VierMinuten-Poster1.jpgRegisseur Chris Kraus und die beiden Hauptdarsteller Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung sprechen über ihren aktuellen Film Vier Minuten, der den Preis als bester Film sowohl beim deutschen Filmpreis, als auch beim Filmfestival von Shanghai bekam. Vier Minuten spielt in einem Frauengefängnis und erzählt die Geschichte einer Klavierlehrerin, die versucht eine hochbegabte, aber ausgesprochen aggressive Gefangene zu unterrichten und auf einen Wettbewerb vorzubereiten.


INTERVIEW MIT CHRIS KRAUS
Was war der Auslöser für „Vier Minuten"?

Vor acht Jahren habe ich zufällig in einer Tageszeitung die Fotografie einer alten Dame entdeckt, einer achtzigjährigen Klavierlehrerin. Sie saß in einer Gefängniszelle am Piano, im Profil. Die meisten Gesichter im Profil wirken wie Scherenschnitte, völlig ausdruckslos, nicht lesbar, weil die Augen fehlen. Diese Greisin aber hatte auf dem Foto eine solche Präsenz, auch eine Präsenz der Einsamkeit, wirkte sehr hart und männlich, trug einen Dutt. Der sah wie angeklebt aus. Und als mein Blick herunterwanderte, sah ich ihre Hände auf dem Klavier, sehr zarte, sehr junge Hände. Wie Vögelchen. Die Hände passten nicht zum Gesicht. Das Klavier passte nicht zu der Einzelzelle. Nichts passte, und vielleicht ließ mich deshalb das Foto nicht los. Irgendwann war mir klar, dass hinter dieser Frau, von der nur zu lesen war, dass sie seit 60 Jahren im Knast unterrichtet, eine Geschichte aus Leidenschaft, Willen und auch Wahnsinn stecken musste. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet. Aber das ist das Tolle an diesen Fotos. Die sogenannte Wahrhaftigkeit liegt nur im Auge des Betrachters.


Wie ist die Geschichte dann konkret entstanden?

Das war leicht. Es gibt so eine Schreibtechnik, die Georges Simenon erfunden hat. Wenn du eine brauchbare Hauptfigur hast, dann suche dir dazu den Charakter, der in deiner Hauptfigur den denkbar größten Vulkanausbruch hervorzaubert. Die junge Jenny ergab sich sozusagen aus der alten Traude, deren Geschichte sich um Kunst und Gewalt drehen müßte. Also brauchte man den Gegencharakter, der beides in sich vereinigt.


Gab es eine Art musikalisches Prinzip, als Sie an die Planung des Filmes gingen?

Kein Musikfilm kann sich der Manipulation und auch dem Vorwurf der Manipulation entziehen. Deshalb gibt es auch keinen Dogmafilm, in dem Musik im Zentrum steht. Für mich war die Musik bei Vier Minuten ein tragendes Element: Nicht als Selbstzweck, sondern als Gegenentwurf zu der grauenhaften Welt, die hinter beiden Hauptfiguren aufscheint. Ich wollte auf keinen Fall einen leichtfertigen Umgang damit. Edgar Reitz war für mich ein Vorbild, dessen Heimattrilogie ich sehr liebe und der darin die Messlatte für Musikfilme wahnsinnig hoch gehängt hat. Wir haben lange überlegt, ähnlich wie er die Hauptrollen mit professionellen Musikerinnen zu besetzen. Allerdings fand ich niemanden, der gleichzeitig das schauspielerische Potential mitbrachte, das für diese schweren Rollen nötig war.


Wie haben Sie die Auswahl der Kompositionen getroffen?

