sicko.jpgIn Zusammenarbeit mit Senator, präsentieren wir Euch ein Interview mit Regisseur Michael Moore, über seinen neusten Film Sicko. Nachdem er in Bowling for Columbine mit der Waffenpolitik und in Fahrenheit 9/11 mit der Politik von George W. Bush abgerechnet hat, fühlt er in seinem neusten Film Sicko, dem amerikanischen Gesundheitswesen auf den Zahn. Sicko kommt am 12.10.2007 in unsere Kinos! (Zum Film)

Einen kritischen Film über das Gesundheitssystem zu machen – das ist, als würde man Eulen nach Athen tragen.


Deshalb sagte ich auch meinen Mitarbeitern gleich am Anfang: ‚In diesem Film müssen wir den Zuschauern nicht lange erklären, wie schlecht das System ist. Die Leute wissen das.. Es wäre das Gleiche, jetzt einen Film zu drehen, der zeigt, was für einen lausigen Präsidenten wir in Bush haben.


Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee?


Den ersten Gedanken dazu gab es schon 1999. Ich schrieb einen Entwurf und wir drehten sogar ein paar Szenen. Damals hatte ich eine TV-Show mit dem Titel „The awful truth“. Für die erste Folge filmten wir einen Mann, dessen Versicherung nicht für eine Organtransplantation zahlen wollte. Innerhalb weniger Tage gelang es uns, ihm eine Operation zu verschaffen und sein Leben zu retten. Wir dachten: ‚Wie wäre es, wenn wir einen Film über 10 solcher Leute machen? Denen widmen wir jeweils 10 Minuten und versuchen so, ihr Leben zu retten.’ Dann geschah das Schulmassaker von Columbine, und wir legten diese Pläne beiseite. Dann wiederum begann der Irakkrieg, und es erschien uns dringlicher, darüber einen Film zu machen. Aber das Thema hatten wir trotzdem immer vor Augen.

Zum Auftakt forderten Sie die Leser Ihrer Website auf, ihre privaten Horrorgeschichten über das Gesundheitswesen einzureichen. Kristallisierte sich dabei ein Leitthema heraus?


Ja - und zwar die Frustration über eine Bürokratie, die hauptsächlich dazu da ist, Hilfe bzw. die Bezahlung für diese Hilfe zu erschweren. Und das obwohl die Leute oder ihre Arbeitgeber Versicherungsbeiträge eingezahlt haben. Es gibt den großen Mythos, dass in der Privatwirtschaft die Zukunft liegt, weil sie effizienter und weniger bürokratisch ist. In Wirklichkeit ist es umgekehrt, besonders im Gesundheitssystem. Die Versicherungsfirmen geben über 25 Prozent ihrer Etats für Papierkram, Verwaltungskosten und sonstige Bürokratie aus – die staatlichen Versicherungen dagegen nur 3 Prozent.


Sie haben Tausende dieser Horrorgeschichten gelesen. Was für eine Wirkung hatte das auf Sie?


Es war schon sehr schwierig. Da gab es Leute, die schrieben: „Ich werde sterben, wenn ich keine Hilfe bekomme“ oder „Meine Mutter stirbt…“ Da fühlt man sich total hilflos, und es war für alle, die an diesem Film arbeiteten, zutiefst beklemmend. Wir wussten auch, dass sich der Großteil des Films nicht auf diese Horrorgeschichten konzentrieren würde. Vielmehr wollten wir erklären, dass diese Menschen nichts davon durchmachen müssten, wenn sie in Kanada leben würden. Und einige der Betroffenen wohnten nur wenige Meilen von der Grenze entfernt.


Wer trägt die Schuld an diesem Desaster: die Regierung, die Pharmakonzerne oder andere Faktoren?


Es ist das System an sich. Es ist weitgehend auf der Gier nach Gewinn aufgebaut. Aber wenn es um die Gesundheit der Menschen geht, dürfen Profite nie eine Rolle spielen. Nehmen wir an, jemand schlägt vor, das Schulsystem sollte Profite machen. Man würde denjenigen ansehen, als käme er vom Mars. Niemand würde je fordern, dass die Wasserwerke einer Stadt Gewinne abwerfen sollten. Ohne Wasser kann man nicht leben. Und das Gleiche sollte für die Gesundheitsversorgung gelten – so wie in anderen Ländern auch.

Nachdem Sie über ein Jahr an SICKO gearbeitet haben – was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Dinge, die dieses Gesundheitssystem verbessern würden?


Wir müssen die privaten Versicherungsunternehmen ausschalten. In erster Linie sind sie diejenigen, die verhindern, dass Hilfebedürftige die notwendige Versorgung bekommen. Die Pharmaunternehmen sollten ebenfalls streng reguliert werden. Für viele Menschen sind Medikamente überlebensnotwendig. Wer es der Pharmaindustrie erlaubt, die Preise so hochzuschrauben, dass manch einer nicht die erforderlichen Arzneimittel bekommt, handelt kriminell. Außerdem geht es hier um uns, das Volk. Die Gesundheitsversorgung muss in den Händen des Volkes liegen, genauso wie die Feuerwehr oder die Polizei. Private Firmen wie Haliburton haben da nichts verloren. Wir alle müssen uns noch stärker für solche Ziele engagieren, wir müssen uns als Teil einer Gruppe sehen, die viel größer ist als als der Einzelne.


