Viennale 2011 - Rückblick/Fazit
Geschrieben von Michael Föls
| Donnerstag, 03. November 2011 11:51 Uhr
Und das ist auch das Schöne an der Viennale. Es gibt keinen Wettbewerb, der den Anspruch an Uraufführungen stellt und keine sonstige starre Einordnung, die das Programm in eine thematische oder stilistische Richtung drängt. Die Viennale steht für pures Kino, für einen ungezähmten, wild wuchernden Blick auf das Weltkino und wer Lust hat kann sich für knapp zwei Wochen fallen lassen und sich im Bilderrausch verlieren. Festivaldirektor Hans Hurch und seinem Team ist es auch in diesem Jahr wieder gelungen ein Programm auf die Beine zu stellen das es sowohl schafft große Namen zu bieten, als auch ein im Durchschnitt extrem hohes Qualitätslevel zu halten. Natürlich gibt es auch sehr extreme Filme, die in ihrem Ansatz naturgemäß nicht jedem gefallen können. Deshalb ist im Verlauf der Entdeckungsreise, die ein solches Festival darstellt auch immer die Gefahr gegeben einen Fehlgriff zu leisten (wie es dem Autor dieser Zeilen z.B. mit dem einschläfernden, überlangen, selbstverliebten El noms de Crist gegangen ist). Aber sieht man sich die durchschnittliche Qualität der Filme (und auch der erhofften Highlights) an, so muss man doch zugestehen, dass die Viennale genau wie im letzten Jahr ein ausgezeichnetes Programm zu bieten hatte.
Nicht minder eindrucksvoll waren die beiden apokalyptischen Visionen des Festivals: In Take Shelter führt uns Jeff Nichols in die emotionalen Abgründe eines von Visionen getriebenen Mannes, der versucht seine Familie vor der Apokalypse zu retten und in Melancholia lässt Lars von Trier die Erde so schön wie noch nie untergehen. Bis zum großen Abschluss des Festivals behielt man sich noch The Ides of March in der Hinterhand - inszeniert von George Clooney (der mit Good Night, and Good Luck bereits ein Meisterwerk inszenierte) und mit Ryan Gosling in der Hauptrolle (der dank seinen Leistungen in Drive und The Ides of March mühelos zum Mann des Festivals avanciert). Ein spannender Polit-Thriller, der uns hinter die Gefüge der Macht blicken lässt und uns eindrucksvoll vorführt wie die Politik große Wünsche und Hoffnungen in Hinterzimmerdeals verstümmelt.
Eine große Überraschung war das herausragende Thriller-Drama Martha Marcy May Marlene, über ein Mädchen, das von einer Sekte flieht und in Angst davor lebt von ihnen wieder aufgespürt zu werden. Der Film erzählt gleichzeitig von ihren Schwierigkeiten in der Gegenwart und ihren Erlebnissen in der Vergangenheit und lässt äußerst geschickt die verschiedenen Zeitebenen ineinandergleiten, sodass schon bald eine gewisse Paranoia beim Zuseher entsteht und man sich nie sicher sein kann was als nächstes geschieht. Ebenfalls herausragend ist Schlafkrankheit, der neue Film von Ulrich Köhler, der die Berliner Schule nach Afrika bringt. Ein unkonventionelles Drama mit einer ganz besonderen Atmosphäre und einer höchst interessanten Art des Geschichtenerzählens.
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