sujet.jpgVon 19. - 31. Oktober findet die Viennale im Herzen Wiens statt und wir versuchen Ihnen so gut wie möglich einen Überblick über alle gezeigten Filme zu verschaffen. Der Kern des Programms besteht aus aktuellen Spielfilmen, aus aller Welt, und wird ergänzt durch aktuelle Dokumentar- und Kurzfilme. Weiters findet ein Tribute zu Jane Fonda statt und Special Programms zu den Filemmachern Nina Menkes, Pascale Ferran und Stephanie Rothman. Um den österreichischen Film zu ehren, gibt es weiters die Schau Proletarisches Kino in Österreich und im österreichischen Filmmuseum findet die Retrospektive Der Weg der Termiten statt. Dabei ist zu beachten, dass auch wir die Filme die auf der Viennale gezeigt werden, großteils noch nicht gesehen haben, sondern nur Vermutungen über die Qualität anstellen können. Dennoch hoffen wir eine Hilfe zu sein um einen Weg durch das Programm der Viennale zu finden. Da wir primär auf Spielfilme spezialisiert sind, beschränken wir unsere Empfehlungen ausschließlich auf das aktuelle Spielfilmprogramm.


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Anmerkung: Alle Bilder und Texte, verwendet von Viennale.at


Besondere Empfehlungen:

nocountryforoldmen_scene_01.jpgNo Country for Old Men
Regie: Joel und Ethan Coen
(25.10 - 23:30 - Künstlerhaus | 27.10 - 20:30 - Gartenbau)

Llewelyn Moss befindet sich im heißen und kargen Südwesten von Texas auf der Jagd nach Antilopen, doch schon bald wird er vom Jäger zum Gejagten. Grund dafür sind über zwei Millionen Dollar in einem Koffer, den Moss findet und an sich nimmt. Dass mit dem Geld etwas nicht in Ordnung ist, hätte er sich eigentlich denken können: Erschossene Menschen und Hunde sowie ein Beutel Heroin zeigen deutlich, dass an jenem Ort ein Drogendeal aus dem Ruder gelaufen ist. Nun hat Moss den Kopfgeldjäger Carson Wells und Sheriff Ed Tom Bell im Nacken - und obendrein einen sehr psychopathischen Auftragskiller.

Die Brüder Joel und Ethan Coen sind wieder im tiefen Süden, wo jeder gesprochene Satz wie das Alte Testament klingt und wo die Grausamkeit verzögert und dafür umso unerbittlicher ihre Blutspur zieht. Hier hat das Böse ein Gesicht - und was für eines: das monströse des Darstellers Javier Bardem, in dessen heillose Bahn im Grenzland von Texas und Mexiko ein braver Mann gerät. Ein Katz-und-Maus-Spiel nach dem Gusto der Coens beginnt. Kein Fall mehr für Tommy Lee Jones als stoischer Mann des Gesetzes oder, um es mit dem Titel der Romanvorlage Cormac McCarthys zu sagen: «No Country for Old Men». Obwohl im glutheißen Land der zerzausten Büsche und Wolken alles von alters her so bleibt, wie es ist. Die Liebhaber der Coens kommen wieder einmal voll auf ihre Rechnung, der Mix von heftiger Gewalt und absurder Komik bestimmt den Ton wie in ihren besten Filmen. (Martin Walder)


gere.jpgI´m not There
Regie: Todd Haynes
(24.10 - 19:30 - Gartenbau | 25.10 - 23:30 - Urania)

Musiker, Geschichtenerzähler, Lichtgestalt, Diva, Visionär: Bob Dylan ist all das in einer Person. In Todd Haynes' filmischer Annäherung I'm Not There übernehmen sechs Schauspieler - darunter Richard Gere, Heath Ledger, Christian Bale und Cate Blanchett - die Rolle des exzentrischen Stars und porträtieren ihn in den unterschiedlichen Phasen und Stationen seines bewegten Lebens.

