Xavier Beauvois.jpgRegisseur Xavier Beauvois spricht über seinen neuen Film Eine fatale Entscheidung. Er erzählt von seiner Recherche, bei der er selbst als Polizist im Einsatz war und über vieles mehr. Eine fatale Entscheidung erzählt die Geschichte eines jungen Kommissars, der frisch von der Polizeischule kommt und sieht, dass es in der Praxis ganz anders zugeht, als im Film. Der Film setzt besonders auf viel Realismus und stellt sich gegen die gängigen Cop-Klischees.


Xavier Beauvois über seinen Film

Als ich noch beim Schnitt meines vorhergehenden Films Selon Matthieu war, hatte ich die Idee für einen Thriller. Ohne dass ich eine genaue Vorstellung des Plots hatte, war mir eines klar: ich wollte weder ein Buch noch einen Film oder eine andere Geschichte als Vorlage haben. Die Realität sollte meine Inspiration sein.


Ich habe mich also mit einem Hauptkommissar getroffen, der in einer Mordkommission arbeitete, verbrachte mehrere Monate mit ihm im Büro und an den Schauplätzen, wobei ich mich manchmal selber als Kommissar ausgegeben habe. So konnte ich an den Tatorten, bei den Untersuchungen und sogar einer Autopsie dabei sein.


Diese Realität kam mir viel interessanter vor als das Klischee des Genres. Mir hatte die Vorstellung eines jungen Kommissars, der in seiner ersten Anstellung mit der harten Realität seines Berufs konfrontiert wird, gefallen. Darauf baute ich eine wahre Geschichte auf, wobei ich stets so realitätstreu wie möglich sein und das nutzen wollte, was ich gesehen hatte. Es gibt viele Figuren wie die des Skelettor, Situationen und sogar Dialoge, die ich selber erlebt habe und die daher das Drehbuch authentisch machen. Die Idee des begeisterten jungen Kommissars kam mir aufgrund meiner eigenen Erlebnisse als junger Regieassistent. Paradoxerweise gibt es aber auch Verbindungen zu Vaudieus Geschichte und ihren Problemen.


Um die Figuren zum Leben zu erwecken und bewusst karg gehaltenen Szenen Tiefe zu geben, habe ich SchauspielerInnen ausgewählt, mit denen ich bereits gearbeitet hatte: Nathalie Baye (Vaudieu), Roschdy Zem (Solo), Antoine Chappey (Mallet) und der Newcomer, Jalil Lespert, der den jungen Kommissar spielt.


Interview mit Xavier Beauvois

Warum spielt der Film im Polizei-Milieu?

Zuerst wollte ich mich am Genre des Krimis reiben. Hinzu kommt, dass das Thema Alkoholismus nicht leicht unterzubringen ist, wenn man aber dieses Thema in einen Krimi einbettet, kann man es darin ertränken ... Anfangs habe ich mich für jugendliche Straftäter interessiert. Ich habe einige von ihnen gesehen, aber sie erschienen mir zu paranoid. Erst das Gefängnis macht sie so richtig schwierig. Dann wurde mir auch noch von richtigen Polizisten bestätigt, dass es wirkliche jugendliche Straftäter gar nicht mehr gibt. Es gibt nur noch einige LKW-Raubüberfälle und russische Zuhälter. Die großen Verbrechen verüben die Angestellten im Management. Das alte Zeitalter der kleinen Gauner wie Mémé Gueri ist vorbei. Heute verschaukelt jeder jeden. Also habe ich mir die echten Polizisten mit ihrem Alltag angesehen. Mir war gar nicht klar, dass das ein total interessantes Thema ist, das kam mir dann aber sehr gelegen und war sehr aufregend. Allerdings wusste ich anfangs gar nichts; alles war neu für mich. Zuerst haben mir die Bullen nur wenig gezeigt, je länger ich dabei war, desto mehr sind wir Kumpels geworden und ich habe dann tatsächlich viel gesehen.


Was hat dich an den Polizisten erstaunt?