Ursprünglich hieß der Film Nur für Mozart. Die alte Klavierlehrerin war als Mozart-Fan konzipiert und sollte ausschließlich dessen Werke spielen. Aber das Konzept mussten wir aufweichen. Ich fand seine Sonaten nicht wirklich zu Traudes Charakter passend, oder wenn sie passend waren, zu karstadtmäßig durchgenudelt. Ich habe dann vier Wochen von morgens bis abends Klavier-Cds gehört, bis an die Wohnungstür gehämmert wurde. Die Stücke wurden schließlich nach persönlichem Geschmack zusammengestellt. Von Mozart ist ein recht unbekanntes Rondo-Thema und die berühmte A-Dur Sonate übriggeblieben. Von Beethoven nahmen wir die Waldsteinsonate wegen der technischen Brillanz. Von Bach kam eine Fuge. Und Schumanns A-Moll-Konzert passte perfekt, weil es ziemlich lächerlich klingt am Anfang. Schubert schließlich war das alter ego von Traude. Die Impromptus in a-moll habe ich irgendwann nachts um ein Uhr gehört. Ich habe sie dreißigmal hintereinander eingelegt. Ich wußte einfach sofort, das ist Traudes Thema. Nein, das ist Traudes Wesen.


„Ich halte Sie für niederträchtig, das sollten Sie wissen. Aber Sie haben eine Gabe, und damit haben Sie eine Pflicht. Ihre Gabe zu erhalten. Wenn Sie bezahlt haben für das, was Sie heute den Menschen hier angetan haben, dann kann ich Ihnen meine Hilfe anbieten. Diese Hilfe wird sich nicht auf Ihre Person beziehen, niemals. Ich kann Ihnen helfen, dass Sie besser spielen. Nicht dass Sie besser werden. Überlegen Sie es sich."


Wie wichtig ist Ihnen das Thema Homosexualität in Ihrem Film?

Homosexualität ist nicht das Thema. Es geht um Liebe, und Liebe ist durch Sexualität nicht eingrenzbar. Wenn sich Menschen für einander öffnen, was sehr selten passiert, ist alles möglich. Das gerade interessiert mich ja. An Harold and Maude ist doch nicht interessant, dass eine Achtzigjährige mit einem Zwanzigjährigen schläft. Sondern wie es dazu kommt, dass das keine Rolle spielt. Begehren habe ich in meinem Film nicht gezeigt, weil ich von lesbischem Begehren keine Ahnung habe. Aber diese Art Liebe, die in Vier Minuten erzählt wird, die kenne ich schon, also diesen romantischen Kern, dieses Verzehrende. Das kann ins Tragische oder ins vollkommen Lächerliche führen.


Wie würden Sie die Beziehung der beiden Frauen untereinander beschreiben?

Sie sind Fremde, die sich begegnen. Beide projizieren etwas aufeinander, weil sie sich für niemanden interessieren. Das macht sie einander ähnlich. Und sie sind gezwungen, diese Ähnlichkeit irgendwann zu erkennen, obwohl sie so verschieden wirken. Das schafft die Nähe, über die Traude ihre unbewältigte Liebe und Jenny ihr unbewältigtes Leben zu greifen versuchen. Und dann helfen sie einander. Ich finde es schön, wenn Fremde einander helfen. Immer, wenn ich verzweifelt war im Leben, war meine Familie nicht erreichbar. Die Rettung brachten meistens Fremde.


Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerinnen gefunden?

Im Laufe der Zeit. Es war ja ein sehr langer Produktionsweg über die acht Jahre. Zu Anfang sollte ich gar nicht die Regie machen. Ich war nur Drehbuchautor, und es wurden völlig andere Schauspieler besetzt. Dann kam vor drei Jahren teamworx dazu. Ich übernahm nach dem Erfolg von Scherbentanz die Regie, und es sollte eine größere deutsch-französische Koproduktion entstehen. Jeanne Moreau wurde für die Hauptrolle der Klavierlehrerin besetzt, und auch der Part von Jenny war anders gedacht. Aber Frau Moreau war sehr schwer berechenbar in ihrer Zeitplanung. Wir trennten uns. Mit dem Weggang des Weltstars kippte die Finanzierung, und die teamworx-Leute konnten aufgrund ihrer Aufstellung mit dem verbleibenden Etat den Film nicht produzieren. Sie halfen aber dann, dass Kordes & Kordes Film übernehmen konnte, das Projekt zu retten. Das sind unglaubliche Produzentinnen, die ihre gesamte Existenz an die Sache gehängt haben. Und mit ihnen kam dann die Idee zu Monica Bleibtreu. Die beste Idee überhaupt.


