OdetteToulemonde_poster_02.jpgIn Zusammenarbeit mit Senator, präsentieren wir Euch Interviews mit Regisseur Eric-Emmanuel Schmitt und den beiden Hauptdarstellern Catherine Frott und Albert Dupontel, aus dem kommenden Film Odette Toulemonde. Der Film handelt von der Witwe Odette, deren Leben sich durch die Romane des Schriftstellers Balthazar Balsan gebessert hat. Dieser steckt momenan selbst in einer Lebenskrise und wird schließlich durch einen Brief von Odette wieder inspiriert. Deshalb stattet er seinem Fan einen Besuch ab. Odette Toulemonde startet am 01.11.2007 in unseren Kinos. (Zum Film)

schmitt.jpgINTERVIEW MIT ERIC-EMMANUEL SCHMITT


Obwohl Sie es stets ablehnten, Ihre eigenen Bühnenstücke zu inszenieren, haben Sie das Abenteuer Kino mit „Odette Toulemonde“ gewagt. Erfüllen Sie sich damit einen langgehegten Wunsch?


Als ich zehn war und man mich fragte, was ich später werden will, antwortete ich: „Walt Disney!“ Diese Antwort erklärt sich damit, dass ich damals nur Zeichentrickfilme sah, aber gemeint war natürlich Filmemacher. Leider habe ich dieser Leidenschaft nicht früher nachgegeben, warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich insgeheim der Meinung war, dass meine Fähigkeiten nicht ausreichen.


Welche Filme und Regisseure spielten in Ihrem Leben eine wichtige Rolle?


Ich war 15, als mir bewusst wurde, dass das Kino eine Kunstform ist, denn ich hatte gerade „Orpheus“ von Jean Cocteau gesehen. Dieser Film hat mich dermaßen fasziniert, dass ich ihn mir immer wieder ansah. Ich mochte die metaphysische und poetische Geschichte, aber ich bewunderte auch die Spezialeffekte. An diesem Tag erwachte meine Leidenschaft fürs Kino, für Filmautoren wie Cocteau und die großen Komödien-Regisseure. Ich mochte Ophüls, Lubitsch... „Sein oder Nichtsein“ ist ein Film, den ich auswendig kenne. Unter den zeitgenössischen Regisseuren bewundere ich Jaco Van Dormael sehr. „Toto der Held“ und „Am achten Tag“ sind echte Meisterwerke. Ich denke, meine Bewunderung für so viele Regisseure hat mich davon abgehalten, selbst Filme zu drehen. Ich war überzeugt, dass ich keiner bin.


Was hat sie schließlich doch veranlasst, sich ans Filmemachen zu wagen?


Das habe ich meinem Kollegen Yann Moix zu verdanken. Er stand kurz vor Beginn der Dreharbeiten zu „Podium“, und ganz ehrlich, ich war weder eifersüchtig noch neidisch, sondern freute mich einfach für ihn, dass er seinen Film macht. Eines Tages fragte er mich: „Warum drehst du eigentlich keine Filme?“ Und ich sagte: „Weil ich das nicht kann.“ Darauf antwortete er mir mit dem Satz: „Also, wenn es einen Menschen gibt, der sich in der Welt des Eric-Emmanuel Schmitt auskennt, dann ist es Eric-Emmanuel Schmitt.“ Es klingt lächerlich, aber diese Worte haben etwas in mir ausgelöst. Ich sagte mir: Es stimmt, wenn sich jemand in meiner Welt auskennt, dann ich. Offen gestanden war ich manchmal nicht so recht zufrieden mit den Inszenierungen meiner Bühnenstücke oder den Verfilmungen meiner Bücher, weil sie in meinen Augen nicht ganz stimmig wirkten. Kein Wunder, dass ich während der Dreharbeiten war ich besessen davon, dass alles stimmig wird: stimmige Kamerafahrten, stimmige Betonungen, stimmiges Schweigen...


Hatten Sie die Geschichte von „Odette Toulemonde“ bereits im Kopf, bevor Sie überhaupt nur einen Gedanken ans Regieführen verschwendeten?


