. Er plante Bronson und Walhalla Rising. Er wollte einen Film mit Harrison Ford drehen, aber dies funktionierte nicht. „Es hat nicht funktioniert. Ford ist verrückt. Es geht nicht darum, dass wir uns nicht mögen, nein. Harrison Ford lebt einfach auf einen anderen Planeten.“, meinte Nicolas Winding Refn über den Hollywoodstar. 2008 drehte er dann Bronson mit Tom Hardy in der Hauptrolle, 2009 folgte Walhalla Rising. „In dem Biopic Bronson spiegelt sich mein Leben und das Leben von Bronson wider. Ich wollte einen theatralischen Schauspieler für den Film haben. Ich fragte Jason Statham, aber dieser wollte nicht. Dann hat es mit Tom Hardy funktioniert, der zurzeit zu den besten Schauspielern gehört.“, erklärte der Drive-Regisseur. „Die Finanzierung von Walhalla Rising hat folgendermaßen funktioniert. Ich sagte die Schlagwörter ‚Action’, ‚Mads Mikkelsen’ und ‚Wikinger’ und das Projekt wurde finanziert. Danach fügte ich noch ‚Science-Fiction’ hinzu. Dies führte zu einigen Problemen, doch im Endeffekt ist noch alles gut gelaufen.

Letztendlich führte die Diskussion zu Drive. „Alle wollen über Drive reden!“, meinte der Regisseur. Dieses Projekt kam ungewöhnlich zustande. Ryan Gosling war bereits an Board und rief daraufhin Nicolas Winding Refn an. Er fragte ihn nach einer Zusammenarbeit. Merkwürdig ist, dass der Filmemacher keinen Führerschein hat und sich überhaupt nicht mit Autos auskennt, doch trotzdem hat er ein perfektes Fahrgefühl in den Film integriert. „Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Mich interessieren Autos nicht. Ich finde die kurven sexy, genauso wie ich es sexy finde den Kopf von Christina Hendricks wegzupusten. Drive ist entstanden, indem Ryan und ich im Auto saßen, und durch die Stadt gefahren sind.“

Als Inspirationsquelle hat Refn Gary Marshalls Pretty Woman hergenommen. Ferner sprach er über die Farben und Musik, die in Drive zu sehen beziehungsweise zu hören sind: „Ich bin farbenblind, deshalb verwende ich immer Kontrastfarben, ansonsten erkenne ich keinen Unterschied. Ich wollte bereits in schwarz-weiß drehen, doch dies finanziert keiner. Ich bin in den 80ern aufgewachsen. Natürlich gefällt mir elektronische Musik. Deshalb verwende ich sie auch in meinen Filmen. Die Geldgeber von Drive wollten zuerst, dass ich Kanye West hernehme, doch dies habe ich nicht zugelassen. Der Soundtrack ist dann auf Platz 4 der Album-Charts eingestiegen und dies hat meine Entscheidung bestätigt.“

Bild3

Zu Ryan Gosling und den Charakter, den er in Drive spielt, sagte er folgendes: „Ryan hat eine fantastische Aura. Er kann ohne ein Wort sagen zu müssen 100 Wörter ausdrücken und das finde ich so großartig an ihm. Im Film spielt er einen Superhelden. Seine Taten sind nicht logisch. Er weiß selbst nicht, wieso er so handelt. Er ist ein Superheld und somit hat er zwei Identitäten. Um die eine Identität aufzugeben und zum wahren Helden zu werden, muss er alles verlieren.“

Zumal wurde er gefragt: Wieso verwendest du in deinen Filmen stets so kaputte Charaktere? „Ich würde sie nicht kaputt nennen. Sie haben Probleme und das macht sie so interessant. Sie sind nicht vorhersehbar und unberechenbar. Genau das erzeugt Spannung. Man kann mit ihnen durch eine Reise gehen, sie zu Helden machen oder sie zerstören.“, antwortete Nicolas Winding Refn. Außerdem wurde er über das Drive-Sequel Driven befragt. „Mir wurde das Buch zugeschickt, ich habe den Titel gesehen und dann hat es mir schon gereicht. Es wird kein Drive-Sequel geben. Ich werde diese Fortsetzung nicht einmal verfilmen, wenn ich wieder Pleite bin.“, antwortete der Regisseur entschlossen.

Zu guter Letzt sprach der dänische Filmemacher über seine neuen Projekte: „Aktuell bin ich mit dem Thai Box-Film Only God Forgives beschäftigt. Ryan spielt hier die Hauptrolle. Danach ist Logan’s Run geplant, wieder mit Ryan Gosling in der Hauptrolle. Zudem werde ich das TV-Projekt Barbarella übernehmen und da ich Frauen mag und eine Frau die Titelperson ist, kann Ryan nicht die Titelrolle spielen. Ich weiß aber noch nicht welche Schauspielerin ich nehme. Falls das Projekt Logan’s Run länger dauern sollte, da es ein Big Budget Movie ist und dies auch Jahre dauern kann, werde ich den Horrorfilm ‚I Walked with the dead’ drehen. Ich wollte schon immer einen Horrorfilm machen.“

Da wir nun erneut bei dem Genre Horror angekommen sind, möchten wir euch noch präsentieren, mit welchen Filmen sich Nicolas Winding Refn beschrieben hat.

„Ich würde als Film zur einen Hälfte ‚The Texas Chainsaw Massacre’ und zur anderen Hälfte ‚It’s a wonderful life’ sein.“

Neuen Kommentar schreiben

Bitte anmelden oder registrieren um an dieser Diskussion teilnehmen zu können.

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.
Beliebte Neuigkeiten