I'm Not There ist kein Biopic, denn Bob Dylan ist so nicht zu fassen. Haynes hat es gar nicht erst versucht. Er nähert sich auf andere Weise: Extro- und Introspektion, Nahaufnahme und Panoramablick in einem. Dabei geht Haynes konsequent seinen Weg weiter: Bereits in seinem frühen Kurzfilm Superstar hat er die «Karen Carpenter Story» mit Barbiepuppen erzählt, in Velvet Goldmine David Bowies Karriere auf den fiktiven Glamrock-Star Brian Slade übertragen. Nun lässt er in I'm Not There das klassische Erzählkino ganz fallen.
Dylan ist immer der Inbegriff des Wandels. Wie eine Katze hat sein Dylan sieben Leben, auch sieben Namen, was das Verständnis noch mehr erschwert. Und wenn auch die Idee, eine Person auf mehrere Figuren diverser Rassen und Alter aufzuteilen, nicht ganz neu ist - Todd Solondz hat das vor drei Jahren mit seinem Spielfilm Palindromes vorgemacht -, bei einer realen, noch dazu einer so vielschichtigen Persönlichkeit steigert sich der Reiz um ein Vielfaches. I'm Not There ist überreich in seinen Anspielungen, ist auch nicht ohne Anstrengungen, aber gerade darin wieder hochinteressant. Kein Film. Eine Meditation. Ein Free-Style-Konzert. Auch: ein Drogentrip. Dem man sich aussetzen muss, aber dafür belohnt wird. (Peter Zander)


14122.jpg4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
Regie: Cristian Mungiu
(26.10 - 20:30 - Gartenbau)

Rumänien 1987. Die Studentin Gabita ist im fünften Monat schwanger und entschließt sich zu einer späten Abtreibung. Angesichts des Umstands, dass sie damit eine schwere Gefängnisstrafe riskiert, liefert sie sich gegen viel geliehenes Geld in einem trostlosen Hotelzimmer einem Kurpfuscher aus. Otilia, ihre Mitbewohnerin im Studentenheim, wird ihr beistehen und, so lautet der Plan, den Fötus sofort verschwinden lassen, irgendwo in einem Hochhaus-Müllschlucker fern in einem anderen Stadtbezirk. Doch der scheinbare Retter, der bald eintrifft und mit brutaler Kaltschnäuzigkeit seinen Vorteil sucht, will mehr als nur Geld.
Cristian Mungiu zeigt in 4 Months, 3 Weeks and 2 Days - der Filmtitel spielt auf die Dauer ihrer Schwangerschaft an - völlig unspekulativ, wie grausig das Vorhaben gelingt und zugleich scheitert, welche Risse es zwischen Menschen reißt und doch wieder kittet, welches Opfer gebracht wird und welches Schweigen. Immer wieder führen spektakuläre Details auf Fährten, die sich als segensreich falsch herausstellen - und dann kann ein einziger Satz, leise dahingesagt, ein Sprengsatz sein. (Jan Schulz-Ojala)

Dies ist kein Film über die Gewissensfrage der Abtreibung, aber über alles damit Verbundene. Er ist ein beklemmendes Porträt der Dämmerjahre der Ceausescu-Diktatur, wo die Menschen gleichgültig geworden sind, wo überall Misstrauen und Kontrolle herrschen und wo eine ganze Stadt den Eindruck erweckt, sie könne im nächsten Moment zerfallen. Er geht um eine Frauenfreundschaft, die aufs Äußerste belastet wird. Er handelt von Männern, die Situationen nicht verstehen oder sie rücksichtslos ausnützen. Jede von Mungius 113 Minuten ist elektrisierend, auch dann, wenn er seine Kamera zehn Minuten lang nur an einen Essenstisch stellt und die Unterhaltung mitfilmt. (Hanns-Georg Rodek)


bladerunner.jpgBlade Runner - The Final Cut
Regie: Ridley Scott
(27.10 - 01:00 - Gartenbau)

Zum 25-jährigen Jubiläum des vermutlich populärsten Kinofilms der 80er Jahre machte sich Regisseur Ridley Scott noch einmal für einen «Final Cut» an die Arbeit. Neue und erweiterte Szenen sowie eine neu abgemischte Tonspur sind im Vergleich zum «Director's Cut» von 1992 hinzugekommen. Dabei ist Scott «nicht dem Spieltrieb eines George Lucas erlegen, der in seine Star Wars nachträglich noch aufdringliche Digitaleffekte hineinfummelte. Nein, hier sausen nicht mehr Raumgleiter durch die Luft als vormals; hier wird auch kein einziger Replikant mehr terminiert als 1982. Und es wird, da ist die Realität der Zukunft voraus, immer noch geraucht. Der Film lässt sich für heutige Verhältnisse unheimlich viel Zeit. Er vertraut nach wie vor seinem erzählerischen Atem. Und entwickelt einen altmodischen Charme, welcher der Zukunft ganz gut steht. Auch wenn die Cyborg-Welle, noch so eine Mode, die er ausgelöst hat, längst verebbt ist.» (Peter Zander)