Ehrlich gesagt sind die Grundzüge dieser Geschichte autobiographisch. Während einer Lesetour durch Deutschland, es war irgendwo an der Ostsee, hatte ich eine Signierstunde und später eine Lesung in einem ausverkauften Theater, und trotzdem war ich deprimiert. Es war mein Geburtstag, keine wusste davon, und ich war weit weg von zu Hause. Eine Leserin überreichte mir einen Brief. Sie trug ihr bestes Sonntagskostüm und wirkte für diesen Anlass viel zu aufgerüscht. Durch den Umschlag hindurch konnte ich fühlen, dass sich ein Schaumstoffherz darin befand, was sich später bestätigte. Obwohl ich mich natürlich bedankte, war ich auch verstimmt – weil ihr Geschenk so kitschig war, und weil diese Frau einen so gänzlich anderen Geschmack hatte als ich. Ich konnte nicht nachvollziehen, dass ausgerechnet sie meine Bücher mochte. Offen gestanden habe ich mich fast geschämt, eine solche Bewunderin zu haben.

In einem ähnlichen Dilemma steckt Balthazar Balsan, der von sich sagt, dass er für Kassiererinnen und Friseusen schreibt.


Genau! Diese Leserin konnte ihre Zuneigung nur mit kitschigen Mitteln ausdrücken, und prompt sah ich bloß den Kitsch, ohne die Großzügigkeit und Menschlichkeit zu erkennen, die sich dahinter verbargen. Damals habe ich wie ein typisch engstirniger Franzose reagiert, nämlich mit einer gewissen Verachtung für den Geschmack der anderen. Eine Stunde später saß ich allein in meinem Hotelzimmer, traurig und melancholisch, und öffnete den Brief. Es war ein sehr schöner Brief, und dieses Schaumstoffherz, das ich zunächst so lächerlich gefunden hatte, habe ich dann an meine Brust gedrückt, fast die ganze Nacht.


Haben Sie diese Leserin auch besucht?


Nein, die Geschichte endet hier. Aber an jenem Tag ist mir klar geworden, dass nur die Ehrlichkeit der Gefühle zählt. Als ich wieder zu Hause war, fiel mir auf, dass es sich um einen interessanten Anfang für eine Geschichte handelte. Statt diese Geschichte selbst zu erleben, habe ich sie also erfunden und aufgeschrieben.


Wie kamen Sie auf den Namen Odette Toulemonde?


Das war eine spontane Eingebung. Als ich Gaspard de Chavagnac, dem Produzenten, und Bruno Metzger, meinem künstlerischen Leiter, erzählte, dass die Heldin Odette Toulemonde heißen könnte, haben sie dermaßen gelacht, dass ich mir schwor, bei dem Namen zu bleiben. Toulemonde (auf deutsch etwa: Jedermann) ist ein geläufiger Name in Nordfrankreich und Belgien.


Wie würden Sie Odette beschreiben?


Sie ist eine Frau, die bildlich gesprochen eine Jazzband in sich trägt, denn sie ist ein fröhlicher Mensch. Diese Fröhlichkeit hilft ihr, das Leben zu meistern und Schmerzhaftes zu vergessen – oder zu glauben, dass sie es vergessen kann. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie ihren Körper ausgeblendet. Man könnte sagen, dass Odette dem Autor Balthazar seine Seele zurückgibt und er ihr im Gegenzug ihren Körper. Von diesem Tausch handelt der Film. Deshalb wird aus den beiden am Ende ein Paar. Sie verschmelzen sowohl in der Liebe als auch in der Welt ihrer Gedanken.


Ihre Kinder betrachtet sie mit nüchternen Augen...


Ja, sie findet es schlimm, eine chronisch schlecht gelaunte Tochter zu haben, aber nicht, dass ihr Sohn homosexuell ist. Odette weiß, was zählt: So lange ihr Sohn glücklich ist, ist sie es auch; aber weil sie spürt, dass ihre Tochter unglücklich ist, sorgt sie sich um sie und versucht, sanft in ihr Leben einzugreifen.


Odettes Alltag ist nicht gerade berauschend.


Trotzdem sieht sie im täglichen Einerlei nur das Schöne, lässt sich immer wieder überraschen und verzaubern. Sie begegnet ihren Mitmenschen voller Aufmerksamkeit, was man gleich in der ersten Szene mit der misshandelten Kundin sieht, die später noch einmal auftaucht. Dabei ist ihr Leben kein Zuckerschlecken, viel Geld verdient sie schließlich nicht. Sie hat sogar zwei Berufe: Tagsüber arbeitet sie als Verkäuferin in der Kosmetik-Abteilung eines Kaufhauses, abends näht sie Federn auf die Kostüme von Revuetänzerinnen.


Warum ausgerechnet Federn?


Weil der Film von der Begegnung zwischen einem Mann der Feder und einer federleichten Frau handelt! Im Ernst, dieser Beruf fasziniert mich sehr, wie viele andere Handwerksberufe übrigens auch. Er ist äußerst selten, in Paris gibt es nur noch zwei Frauen, die ihn ausüben. Die Tatsache, dass Odette Federn annäht und prunkvolle Kostüme herstellt, ermöglicht ihr kleine Fluchten. Tief in ihrem Innern klingt diese Lebensfreude nach, die von Joséphine Baker verkörpert wird, deren Lieder sie kennt und die ein wenig wie ihre innere Stimme ist.