Und Hannah Herzsprung?

Ebenfalls die beste Idee überhaupt. Die Ursprungsbesetzung der Jenny war ja im ganzen Kuddelmuddel verloren gegangen. Wir hatten ergebnislos 1.200 Mädchen gecastet, und ich war nach sechs Monaten völlig durch. Dann kam unsere Casterin Nina Haun mit so einem unglaublich schlechten Demoband von Hannah Herzsprung an, von der ich noch nie gehört hatte. Ich hatte überhaupt keine Lust. Aber Nina drängte, daß wir Hannah mit ins Casting nehmen. Und dort hat sie uns weggeblasen. Es gab dann noch eine Krise, weil Hannah im Casting behauptet hatte, super klavierspielen zu können. Nur leider stimmte es nicht. Wochen später stellte sich raus, daß Hannah gar nichts am Piano konnte. Null. Nicht mal „Alle meine Entchen". Sie wollte aber unbedingt die Rolle haben und hatte einfach alle meine Fragen mit „Ja" beantwortet.


„Wir sollten der Selbstaufgabe entgegenwirken. Jennys Biographie hat viele Interferenzen."  -  „Interferenzen... Gib' doch nicht so an! Die hat da draußen jemanden regelrecht abgeschlachtet!"  -  „Jenny hat keine Kontakte nach außen. Sie bekommt keine Besuche von ihrer Familie, und sie scheint auch wenig Wert darauf zu legen, ich weiß. Sie hat hier drin keine Bezugspersonen, ihre Persektive ist gleich null. Wir sollten es mit den Klavierstunden versuchen."


Warum haben Sie sich dann doch für sie entschieden?

Sie war die beste. Und beim Dreh hat sie schließlich perfekt die Sonaten spielen können. Sie vereinigt Hingabe, Ehrgeiz, Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit auf eine eigentümliche Weise. Sie hat mit einem unglaublichen Fleiß ein halbes Jahr Klavierunterricht genommen, vier Monate Boxtraining absolviert, jeden Stunt selbst übernommen. Wir haben sogar ihre Hände angezündet. Und sie ist in einer Verfolgungsszene ungefähr dreißigmal an diese Fensterscheibe gerannt, die im zehnten Stockwerk eines Mannheimer Bürohauses war. Zwischen ihr und dem Abgrund war nichts, nur Glas. Da guckten selbst die Stuntmen ganz mulmig, wenn sie mit vollem Karacho ihren Körper gegen die Scheibe krachen ließ.


Das Abschlusskonzert ist der emotionale und filmtechnische Höhepunkt des Filmes. Wie lange haben Sie für die Vorbereitungen gebraucht?

Das schwierigste war, die richtige Musik zu finden. Im Gegensatz zu den klassischen Sonaten betraten wir musikalisches Neuland.  Im Drehbuch stand so etwas wie: „Eine fantastische Musik hebt an, gegen die Schumann wie Müll wirkt." So, finden Sie mal in Deutschland einen Komponisten, der Schumann wie Müll wirken läßt. Wir haben wirklich jeden Filmkomponisten in Deutschland angesprochen. Und die Monate verrannen. Drei Wochen vor Drehbeginn, wir waren alle vor einem Nervenzusammenbruch, kamen wir aufgrund eines Tips vom BR auf Annette Focks. Sie hat sich zwei Tage ins Studio eingeschlossen und das Ding rausgehauen. Es wurde eigentlich unverändert übernommen. Ein Wahnsinn, diese Frau. Dann haben wir Kae Shirati engagiert, eine der besten Pianistinnen dieses Landes. Zufällig hatte sie die gleiche Statur wie Hannah und konnte als Körperdouble arbeiten.


Das Schlußstück hat Hannah Herzsprung nicht selbst gespielt?

