Viennale2011-Z19Die Viennale 2011 ist zu Ende - einmal mehr durften wir das bewährte Konzept des Festivals genießen, bevor nächstes Jahr das große Jubiläum mit einigen Neuerungen ansteht. Und man merkt, dass sich das Konzept bereits eingespielt hat: Das Programm erwieß sich einmal mehr als sehr facettenreich und bot für alle Geschmäcker etwas. Von zugänglichen (aber nicht minder eindrucksvollen) Filmen wie The Ides of March oder Eine dunkle Begierde über große Festivalsieger wie Nader und Simin - Eine Trennung und Faust, bis hin zu apokalyptischen Visionen wie Melancholia und Take Shelter und grandiosen Regie-Lehrstücken wie Drive und The Artist spannte die Viennale einen Bogen, bei dem wie immer nur eines zählt: Die Filme.

Und das ist auch das Schöne an der Viennale. Es gibt keinen Wettbewerb, der den Anspruch an Uraufführungen stellt und keine sonstige starre Einordnung, die das Programm in eine thematische oder stilistische Richtung drängt. Die Viennale steht für pures Kino, für einen ungezähmten, wild wuchernden Blick auf das Weltkino und wer Lust hat kann sich für knapp zwei Wochen fallen lassen und sich im Bilderrausch verlieren. Festivaldirektor Hans Hurch und seinem Team ist es auch in diesem Jahr wieder gelungen ein Programm auf die Beine zu stellen das es sowohl schafft große Namen zu bieten, als auch ein im Durchschnitt extrem hohes Qualitätslevel zu halten. Natürlich gibt es auch sehr extreme Filme, die in ihrem Ansatz naturgemäß nicht jedem gefallen können. Deshalb ist im Verlauf der Entdeckungsreise, die ein solches Festival darstellt auch immer die Gefahr gegeben einen Fehlgriff zu leisten (wie es dem Autor dieser Zeilen z.B. mit dem einschläfernden, überlangen, selbstverliebten El noms de Crist gegangen ist). Aber sieht man sich die durchschnittliche Qualität der Filme (und auch der erhofften Highlights) an, so muss man doch zugestehen, dass die Viennale genau wie im letzten Jahr ein ausgezeichnetes Programm zu bieten hatte.

Drive-Scene02Die aus unserer Sicht größten Highlights sollen deshalb hier noch einmal etwas rekapituliert werden. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist natürlich der umwerfenden Nicolas Winding Refn Film Drive, der Filmemachen in Perfektion vorzeigt und eine Energie entwickelt, die höchst selten ist. Ausgestattet mit einer perfekten Inszenierung und dem vielleicht besten Soundtrack des Kinojahres, bleibt der Film lange in Erinnerung. Nicht verpassen wenn Drive Ende Jänner regulär startet. Nicht minder großartig war The Artist von Michel Hazanavicius, ein Stummfilm in schwarz-weiß mit einem überragenden Hauptdarsteller und getragen von einer eindrucksvollen filmischen Vision. Sowohl Drive, als auch The Artist stehen für kreatives Regiekino in Perfektion.

Nicht minder eindrucksvoll waren die beiden apokalyptischen Visionen des Festivals: In Take Shelter führt uns Jeff Nichols in die emotionalen Abgründe eines von Visionen getriebenen Mannes, der versucht seine Familie vor der Apokalypse zu retten und in Melancholia lässt Lars von Trier die Erde so schön wie noch nie untergehen. Bis zum großen Abschluss des Festivals behielt man sich noch The Ides of March in der Hinterhand - inszeniert von George Clooney (der mit Good Night, and Good Luck bereits ein Meisterwerk inszenierte) und mit Ryan Gosling in der Hauptrolle (der dank seinen Leistungen in Drive und The Ides of March mühelos zum Mann des Festivals avanciert). Ein spannender Polit-Thriller, der uns hinter die Gefüge der Macht blicken lässt und uns eindrucksvoll vorführt wie die Politik große Wünsche und Hoffnungen in Hinterzimmerdeals verstümmelt.

TropadeElite2-Scene01Auch der Berlinale Sieger Nader und Simin - Eine Trennung darf zweifellos zu den Highlights des Festivals gezählt werden. Der Film liefert überraschende Einblicke in das Leben im Iran und überzeugt durch kulturelle Facetten und eine spannend präsentierte Geschichte. Mit Tropa de Elite 2 war außerdem das Sequel eines ehemaligen Berlinalesiegers zu sehen. Es ist sicher nicht alltäglich, dass ein großer Festivalerfolg ein Sequel spendiert bekommt und noch viel überraschender ist, dass es das Sequel auch noch schafft zu überzeugen. An den überragenden ersten Teil kommt der Film zwar nicht heran, aber dank des unerwarteten (aber gut vollführten) Genrewechsel hin zum Polit-Thriller bekommt man neue Einblicke in die Probleme in den brasilianischen Favelas und gleichzeitig auch noch eine verdammt spannende Geschichte erzählt.

Eine große Überraschung war das herausragende Thriller-Drama Martha Marcy May Marlene, über ein Mädchen, das von einer Sekte flieht und in Angst davor lebt von ihnen wieder aufgespürt zu werden. Der Film erzählt gleichzeitig von ihren Schwierigkeiten in der Gegenwart und ihren Erlebnissen in der Vergangenheit und lässt äußerst geschickt die verschiedenen Zeitebenen ineinandergleiten, sodass schon bald eine gewisse Paranoia beim Zuseher entsteht und man sich nie sicher sein kann was als nächstes geschieht. Ebenfalls herausragend ist Schlafkrankheit, der neue Film von Ulrich Köhler, der die Berliner Schule nach Afrika bringt. Ein unkonventionelles Drama mit einer ganz besonderen Atmosphäre und einer höchst interessanten Art des Geschichtenerzählens.

ADangerousMethod-Scene03Natürlich gäbe es noch viele weitere Filme zu erwähnen: Etwa die sympathische (aber in letzter Instanz etwas zu brave) Papstgeschichte Habemus Papam, oder den etwas zu mainstreamlastigen David Cronenberg Film Eine dunkle Begierde - aber so ist das eben mit der Viennale: Egal wieviele Filme man auch sieht, es gibt immer noch etwas zu entdecken. Wir waren jedenfalls höchst zufrieden mit dem Programm des Festivals und hatten eine schöne Kinozeit. Viele unserer Kritiken sind bereits online, aber in den nächsten Tagen werden noch weitere folgen, in denen wir die wichtigsten Filme des Festivals im Detail besprechen werden.

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