Und doch ist es ein Schriftsteller, der sie glücklich macht: Balthazar Balsan.


Ich glaube, dass sie das Geheimnis des Glücks in sich selbst trägt, aber Odette ist überzeugt, dass sie es diesem Mann verdankt, dessen Romane ihr einfach gut tun. Während sie um ihren Gatten trauerte, waren es vermutlich seine Bücher, die ihr halfen, den Kontakt zur Außenwelt aufrecht zu erhalten. Odette ist überzeugt, dass sie in Balthazars Schuld steht und es ihre Pflicht ist, ihm das zu sagen. Schlussendlich löst sie ihre Schuld auf eine Weise ein, die alles übertrifft, was sie sich ausgemalt hatte.


Kennen Sie derartige Beziehungen zu Lesern aus eigener Erfahrung?


Ja, solche Dankesbezeigungen habe ich schon oft erlebt, und sie rühren mich zutiefst. Anderen etwas Gutes tun – davon wagt man beim Schreiben nicht mal zu träumen. Doch manche Leser bestätigen es einem mit großartigen Briefen, die zu Herzen gehen, wieder andere zeigen es auf amüsante Weise. Wie neulich diese Dame in Brüssel, die eine Buchhandlung betrat, in der ich gerade Bücher signierte, und sagte: „Wenn ich mal wieder meinen Moralischen habe, gönne ich mir einen Schmitt. Übrigens schmitte ich auch meine Freundinnen regelmäßig auf.“ Bei Büchern wie „Oscar und die Dame in Rosa“ loben mich die Leute nicht, für die bedanken sie sich. Das ist die schönste Belohnung für einen Schriftsteller. Weil es bedeutet, dass man in einen Bereich vorgedrungen ist, wo man vielleicht zu etwas nütze ist, dass man jene Grenze überschritten hat, wo sich alles nur um narzisstische Befriedigung dreht.


Beschreiben Sie den Schriftsteller Balthazar Balsan.


Also, sein Narzissmus ist definitiv sehr ausgeprägt!


Er ist ein Erfolgsautor, der seine Beliebtheit nicht zu schätzen weiß.


Man unterstellt ja immer, Bestseller-Autoren hätten es auf den Erfolg abgesehen. Dabei sind sie nur für ihre Bücher verantwortlich, nicht für den Erfolg. Die Leser sind es, die den Erfolg machen. Wenn man einen Autor bezichtigt, beim Schreiben auf den Erfolg zu schielen, wird es kritisch. Auf dem Höhepunkt seines Lebens verlässt Balthazar Balsan das Selbstvertrauen, und das, obwohl er so beliebt ist. Er verliert die Orientierung. Obwohl seine Bücher keine Klischees enthalten, finden sich in seinem Leben um so mehr davon. Glücks-Klischees, die er sich quasi ausgeliehen hat, ohne sie zu hinterfragen.


Was meinen Sie mit Glücks-Klischees?


Reichtum, Erfolg, ein großes Appartement in Paris, ein schickes Auto, eine schöne Vorzeige-Frau, die man überallhin mitnehmen kann. Er hat die äußeren Anzeichen des Erfolgs gesammelt, aber in Wahrheit ist er gescheitert: Nichts von alledem entspricht seiner wahren Identität. Wenn man im Film erfährt, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt und sogar ein Waisenkind ist, begreift man, dass er sich eine Identität geschaffen hat, die auf gesellschaftlichen Aufstieg ausgerichtet ist. Dazu hat er sich der üblichen Modelle von Glück und Erfolg bedient, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. In Wahrheit ist es Odette, die ihm helfen wird, sein wahres Zentrum zu finden und nach dem zu suchen, was ihn wirklich glücklich macht. Das Paradoxe daran ist, dass die Frau, die ihn glücklich machen wird, nicht gerade die schönste und erotischste aller Frauen ist. Gewiss, Odette ist hübsch, anmutig und bewegt sich göttlich, aber im Grunde genommen gibt es schönere, jüngere Frauen, die einen Mann mehr schmücken würden. Trotzdem hat sie zum Schluss den Fisch an der Angel. Aber Balthasar muss erst durch die Hölle gehen, um das zu begreifen. Mein Film erzählt die Geschichte einer Frau, die einen Ertrinkenden gerade noch rechtzeitig wieder an Land zieht.