Dieses Stück ist nicht unbedingt der menschlichen Feinmotorik angemessen. Selbst Kae Shariati hatte ihre Schwierigkeiten. Sie hat Wochen dafür geübt. Schließlich habe ich mit ihr zusammen eine Choreographie erarbeitet. Die hat Hannah dann kopiert, was auch schon eine unglaubliche Leistung war. Als Generalprobe haben wir beide Frauen synchron und in identischen Kostümen im Theater Oldenburg vor dreihundert Komparsen an zwei Flügeln spielen lassen. Das war wie eine Mischung aus Krieg und Wasserballett. Diese Probe war sicher der schönste und berührendste Moment der ganzen Drehzeit.


Wann haben Sie sich entschieden, den Film mit dem Bild von Jennys Verhaftung auf offener Bühne enden zu lassen?

Dieses eingefrorene Bild stand schon in der ersten Drehbuchfassung vor acht Jahren fest. Wir wollten ein Bild finden, in dem sich Freiheit und Unfreiheit übereinander legen. Denn ich hätte es verlogen gefunden, mit einem scheinbaren Happyend zu schließen. Das Wichtige des Filmes ist, dass die innere Freiheit erzählt wird, zu der Jenny im letzten Moment findet. Dieser Frieden, den sie mit sich schließt, offenbart sich in ihrem Knicks, zu dem sie sich am Ende kurz vor der Verhaftung entschließt. Dass es die Hauptfigur Jenny schafft, sich dem Druck und der Erwartung ihrer Lehrerin und des gesamten Umfelds zu entziehen und im Abschlußkonzert ihren eigenen Punk abzieht, ist der für alle sichtbare und auch konventionelle Ausdruck für das Recht, das sie sich nimmt, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Es ist aber noch nichts wirklich Überraschendes, denn konsequent widerständig ist sie den ganzen  Film hinweg. Indem sie sich aber verbeugt, bringt sie zum Ausdruck, daß sie ihren Zwängen widerstehen kann. Ihren inneren Zwängen, die die Zwänge eines selbstzerstörerischen Borderliners sind. Der Knicks, den Jenny gewährt, ist nicht der, den Traude haben wollte. Es ist der, den Jenny geben möchte. Das ist ein Unterschied.


„Für die Art Unterricht, die ich Ihnen anbiete, ist Demut unerlässlich. Demut ist die Regel Nummer Eins, das werden Sie lernen müssen. Sie werden tun, was ich Ihnen sage, Sie werden sich nicht beklagen, nicht mit Worten, nicht mit Blicken, niemals."  -  „Soll das heißen, ich soll Ihr winselnder Sklave sein?  Okay. Gut. Hallo! Ich hab‘s kapiert. Einverstanden. Setzen Sie sich wieder. Setzen Sie sich wieder... Dann bin ich halt Ihr winselnder Sklave."


Wie schon bei „Scherbentanz" arbeiten Sie mit einer starken Bildsprache. Wie festgelegt war das visuelle Konzept vor Drehbeginn?

Die Kamerafrau Judith Kaufmann ist eine der besten ihres Fachs. Wir verstehen uns in der Arbeit sehr gut und nehmen uns Zeit bei der Vorbereitung. Die optische Auflösung machen wir gemeinsam. Ich zeichne dann Storyboards, weil ich gerne wissen will, was auf mich zukommt. Judith schmeisst sie dann beim Dreh in den Müll, weil wir eh kaum Zeit haben, auch nur die Hälfte unseres Pensums zu schaffen. Wir haben oft improvisiert, aber auf einem hohen Niveau, weil wir gut vorbereitet waren. Und wir hatten natürlich ein phantastisches Team im Rücken. Die Szenographin Silke Buhr und die spanische Maskenbildnerin Susana Sanchez gehören zur europäischen Spitze, der Oberbeleuchter hat den Untergang ausgeleuchtet, und die Cutterin Uta Schmidt hat eine grandiose Leistung vollbracht. Das Abschlusskonzert wurde in über 50 Einstellungen gedreht und lag in einem unfassbaren Drehverhältnis von 1:76 vor. Da kommt selbst eine Cola-Werbung nicht mit. Für die acht Minuten der Abschlußszene hatten wir fast zehn Stunden Material. Uta sagte dann, entweder wir verbringen jetzt zwei Monate gemeinsam mit dieser einen Szene im Schneideraum. Oder du läßt mich einen Tag alleine machen. Ich habe mich dann für den Tag entschieden.