Sie brauchen auch eine Versicherung, wenn Sie einen Film machen. Wie lief das bei SICKO ab?


Wie Sie sich vorstellen können, ist es nicht gerade einfach, eine Versicherung für eine Produktion zu bekommen, die einen Film über genau diese Industrie macht. Man war also nicht gerade begeistert davon uns zu versichern. Wir bekamen zwar eine gute Gesundheitsversicherung für alle Beteiligten, aber als es darum ging, unsere Arbeit zu versichern, damit alle Fehler abgedeckt waren, gab es Schwierigkeiten. Keines der großen Unternehmen wollte uns akzeptieren.


Haben sich einige der Fälle, die der Film zeigt, auch positiv entwickelt?


Ja. Ein paar von den Leuten, die zum Gegenangriff bereit waren und von ihrer Gesundheitsversicherung verlangten, dass sie ihre Pflicht tut, konnten zumindest Teilerfolge erzielen. Laura, die junge Frau, deren Versicherung die Übernahme von Krankenhauskosten verweigerte, akzeptierte kein ‚nein‘ als Antwort und schlussendlich gab der Blue Cross-Konzern nach. Die beiden jungen Menschen, die zunächst kein Versicherer haben wollte, weil sie zu dick oder zu dünn waren, fanden schließlich doch noch Unternehmen, die sie akzeptierten. Maria Wantanabe erstritt auf dem Rechtsweg nur einen minimalen Sieg, sie ist jetzt in Berufung gegangen, aber ihr Anwalt ist optimistisch. Doch es geht doch darum: Warum sollte jemand so hart kämpfen müssen, um die Hilfe zu bekommen, die er verdient? Wann begreifen wir endlich, dass Gesundheitsversorgung ein Menschenrecht ist?


Im Gegensatz zu Ihren früheren Filmen drehten Sie große Teile von SICKO außerhalb der USA. Was für Erkenntnisse gewannen Sie in diesen Ländern?


Es war eine Offenbarung – erfrischend und deprimierend gleichermaßen. Wir machten eine überraschende Entdeckung nach der anderen. Wir dachten, wir würden uns im Thema auskennen, aber überall fanden wir etwas Neues heraus. Das war gleichzeitig bedrückend, denn als Amerikaner dachten wir ständig: ‚Wir kommen aus dem reichsten Land der Erde, warum haben wir nicht auch eine kostenlose Gesundheitsversorgung?´

Das bewies mir wieder mal, wie notwendig es ist, seine eigenen vier Wände zu verlassen. Rund 80 Prozent aller Amerikaner haben keinen Pass. Das heißt die meisten von uns sehen nicht, was im Rest der Welt los ist. Ignoranz ist nie gesund. Man kann keine optimalen Entscheidungen treffen, wenn einem nicht alle Informationen zur Verfügung stehen. Das gilt für unseren Alltag genauso wie für unser politisches Leben.


Hat irgendeiner der Präsidenschaftskandidaten vernünftige gesundheitspolitische Pläne oder dreschen alle momentan nur Phrasen?


Genauso ist es, keiner scheint die wirklichen Probleme anpacken zu wollen. Das ist wirklich traurig. Selbst Leute mit guten Absichten wie John Edwards – sein Plan scheint es zu sein, unsere Steuergelder zu nehmen und sie in die Taschen der privaten Versicherungsindustrie zu stopfen. Aber das ist keine Lösung. Obama hat noch kein Programm zusammengestellt, obwohl ich hoffe, dass ihm etwas Gutes einfällt. Und dann gibt es natürlich den Kandidaten, der noch nicht in den Wahlkampf eingetreten ist, nachdem er vor sieben Jahren faktisch das Weiße Haus erobert hatte. Er hat seit 2003 bei weitem das Klügste zu diesem Thema gesagt.


Politexperten, Lobbyisten und große Konzerne greifen gerne Ihre Filme an. Wer wird Sie wohl bei SICKO attackieren?


Wer von Elend und Krankheit profitiert, wird diesen Film nicht mögen. Trotzdem könnte ich mit SICKO ein größeres Publikum erreichen als je zuvor. Denn sehr viele Menschen sind – unabhängig von ihrer politischen Couleur – von diesem Thema betroffen.


Könnte Ihr kontroverses Image ein Problem sein?


Warum hält man mich für kontrovers? Was habe ich getan? Ich habe einen Film über die Menschen in meiner Heimatstadt gemacht, die darunter litten, als General Motors die Fabriken schloss. Ich habe einen anderen Film gedreht, weil eine Zahl Jugendlicher an der Columbine High School umgebracht wurde und ich nicht wollte, dass das wieder passiert. Dann verließ ich mich schon früh auf mein Bauchgefühl und sagte den Amerikanern bei der Oscar®-Verleihung, dass man ihnen Lügen über Massenvernichtungswaffen erzählte – worauf ich ausgebuht wurde. Heute stoppen mich immer wieder Republikaner auf der Straße und entschuldigen sich bei mir. Jetzt
sehen sie ein, dass ich sie vor dem Kaiser ohne Kleider warnen wollte. Ich bin also exakt mitten im Mainstream angelangt.

Quelle: Senator

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