In einer Szene sagt Balthazar: „Ich verbringe mehr Zeit beim Signieren als beim Schreiben meiner Bücher.“ Enthält dieser Satz eine Botschaft?


Ein Geständnis! Ich habe Lesereisen durch viele Länder gemacht, und bei den Signierstunden warteten die Leute manchmal anderthalb Stunden in der Schlange, um ein Autogramm zu bekommen. Irgendwann stehen sie dann völlig erschöpft vor einem und haben nicht mal 15 Sekunden Zeit. Das ist für beide Seiten frustrierend.


Gibt es viele Schnittpunkte zwischen Balthazar Balsan und Eric-Emmanuel Schmitt?


Ich fühle mich Odette genau so nah wie Balthazar. Das Glück, das ich beim Drehen dieses Films empfunden habe, resultiert vermutlich daraus, dass ich meiner Lebensfreude Ausdruck geben konnte. Hin und wieder ist es mir gelungen, sie in philosophischer und metaphysischer Form auszudrücken, aber bis dato niemals mit Bild, Ton und Bewegung. Der Begegnung mit Catherine Frot, die meiner Figur Leben einhauchte, und den Möglichkeiten des Kinos verdanke ich es, dass ich viel mehr ich selbst sein konnte. Dieser Film hat deutlich mehr mit mir zu tun als viele Dinge, die ich zuvor gemacht habe, weil ich meine Lebensfreude bislang nicht auf diese Weise ausdrücken konnte. Einerseits bin ich so naiv und arglos wie Odette, andererseits so depressiv und ehrgeizig wie Balthazar.


Die Begegnung zwischen Odette und Balthazar spielt sich in mehreren Etappen ab.


Erst einmal fand ich es amüsant zu zeigen, dass die beiden einander begegnen, ohne sich wirklich zu begegnen. Sie sehen sich etliche Male, bevor er sie überhaupt richtig wahrnimmt. Denn sie gehört nicht zu den Frauen, die er normalerweise beachtet und zu denen er sich sexuell hingezogen fühlt. Diesen Impuls löst Odette nicht in ihm aus. Er braucht lange, um zu bemerken, dass sie hübsch ist und dass er sie küssen möchte. Sie liebt ihn zwar bedingungslos, aber ohne sexuelle Hintergedanken. Sie ist vor Bewunderung wie versteinert, ist fasziniert von ihm, und sie kennt ihn von Grund auf. Für ihn gilt das nicht. Dieses Missverhältnis ist mir häufig aufgefallen, wenn ich meine Leser treffe. Sie kennen mich in- und auswendig, weil sie meine Bücher gelesen haben, während sie mir völlig fremd sind. Dieses Ungleichgewicht sorgt dafür, dass es ihnen leichter fällt, mit mir zu reden, als mir mit ihnen.


Wie kamen Sie auf Catherine Frot und Albert Dupontel?


Als ich das Drehbuch beendet hatte, stellte sich mir die Frage: Wer soll meine Helden spielen? Sofort hatte ich Dupontel vor Augen. Er war mir erstmals in dem Film „Das Leben: Eine Lüge“ aufgefallen. Ich schätze ihn sehr, denn er ist unverwechselbar, kann alles spielen und strahlt Maßlosigkeit und Erfindungsgabe aus. Dupontel ist ein Schauspieler, der mich fasziniert. Ich wollte ihn einen traurigen Clown spielen lassen, weil er das noch nicht getan hatte und ich ahnte, dass er dazu fähig sein würde. Albert ist für mich eine echte Kino-Kreatur, von welcher Seite man ihn auch filmt – von hinten, von vorn, von der Seite, von oben oder von unten –, immer wirkt er ausdrucksstark, er spielt mit seinem ganzen Körper, so wie es die großen Hollywood-Stars tun. Unser erstes Treffen verlief recht amüsant. Denn er war überzeugt, dass ich ihn kaum kannte, und ich dachte das gleiche von ihm. Es stellte sich dann heraus, dass ich die meisten seiner Filme gesehen und er die meisten meiner Bücher gelesen hatte. Man könnte sagen, dass wir uns klammheimlich nach dem anderen gesehnt haben. Es war mutig von ihm, sich in meine Hände zu begeben und in Gefilde wie Zerbrechlichkeit, fassungslose Verliebtheit und Naivität hinabzusteigen, was Männern ja grundsätzlich schwer fällt. Doch unsere Zusammenarbeit verlief sehr harmonisch.


Und Catherine Frot?