Ihre normale Seite. Sie sind so viel weniger pervers als all die Künstler und Leute vom Film, die ich kannte. Die Polizisten sind ganz normale Menschen, sie haben gar nicht diese Cowboy-Seite, die man von den Filmen her kennt. Sie sind normal, sie bringen ihre Kinder zur Schule, stecken dann ihre Waffe ein und gehen zur Arbeit ... Aber da sie ständig im Dreck wühlen, sind sie auch eher so etwas wie der Abfall der Gesellschaft. Sie haben jedoch alle einen gewissen Humor, ohne den sie gar nicht überleben könnten - wie die Ärzte und Kriegsberichterstatter. Und sie haben ständig interessante Sachen zu erzählen. Während ich das Drehbuch schrieb erzählte ich meinen Freunden von dem, was ich bei der Polizei erlebt hatte. Da man mich für einen Kommissar gehalten hatte, habe ich alles mit den Augen eines Anfängers gesehen. Dann habe ich mich gefragt, warum ich nicht just das erzähle, was ich täglich sehe, so entstand die Idee, als Hauptperson einen jungen Abgänger der Polizeischule zu nehmen, der sich für eine Stelle entscheidet, dort ankommt und anfängt, die Welt zu entdecken. Das Publikum kann also mit ihm entdecken.


Warum ist die Polizei im Film oder Fernsehen so anders im Vergleich zu dem, wie man sie bei dir im Film sieht?

Die meisten, die in irgendwelchen TV-Serien mitspielen, haben nie einen Fuß in eine richtige Polizeiwache gesetzt, also stellen sie sich das Leben und den Alltag dort nur vor - ihnen ist die Realität völlig egal. Kürzlich habe ich eine Serie gesehen, da haben die Bullen die Wache mit ihrer Polizeiarmbinde verlassen, aber die Binde nutzt man vor Ort, um nicht selbst für einen Verbrecher gehalten zu werden. Im Alltag verlässt man die Wache in Zivil, um nicht erkannt zu werden. Also, was hat die Bullen im Fernsehen dazu gebracht, die Wache mit der Armbinde zu verlassen?! Die Leute lassen sich inspirieren von den Filmen, die sie sehen, die wiederum sind aber anderen Filmen abgeguckt - und weil sich alle lediglich von anderen beeinflussen lassen und niemand an den Ursprung geht, kommt es zu diesem blöden Schwachsinn. Für mich war es wahrer Luxus, all die Wochen zur echten Polizei zu gehen, mit den Leuten ein Glas zu trinken, zu essen, zu diskutieren und mit anderen Polizisten zu telefonieren. Erst durch die gemeinsame Zeit habe ich die Polizisten verstanden. Aber um dahin zu kommen, muss man wie sie zum Bullen werden, sonst erreicht man nichts. Es war wichtig, von Anfang an einer von ihnen zu sein, nur so konnte ich meinem Team bei den Dreharbeiten helfen.


Eine gewisse Desillusionierung umweht den ganzen Film ...

Ich glaube, dass meine Filme immer über den momentanen Zustand der Gesellschaft reflektieren. Die jungen Leute sind desillusioniert, sie wissen nicht, warum sie überhaupt wählen gehen sollten. Irgendwie ist alles viel zu kompliziert, man versteht nichts, es herrscht Krieg, es gibt Attentate und Elend, technisch gesehen weiß man gar nicht, was man noch erfinden sollte, da wir doch bereits alles haben - das Fernsehen ist ständig dabei, das Handy, alle reisen überall hin ... Die Jugendlichen rauchen und trinken mehr und mehr, weil sie an nichts mehr glauben. Ich möchte, dass meine Filme denselben Geruch haben wie die Gesellschaft, sie sollen so schmecken und riechen. Wenn sich die Gesellschaft verändert, soll mein Film in 50 Jahren ein Zeugnis vom Geruch und Geschmack ihrer Zeit sein. In N'oublie pas que tu vas mourir habe ich darauf bestanden, das Datum einzufügen. Siehe da, Aids gibt es immer noch.


In Eine fatale Entscheidung ist Gewalt gegenüber Fremden ziemlich explizit.

Rassismus, das ist nicht nur Le Pen oder de Villiers, sondern das sind die ganz alltäglichen Gesten, die eine reale Gewalt gegenüber den Fremden bedeuten. Man hat mich gefragt, ob ich keine Angst hätte, dass man mich für einen Rassisten hält. Man hat mich gefragt, warum "im Film die Fremden, die Russen, die Bösen sind - warum eigentlich nicht die Franzosen?" Zuerst einmal, weil von 100 Personen im Polizeigewahrsam 95 ausländischer Herkunft sind, das ist die Realität. Sie haben am wenigsten, daher machen sie also mehr Blödsinn, das ist ganz logisch. Wie kann man mich einen Rassisten nennen, wenn der Film den Rassismus sichtbar macht?


