HaltauffreierStrecke-Set01Valentina Resetarits im Gespräch mit Regisseur Andreas Dresen über seinen aktuellen Film Halt auf freier Strecke:

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über eine Krankheit zu machen, die mit dem Tod endet?

Man sollte eher fragen, warum man nicht auf die Idee kommen sollte. Es ist ein Thema, mit dem wir es alle einmal zu tun bekommen. Das Sterben gehört zu unserer Lebensreise dazu – egal, ob man arm oder reich ist. Auf den Kinoleinwänden wird viel und opulent gestorben, aber es wird selten ernst genommen. Viel zu häufig ist das eine Frage der Quantität, aber es geht nicht darum, was es wirklich für die Menschen bedeutet. Ich will mit dem Film zeigen, was es mit dem Alltag der Menschen macht – also, jene die es betrifft, die krank sind und sterben -  und jene, die damit umgehen müssen und deren Leben nach dem Tod der betroffenen Person weitergehen muss. Wir wollten das Thema ernst nehmen. Wo, wenn nicht im Kino, sollten die existentiellen Fragen des Lebens geklärt werden.

Ist „Halt auf freier Strecke“ ein optimistischer oder pessimistischer Blick auf den Tod?

Wir haben es immer optimistisch gesehen. Es ist von Anfang an klar, wie der Film endet. Ich hatte während dem Dreh oft Angst, dass das so nicht funktionieren wird, weil man von Minute 1 weiß, wie der Film ausgehen wird und wir erzählen ja eine kontinuierliche Abwärtsbewegung, also dachte ich mir manchmal „Wer will sich das anschauen?“. Trotzdem kommt es gegen Ende zu etwas Licht, zu etwas Versöhnlichem. Die Familie rückt stark zusammen und am Ende, nach Franks Tod, müssen alle in ihr Leben zurück. Der Film endet mit der Rückkehr ins Leben. Und genau da geht’s auch für den Zuschauer hin. Und er kann die Erfahrung, die er in den zwei Stunden gemacht hat, benutzen, um die schönen Dinge des Lebens zu schätzen. Man regt sich über viel zu viel auf und vergisst, dass es auch Schönes gibt.

Wenn man sich so intensiv mit dem Thema Krebs und Tod beschäftigt, nimmt man da als Regisseur für das eigene Leben etwas mit?

Wir haben oft gesagt: Das ist kein Film, das ist eine Reise in Räume, die man sonst lieber geschlossen hält. Es ist auch eine Reise ins Unbewusste. Man setzt sich mit Dingen auseinander, die man sonst lieber verdrängt. Das war teilweise auch schmerzhaft, ich bin aber dankbar dafür. Ich glaube, es geht auch anderen Menschen, die sich so umfassend mit dem Thema auseinandersetzen, wie Ärzten zum Beispiel, so: Am Anfang lässt man das so nah an sich heran, dass man sich nur mehr damit befasst und fast zum Hypochonder avanciert. Aber je mehr man recherchiert, desto mehr gelingt es einem, einen gewissen Abstand dazu zu entwickeln und damit anders umzugehen. Irgendwie wurde es zum Ende der Dreharbeiten hin immer leichter, den Film zu machen. Natürlich kann ein Film einen nicht darauf vorbereiten, besser damit umzugehen, wenn es einem selbst dann wirklich betrifft. Die echte Lebenswelt ist eben doch nicht der Film. Aber er kann einem helfen, besser zu leben. Ich würde sagen die intensive Beschäftigung mit dem Thema hat bei mir zu einer besseren Lebensqualität geführt.

Sie erarbeiten die Szenen gerne aus dem Stehgreif mit den Schauspielern. Wie ist die Atmosphäre am Set, wenn so viel auf Improvisation aufbaut?

Man muss sich das sehr intim und familiär vorstellen. Wir waren oft nur dritt oder viert am Set. Es gibt kaum Technik oder Setcrew- nur Schauspeiler, Kamera und ich. Ich probe auch nicht oft vorher, ich lass lieber gleich die Kamera laufen. Zwischen den einzelnen Takes wird  dann geredet und man versucht herauszufinden, was gut und weniger gut funktioniert hat. Es ist eine intime und konzentrierte Atmosphäre, die nicht von technischen Prozessen abgelenkt ist. So konzentriert man sich auf das Eigentliche. Das ist mal angespannt, mal lustig, aber ich versuche eher eine Unterspannung, eine leichte Atmosphäre zu kreieren, denn Angst haben ja alle. Regisseur, Kameramann und Schauspieler haben Angst zu scheitern.  Und wenn die Ängste zu groß werden, kann man ja nicht arbeiten.

Wie war es für die beiden Jungschauspieler Mika Seidel und Lilly Lemke, wenn so eine intensive Atmosphäre herrscht?