Auf sie bin ich gekommen, weil sie die Lösung einer Gleichung war: Ich träumte davon, dass Odette attraktiv und witzig zugleich ist. Allerdings sollte man nicht über sie lachen, sondern mit ihr, deshalb kam eine lupenreine Komikerin nicht in Frage, die hätte das Spiel womöglich ins Lächerliche gezogen. Und was Attraktivität angeht, so sind die wenigsten attraktiven Schauspielerinnen witzig. All diese Überlegungen haben mich zwangsläufig zu Catherine geführt. Glücklicherweise gab sie mir keinen Korb, denn sie hat mich rundum begeistert. Bei den Dreharbeiten waren wir beide verblüfft, wie nahtlos sie mit Odette verschmolz. Mit ihrer lebhaften, fröhlichen, anrührenden, anmutigen und irgendwie tollkühnen Art hat Catherine uns alle verzaubert. Außerdem bedankte sie sich einmal wöchentlich bei mir, weil ich ihr diese Rolle anvertraut hatte. Glauben Sie mir, so etwas macht gute Laune.


Was für ein Gefühl hatten Sie, wenn Sie Catherine Frot Ihre Odette spielen sahen?


Sie war großartiger, als ich es mir vorgestellt hatte. Catherine – das ist eine Mischung aus Poesie und Ironie. Es gibt nur wenige Schauspielerinnen, die es wagen, so verträumt zu gucken und dabei diese Naivität und Energie an den Tag zu legen. Sie erinnert mich an einen weiblichen Jacques Villeret. Man liebt die beiden, weil sie immer haarscharf an der Lächerlichkeit vorbeischrammen, aber nie lächerlich wirken. Ich bedaure sehr, dass ich erst jetzt mit der Filmerei angefangen habe – zu spät, um noch mit Jacques Villeret arbeiten zu können.


Was ist das Schöne daran, Schauspieler anzuleiten?


Man leitet Schauspieler nicht an. Man begründet sein Vorhaben, bevor es mit dem Spielen losgeht, man motiviert, indem man erklärt, dass der Text nicht umsonst so verfasst wurde, und dann beobachtet man seine Darsteller voller Zärtlichkeit und hofft das Beste. Beispielsweise hatte ich jeden kleinen Seufzer in der Ohrfeigenszene aufgeschrieben. Am Set wurde nichts improvisiert, alles war messerscharf geregelt. Anleiten, das heißt vor allem: Zuversicht geben. Wenn man Schauspieler mit einem kritischen und dennoch wohlwollenden Auge betrachtet, sind sie bereit, für einen durchs Feuer zu gehen.

Wenn Odette glücklich ist, beginnt sie zu schweben – das ergibt ein paar traumhafte Sequenzen. War das eine optische Idee, die Sie von Anfang an hatten?


Genau genommen war es eine Idee des Schriftstellers. Sämtliche Metaphern und Bilder, die ich aufgeschrieben hatte, wurden hinterher zu Kinobildern. Wenn Odette glücklich ist, schwebt sie davon. Wenn sie ein Bad nimmt und sich vorstellt, im Dschungel zu sein, erscheint dieser Urwald. Ich habe eine Menge solcher Phantasien gedreht, aber beim Schnitt musste ich mich auf einige wenige beschränken, sonst hätte die Glaubwürdigkeit der Geschichte gelitten.


Machte Ihnen der technische Aspekt des Filmemachens Angst?


Nein, denn ich war von einer sehr konzentrierten, geduldigen Mannschaft umgeben. Weil ich Debütant war, hatte mein Produzent gemeinsam mit Pathé ein fabelhaftes Casting für mich zusammengestellt. So traf ich etliche Kameramänner, Ausstatter, Regieassistenten... Meine Wahl wurde letztlich nicht von ihrem Können beeinflusst – es handelte sich ausnahmslos um die Besten ihrer Zunft –, sondern von ihren menschlichen Qualitäten. Mir war klar, dass wir sechs Monate miteinander verbringen würden. Also entschied ich mich für diejenigen, die der Gedanke begeisterte, am ersten Film eines Schriftstellers mitzuwirken. Das Ergebnis war eine effiziente, tatkräftige und kreative Mannschaft.


Die Musik nimmt einen großen Stellenwert in Ihrem Film ein. Welche Vorgaben haben Sie Nicola Piovani gemacht, damit er Ihnen diese federleichte Musik komponiert, die so perfekt harmoniert?


Ich wusste, wenn ich jemals einen Film drehe, würde die Musik von Nicolas Piovani stammen.


Wieso?


