viennale2Viennale 06: Special


Die Viennale findet vom 13-25 Oktober in der Wiener Innenstadt statt. Im Gegensatz zu anderen Filmfestivals gibt es kein Motto. Auf der folgenden Seite finden sie unsere Tipps, um ihnen die Filmauswahl auf der diesjährigen Viennale zu erleichtern.


Das vollständige Programm finden sie hier



viennaleDie Viennale findet in folgenden Kinos statt:

  • Gartenbaukino 1., Parkring 12
  • Künstlerhauskino 1., Akademiestraße 13
  • Urania 1., Uraniastraße 1
  • Stadtkino 3., Schwarzenbergplatz 7
  • Metro 1., Johannesgasse 4
  • Filmmuseum 1., Augustinerstraße 1

Ticketpreise:

  • Einzelticket €7,50
  • Ab 10 Tickets €6,90
  • Ab 20 Tickets €5,90


Die Filmering.at Spielfilm-Empfehlungen:


The Queen: (13.10 - 23:00 Uhr - Gartenbaukino)

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Regie: Stephen Frears

The Queen von Stephen Frears handelt von den Schwierigkeiten, mit den Erfordernissen der modernen Mediengesellschaft Schritt zu halten - und zwar in der Person der englischen Königin Elisabeth. Der Film beginnt mit dem Wahlsieg Tony Blairs im Jahr 1997, erzählt vom Tod Dianas und konzentriert sich auf die Tage danach, als sich die Königsfamilie zum Verdruss der Briten in Balmoral verschanzte und unfähig zu einer angemessenen Reaktion schien. Frears mischt dabei geschickt Fernsehbilder in seine nachgestellten Szenen, so dass man die hysterische Trauer jener Tage fast als Doku-fiktion nacherlebt, findet aber doch einen Tonfall, der daraus ein Königsdrama der Mediengesellschaft macht.

Eingestimmt wird man schon durch den Anfang, als Blair seinen Antrittsbesuch im Buckingham Palace machen muss und jeglicher antiroyalistische Impetus durch das strenge Protokoll im Ansatz erstickt wird. Wie ein Pennäler steht der neue Premier vor der Queen, die ihm keinen Schritt entgegenkommt und keine Peinlichkeit erspart. Frears' Kunst liegt darin, sein Publikum von Beginn an auf ihre Seite zu ziehen, um sein Thema umso wirkungsvoller abstecken zu können: die Unvereinbarkeit von Emotion und Etikette. Während das Blumenmeer vor dem Palast wächst und sich die Stimmung langsam gegen die offenbar hartherzige Königin wendet, versucht Blair immer verzweifelter, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, endlich eine Reaktion zu zeigen, die der öffentlichen Erschütterung Rechnung trägt. Und je mehr sich die Queen versteift, desto erstaunlicher wird Helen Mirrens Kunst, die widersprüchlichen Gefühle ihrer Figur hinter der reglosen Maske sichtbar zu machen. The Queen ist eine wunderbare Gratwanderung zwischen vergnügtem Spiel und angemessenem Ernst, zwischen historischem Vorbild und künstlerischer Freiheit. (Michael Althen)


LAITAKAUPUNGIN VALOT - Lichter der Vorstadt (14.10 - 20:30 Uhr - Gartenbaukino und 15.10 - 23:00 Uhr - Stadtkino)

lichter_der_vorstadtRegie: Aki Kaurismäki

Der Nachtwächter Koistinen streunt nach der Arbeit einsam durch die verlassenen Straßen der Stadt, als er eines Tages die Bekanntschaft der Blondine Mirja macht. Sie nutzt Koistinens Gutmütigkeit aus, um ihm Informationen für einen Einbruch zu entlocken, worauf der lakonische Wächter angeklagt und - obwohl unschuldig - ins Gefängnis gesteckt wird. Nicht nur seine Arbeit und Freiheit sind verloren, sondern auch seine Träume scheinen für immer dahin.