Wenn Blade Runner einen derart langlebigen Kultstatus erreicht hat, dann vor allem aus zwei Gründen: Zum einen liefert er fantastische Bilder einer Zukunft, die uns in einer nicht allzu fernen Zeit erreichen könnte. Zum anderen stellt er die Frage nach dem Wesen des Menschen auf neue und unerwartete Weise. Dabei lässt er jede eitel zur Schau gestellte Tiefsinnigkeit hinter sich, um eine spannende Geschichte zu erzählen: Gegen seinen Willen wird der ehemalige Blade Runner Rick Deckard gezwungen, ein kleine Gruppe von Replikanten zu jagen, die unerlaubterweise auf die Erde gekommen ist, um ihre genetisch festgelegte Lebensdauer von nur vier Jahren zu verändern. Nun beginnt die Suche des Kopfgeldjägers, in deren Verlauf Scott uns ein Los Angeles zeigt, wir wir es noch nie gesehen haben. (Jürgen Müller, Steffen Haubner)


V07control003.jpgControl
Regie: Anton Corbijn
(28.10 - 21:00 - Künstlerhaus | 29.10 - 23:30 - Gartenbau)

Im Jahr 1976 taten sich nach einem Konzert der Sex Pistols drei junge Männer aus Manchester zusammen, um eine Punk-Rock-Band zu gründen. Per Anzeige suchten sie einen Sänger, und es meldete sich ein junger Mann namens Ian Curtis. Zunächst nannte sich das Quartett Warsaw, schließlich Joy Division. Doch als sie immer erfolgreicher wurden, mit «Love Will Tear Us Apart» einen Jahrhundertsong geschrieben hatten und kurz davor waren, auf Tournee durch die USA zu gehen, setzte Ian Curtis am 18. Mai 1980 im Alter von 23 Jahren seinem Leben ein Ende.

Control ist ein gewagtes Unterfangen, das versucht, dem Mythos um Ian Curtis von der Gruppe Joy Division, die sich nach dem Tod des Sängers in New Order umbenennen sollte, eine Gestalt und eine Seele zu geben. Der Film basiert auf den Memoiren von Curtis' Frau Deborah und verwehrt sich damit aller erfundenen Legenden. Gestochen scharf wird hier das Bild des postindustriellen Manchester gezeigt, dessen wirtschaftlicher Aufstieg heute längst vergessen ist, wo aber in den 80er Jahren voller Kraft und kurzlebiger Energie die faszinierendsten Auswüchse des Rocks wucherten.
Ian Curtis durchlebte zwei Martyrien gleichzeitig: zum einen seine Liebesaffären und das Hin-und-her-gerissen-Sein zwischen Annik und seiner Frau, über die er sang, als gehe es um Leben und Tod: «Love ... Love will tear us apart. Again.» Und zum anderen die Epilepsie, jene Krankheit, die ihn zum Sklaven seiner Anfälle und einer ihn sich selbst entfremdenden medizinischen Behandlung werden ließ. Er hatte keine Kontrolle mehr. (Delphine Valloire)


14093.jpgDiary of the Dead
Regie: George A. Romero
(28.10 - 01:00 - Gartenbau | 29.10 - 13:30 - Künstlerhaus)

Jason bricht mit einer Gruppe von Filmstudenten und einem Wohnmobil auf, um in den dunklen Wäldern von Pennsylvania einen Horrorfilm für ein College-Projekt zu drehen. Alles scheint zunächst wie reine Fiktion, doch plötzlich hört die Filmcrew über das Radio Berichte vom Auftauchen echter Zombies und macht sich auf einen turbulenten Heimweg.
Gedreht in Kanada, steht Diary of the Dead nicht nur in der Tradition des Klassikers Night of the Living Dead von 1968, sondern George A. Romero ließ sich eindeutig auch von The Blair Witch Project inspirieren. Zunächst werden die bekannten Topoi des Genres durchexerziert: Jason und seine Freunde geraten unterwegs immer stärker in Bedrängnis, die Kommunikation zur Außenwelt wird unmöglich, die Unterstützung durch staatliche Ordnungskräfte misslingt. Im Strudel der Ereignisse bleibt das Grüppchen auf sich gestellt, und während zunehmend lebende Leichen ihren Weg pflastern, scheint bald klar, dass jedweder Ausweg verwehrt bleibt. Doch obwohl die Situation immer hoffnungsloser erscheint, behält Jason die Kamera in der Hand: Er, der er den Schrecken im Dickicht inszenieren wollte, wird sich nämlich bewusst, dass der «reale» Kampf gegen die Zombies in Wahrheit das beste Material abwirft. Er nutzt diesen geistesgegenwärtig für seine Zwecke - und mit ihm Romero für diesen Film.