Die einzigen Momente, die der Gewalt kurz entgehen, sind die der Liebe und der Freundschaft.

Oder der Suff. Die Kneipe ist für mich ein wichtiger Ort, dort sieht man die verschiedensten Leute. Als Cineast muss man dort vorbeischauen. Im Leben passieren viele Dinge in der Kneipe, dort trifft man Schauspieler, verabredet sich, dort trifft man sich nach einer Beerdigung, man feiert dort die zahlreichen Momente des Lebens. Im Mittelalter haben sich die Menschen noch in der Kirche getroffen, um Geschäfte zu machen, anzubandeln oder ihre Probleme in Ordnung zu bringen. Heutzutage ist das die Kneipe, mit dem großen Unterschied, dass man dort saufen kann.


Zwei Mal zeigt der Film Vaudieu (Nathalie Baye) bei den Anonymen Alkoholikern.

Wenn man wie sie aufhören möchte zu trinken, ist der Gedanke an dieses Aufhören wie eine Obsession. Aber man kann nicht das Innere des Gehirns filmen, man kann nicht diese andauernden, besessenen Gedanken zeigen, also erinnern diese beiden Szenen an das Alkoholproblem.


Deine Sicht auf den Alkohol ist kalt, ohne Mitleid, aber auch ohne Urteil.

Man kann ein Laster verurteilen, aber keine Krankheit.


Was ist an der Idee, dass man das Leben nur mit der einen oder der anderen Droge erträgt?

Alle Gesellschaften in der Geschichte haben eine Krücke gebraucht, um das Leben zu ertragen. Im Urwald Amazoniens fällen die Indigenen Bäume und machen aus dem Saft eine Art Alkohol, ein starkes pflanzliches Halluzinogen - Ayawaska. Überall raucht man angereicherte geschmacksverstärkte Substanzen, der Mensch findet da immer einen Weg. Ich habe mir immer gesagt, dass man in "Asterix und Obelix" den Zaubertrank gut durch Alkohol ersetzen könnte und es wäre plausibel - allerdings dürfte Obelix den Zaubertrank nicht trinken, da seine Eltern Alkoholiker sind. Als ich mit den Arbeitern für Selon Matthieu gesprochen habe, wurde mir klar, dass sie alle etwas brauchen: man kann nicht den ganzen Tag stupide, sich wiederholende Handgriffe tun, ohne stoned zu sein. Im Krieg ist es ähnlich, die Typen sind alle vor einer Schlacht ziemlich besoffen. Das gleiche gilt für die Polizei: nach der Autopsie einer Mutter und ihren drei Kindern, die Opfer eines Massenmordes geworden sind, geht man als erstes anschließend in die gegenüberliegende Bar und schüttet drei Cognacs runter. Sonst hält man das gar nicht aus.


Warum ist unsere Gesellschaft gegenüber diesen notwendigen Drogen so heuchlerisch?

Die ganze Welt weiß, dass alle unter Drogen stehen. Insbesondere im Sport, sogar beim Boule-Spiel. Man darf es ganz einfach nicht zeigen, das muss schön diskret bleiben - wer nicht diskret ist stört. Denn ein Alkoholiker ist derjenige, der zwar genauso viel trinkt wie du, aber den du deshalb nicht magst.


Warum hast du aus der Person des Kommissars Antoine (Jalil Lespert) so eine zarte, freundliche und naive Person gemacht?

Ich habe ihn stets als freundliche Person angelegt, der Name "kleiner Kommissar" ist liebevoll, man muss ihn einfach mögen. Sonst ist man nicht gerührt, wenn er stirbt. Es gibt viele bewundernswerte Bullen und es schwierig, verständlich zu machen, dass es sehr sympathische, witzige und an vielem interessierte Polizisten gibt. Ganz anders als dieses Klischee von Schnauzbart in Uniform.


Die Nebenrollen sind großteils gut in Szene gesetzt, der Kommissar hingegen ist eher zurückhaltend.

Er kommt frisch von der Schule, er kann gar noch nicht das gleiche, gelassene Verhalten haben, er kann sich noch nicht so gehen lassen: er wird noch beobachtet, hat Verantwortung, hat eine Pistole und kommt gerade von der Polizeischule. Er ist in derselben Situation wie ich, als ich Bühnenpraktikant war. Obwohl ich schon ziemlich zur Szene gehörte, wurde das nicht so gern von den Produktionsleitern gesehen. Nein, das muss man etwas zurückhaltend spielen. Nach ein oder zwei Jahren kann man anfangen, sich stärker gehen zu lassen.