Die Kinder haben einfach mitgespielt und auch improvisiert. Ich habe vorher mit ihnen gesprochen, aber nicht dauernd staatstragende Gespräche über Tod und Existenz mit ihnen geführt. Wir haben die Situation hergestellt, wie zum Beispiel Abendmahl. Und dann haben vorher ein paar Themen ausgemacht, die angesprochen werden sollten. In diesem Fall war es der Besuch von Tropical Island und der Zusammenbruch von Frank, für den die Kinder den Grund ja noch nicht kennen. Und da war klar, dass die Bombe platzt und das mussten die erwachsenen Schauspieler leisten und die Kinder wiederum mussten intuitiv reagieren. Oder wenn der kleine Mika mit seinem Vater das Hochbett aufbaut, hat der Jungschauspieler gemerkt, dass sein Partner die Übersicht verliert und das nicht hinkriegt, also hat er das in die Hand genommen. Dann wurde er von seinem Spielpartner angemotzt und dann hat er auch wieder reagiert. Die Kinder haben einfach mitgespielt und aus ihrer eigenen Erfahrungswelt geschöpft. Und so sind sehr schöne Dinge von ihnen gekommen.

Der Baum ohne Blätter als Symbol taucht immer wieder im Bild auf und auch auf dem Plakat ist er zu sehen. Hat er eine bestimmte Bedeutung?

Eigentlich kann es jeder für sich deuten. Ich habe mich sehr gefreut, als wir diese Wohnung mit dem Baum vor dem Fenster als Set gefunden haben. Die Geschichte spielt im letzten Drittel nur mehr in einem Zimmer und die Hauptfigur kann kaum mehr sprechen oder sich bewegen. Ich hatte Angst, dass der Film so zu klaustrophobisch werden könnte und das wäre auch nicht gut gewesen. Meine Ausstatterin und ich haben dann dieses Haus mit diesem Zimmer mit Ausblick gefunden. Dann hatten wir auch noch das Glück, dass wir einen wunderschönen Winter mit viel Weiß hatten. Das war ein großes Geschenk. Es war der Wunsch, eine Offenheit zu haben, um den Wandel der  Jahreszeiten zu erzählen. Die ganze Geschichte hat etwas von Vergehen und Kommen. Der Baum verliert die Blätter und dann wachsen wieder neue – das unterstützt die Geschichte wunderbar.

Was hat es mit dem Tumor auf sich, der als Person auftritt und in der Harald Schmidt-Show zu Gast ist?

In der Psycho-Onkologie, in der psychologischen Aufarbeitung von Krebsleiden, gibt es die Idee der Visualisierung. Man soll sich ein Bild von seiner Krankheit machen. Das kann wie auf einer Kinderzeichnung aussehen, aber auch wie eine Landschaft oder eben eine Person. Und das soll einem helfen, sich mit der Krankheit auseinander zu setzen. Das fand ich als Filmemacher interessant und ist natürlich gut in Szene zu setzen. Dann dachte ich mir, das könnte ein Mensch sein, der ihn überall hin verfolgt. Er sieht ihn sogar im Fernsehen und da lag es natürlich nahe mit Harald Schmidt den schwarz-humorigsten Entertainer von ganz Deutschland auftreten zu lassen, der den Tumor zu Gast in seiner Show hat. Das ist eine skurrile Wendung und lässt die Geschichte, die so in der Realität verhaftet ist, etwas über den Boden fliegen. Ich wollt auch in den Kopf des Protagonisten Franks hineinsehen lassen. Der visualisierte Tumor ist wie ein innerer Monolog und half uns, im weiteren Krankheitsverlauf unsere Hauptfigur ein bisschen länger am Leben zu lassen. In dem Moment, in dem man in seinen Kopf hineinsieht, passiert noch etwas. Und so wirkt er noch viel lebendiger, als in den Szenen, in denen er nur mehr im  Bett liegt.

„Halt auf freier Strecke“ endet mit dem Tod. Was kommt für Sie jetzt nach dem Tod?

In der Realität der Wurm...  (lacht) Ich habe gerade einen Dokumentarfilm fertig gestellt, der bei der Berlinale Premiere hatte und im September in die deutschen Kinos kommen soll. Es ist ein eher lustiger Film, der sich „Herr Wichmann aus der Dritten Reihe“ nennt. Es geht um einen Politiker, der versucht, mehr schlecht und recht Provinzpolitik zu machen und sich bemüht, etwas für die Bürger zu bewirken. Es ist ein kleiner Exkurs darüber, wie Demokratie funktioniert oder nicht funktioniert. Aber jetzt mache ich erst einmal ein bisschen Pause, weil das letzte Jahr eben sehr intensiv war. Neben den beiden Filmen habe ich auch noch eine Oper inszeniert. Ich brauche erst einmal Zeit für mich. „Halt auf freier Strecke“ kommt in mehreren Ländern in die Kinos und das will ich auch begleiten. Aber nach dem Durchatmen kommt vielleicht als Nächstes ein Kinderfilm. Das wäre dann ein Film zurück ins Leben, wenn man einen Film für die macht, die nachwachsen. Mir würde eine Verfilmung von James Krüss’ Roman „Timm Thaler oder Das Verkaufte Lachen“ gefallen und vielleicht wird das nächstes Jahr mein Projekt.
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