Lights in the Dusk ist der dritte Teil der Trilogie Kaurismäkis, die man am besten als «Loser-Trilogie» bezeichnet. Drifting Clouds behandelte das Thema Arbeitslosigkeit, in The Man Without a Past versuchte ein Mann ohne Gedächtnis sich ein neues Leben aufzubauen. Lights in the Dusk schließlich widmet sich ganz dem Thema Einsamkeit. Schöner kann man diese kaum inszenieren. (Nana A. T. Rebhan)

Kaurismäki verknüpft Figuren eines Außenseiterdramas mit Versatzstücken des Film noir. Hierin zeigt sich eine weitere Eigenart seines Werkes. Er verarbeitet Motive und Stilelemente unterschiedlicher Filmgattungen zu einem neuen eigenständigen, eigenwilligen Ganzen. Seine Genre-Collagen greifen auf klassische Elemente des Filmrepertoires zurück, die sie abrufen aber gleichzeitig auch demontieren. Eine doppelbödige, poststrukturalistische Ironie, mit der beispielsweis Mirja charakterisiert wird: Die Femme fatale am Staubsauger, die bei einem Treffen der Gangsterbosse im Hintergrund den Fußboden saugt, karikiert das Noir-Klischee, das Kaurismäki in den Szenen mit Mirja und Koistinen wieder aufleben lässt. Lights in the Dusk ist weder Parodie noch Neo-Noir - oder beides zugleich. (Stefan Volk)


Letter from an unknown woman (14.10 - 16:00 Uhr - Metro)

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Regie: Max Ophüls

Die Geschichte einer unerfüllten Liebe im Wien der Jahrhundertwende: Ein Konzertpianist bereitet sich vor, aus der Stadt zu fliehen, um einem Duell zu entgehen. Da erreicht ihn in der letzten verbleibenden Nacht ein Brief - es ist das Bekenntnis einer Frau, deren Zuneigung er immer wieder ignoriert hat. In Rückblenden wird ihr Leben erzählt - im Zeichen der unerwiderten Liebe und unerfüllten Sehnsucht.

«Wenn du diesen Brief liest, bin ich schon tot.» - Regisseur Max Ophüls realisierte Letter from an Unknown Woman nach der Novelle von Stefan Zweig 1948 in Hollywood: ein funkelndes Melodram um eine Amour fou und zwei verpfuschte Leben. Joan Fontaine verliebt sich als junges Mädchen Lisa in ihren Nachbarn, den Konzertpianisten Stefan Brand (Louis Jourdan), und wird ihrer Obsession im Laufe ihres Lebens alles opfern. Brand hingegen verschleudert sein musikalisches Talent, um sich einem Leben als Playboy zu widmen.

Jourdan gelingt es, seine Figur stets in einer interessanten Ambivalenz zu halten: Er ist oberflächlich, jedoch so charmant, dass man seinen routiniert vorgetragenen Galanterien manchmal beinahe glauben möchte. Fontaine dagegen ist ganz linkische Verlegenheit, dabei verströmt sie eine enorme Liebe, die der Pianist jedoch nie wahrnimmt. Dass Lisa für ihn nur irgendeine Frau ist, zeigt die vielleicht grausamste Kameraeinstellung der Filmgeschichte: Wenn Lisa mit Brand die Treppe zu seiner Wohnung hinaufsteigt, nimmt die Kamera genau jene Position im Treppenhaus ein, aus der Lisa als Jugendliche schon einmal beobachtet hatte, wie der Pianist mit einer anderen weiblichen Bekanntschaft nach Hause gekommen war. (Lars Penning)


The Night of the Hunter (15.10 - 23:00 Uhr - Gartenbaukino)

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Regie: Charles Laughton

Charles Laughtons einziger Film als Regisseur ist ein Märchen um Psychose und Glauben, frappierend düster und dabei zutiefst menschlich. Großteils aus der Sicht zweier Kinder erzählt, ist die Erzählung voller erwachsener Komplikationen und kommt durch einen Haufen versteckten Geldes in Gang, das der unglückselige Bandit Ben Harper gestohlen und seinen Kindern John und Pearl anvertraut hat. Das macht Bens verzweifelte Witwe Willa zum Objekt der Begierde eines der unvergesslichsten Bösewichte der Leinwand: Robert Mitchum als «Reverend» Harry Powell, in schwarzweißer Predigertracht, mit flachem, sich zu einem Paar dämonischer Hörner wellenden Hut, mit Bibel und Schnappmesser. Auf seine Finger sind die Worte «LOVE» und «HATE» tätowiert, und seine Predigt besteht aus allegorischen Sprüchen über den ewigen Kampf dieser Kräfte. Powell kann Willa täuschen, nicht aber die Kinder: Nach dem Mord fliehen sie mit dem in der Puppe des kleinen Mädchens versteckten Geld.