Der kleine Kommissar hat Probleme damit, den Alltag, mit seiner Frau zusammen zu leben.

Den Alltag will er nicht. Ich bin Filmemacher wegen der Filme geworden, weil ich nicht mein Leben in einem Büro verbringen wollte und weil sich in meinem Beruf Unerwartetes ereignet. Wie bei der Polizei, wo man morgens ins Büro kommt, ohne zu wissen, was in der nächsten Sekunde passiert. Das ist ein tolles Gefühl, du weißt nicht, was dein Tagesprogramm sein wird - vier Tonnen Scheiße, ein bewaffneter Überfall oder gar nichts. Es gibt einige Übereinstimmungen zwischen Polizisten und Filmemachern. Man hat Zugang zu Verbotenem, man hat das Recht, sich alles anzusehen, aber die anderen dürfen das nicht.


Das Paradoxe ist, dass du dich für das echte Leben interessierst, aber ihm dank des Kinos entkommst.

Ja, ein Kritiker hat vom legalen Verbrechen gesprochen, vom Recht, Verbotenes zu tun, von ungerechtfertigten Vergünstigungen, davon, sich vorzudrängeln. Man fühlt sich privilegiert ... aber nicht wie ein Übermensch. Das ist der pure Wissensdurst. Zum Beispiel die Autopsie, die ich in den Film integriert habe. Das war faszinierend, ich wollte das schon immer Mal sehen, man kann sein Leben nicht verstreichen lassen, ohne zu wissen, wie das da drinnen aussieht. Nicht jeder kann sich das ansehen, aber ich habe es gemacht.


Die Person der Vaudieu war ursprünglich ein Mann. Was sprach dafür, diese Rolle Nathalie Baye zu geben?

Sie trägt zur Zärtlichkeit bei, man ist viel bewegter, alles ist viel zerbrechlicher als wenn sie ein Mann wäre. Ich kann mir die letzte Szene des Films nicht mit einem Mann vorstellen, ich hätte nicht mit dem Gesicht eines Mannes aufhören können. Und eine trinkende Frau ist immer noch viel trauriger als ein Mann.


Der Film ist wie ein Diptychon angelegt, mit einer Person beginnend, um mit einer anderen aufzuhören.

Das nenne ich den Einfluss von Vaudieu auf den Film. Ich fange mit einem jungen Mann an, dem kleinen Kommissar und man glaubt, dass Thema des Films sei ein Krimi mit dem kleinen Kommissar. Aber am Ende fragt man sich, ob es nicht eher ein Film über Alkoholismus ist, über die Spuren, die er in einer Frau hinterlässt.


Hattest du von Anfang an die Idee, den Film zum Portrait mehrer Personen zu machen?

Das kam zuerst unbewusst, dann wurde mir klar, dass ich mehr in die Tiefe gegangen bin. Ich weiß nicht, ob ich vor einigen Jahren das Portrait einer Frau hätte drehen können.


Nach Selon Matthieu arbeitest du zum zweiten Mal in Folge mit Nathalie Baye. Was berührt dich an dieser Schauspielerin und was an der Frau?

Was ich an ihr sehr mag und warum wir gut zusammenarbeiten können ist, dass sie eine sehr starke Frau ist, voller Kraft, intelligent, energisch, aber gleichzeitig sehr zerbrechlich wirkt. Ihre tänzerische Seite berührt mich sehr. Auch ich habe sehr starke und sehr schwache Seiten. Für diese Person habe ich eine Schauspielerin gebraucht, die zu mir vollstes Vertrauen hat, der ich nicht alles, was ich wollte und was ich tat, erklären musste. Weil das bei Selon Matthieu schon so gut geklappt hat, wusste ich, dass sie mir vollstes Vertrauen entgegenbringt und sich komplett auf sich verlässt. Das passiert mit einer Intelligenz, die man nicht durch intellektuelle Diskussionen erreicht. Eher sind das zwei Leute, die auf derselben Wellenlänge funktionieren. Das ist genau das, was mit allen Schauspielern passierte: mit Roschdy Zem, Jalil Lespert, Jacques Perrin, Antoine Chappey: Es gab fast keine Diskussionen wegen der Schauspielführung, ich hatte den Eindruck, ihnen war alles klar. Es ist angenehm, wenn man spürt, dass die Crew so denkt wie du. Die einzige Gefahr war, dass wir häufig sehr nahe daran waren, wie blöd zu lachen: Chappey brachte uns schon zum Lachen, ohne dass er überhaupt etwas gemacht hatte, Nathalie Baye brach als erste in dieses verrückte Lachen aus, aber Roschy Zem und Patrick Chauvel sind auch große Komiker.