importexport_scene_1.jpgImport Export
Regie: Ullrich Seidl
(25.10 - 20:30 - Gartenbau)

Es ist kalt und grau. Winterzeit. Die Menschen frieren. Das ist so in Österreich. Das ist
so in der Ukraine. Zwei verschiedene Welten, die einander immer mehr zu ähneln beginnen. In dieser Atmosphäre spielen zwei Geschichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die eine ist eine Import-Geschichte, die in der Ukraine beginnt und nach Österreich führt. Sie handelt von Olga, einer jungen Krankenschwester und Mutter. Olga will was haben vom Leben. Sie beschließt, nach Österreich zu gehen. Im fremden Land im Westen findet sie Arbeit und verliert sie wieder. Sie beginnt als Haushaltsgehilfin in einer Villa und endet als Putzfrau in der Geriatrie. Die andere Geschichte handelt von einem jungen Österreicher, Paul. Endlich Security-Wachmann geworden, verliert er seinen Job schon wieder. Er findet sich am Arbeitsamt wieder, hat Schulden und macht neue bei Freunden, Fremden und bei seinem Stiefvater. Dieser nimmt ihn mit auf einen Job in die Ukraine, um Spielautomaten aufzustellen.

Vielleicht versteht es ausgerechnet der Österreicher Ulrich Seidl derzeit von allen Filmemachern am besten, mit einer Präzision, Lässigkeit und Bosheit das Innerste von leidenden Menschen in grandiose Kinobilder zu übersetzen. Seidl erzählt von sexuellen Erniedrigungen und brutaler Gewalt, kleinen menschlichen Annäherungen und banaler Gehässigkeit in langen, stets aufs Neue überraschenden Einstellungen und beweist dabei soviel grelle Poesie und Zärtlichkeit, dass man dem Zauber seiner Horrorwelt fast ohne Gegenwehr verfällt. (Wolfgang Höbel)


paranoidpark_scene_02a.jpgParanoid Park
Regie: Gus Van Sant
(23.10 - 06:30 - Künstlerhaus | 23.10 - 21:00 - Gartenbau | 25.10 - 23:00 - Stadtkino)

Der «Paranoid Park» ist ein von Skateboardern illegal gebautes Skate-Gelände in Portland. Ein einigermaßen gefährlicher Ort, nicht nur, weil die Tubes hier steiler sind als irgendwo sonst und für den nötigen Nervenkitzel sorgen. Eines Nachts stattet der junge Alex mit einem Freund dem Park einen Besuch ab, und es geschieht Schreckliches - was genau, erfahren wir jedoch erst nach etwa der Hälfte des Films. Denn wofür Van Sant sich auch in seinem jüngsten Film interessiert, ist weniger der Hergang einer Tat, sondern das entsprechende Umfeld: Wie sieht eine Welt aus, in der Erwachsene nicht vorkommen? Welche Konsequenzen hat das? Das war bereits Thema in Elephant; nun erkundet Van Sant mit großer Ernsthaftigkeit und unter Einsatz vielfältiger Mittel einen weiteren Winkel einer sich selbst überlassenen Generation.
Seit einigen Jahren steht Van Sant wieder fest im Lager der unabhängigen Filmemacher, was bei ihm vor allem ästhetisch riskantere Strategien bedeutet. Paranoid Park geht zurück auf einen Roman von Blake Nelson, und die Kamera bediente Christopher Doyle, der in Super-8, dem Medium der meisten Skate-Filme, und im 35mm-Format gedreht hat. Die Darsteller sind Amateure (vor der Kamera, nicht auf den Boards), die Van Sant übers Internet rekrutiert hat. Das alles ist ungewöhnlich - und was dabei herausgekommen ist, ist es ebenfalls. (Verena Lueken)

Die Kraft, die Banalität und die unwahrscheinliche Schönheit dessen, was man so Leben nennt, danach sehnt sich natürlich auch das Kino. Doch kaum ein Filmemacher folgt heute seinen Obsessionen so klar wie Gus Van Sant, und doch lässt er seinen Darstellern immer wieder den Raum, ihre wunderbar greifbare Wirklichkeit in dieses geschlossene Universum hineinzutragen. (Tobias Kniebe)