Mitchum spielt hier einen offen fanatischen Bösen, nachts als Serienmörder leichtlebiger Frauen unterwegs, sexuell besessen vom Geld, mit dem er seinen blutigen Kreuzzug finanzieren will. Die nächtliche Flucht der Kinder auf dem Fluss, in expressionistischem Schwarzweiß gehalten, ist eine magische Sequenz. Nachdem er den Hass so eindringlich vermittelt hat, braucht The Night of the Hunter eine gleich starke Kraft, um die Liebe zu repräsentieren. Laughton gelang es, Stummfilmstar Lillian Gish zur Rückkehr auf die Leinwand zu bewegen und Rachel zu spielen, deren Farm den Kindern offen steht. Doch Mitchum bedroht ihr Idyll wie die Schlange das Paradies, und der Film steuert auf ein grandioses Finale zu. (Kim Newman)


Bobby (18.10 - 20:00 Uhr - Gartenbaukino)

bobby

Regie: Emilio Estevez

Bobby beschwört noch einmal die Zeit der späten 60er Jahre herauf, als die Träume von einem besseren Amerika mit dem Vietnamkrieg, den Attentaten auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy, sowie der späteren Wahl Richard Nixons zum Präsidenten endgültig ausgeträumt waren. Estevez konzentriert sich in seinem Film auf einen Schauplatz und einen Tag: das Ambassador Hotel in Los Angeles, wo Bobby Kennedy in der Nacht zum 5. Juni erschossen worden ist. Mit einem erstaunlichen Darsteller-Ensemble, unter anderen Anthony Hopkins, William H. Macy, Sharon Stone, Demi Moore, Martin Sheen, Helen Hunt und Harry Belafonte, werden in Episoden die Schicksale von 22 Menschen miteinander verknüpft, die dann am Abend bei der Feier von Kennedys Vorwahlensieg zusammenkommen und die schreckliche Tat miterleben müssen. Ein überaus gelungenes, mit zahlreichen historischen Aufnahmen unterfüttertes Stück Zeitgeschichte. (Bernd Teichmann)

Bobby handelt zwar vom Mord an Robert Kennedy, erzählt aber einmal nicht von dem Danach, sondern dem Davor: Eine Art «Menschen im Hotel» wie von Vicki Baum; nur diesmal in jenem Ambassador Hotel in Los Angeles, wo Kennedy am 5. Juni 1968 erschossen wurde. Estevez leistet aber auch keine Gesellschaftsanalyse, sondern wagt eine Utopie, wie das andere Amerika, das mit den Kennedys und Martin Luther King untergegangen ist, ausgesehen hätte: eine Verständigung, manchmal gar Verbrüderung zwischen Rassen und Schichten. Estevez war erst sechs Jahre alt, als das Attentat geschah. Und doch überblendet er das Chaos am Ende mit Reden des jüngeren Kennedys aus dem Off, die wie eine große Predigt auf die Zukunft der Nation klingen. Mit Zitaten, die als Seitenhiebe auf die derzeitige Bush-Administration interpretiert werden dürfen: «Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten.» (Peter Zander)


YAWARAKAI SEIKATSU - It´s only talk (18.10 - 17:30 Uhr - Künstlerhaus und 19.10 - 11:00 Uhr - Metro)

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Regie: Hiroki Ryuichi

Die 35-jährige Yuko lebt als Single, und obwohl Männer in ihrem Leben durchaus eine Rolle spielen, verzichtet die junge Frau auf echte, tiefe Beziehungen. Vielmehr gibt es für jedes ihrer Bedürfnisse einen speziellen Mann: Der junge Gangster Noboru verhält sich ebenso sprunghaft wie sie, ihr Studienkollege Honma ist impotent, ihr Internet-Partner «K» bezeichnet sich selbst als pervers, und bei ihrem Cousin Shoichi, der nun bei ihr Unterschlupf sucht, hat Yuko ihre Unschuld verloren. Mit einer Digitalkamera durchstreift Yuko ihr Viertel, auf der Suche nach interessanten Motiven für ihr Internet-Tagebuch. Doch vielmehr scheint es, als sei sie auf der Suche nach menschlicher Nähe - und nach sich selbst.