Was hat Jalil Lespert zur Person des kleinen Kommissars beigetragen?

Die Aufrichtigkeit des Kommissars, seine zutiefst ehrliche Seite, seine Freundlichkeit, die Tatsache, dass man ihn sofort mag. Ich habe Jalil Lespert machen lassen, da ich den Eindruck hatte, dass er innerhalb von 15 Sekunden in dem Film drin war. Als wir die Szenen in der Polizeischule gedreht haben, ist er gekommen, hat sich sofort die Uniform angezogen und einen echten Polizisten gefragt, wie das abläuft. Einige Minuten später meinte er "O.K., ich hab's verstanden", danach wurde er sofort zum kleinen Kommissar vor der Kamera, denn da waren wir bereits am drehen. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich ihn viel gelenkt habe - er hat sich auf eigene Faust informiert.

Ich ließ ihn dann seinen Polizeiausweis, seine Armbinde, seine Waffe und die Handschellen für die gesamte Drehdauer mit nach Hause nehmen ... Sie haben sich gut verstanden.


Polizei spielen ist ein Kindheitstraum - wie kann man dieses Vergnügen mit der Strenge des Films vereinen?

Man kann streng sein während man sich amüsiert, das ist nicht das Problem. Man kann wirklich vor der Kamera totalen Mist reden und bei der Aufnahme total ernst sein, total ehrlich. Ich kann nicht unter permanenter Anspannung drehen, man muss auch mal einen Spaß machen, so dass sich das Team amüsiert. Wir machen Kino, wir arbeiten nicht auf einer Bank, keine Frage, dass man sich auch mal kaputtlacht. Sobald die Leute gut arbeiten, haben sie das Recht, Witze zu reißen, zu machen, was sie wollen. Es muss rocken! Bei vielen Drehs hat man den Eindruck, dass alle in Filzpantoffeln rumlaufen, das stresst mich: ich wage keinen Witz zu machen, kein Wort lauter als das andere zu sagen, man hat den Eindruck, es sei ein ganz normaler Beruf. Aber für mich ist das ganz bestimmt kein normaler Beruf. Sobald ich einige Tage im selben Dekor drehe, habe ich schon den Eindruck, dass sich Routine einschleicht - für mich unmöglich!


Du wolltest ursprünglich nicht im Film mitspielen, dann hast du dir doch noch die einzige miese Rolle gegeben, die des reaktionären Polizisten.

Schauspieler akzeptieren nur schwer, dass sie nichts zu tun haben. In Eine fatale Entscheidung gibt es eine Gruppe von sechs oder sieben Kriminellen, die spielen mal eine witzige und kluge Szene, aber den Rest der Zeit sind sie Statisten. Dann haben sie auch Probleme damit, widerliche Typen darzustellen, rassistische Sachen zu sagen. Die Person des Skelettor z.B. sollte einen rassistischen Witz machen, aber der Typ, der die Rolle spielte, wollte das nicht. Um realistisch zu wirken, brauchte es eine Person, wie ich sie spiele: die Polizisten haben nicht nur gute Seiten, das glaubt niemand mehr, sie sind keine Engel. Am Anfang wollte ich gar nicht selber spielen, doch dann hatte ich totale Lust, mich mit den anderen zu amüsieren. Der Dreh ist für mich Entspannung, meine Leidenschaft. Ich habe Lust, beim Film mitzumachen, so wie ich für einige Monate den Polizisten in der Realität gespielt habe, war es für mich unmöglich, das nicht auch mit den falschen Polizisten in meinem Film zu machen. Für einen Schauspieler heißt zu schauspielern auch, sich zu amüsieren. Es macht Spaß, wie die kleinen Kinder Räuber und Gendarm zu spielen. Mit dem Unterschied: hier kostet das einige Millionen Euro, man hat echte Polizeiautos, Blaulicht, Maschinengewehre, Statisten, man sperrt die Straßen, es gibt Feuer ... Man kann einen strengen Film machen und sich gleichzeitig wie ein Kind amüsieren.