INTERVIEW MIT MONICA BLEIBTREU

Die Pianistin Traude Krüger ist auf der einen Seite eine sehr strenge Frau, auf der anderen sehr verletzlich. Mochten Sie Ihre Figur?

Ich mochte sie von Anfang an und empfand große Sympathie für diesen so grauenhaft traumatisierten Menschen, der eigentlich das Leben verweigert und emotional seit dem 20. Lebensjahr stehen geblieben ist, seit der Ermordung ihrer großen Liebe durch die Nazis. Sie leidet unter Schuldbewusstsein, weil sie ihre Freundin verleugnet hat. Sie hat alles verraten, ihre homosexuelle Neigung, die große Liebe und damit auch sich selbst. Mich reizte die Annäherung zwischen den beiden Frauen. Die eine, die das Leben zerschlägt, die andere, die es verweigert. Im Grunde geht es darum, dass beide ein Stück bei sich selbst ankommen. Die Junge letztendlich mehr als die Ältere, aber die kann es zumindest akzeptieren. Sie verbietet der Kleinen erst, sie selbst zu sein, ihren eigenen Ausdruck zu finden - und trotzdem erkennt sie zum Schluss, dass es darum geht, den eigenen Ton zu finden, die eigene Musik. Das schafft sie in den letzten „Vier Minuten". Am Ende steht ein Mögen mit größtem Respekt und größter Akzeptanz des anderen. So könnte man schon fast Liebe definieren. Achtung zählt zu dem Größten, was man zwischen so unterschiedlichen Menschen erreichen kann.


Was faszinierte Sie am Buch von ‚Vier Minuten‘?

Diese ganze Geschichte von Selbstzerstörung und Selbstverwirklichung. Wenn ich ein Buch lese, muss mich das ganze Werk packen und nicht nur wenige Szenen. Alle Menschen treibt die Sehnsucht, bei sich anzukommen, sich zu finden. Wir fangen an als wir selbst, dann deckeln uns Eltern, Schule und Gesellschaft, bis wir vergessen, wer wir überhaupt sind. Und dann landet man - wenn man Glück hat und sich einigermaßen senkrecht durchs Leben geschlagen hat - wieder am Ausgangspunkt. Ein toller Kreislauf.


Wie haben Sie als erfahrene Schauspielerin mit Hannah Herzsprung gearbeitet - gibt man da Ratschläge oder Tipps?

Das überlasse ich dem Regisseur. Wenn ich als Kollegin anfange, den anderen zu beurteilen, kann ich schon nicht mehr mit ihm spielen. Ich  sauge einfach auf wie ein Schwamm, was da kommt. Hannah Herzsprung halte ich für eine grandiose Begabung. Zwischen Hannah und mir passierte ein wirklicher Glücksfall, wir konnten  problemlos im Spiel und auch privat aufeinander reagieren, eine Verständigung auf feinster Ebene.


Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Chris Kraus?

Einfach toll. Wir kannten uns vorher nicht und sind aneinander geraten und haben uns mit Lust gestritten. Aber selbst bei unterschiedlicher Meinung, dominierte eine große Akzeptanz. Ich weiß um seinen Vision und worauf er hinaus will. Man findet immer einen Konsens. Chris ist ein herrlich streitbarer Mensch, es irritiert ihn keineswegs, wenn man Dinge in Frage stellt. Andere Regisseure fühlen sich als Person in Frage gestellt, wenn ich eine Idee in Frage stelle. Das macht er nicht. Bei  ihm geht es immer um die Sache.


Fiel es Ihnen schwer, eine Rolle zu übernehmen, in der sie viel älter wirken als sie sind?