Weil ich alle Filme gesehen habe, die er mit den Taviani-Brüdern, mit Nanni Moretti und Roberto Benigni gedreht hat. Er hat praktisch das gesamte italienische Kino musikalisch begleitet: Filme, die klug sind und zugleich volkstümlich und es wagen, einfache Figuren zu zeigen. Ich denke da an die Rollen, die Sophia Loren gespielt hat, großmütige, herzensgute Frauen. Nicola hat ebenfalls ein großes Herz. Er ist aufgeschlossen, volksnah und kultiviert.


Sie haben gesagt: „Ich bin ein Regisseur, der abends in seine vier Wände zurückkehren will.“ Musste der Film deshalb in Belgien gedreht werden?


Ja, ich bin ein ausgemachter Faulpelz! Im Ernst, die Verantwortung, die ich mit diesem Film übernahm, hat mich ein wenig geängstigt: für ein großes Teamverantwortlich zu sein, den künstlerischen Überblick zu behalten... Dass ich abends in meine Wohnung in Brüssel zurückkehren wollte, war keine Laune. Es gab mir schlicht und einfach die Kraft, das Projekt durchzuziehen. Ich hatte wirklich Sorge, ob ich das Ganze körperlich verkraften würde, und was meine Psyche angeht, so wollte ich mir das Vertrauen der Schauspieler und des Teams verdienen. Ich hatte während der Dreharbeiten das Gefühl, allen etwas schuldig zu sein.


Unter Ihren Schauspielern befinden sich einige Belgier...


Ja, die Kinder von Catherine Frot werden von Kino-Debütanten gespielt. Und in den kleinen Rollen agieren große Bühnendarsteller, die mir damit einen Freundschaftsdienst erwiesen haben. Nur ein Beispiel: In der Bus-Szene ist Jacqueline Bir zu sehen, die große alte Dame des belgischen Theaters, die in „Oscar und die Dame in Rosa“ gespielt hatte.


Die Originalausgabe von „Odette Toulemonde und andere Geschichten“ (Ammann Verlag) erschien im November 2006. Ist dieses Buch vor oder nach dem Drehbuch entstanden?


Normalerweise resultiert ein Film aus einem Buch, aber diesmal war es umgekehrt. Vor Drehbeginn hatte ich mit dem Schreiben eines dicken Wälzers begonnen. Dann musste ich einen Vertrag unterzeichnen, der mir gefährliche Sportarten und das Schreiben untersagte. Darüber habe ich mich so geärgert, dass ich beim Dreh und während des Endschnitts in jeder freien Minute Kurzgeschichten schrieb, die jetzt in diesem Band versammelt sind. Und als ich den Film beendet hatte, sagte ich mir, dass ich eigentlich auch das Drehbuch zu einer Geschichte umschreiben könnte. Sie unterscheidet sich geringfügig von der des Films, weil mir natürlich nicht die gleichen Ausdrucksmittel zur Verfügung standen.


Glauben Sie, dass sie dem einen oder anderen Zuschauer helfen wird – so wie Odette Balthazar auf die Sprünge hilft?


Das zu glauben, wäre anmaßend. Aber tief in meinem Innersten wünsche ich mir das natürlich. Dass sie Menschen animiert, die Lebensfreude, die wir alle in uns tragen und die aufgrund der äußeren Umstände häufig leider verkümmert, zu reaktivieren. Das Glück ist immer auch eine Frage des Blickwinkels – man achte nur darauf, mit welchen Augen Odette Balthazar sieht, und umgekehrt. Erst dadurch wird das Glück überhaupt wieder möglich.


odette.jpgINTERVIEW MIT CATHERINE FROT


Kannten Sie Eric-Emmanuel Schmitt vor diesem Film?


Nicht persönlich. Ich hatte einige Romane von ihm gelesen und das Stück „Der Besucher" in einer Inszenierung mit Maurice Garrel und Thierry Fortineau gesehen. Ich mochte es sehr – denn die Schauspieler standen im Vordergrund.

Wie gefiel Ihnen das Drehbuch?


Ich habe mich sofort in Odette verliebt, gerade auch in ihre Art, sich das Leben schön zu träumen. Die Musical-Einsprengsel fand ich sehr reizvoll, leider wurden sie später etwas eingeschränkt. Und dass ich mit Albert Dupontel spielen würde, fand ich natürlich ausgesprochen spannend.


Wie würden Sie Odette beschreiben?


Sie ist eine Allerweltsfrau, die absolut einzigartig ist. Sie hat einen uneigennützigen Charakter, ist großzügig, leidet für die anderen. Sie gehört zu diesen Menschen, auf die man gern mal herab sieht. Für mich hat Odette Ähnlichkeiten mit Yoyo in „Typisch Familie!" und Louise in „Zwei ungleiche Schwestern“. Außerdem erinnert sie mich an die Heldinnen in den Filmen von Marcel Pagnol, so arglos und treuherzig, wie sie ist.