Ist die Szene, in der der Kommissar den Gang bis zum Drogendezernat entlanggeht, auch improvisiert?

Das ist eine der wenigen Szenen, deren Einstellung und Schnitt ich mir schon vorher genau überlegt hatte. Eher eine Folge von Einstellungen, denn ich wollte, dass man die gesamte Länge des Ganges sieht, er ist eine Art Initiation. Er symbolisiert den Traum des Kommissars, er muss nur 30 Meter zurücklegen, um zu ihnen zu kommen, aber das ist wie eine zweite Geburt. Am Ende ist er ein richtiger Polizist, er stößt mit den anderen an, lässt sich gehen, es gibt Stoff, man macht Witze, er ist einer von ihnen. Bei dieser Szene spielen nur echte Polizisten. Ich habe ihnen nur gesagt: "Das habt ihr schon zig Mal gemacht, ihr habt doch oft diese kleinen Parties, weil ihr etwas Stoff gefunden habt. Und dann kommen doch die Jungs, die gerade von der Polizeischule abgegangen sind. Gut, genauso macht ihr es jetzt auch." Und mit zwei Takes war das Ganze im Kasten, weil ich es ihnen genauso ruhig gesagt hatte.


Und ihre Dialoge sind improvisiert?

Ja, sie haben alles improvisiert. Das erreicht man ganz einfach: ich nehme den Druck von ihnen, ich versuche, sie zum Lachen zu bringen, damit sie sich entspannen. Das ist meine Art, Regie zu führen, sie in Szene zu setzen, ohne dass sie sich darüber klar werden. Man muss spielen, während das Bild läuft und darf sich ganz bestimmt nicht vorher den Kopf zerbrechen. Der Beweis ist, dass es funktioniert. Diese Typen haben vorher noch nie geschauspielert, aber sie improvisieren richtig gute Dialoge. Dahin zu kommen wird für mich immer einfacher - allerdings nicht mit den Theaterdarstellern, mit denen ist das schwierig. Ebenso wie Delon glaube ich, dass es Schauspieler gibt und Theaterdarsteller. Und ich ertrage weder das Theater noch die Darsteller: sie übertreiben, sie sind keine Personen, sie spielen sie bloß. Aber ich will, dass die Leute Personen sind, ich will nicht, dass sie ihren Text vorher lernen, frühestens am selben Morgen, während der Maske. Das ist eine verkürzte und gleichzeitig sehr überlegte Art zu arbeiten.


Du spielst immer wieder mit der Mischung von Fiktion und Realität. Gibt es auch Momente, in denen das nicht funktioniert?

Nein, das klappt gut. Wenn du einen echten polnischen Obdachlosen Nathalie Baye gegenüberstellst, funktioniert das wunderbar - obwohl er gar nicht richtig versteht, was ihm gerade passiert; er schläft draußen und plötzlich findet er sich beim Dreh wieder. Also habe ich ihn etwas zu entspannen versucht, weil er zitterte, da er Angst hatte zu spielen. Ich habe ihn gefragt, ob er ein Glas trinken wolle. Und dann setze ich ihn wieder etwas unter Stress, denn es ist vernünftig, etwas Angst in einem Film zu haben. Vorher habe ich aber einige Versuche gemacht, ich habe mir verschiedene Leute angesehen. Viele können sehr gut sein, denn die Menschen schauspielern ja auch im Leben: wenn du traurig bist, aber dennoch Witze erzählst, wenn du lügst, weil du verführen willst, dann spielst du. Wenn du das in deinem Leben machen kannst, dann kannst du das auch vor der Kamera. Aber kein einziger Theaterdarsteller, der hergerichtet ist, um einen Obdachlosen zu spielen, wirkt so überzeugend, als hätte er die letzten 25 Jahre auf der Straße verbracht und gesoffen. Unmöglich, diese Zähne zu haben, diesen Blick - das geht nicht. Ein Leben voller Leid, das kann man nicht nachmachen. Um dahin zu kommen, wo ich hin will, versuche ich immer, meinen Verstand und die Logik mit dem kleinsten Aufwand zu verknüpfen. Was kannst du dich abrackern, damit ein special effects-Typ kommt, um ein Auto mit Kugeln zu durchsieben?! Das braucht dann einen halben Tag! Ich nehme eine Karre, eine echte Pistole, stell mich neben die Kamera und platziere das gesamte Team außerhalb möglicher Irrläufer. Ich bin alleine auf dem Set und schieße auf das Auto - nach 15 Sekunden ist das vorbei! Das ist ein Beispiel. Man muss das Vernünftigste finden, das Einfachste, immer dem natürlichen Gespür nachgehen. A propos geringster Widerstand: wenn du Polizisten dabei filmen willst, wie sie eine Taufe beobachten, dann gehst du zu einer echten Taufe und filmst sie. Zuerst fragst du natürlich die Familie um Erlaubnis, aber meistens sind die Leute einverstanden. Du sagst ihnen, da sind dann Nathalie Baye und Roschdy Zem, und die Taufe wird in etwa 200 Kinosälen gezeigt. Das ist also eine echte Taufe, du drehst wie bei einer Reportage, in die du deine Schauspieler integriert hast. Danach merkst du, dass du richtig Lust hast, eine Polizeischule zu drehen, aber dazu brauchst du 650 ausstaffierte Statisten ... Warum frage ich nicht die Polizei, ob ich meinen Schauspieler in eine echte Zeremonie integrieren kann? Alles ganz echt! Und das ist dann geritzt. Das einzige, was ich nicht geschafft habe, war in die Gänge des Justizpalasts und zum Büro des Richters zu kommen: ein Idiot hatte eine Bombe vor der Botschaft Indonesiens platziert - Drehverbot.