Ich spiele oft ältere Frauen und habe komischerweise sehr früh damit angefangen. Wenn ich in den Spiegel gucke, denke ich immer, ich sehe meine Mutter. Da ich die sehr gerne mochte, ist mir das kein Problem. Mein Aussehen und meine Ausstrahlung verdanke ich natürlich hier auch der wunderbaren Kamera von Judith Kaufmann, die hat mit den Runzeln und den Falten etwas Spezielles von mir erwischt; nicht zu vergessen auch das aufwändige Make-up. In der Strenge liegt eine gewisse Schönheit. Traude Krüger hat ein schönes Gesicht, viel ausdrucksvoller, als wenn man mich schminkt und auf schön trimmt. Ich schaue gerne alte Leute an.


Bereitet Ihnen als Schauspielerin das Älterwerden ein Problem?

Ich galt in meiner Jugend erstaunlicherweise  als hässlich, was mich ziemlich quälte und an meinem Selbstbewusstsein kratzte. Dabei war ich ein hübsches Mädchen. Eine Frau die sich nie über das Äußere definierte, leidet weniger unter dem Verlust von Schönheitsattributen. Schönheit ist relativ. In meinem Alter geht es auch nicht mehr um hübsch oder nicht. Jetzt bin ich einfach die Bleibtreu. Basta.


Was war die größte Herausforderung bei ‚Vier Minuten‘?

Ich halte es für ein Riesenglück, solche Rollen überhaupt zu bekommen. Da kann ich dem lieben Gott oder der Casting-Agentur nur danken. Ich will natürlich auch eine Herausforderung, wenn ich eine Rolle annehme. Aber es wundert mich, wenn ich höre, Rollen wie in Marias letzte Reise oder Vier Minuten seien „große Herausforderungen". Das ist doch  der Beruf. Viel schwieriger finde ich diese 08/15-Rollen mit ihren TV-Serien-Problemen. Für eine Figur in einem banalen Kontext Interesse zu wecken,  verlangt viel mehr, als wenn ich mich von einem Drehbuch wie bei Vier Minuten davontragen lassen kann.


Sie sind auf der Bühne, im Fernsehen und im Film zu Hause. Gibt es da Vorlieben?

Das sind verschiedene Disziplinen innerhalb des Berufs. Auf sportlicher Ebene würde ich sagen, Theater ist Marathon und Film und Fernsehen ist Sprinten, von Null auf Hundertachtzig, was mich immer wieder neu begeistert. Am Theater liebe ich, dass ich mich nicht immer auf Ausschnitte beschränke, sondern den ganzen Abend Zeit habe, eine Figur zu entwickeln. Das macht mir großen Spaß.


Seit einigen Jahren regnet es Filmpreise für Sie. Wie erklären Sie sich diese späte Anerkennung?

Theater ist natürlich nicht so populär wie Film. Seit vierzig Jahren stehe ich im Beruf und plötzlich tun viele so, als sei ich vom Himmel gefallen. Der erste Preisregen kam bei den Manns. Ich muss Ihnen gestehen, ich habe viel kompliziertere Figuren als die Katia Mann gespielt, und da hat kein Hahn gekräht, wie großartig ich bin. Ich wollte immer einer gute Schauspielerin sein und gute Arbeit leisten. Aber ich wollte keine öffentliche Person sein, das heißt, ich fürchtete mich vor Erfolg, er war mir direkt unheimlich. Erst als mein Sohn Moritz mit Knockin` on Heaven`s door Meriten sammelte und ich so richtig stolz auf ihn und seine Arbeit war, dachte ich mir, so schlimm ist es ja auch nicht mit dem Erfolg. Und in dem Moment kam der Erfolg.


„Ich mache alles, was Sie wollen. Ich spiele das Programm, das Sie vorgeben, ich dresch' diesen Scheiß Schumann, bis er mir aus den Ohren quillt, also bleiben Sie cool, wenn ich mal was richtig Gutes spiele."  -  „Ach, Sie meinen diese Geräusche."  -  „Das ist meins, das bin ich!"  -  „Wenn ich es nochmal höre, melde ich Sie ab."  - „Sie wollen, dass ich auch so einen Knicks mache. Sie wollen, dass ich so einen Scheiß-Knicks mache."


INTERVIEW MIT HANNAH HERZSPRUNG

Wie haben Sie sich auf die Rolle der Jenny vorbereitet?