GefahrUndBegierde_scene_04.jpgGefahr und Begierde
Regie: Ang Lee
(22.10 - 20:30 - Gartenbau | 27.10 - 23:30 - Künstlerhaus)

Ang Lee erzählt im seinem jüngsten Film mit großem Raffinement eine Geschichte über Gefühle, deren Instrumentalisierung und Einhegung durch gesellschaftliche Zwänge und politische Ideale: Gefahr und Begierde (Lust, Caution) geht auf den gleichnamigen Spionagethriller von Eileen Chang zurück und spielt in den späten 30er und frühen 40er Jahren in Hongkong und Shanghai. Die Studentin Wang Chia-Chih schließt sich einer Zelle radikaler, gegen die japanische Besatzung kämpfender Kommilitonen an - ihr Plan ist es, den mächtigen Kollaborateur Yee zu töten. Wang gelingt es, sich mit dessen Ehefrau anzufreunden, und je häufiger sie zum Mahjong-Spiel eingeladen wird, umso deutlicher wird, dass Yee sie zur Geliebten will.
Der Reiz des Films liegt im Detail, so wie Yee selbst einmal meint: «Wenn man aufmerksam ist, ist nichts trivial.» Allein die Ambivalenz, die daraus resultiert, dass Wang und ihre Genossen den bourgeoisen Lebensstil im Hause Yee verachten, ihn aber zugleich skrupulös nachinszenieren, damit ihr Gegner keinen Verdacht schöpft - allein diese Ambivalenz trägt den Film weit. Dazu kommt die Subtilität, mit der Ang Lee Tangomusik, die Abdrücke von Lippenstift an Tassen und Gläsern, das Close-Up eines Wachhunds, ein Gespräch über Diamanten oder ein weißes Bettlaken so arrangiert, dass das Drama eine den Plot flankierende, zweite, dichte Ebene erhält.
Einem ihrer Verbindungsoffiziere gegenüber beschreibt Wang einmal, was ihr mit Yee passiert: «Wie eine Schlange kriecht er zu meinem Herzen empor.» Der so mit den konkreten Folgen des glatten Planes Konfrontierte kann nur noch stammeln: «Hören Sie auf, seien Sie still.» (Cristina Nord)


LMC-PERSEPOLIS-PHOTO 2.jpgPersepolis
Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud
(20.10 - 23:30 - Künstlerhaus | 28.10 - 18:00 - Gartenbau)

Persepolis war die Hauptstadt des antiken Perserreichs, von der heute nur noch Ruinen zu besichtigen sind. «Persepolis» lautet auch der Titel des autobiografischen Comics von Marjane Satrapi, in dem sie ihre Lebensgeschichte zu Papier gebracht hat. Mit Vincent Paronnaud hat sie diese nun auch in einen Animationsfilm verwandelt.
Marjane ist acht Jahre alt, als 1979 die islamische Revolution die iranische Gesellschaft durchrüttelt. Während der iranisch-irakische Krieg tobt, schwärmt die junge Teheranerin für die westliche Populärkultur. Über die zunehmenden Repressionen besorgt, schicken die Eltern ihre 14-jährige Tochter ins ferne Wien. Die junge Iranerin startet in einem Internat ins Teenagerleben, schlittert in amouröse Katastrophen und endet in schweren Depressionen. Geplagt von Heimweh kehrt Marjane nach Teheran zurück und versucht vergeblich sich dort zu integrieren. Im Alter von 33 Jahren emigriert sie schließlich nach Frankreich, wo sie das wechselvolle Leben zwischen zwei Kulturen mit Selbstironie und Situationskomik im Comic-Format festhält.
Trotz düsterer Episoden verliert Persepolis nie seine ironische Distanz: So räsoniert Marjane im Wiener Spital, in das sie wegen einer Bronchitis eingeliefert worden ist, dass sie zwar eine Revolution und einen Krieg überlebt habe, nun aber beinahe von Liebeskummer dahingerafft worden sei. (Thomas Hunziker)


14100.jpgDer Trauerwald
Regie: Kawase Naomi
(20.10 - 11:00 - Metro | 21.10 - 16:00 - Künstlerhaus)

Der alte Shigeki verbringt den Rest seiner Tage in einem kleinen Heim im Grünen, in dem die junge Machiko arbeitet. Diese fühlt sich zu dem alten Mann hingezogen, denn beide sind von Trauer erfüllt: Shigeki hat vor mehr als dreißig Jahren seine geliebte Frau verloren, Machiko trauert um ihr Kind, das bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Nachdem die beiden ausgelassen Shingekis Geburtstag feiern, nimmt Machiko ihn in ihrem Auto mit zu einem Ausflug in den Wald.