Dieser eindringliche Film ist ein kleiner Essay über das Leben selbst. Denn Yuko wird es nie «besser gehen», sie wird stets nach Höheflügen wieder am Boden landen, ganz gleich wie viel Medikamente sie nimmt. Aber für Regisseur Hiroki Ryuichi bedeutet dies, dass sie gerade deshalb unseren Respekt verdient. It's Only Talk ist ein Film, der von uns nicht mehr verlangt als Aufgeschlossenheit und Mitleid gegenüber den gezeichneten und geschlagenen Kreaturen, die wir Menschen nennen. Im Gegenzug offenbart er das Leben eines solchen Menschen in all seiner wahnsinnigen, verwundeten Schönheit. (New York Asian Film Festival)

Mit effektvollem Einsatz von Digitalkamera sowie einer beeindruckenden Darbietung der Hauptdarstellerin Terajima Shinobu entpuppte sich im Jahr 2003 Vibrator, ein Film des altgedienten Pink-Filmemachers Hiroki Ryuichi, als ein Drama, das die echten, zeitgenössischen Probleme seiner Protagonistin mit echten, zeitgenössischen Mitteln porträtierte. It's Only Talk konfrontiert nun - mit derselben Hauptdarstellerin - gleichfalls ein Problem, das im Herzen einer Gesellschaft verankert ist. Hiroki Ryuichi bleibt nicht nur seinem Thema und sich selbst treu, sondern gewährt einen Einblick in den verwirrten Seelenzustand des heutigen Japans. (Tom Mes)


 

Analog Days (18.10 - 16:00 Uhr - Urania und 20.10 - 23:00 Uhr - Stadtkino)

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Regie: Mike Ott

Das kalifornische Newhall liegt knapp 50 Kilometer nördlich von Los Angeles. Es ist eine in mehrerer Hinsicht verstaubte Kleinstadt, wo die Jugend im «Video Depot» arbeitet, das Gemeinschaftscollege besucht und ansonsten damit beschäftigt ist, Alltag, Karrierepläne und Liebesleben in den Griff zu bekommen. Mike Ott hält mit Analog Days jene Abfolge von Momenten im Leben der Jugendlichen fest, in der das Morgen noch eine Spur ungewisser ist als das Heute.

Mike Ott präsentiert mit seinem Spielfilmdebüt eine Studie über eine Gruppe von Freunden, die den schwierigen Übergang von der Jugend zum Erwachsenwerden zu überwinden versuchen. Ott erzählt dabei eine Geschichte über die leisen Ängste des Älter-Werdens, unterlegt mit einem verträumten Soundtrack von Derek Fudesco, Sänger und Bassist von Pretty Girls Make Graves: Einerseits überwältigt von der Aussicht, dass sie endlich erwachsen werden und einen neuen Abschnitt in ihrem Leben beschreiten, sehen die jungen Protagonisten andererseits ihre Zukunft mit jedem Tag ein wenig mehr verkümmern - es ist eine Welt zwischen Hoffnung und Fatalismus, zwischen ausgelassenen nächtlichen Spritztouren und der berechtigten Angst, keinen Job zu bekommen. Die Reaktion auf diese Situation fällt dabei so unterschiedlich aus, wie es auch die Jugendlichen sind - von dem Mädchen, das von der Kunstschule enttäuscht ist, bis zu dem Jungen, der mit Vandalismus gegen die vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeit ankämpft.


Look Both Ways (19.10 - 18:00 Uhr - Gartenbaukino und 20.10 - 13:00 Uhr - Künstlerhaus)

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Regie: Sarah Watt

Look BothWays erzählt die Geschichte von drei jungen Menschen, deren Wege sich zufällig an einem Freitag kreuzen: Meryl, die noch vom Begräbnis ihres Vaters gezeichnet ist, kämpft damit, einen wichtigen Arbeitstermin einzuhalten; Nick, der soeben die Diagnose auf Krebs erhalten hat, muss über das Wochenende auf seine Prognose warten; und Andy muss bis Montag eine Entscheidung zur ungeplanten Schwangerschaft seiner Freundin treffen.