Heute funktioniert das sogar besser als in einem Dokumentarfilm, wo die jugendlichen Straftäter nur verschwommen aufgenommen werden, die Polizisten sind unscharf, manchmal sogar die Häuser. Warum bringen sie das nicht gleich im Radio?


Wenn du eine Person, wie die, die Kaminski spielt, und die noch nie im Kino war, Nathalie Baye gegenübersetzt, weißt du dann, dass das funktioniert?

Nein, weil ich nicht sicher sein kann, dass er zum Dreh auftaucht. Um ihn und die anderen zu finden, habe ich die Organisation "La mie de pain" kontaktiert, die Obdachlosen nachts Unterkünfte bereitstellt. Sie haben uns einige genannt, ich habe sie auf die Probe gestellt, um herauszufinden, ob sie pünktlich kommen, habe ich ihnen gesagt: "O.K., kommt Freitag um 14 Uhr ..." Wir haben ihnen auch Handys gegeben, aber sie sind keine Geschäftsleute. Du weißt nicht, wie das verlaufen wird, du spielst auf Risiko. Du kannst zwei Tage mit einem Typen drehen, der am dritten verschwunden ist. Aber ich glaube, dieses Risiko war es wert. Abgesehen davon stellst du ein bestimmtes Klima auf dem Set her. Alle kriegen schnell die entspannte Atmosphäre mit, du lässt sie einen kleinen Joint rauchen, ein Glas trinken ... Eine ganz instinktive Entspannung.


Du arbeitest wie in einer Familie, oft mit denselben Leuten - ist das, um dich abzusichern?

Mit Roschdy Zem und Antoine Chappey wollte ich schon ganz lange arbeiten. Ansonsten werde ich dadurch auch unempfindlicher, denn nicht alle Techniker haben Talent, wenn du also welche mit Talent gefunden hast, gehst du das Risiko nicht ein, sie auszutauschen. Man muss die Risiken minimieren und sich nach überall hin unempfindlich machen. Das habe ich dieses Mal mit den Schauspielern, den Technikern und dem Drehbuch gemacht. Und danach gab es dann die Improvisation, da muss man sehr spielerisch sein können.


Deine Art zu drehen hat Bezug zu den ursprünglichen Prinzipien des Kinos, als ob du absolutes Vertrauen hättest.

Aber das Kino hat mir das Leben gerettet! Deshalb habe ich totales Vertrauen, ich liebe diesen Beruf! Obwohl - das ist kein Beruf, das ist eine Leidenschaft. Wenn ich an meine Kindheit denke, woher ich komme, was ich dort hätte tun können ... Das wäre nicht möglich gewesen, jemand musste mich von dort rausholen ... Mit 18 bin ich weggegangen, es war das Kino, das mir gesagt hat: "Schau, du wirst ein etwas lustigeres Leben haben, du wirst reisen", wie eine Fee, die mich holen kam.