Kawase Naomi hat mit The Mourning Forest einmal mehr einen Film inszeniert, der sich durch seine Verbundenheit mit der Natur auszeichnet. Schon in den ersten Bildern sind wogende grüne Felder zu bewundern und labyrinthisch anmutende Hecken, in denen selbst ein greiser Rentner wie Shigeki wieder zum Kind wird und begeistert mit Machiko Verstecken und Fangen spielt. Unbeschwert tollen sie herum, wo sie den anderen doch eigentlich vor allem in ihrer gegenseitigen Trauer verstehen. Indem Kawase sie im Grün des tiefen Wald verlaufen lässt, kreiert sie ein Umfeld, das Raum bietet für eine existenzielle Begegnung zwischen den beiden ungleichen Menschen, den beiden Generationen. Denn die Tiefe des «Trauerwaldes» beunruhigt Shigeki und Machiko nicht, sondern erzeugt gegenteilige Gefühle: Durch das Ausgeliefertsein an die Natur finden die beiden zu sich selbst und vertiefen auch das Gefühl für den anderen. (Nana A.T. Rebhan)


14123.jpgLady Chatterley
Regie: Kawase Naomi
(20.10 - 11:00 - Metro | 21.10 - 16:00 - Künstlerhaus)

Der alte Shigeki verbringt den Rest seiner Tage in einem kleinen Heim im Grünen, in dem die junge Machiko arbeitet. Diese fühlt sich zu dem alten Mann hingezogen, denn beide sind von Trauer erfüllt: Shigeki hat vor mehr als dreißig Jahren seine geliebte Frau verloren, Machiko trauert um ihr Kind, das bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Nachdem die beiden ausgelassen Shingekis Geburtstag feiern, nimmt Machiko ihn in ihrem Auto mit zu einem Ausflug in den Wald.

Kawase Naomi hat mit The Mourning Forest einmal mehr einen Film inszeniert, der sich durch seine Verbundenheit mit der Natur auszeichnet. Schon in den ersten Bildern sind wogende grüne Felder zu bewundern und labyrinthisch anmutende Hecken, in denen selbst ein greiser Rentner wie Shigeki wieder zum Kind wird und begeistert mit Machiko Verstecken und Fangen spielt. Unbeschwert tollen sie herum, wo sie den anderen doch eigentlich vor allem in ihrer gegenseitigen Trauer verstehen. Indem Kawase sie im Grün des tiefen Wald verlaufen lässt, kreiert sie ein Umfeld, das Raum bietet für eine existenzielle Begegnung zwischen den beiden ungleichen Menschen, den beiden Generationen. Denn die Tiefe des «Trauerwaldes» beunruhigt Shigeki und Machiko nicht, sondern erzeugt gegenteilige Gefühle: Durch das Ausgeliefertsein an die Natur finden die beiden zu sich selbst und vertiefen auch das Gefühl für den anderen. (Nana A.T. Rebhan)


14094.jpgMichael Clayton
Regie: Tony Gilroy
(21.10 - 18:00 - Gartenbau | 31.10 - 23:30 - Künstlerhaus)

Tony Gilroy erzählt in Michael Clayton von den Winkelzügen und Fallstricken des US- amerikanischen Rechtssystems, dessen Realitäten mit Gerechtigkeit manchmal wenig zu tun haben. George Clooney spielt den Titelhelden, der für eine New Yorker Anwaltskanzlei als Ausputzer in kniffligen Fällen einspringt, untreuen Ehemännern und fahrerflüchtigen Millionären dabei hilft, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken. Als einer seiner Chefs eine Art Nervenzusammenbruch erleidet, stößt Clayton eher zufällig auf die Machenschaften, die seine Kanzlei im Auftrag eines großen Nahrungsmittelkonzerns betreibt. Die Firma hat ihren Kunden giftige Ware angedreht und drückt sich mit allen Mitteln davor, die Zeche zu zahlen.
Es ist großartig, Clooney dabei zuzusehen, wie er hier mal nicht den coolen Max, sondern einen zerknitterten, spielsüchtigen, sympathisch verlorenen Außenseiter spielt, der durch blankgewienerte Büroräume tigert wie einst Inspektor Columbo. Seine Gegenspielerin ist Tilda Swinton als Chefin des betrügerischen Konzerns, und die Kunst des Regisseurs Gilroy besteht vor allem darin, diese nicht als grundböse Schurkin darzustellen. Er zeigt sie als zitterndes Nervenbündel, die zu Hause vor dem Badezimmerspiegel jeden ihrer Auftritte in Firmenkonferenzen und Anwalts-Meetings trainiert, und er lässt keinen Zweifel: Korrupt und zum Morden gedrillt ist nicht allein diese Frau, sondern vor allem das System, in dem sie funktioniert.