Wie haben Sie sich in Odette verwandelt?


Indem ich mir sagte, dass es sich um eine Frau handelt, die zugleich nichts ist und alles. Als ich Odettes Tanzschritte einstudierte, hatte ich bereits den Eindruck, als könnte ich sehen, wie sie davonfliegt. Zuletzt mussten wir ihre äußere Erscheinung festlegen, sie sollte eigentümlich und irgendwie drollig wirken. Der Mantel, der kleine Schal, die Frisur halfen dabei...


Was war das Besondere daran, diese Frau zu verkörpern?


Der Kontrast zwischen ihren kitschigen Anwandlungen und ihrer Liebe zu Joséphine Baker. Sie sagt einmal: „In meinem Innersten bin ich eine schwarze Frau.“ Dadurch gewinnt ihre Figur an Format, wirkt vielschichtiger, durch und durch menschlich und vorurteilsfrei.


Was geschieht, als sie ihrem Lieblingsschriftsteller Baltahazar Balsan begegnet?


In diesen Szenen zeigt sich die komödiantische Seite des Films. Als Odette Balsan zum ersten Mal trifft, bekommt sie kein Wort heraus, ist hinterher auf sich selbst wütend, weil sie bloß herumgestottert hat. Sie hat einen leicht verwirrten Charakter, aber nach und nach gelingt es ihr, sich zusammenzureißen und an Stärke zu gewinnen.


Balthazar ist das Gegenteil von Odette. Und er kommt aus einer anderen Welt...


Ja, hier begegnen sich Optimist und Pessimist – Gegensätze ziehen sich manchmal eben doch an. Für mich sind diese Figuren wahre Helden.


Sie spielten zum ersten Mal mit Albert Dupontel. Was ist er für ein Schauspieler?


Ich fand ihn unterhaltsam und sehr interessant. Ich kenne alle seine Filme und bin auf das gespannt, was noch kommt. Er ist einzigartig. Er hat sich rückhaltlos in die depressive Stimmung seiner Figur hineingefühlt. Um so mehr musste ich seinem Aschgrau meine bunten Farben entgegensetzen.


Hat Eric-Emmanuel Schmitt Sie am Set in irgendeiner Weise überrascht?


Für mich ist dieser Film eigentlich kein Debütfilm. Die ersten drei Tage wirkte er vielleicht ein wenig unsicher, aber dann hat er sich schnell eingewöhnt und seine Visionen souverän umgesetzt. Er ist ein schneller Lerner.


Wie fühlt man sich beim Fliegen?


Es war abenteuerlich, denn wir drehten bei Minustemperaturen, und ich befand mich in 28 Meter Höhe auf einem Kran, von dort oben konnte ich ganz Charleroi überblicken. Wir haben keine Spezialeffekte benutzt. Ich war wirklich in der Luft, festgeschnallt in dieser Wahnsinnsvorrichtung... Und in Brüssel musste ich in eine Gondel steigen, die kaum größer war als ich.


Was dachten Sie, als Sie „Odette Toulemonde“ zum ersten Mal sahen?

Dass Eric-Emmanuel Schmitt genau den Film gedreht hat, den er drehen wollte. Er hat seinen Traum hundertprozentig verwirklicht. Ich bin sehr glücklich, dass ich in seinem Film mitspiele.


albert-dupontel,211426.jpgINTERVIEW MIT ALBERT DUPONTEL


Eric-Emmanuel Schmitt glaubte felsenfest, dass Sie ihn nicht kennen. Waren Sie schon vor Drehbeginn einer seiner treuen Leser?


Ich kannte ihn tatsächlich nur vom Hörensagen, aber nach der Lektüre des Drehbuchs habe ich mir sofort sein gesamtes Werk gekauft, was durchaus umfangreich ist. Innerhalb weniger Wochen hatte ich alles verschlungen.


Welche seiner Bücher und Stücke mögen Sie am liebsten?


„La part de l'autre“ und „Kleine Eheversprechen“.

Was hat Sie am Drehbuch zu „Odette Toulemonde“ ganz speziell berührt?


Die erzählerische, vor allem aber auch die visuelle Phantasie, die sich bereits auf dem Papier andeutete. Ich fand das sehr mutig für jemanden, der seinen ersten Film dreht; auf der anderen Seite offenbarte es seine unbändige Lust aufs Filmemachen, die ich gut nachvollziehen kann.