Die Wege der drei kreuzen sich an der Stelle eines Zugunglücks, das Meryl als Zeugin mitangesehen hat. Nick und Andy werden als Reporter beziehungsweise Fotograf geschickt, um über das Unglück zu berichten und Meryl zu interviewen. In einer ungewöhnlichen Wende der Ereignisse beginnen Nick und Meryl eine Affäre, die unter diesen Voraussetzungen jedoch zum Scheitern verurteilt scheint.

Um die Ängste ihrer Protagonisten zu betonen, verwendet Sarah Watt kraftvolle und detaillierte Animationssequenzen als Ausdrucksmittel von Meryls Seelenleben: Die handgemalten, animierten Szenen haben ihren Ursprung in Watts Kurzfilmen, besonders in Small Treasures, der den Tod eines Neugeboren schildert. Beide Filme bedienen sich eines typischen, «malerischen» Animationsstils. Nicks Fantasien werden unterdessen mittels einer rasanten Montage von Fotografien repräsentiert und dadurch thematisch mit seiner Arbeit als Fotojournalist und in der Weise, wie er die Welt sieht - dunkel und durch ein Objektiv - verbunden. In der Abschluss-Sequenz des Films erschließt sich die Erzählung dem Zuschauer mit einer flimmernden Abfolge von fotografischen Filmbildern aus der Sicht von Nick. Doch Look Both Ways lässt die Dinge am Ende offen und bleibt optimistisch, indem er für die ausweglos scheinenden Probleme aller Hauptcharaktere Lösungen anbietet. (Jonathan Dawson)


A Scanner Darkly (19.10 - 23:00 Uhr - Künstlerhaus und 24.10 - 20:30 - Gartenbaukino)

a_scanner_darklyRegie: Richard Linklater

Orange County, Kalifornien, in der nahen Zukunft: Wer die so genannte Droge «D» zu sich nimmt, verliert jeglichen Bezug zur Realität und entwickelt verschiedene Persönlichkeiten. «D» hat das Land erobert, der Staat ist machtlos und lässt die Bevölkerung von Undercover-Polizisten bespitzeln. Auch der Polizist Bob ist der Substanz verfallen. Er kann seine Abhängigkeit kaum noch verheimlichen, während seine Vorgesetzten immer misstrauischer werden. Weil Bob einen hochmodernen Tarnanzug trägt, bleibt seine wahre Identität geheim - und so wird er beauftragt, neben seinen Freunden auch sich selbst zu bespitzeln. Bob versinkt immer tiefer im Drogenrausch, bis er zwischen der Realität und seiner Fantasie nicht mehr unterscheiden kann.

Die hintergründigen Geschichten von Philip K. Dick zu verfilmen kann nicht leicht sein. Richard Linklater bringt in A Scanner Darkly das von ihm zuletzt in Waking Life verwendete Rotoskopie-Verfahren erneut zum Einsatz und distanziert sich somit von jeglicher etablierter Science-Fiction-Optik. Die Handlung ist schlichtweg über jegliche Kritik erhaben: vielschichtig, abwechslungsreich, intelligent und überraschend. Was an A Scanner Darkly also interessiert, ist die Frage, ob es Sinn macht, einen Film, noch dazu mit namhaften Schauspielern, zu drehen, um ihn danach wieder zu «übermalen» - und das tut es. Denn es sind hier gerade die Protagonisten, die dadurch besonders gut zur Geltung kommen. Der Verfremdungseffekt, den der Zuschauer durch die Rotoskopie erfährt, vermittelt zudem andeutungsweise den Zustand, in dem sich der Protagonist befinden muss - und macht dessen Dilemma für den Betrachter erfahrbar. (Tom Maurer)


A FOST SAU N-A FOST? - 12:08 EAST OF BUCHAREST (17.10 - 20:30 Uhr - Künstlerhaus und 20.10 - 18:00 Uhr - Gartenbaukino)