Michael Clayton ist ein Erbe des legendären Three Days of the Condor, nicht nur weil dessen Regisseur Sydney Pollack hier einen seiner Ausflüge ins Schauspielfach macht, in der Rolle des jovialen Strippenziehers der Kanzlei. Clayton irrt durch New York wie einst Robert Redford und versucht herauszufinden, was ihm geschieht, wer hier über welche Leichen zu gehen bereit ist. Die Qual und der Schmerz, die Verzweiflung, die er dabei so mitreißend zeigt, die rühren von dem Wissen, dass es dasselbe Spiel ist, an dem er sowieso immer teilgenommen hat, nur nicht an so exponierter Stelle. Nun kann er nicht mehr. (Susan Vahabzadeh)


suspiria.jpgSuspiria
Regie: Dario Argento
(21.10 - 01:00 - Gartenbau)

Susy Banyon, eine junge Amerikanerin aus New York, reist nach Freiburg, um sich in Deutschland an einer weltbekannten Ballettschule ausbilden zu lassen. Kurz nach ihrer Ankunft kommt es zu mysteriösen Morden an mehreren ihrer Mitschülerinnen. Immer weiter wird Susy in den Bann der Schule gezogen, die von allerlei skurrilen und angsteinflößenden Gestalten bevölkert wird: Da ist der blinde Pianist, der bald von seinem Hund tot gebissen wird, die autoritäre Ballettlehrerin Tanner und der stumme rumänische Hausdiener. Als schließlich ein Mädchen verschwindet, mit dem sich Suzy angefreundet hat, macht sie sich selbst auf die Suche. Sie entdeckt das schreckliche Geheimnis. Die Besitzerin der Tanzschule, Elena Marcos, entpuppt sich als die «Schwarze Königin», eine Jahrhunderte alte Hexe, die Menschenopfer in Gestalt ihrer Schülerinnen fordert.

Ein Strudel an Eindrücken, eine regelrechte Reizüberflutung - so lässt sich Suspiria wohl am einfachsten beschreiben. Die Filme Dario Argentos sind keine Massenware, kein Produkt zum einfachen Verzehr. Im Gegenteil, sie sind hochanspruchsvolle Werke, die anziehen und fordern: Selten wurden Räume, Orte und Gegenstände auf so innovative und einzigartige Weise beschrieben. Wunderschön, fast poetisch wirkt es, wenn die Kamera durch die Ballettschule und ihre zahlreichen Gänge gleitet. Großaufnahmen und Zooms gegen jede Regel der Filmsprache sollten zu Argentos Markenzeichen avancieren. In kompliziert ausgearbeiteten Fahrten bewegt sich Luciano Tovolis Kamera durch das Gebäude - und macht Suspiria zu einem unkonventionellen, artistischen Meisterwerk. (Benjamin Johann)


14107.jpgTuyas Hochzeit
Regie: Wang Quan An
(28.10 - 18:30 - Metro | 29.10 - 18:00 - Gartenbau)