Sie haben bereits einen Obdachlosen gespielt, einen Konzertpianisten, den französischen Staatspräsidenten... und nun also einen Bestseller-Autor in der Krise. Was reizte Sie an dieser Aufgabe?


Zunächst war ich sehr gerührt, dass es „seriöse“ Menschen gibt, die keine Angst vor meiner Person haben. Darüber hinaus macht es mir Spaß, Charaktere zu spielen, die möglichst wenig mit mir gemeinsam haben, Rollen zu wählen, die man nicht von mir erwartet. Bis auf den Obdachlosen spiegeln meine Engagements dieses Bestreben deutlich wider. Für mich nach hat diese Figur viel mit Eric-Emmanuel Schmitt zu tun, und das gab mir ein sicheres Gefühl, denn schließlich wusste er, wovon er sprach.


Beschreiben Sie diesen Balthazar Balsan.


Im Grunde ist er ein ehrlicher Typ - siehe seine Bücher; doch formell gesehen ist er fehl am Platz – siehe sein soziales Umfeld.


Er ist ein Waisenkind ohne Angehörige... Ist das eine Erklärung dafür, dass er Bestsellerautor wurde und sich mit den vermeintlichen Anzeichen des Glücks umgibt?


Während seiner Kindheit hatte er reichlich Zeit, sich zu erträumen, was Glück bedeutet. Als Erwachsener hat er diese Vorstellung zu Papier gebracht und wurde erfolgreich, ohne je wirklich damit zu rechnen, so sehe ich es jedenfalls.


Haben Sie an eine bestimmte Person gedacht, als Sie ihn spielten?


Ich mache mich immer so frei und offen wie möglich, um die Vorstellungen des Regisseurs umsetzen zu können. Dabei denke ich an alle und niemanden. Meine Devise lautet: bloß nicht spielen. Leicht fällt einem das allerdings nicht immer...


Inwiefern verändert die Begegnung mit Odette Balthazars Leben? Könnte man sagen, dass sie ihm seine Seele zurückgibt?


Er trifft einen Menschen, der deshalb überlebt, weil er die entscheidenden Werte pflegt: Großzügigkeit, Anteilnahme, Nächstenliebe. Das hilft ihm dabei, wieder zu sich selbst zu finden. Denn in Wahrheit schreibt er genau für solche Menschen. Leider hatte er es mit der Zeit vergessen.


Sie standen zum ersten Mal mit Catherine Frot vor der Kamera. Was ist sie für eine Schauspielerin?


Eine ganz famose! Und eine der besten, denen ich je begegnet bin. Sie hört aufmerksam zu, spielt sehr präzise, ist diszipliniert, beherrscht ihr Handwerk hundertprozentig... und spornt zudem ihre Partner zu Höchstleistungen an. Jetzt habe ich nur eine Befürchtung: dass man mich im Film kaum wahrnimmt.

Was ist Ihnen an der Arbeitsweise von Eric-Emmanuel Schmitt besonders aufgefallen?


Er wusste genau, was er wollte – den technischen Gegebenheiten zum Trotz, die er übrigens sehr schnell begriffen hat. Er gestaltet mit dem, was man ihm anbietet. Das empfinde ich als eine demütige, intelligente Arbeitsweise.


Wie verliefen die Dreharbeiten in Belgien?


Was bin ich froh, dass ich dieses Land kennenlernen durfte! Denn jetzt weiß ich, wo ich meine Ferien bestimmt nicht verbringen werde. Im Ernst, die Menschen waren freundlich und begeisterungsfähig – angesichts der Wetterverhältnisse ist das wohl bitter nötig, um es dort auszuhalten...


Haben Sie persönlich so ergreifende Briefe erhalten wie die von Odette?


Ja, insbesondere nach meinem Film „Bernie“. Auch wenn man sie nicht miteinander vergleichen kann, waren sie sehr bewegend. Ich habe aber auch schon beleidigende Post erhalten, und die hat mich ebenfalls überwältigt.


Hat Ihnen ein Fan schon mal gestanden, dass Sie ihm Glück bereiten?


Nein, so weit ist es noch nicht gekommen. Aber wenn ich die Leute in meinen Filmen kichern höre, freut mich das sehr, und das ist ja auch nicht zu verachten.


Gibt es jemanden, den Sie so maßlos vergöttern wie Odette Balthazar?


Ich vermeide es möglichst, Idole zu haben. Doch ich gebe gern zu, dass die Begegnungen mit manchen Künstlern, etwa den Mitgliedern von Mony Python oder anderen großen Filmemachern, mich wirklich umgehauen haben.

Quelle: Senator

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