1208_east_of_bucharestRegie: Corneliu Porumboiu

Am 22. Dezember 1989 zwang eine wütende Menschenmenge den rumänischen Diktator Ceausescu, per Hubschrauber aus Bukarest zu fliehen. Sechzehn Jahre nach diesem historischen Ereignis lädt der Inhaber der lokalen Fernsehstation einer kleinen Stadt östlich von Bukarest zwei Gäste ein, ihre revolutionären Ruhmestaten von damals noch einmal mit den Zuschauern zu teilen. Der eine ist Piscoci, ein alter Pensionist, der andere Manescu, ein Geschichtslehrer. Gemeinsam erinnern sie sich an den Tag, als sie das Rathaus stürmten und «Nieder mit Ceausescu!» riefen. Doch plötzlich mischen sich Zuschauer der Sendung ein und bestreiten mit ihren Anrufen die Behauptungen der beiden Helden.

Seit Diktator Ceausescu den Präsidentenpalast am 22. Dezember 1989 um exakt 12.08 Uhr verließ, dreht sich die Frage darum, ob sich überhaupt irgendwelche Demonstranten vor diesem Zeitpunkt am Rathausplatz versammelt hatten. Obwohl Manescu darauf besteht, dass er dort war, bestreiten anrufende Zuschauer dies, was zu einem herrlich komischen Wortgeplänkel vor laufender Kamera führt, das geschickt aufzeigt, wie sich die Erinnerung im Laufe der Zeit verändert. Die heitere kleine Komödie 12:08 East of Bucharest packt das Problem mit osteuropäischem Humor der alten Schule an - gerissen und konkret, sanft aber scharf wie ein Messer. (Deborah Young)

Ich war zu dem Zeitpunkt, als das kommunistische Regime zusammenbrach, vierzehn Jahre alt und kann mich nur allzu gut daran erinnern. An dem Tag, als das Regime fiel, spielte ich draußen Pingpong, während meine Eltern wie angewurzelt vor dem Fernsehapparat saßen. (Corneliu Porumboiu)


 

Thank you for smoking (20.10 - 23:00 Uhr - Gartenbaukino)

thank_you_for_smokingRegie: Jason Reitman

Nick Naylor ist Pressesprecher von Big Tobacco. Ein Mann in den besten Jahren, der sich vor jede Schande stellt, solange das Geld stimmt und ein gewisser, wenn auch anzüglicher Ruhm winkt. Er kann reden, lügen, und manipulieren - und das mit entwaffnender Freundlichkeit. Tritt er in einer Talk-Show auf, in der er neben glühenden Gesundheitsaposteln und einem krebskranken Jungen Platz zu nehmen hat, schlägt ihm der blanke Hass entgegen. Doch am Ende wird man ihm zujubeln, seine eben gegründete Stiftung für blasse, sterbenskranke Kinder feiern und die Tabakindustrie für einen wohltätigen Verein halten.

Die Geschichte nach dem gleichnamigen Roman von Christopher Buckley ist eine Achterbahnfahrt durch die «Spin»-Kultur Amerikas, welche die Wahrheit für die öffentliche Meinung präpariert und mit ihren professionellen Euphemismen die Interessen der Lobbyisten an Verbraucher, Bürger und Wähler zu bringen hat. Mit traumwandlerischer Sicherheit wirbelt Jason Reitman durch diese Szene der rhetorischen Durchlauferhitzer, denen der Bezug zur unpolierten Wahrheit längst abhanden gekommen ist. (...) In diesem Kosmos aus Lüge und Macht wären die Konsumenten wohl verloren, gäbe es da nicht diesen hellsichtigen, unbestechlichen Jungen, Naylors 13-jährigen Sohn: «Bitte zerstör' nicht meine Kindheit», sagt er einmal, als der Vater vor der Schulklasse spricht. Wie soll man auch stolz sein auf jemanden, der gerade den sterbenskranken Marlboro-Mann mit einem Geldkoffer zum Schweigen bringt?
Doch Reitman ist klug genug, um sich die Verve seines Erstlings nicht mit moralischen Umerziehungsprogrammen zu verwässern. Und er bleibt in seiner Groteske über den Reiz und Fluch der schönen Worte und glänzenden Oberflächen immer gut gelaunt - bis zum bösen Ende. Reitman weiß nur zu gut: Ein Happy End mit einem geläuterten Helden kann nur wie eine weitere Lüge daherkommen. (Birgit Glombitza)