Aber du hast es auch gesucht.

Ja, und ich möchte das Beste daraus machen, indem ich meine Filme mit der größtmöglichen Verantwortung und der bestmöglichen Strenge mache. Das mache ich auch aus Respekt vor den Zuschauern: Wenn die Leute sich die Mühe machen, ins Kino zu gehen, für ihre Kinder einen Babysitter organisieren, um deinen Film zu sehen, dann darf das nicht dasselbe sein wie im Fernsehen, es muss besser sein! Das Kino wurde sehr schnell zur Kunst. Als ich in Calais eingesperrt war, bin ich immer mittwochs ins Kino gegangen, irgendwann haben mir meine Eltern einen Videorekorder gekauft, von da an habe ich vier oder fünf Filme am Wochenende geguckt. Ich hab mir alle Filme mit Belmondo reingezogen, die Krimis, die Kriegsfilme, alles, was angeboten wurde. Und ich habe mir gesagt: "Das ist das, was ich machen will." Weil ich die Namen im Abspann gelesen habe, habe ich gemerkt, das ist ja nicht nur Delon, sondern das sind ja ganz viele, das war mir vorher gar nicht klar. Dann kam für mich der Schock mit M. le maudit, den Jean Rouchet im Kinoklub von Calais erläuterte, da wurde mir bewusst, dass Kino nicht nur Unterhaltung ist oder nur eine Kunst neben anderen, sondern eine so intelligente Kunst, brillant, vollständig und faszinierend, sie umfasst ganz vieles: die Komödie, das Theater, die Architektur, den Tanz, die Malerei ... Von da an konnte ich nichts anderes mehr machen.


Eine Kunst, die dich nicht eingeschüchtert hat?

Nein, ich hab mir gar nichts dabei gedacht. Ich habe meinen ersten Film mit 23 Jahren gemacht, da machst du dir keine Gedanken. Wie willst du überhaupt wissen, ob du für einen Beruf begabt bist, ohne ihn auszuprobieren? Als ob du dich fragen würdest, ob du ein guter Fahrer bist, ohne jemals in einem Auto gesessen zu haben, wie weißt du dann, dass du gar nicht den Führerschein hast? Was das Kino angeht, so hat mich das vielmehr angestachelt. Jedes Mal habe ich versucht, einen etwas komplizierteren FiIm zu machen, die Latte etwas höher zu legen. Das ist wie mit den Autos: wenn man kann, kauft man sich immer schönere Schlitten.


Dein Portrait der beiden Hauptdarsteller verbindet Antoines gierige Naivität mit der resignierten Weisheit von Vaudieu.

Ich versuche, die beiden Seiten im Leben zu vereinen, ein Gleichgewicht herzustellen. Seit N'oublie pas que tu vas mourir bin ich erwachsen geworden, ich bin viel gereist, ich habe viele Kulturen kennen gelernt, ich habe Kinder, die auch älter geworden sind, ich habe Schmerzhaftes durchlebt. Diese Art von globalem Verständnis der Welt - der Politik, der Mafia und dem ganzen Rest - ist angenehm. Angenehm und zur gleichen Zeit schrecklich.


Wie kann man seiner Vision integer und treu bleiben, oder muss man wie die große Mehrheit Kompromisse oder einen Bückling machen?

Es bedeutet, sich ziemlich anzustrengen, die Produzenten zu finden, die dir so vertrauen, dass du machen kannst, was du willst. Ich habe diesen Produzenten getroffen, das ist bereits der dritte Film, den wir zusammen gemacht haben.


Ist es dieses Vertrauen, dass dir erlaubt, ohne Musik im Film auszukommen?

Ein Film ohne Musik ist schon seltsam, aus lauter Gewohnheit musst du sie benutzen. Vor dem Dreh hat man mich gefragt, ob ich Musik verwenden werde. Ich habe geantwortet: "Das weiß ich noch nicht, ich muss dem Film zuhören, er hat eine Seele, man muss den Schauspielern zuhören, den Technikern. Aber insbesondere auf das, was der Film sagt." Außerdem wollte ich so drehen, wie ich es selber erlebe. Wenn ich etwas ausgeflippt bin und auf der Straße laufe, habe ich kein Streichquartett, das mir an den Fersen klebt. Warum folgt also den Leuten, wenn sie ausgeflippt in einem Film sind, ein ganzes Orchester?

Quelle: Filmladen

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