Zunächst bekam ich sechs Monate lang Klavierunterricht, musste jeden Tag üben. Um die Gewalttätigkeit der Jenny verkörpern zu können, habe ich intensiv mit Kickboxen angefangen. Ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, stärker zu sein, Kraft zu haben, um auch mal zuzuschlagen. Der Regisseur legte auch Wert darauf, daß ich von der Physis her die Figur füllen konnte. Ich habe auch Haftanstalten besucht, Gefangene kennengelernt und gesprochen. Eine Begegnung mit einer Kindsmörderin ist mir besonders eindringlich in Erinnerung. Das Gefängnis in Luckau, in dem wir gedreht haben, konnte ich vor Drehbeginn anschauen. Das Gebäude stand gerade aufgrund einer Renovierung leer, weshalb ich dort neben drei Aufsehern einen halben Tag verbringen konnte. Ich habe mich in eine der Zellen gesetzt und mir die Sprüche der Inhaftierten an den Wänden durchgelesen. Ein besonders bleibender Eindruck war der Ausblick durch die Gitterstäbe. Von dort blickte man in die gegenüberliegenden Wohnblöcke. Bunte Gardinen, Kinder, die herüberlachten. Absurd. 


‚Vier Minuten‘ war Ihre erste große Kinorolle. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Chris Kraus erlebt?

Das hat schon mit dem Casting begonnen, bei dem ich mir nie sicher war, ob ich die vielfältigen Anforderungen von Chris überhaupt erfüllen kann. Da ich aber immer weiter in die engere Wahl gekommen bin, konnte ich zumindest sicher sein, dass er mich wirklich wollte. Er traute mir die Rolle zu. Das war sehr wichtig. Dieses Vertrauen hat mir ungeheuer geholfen, um mich wirklich auf die Rolle einzulassen. Über lange Gespräche ist dann eine sehr enge Zusammenarbeit entstanden, ohne die ich die Anforderungen der Rolle sicher nicht geschafft hätte.


Es gibt eine Szene, in der Sie mit voller Wucht gegen eine Fensterscheibe rennen, hoch über den Dächern Mannheims. Hat das ein Stuntman gemacht?

Nein, diese Szene habe ich selbst übernommen, weil alle Beteiligten, auch ich, das so wollten. Die Vorbereitung war aufwändig. Der Sprung mußte drei Tage mit Stuntleuten geprobt werden. Zudem hatte ich mich mit einer Gefängnisaufseherin unterhalten, die mir die Geschichte eines inhaftierten Mädchens in meinem Alter erzählte. Das Mädchen saß wegen schwerer Körperverletzung ein, ist in ihrer Anfangszeit im Knast gegen Türen und Wände gerannt. Sie war so voller Aggressionen, das sie nicht wusste, wohin damit. In der Freiheit hat sie diese Wut an anderen Leute ausgelassen, im Gefängnis an sich selbst. Ich habe diese Geschichte benutzt, um in den Zorn, in die Wut zu kommen, die notwendig ist, um auf so eine Scheibe loszurennen.


War es schwierig für Sie, die Jenny zu spielen?

Natürlich hat das viel Arbeit und Kraft gekostet. Ich bin im privaten Leben eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch. Wenn es Probleme gibt, werde ich der klassische Diskutiertyp. Mit Aggressivität kann ich schlecht umgehen. Ich musste mich schon sehr auf die Figur Jenny einlassen, sie in- und auswendig studieren. Es war eine Reise zu jemandem, der ich nicht sein möchte im wirklichen Leben, den ich aber verstanden habe.


Wie lief die Zusammenarbeit mit Monica Bleibtreu?

Monica hat mir durch ihre langjährigen Erfahrungen unheimlich geholfen und mir gezeigt, wie man nach ernsten und beklemmenden Rollen bald wieder man selbst sein kann. Es war mir eine große Freude und Ehre, mit ihr zu spielen. Und sie hat nie ihren großen Vorsprung betont, im Gegenteil. Chris sagte irgendwann, wir sind wie giggelnde Teenies, wenn man uns alleine läßt.

Quelle: Filmladen

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