Die junge Tuya lebt mitten in der Steppe im Nordwesten der Inneren Mongolei. Hier versorgt sie ihren invaliden Mann Bater und zwei Kinder. Neben der Jurte steht ein schlichtes Steinhaus, in dem sie schuftet, wenn sie gerade nicht mit dem Kamel Wasser holen geht oder die Schafe aufs Weideland treibt. Zu viel Arbeit für die junge Frau. Und so beschließt das Paar, sich scheiden zu lassen und einen neuen Mann für Tuya zu suchen - einen, der bereit ist, auch den Exgatten mit zu versorgen.
Bei Filmen aus der Mongolei freut man sich gewöhnlich auf den Anblick endloser Weideflächen und majestätischer Berge, auf antennenbewehrte Jurten, Männer in Fellstiefeln, buntgekleidete Frauen mit bunten Kopftüchern und Herden dicht gedrängter Schafe. All das bekommt der Zuschauer auch in Tuya's Marriage zu sehen, ebenso wie sich selbst spielende Laiendarsteller und jenen warmherzigen Humor, wie man ihn etwa aus Mongolian Pingpong kennt. Doch Wang Quan An hält auch fest, wie die Lebenskultur der mongolischen Hirten im 21. Jahrhundert im Verschwinden begriffen ist. Da er auch von der Verstädterung der Mongolei erzählt, also gewissermaßen von der Versteppung der Steppe, geraten neben Pferden und einem Kamel im Schneegestöber auch noch Mopeds, klapprige Lastwagen und ein veritabler Mercedes mitten in der Wüste ins Bild. Tuyas bockige Energie, ihre Wut, als ihr (Ex-)Mann sich das Leben zu nehmen versucht, ihr Dilemma, als in der Jurte zu guter Letzt eine Hochzeit gefeiert wird - das sprengt den Rahmen der Folklore. Ein paar Widerhaken gegen die Publikumserwartung hat Wang Quan An eben doch noch eingebaut. (Christiane Peitz)


14086.jpgThe Walker
Regie: Paul Schrader
(21.10 - 20:30 - Gartenbau | 22.10 - 11:00 - Künstlerhaus)

Carter Page, ein smarter Gigolo-Typ, begleitet die einsamen, aber gut betuchten Damen der Washingtoner Upper Class, wann immer sie danach verlangen: zur Oper, zum Dinner oder zum Kartenspielen. Als seine beste Freundin Lynn Lockner, eine attraktive Senatorengattin, ihn um Hilfe bittet, weil ihr Liebhaber brutal ermordet wurde, gerät Carter, wie auch schon sein Alter Ego Julian Kay aus American Gigolo, in ein Netz aus Intrigen - und er selbst unter Mordverdacht. Nun ist es an ihm, zu beweisen, wie gut er wirklich sein kann.

Paul Schrader war schon immer weniger an Thesen als an Stil interessiert. In The Walker führt er nun fort, was er in American Gigolo und Light Sleeper begann, die nun zusammen mit Taxi Driver, zu dem Schrader das Drehbuch schrieb, eine sehr lose gefügte Tetralogie über Schuld und Sühne bilden: Woody Harrelson ist als schwuler Südstaaten-Beau, der reichen Damen Gesellschaft leistet, eine abenteuerliche Besetzung, aber wie er sich im Netz von Kristin Scott Thomas, Lauren Bacall und Lily Tomlin verstrickt, ist eine rührende Hommage an den American Gigolo, dessen Themen alle wiederkehren. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass der Walker nicht durch eine Frau erlöst wird, sondern selbst erwachsen werden muss. Lange genug hat er gebraucht. (Michael Althen)


Weitere Tipps:
  • Yella (31.10 - 23:00 - Gartenbau)

  • Actors (20.10 - 16:00 - Urania | 22.10 - 13:00 - Gartenbau)

  • Captain Ahab (29.10 - 21:00 - Künstlerhaus | 30.10 - 15:30 - Gartenbau)

  • Hamilton (21.10 - 18:00 - Stadtkino | 22.10 - 23:30 - Künstlerhaus)

  • Hotel Very Welcome (26.10 - 23:30 - Künstlerhaus | 27.10 - 18:00 - Gartenbau)

  • Joshua (29.10 - 18:30 - Urania | 30.10 - 20:30 - Gartenbau)

  • Am Ende kommen Touristen (20.10 - 21:00 - Urania | 22.10 - 18:00 - Gartenbau)

  • Fay Grim (20.10 - 16:00 - Metro | 21.10 - 23:00 - Gartenbau)

  • Free Rainer (28.10 - 20:00 - Gartenbau | 29.10 - 11:00 - Urania)

  • Woman on the Beach (23.10 - 13:30 - Urania | 24.10 - 13:30 - Metro)

  • Das zweigeteilte Mädchen (25.10 - 13:00 - Gartenbau | 26.10 - 18:30 - Urania)

  • The Bet Collector (26.10 - 16:00 - Künstlerhaus | 30.10 - 21:00 - Metro)

  • The Matsugane Potshot Affair (29.10 - 11:00 - Metro | 30.10 - 23:30 - Küsntlerhaus)

  • Lost in Bejing (29.10 - 13:30 - Metro | 31.10 - 21:00 - Künstlerhaus)

  • Der Wert des Menschen (24.10 - 15:30 - Gartenbau | 25.10 - 13:00 - Künstlerhaus)

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