Half Nelson (21.10 - 18:00 Uhr - Stadtkino und 22.10 - 20:30 Uhr - Gartenbaukino)

half_nelsonRegie: Ryan Fleck

Der Lehrer Dan Dunne unterrichtet an einem Gymnasium in Brooklyn und versucht den Jugendlichen aus den Slums beizubringen, selbstverantwortlich zu sein und anderen Respekt entgegenzubringen. Während der junge Lehrer mit Eifer seine Ideale vertritt, werden seine eigenen Utopien durch die immer beklemmendere Realität zunehmend gefährdet. Um die Enttäuschungen, die er Tag für Tag erlebt, ertragen zu können, beginnt er selbst Drogen zu konsumieren und gerät immer tiefer in ein Netz von Dealern und in die Abhängigkeit. Während er sein Doppelleben möglichst geheim zu halten versucht, trifft ihn eines Tages Drey, eine seiner Studentinnen, unter Drogeneinfluss stehend an - und erkennt seine Sucht. Doch die Begegnung, die sich fatal auf seinen Job hätte auswirken können, mündet in eine tiefe Freundschaft zwischen Lehrer und Studentin: Trotz der unterschiedlichen Alter und Lebenssituationen treffen Dan und Drey in einem für beide schicksalhaften Moment aufeinander.

Half Nelson - der Begriff stammt eigentlich aus dem Wrestling-Sport - zeigt den Alltag von Heranwachsenden in einem Land, das ihnen wenig Perspektiven bietet. Ryan Fleck skizziert dabei seine Figuren mit Humor und Einfühlungsvermögen, ohne sie je zu Opfern zu machen oder in eine stereotype Darstellung des Lebens in den benachteiligten Vierteln New Yorks zu verfallen. Er zeigt komplexe Charaktere, die alles andere als bereit sind, sich widerstandslos ihrem Schicksal zu ergeben - vielmehr haben sie sich die Hoffnung bewahrt, die Gesellschaft ändern zu können. Der Soundtrack stammt von der kanadischen Rockband Broken Social Scene, die ein Symbol geworden ist für Verständigung und Solidarität. (Film Festival Locarno)


A Prairie Home Companion (25.10 - 23:00 Uhr - Gartenbaukino)

a_prairie_home_companionRegie: Robert Altman

Seit 1974 läuft die Radioshow «A Prairie Home Companion» im US-amerikanischen Hörfunk. Zwei Stunden lang gibt es Musik von Live-Bands, Gesang, erfundene Werbespots, die Abenteuer des Privatdetektivs Guy Noir und witzige Geschichten aus dem erfundenen Ort Lake Wobegon. Gesendet wird live und vor Publikum, in Studios auf der ganzen Welt. Robert Altmans Film, basierend auf dem Drehbuch des Showgründers Garrison Keillor, setzt dort ein, wo die Radiosendung endet: Nach 30 Jahren soll «A Prairie Home Companion» völlig überraschend eingestellt werden.

Robert Altmans Filme sind auf Klein- und Kleinstbereiche menschlichen Zusammenlebens fixierte, aber eben deswegen überaus scharfsichtige Einblicke. Diesmal ist es wieder einmal das traditionelle und reaktionäre Amerika, das Altman ins Visier nimmt: Die Radiosendung «A Prairie Home Companion» soll nach 30 Jahren abgesetzt werden, die Crew erfährt erst während der Vorstellung, dass es die letzte sein soll. In dieser Ausnahmesituation lässt die heuchlerische, kleinbürgerlich-verbrämte Gesellschaft ihre Masken fallen, und Altman ist in seinem Element: Auf der einen Seite demaskiert er das Lächerliche der Charaktere, indem er sie einfach sprechen und vor allem singen lässt. Auf der anderen Seite zollt er der inszenierten Grundlage Tribut, indem er die «postmodernen» Elemente übernimmt: So schleicht Kevin Kline als Detektiv der 50er Jahre durch das von Zitaten durchtränkte Bild und hört allen Ernstes auf den Namen Guy Noir, während Virginia Madsen als «Dangerous Woman», ebenfalls ein Noir-Anachronismus, als glückloser Schutzengel geisterhaft durch die Sendung gleitet. (Thomas Hajduk)


Vertigo (20.10 - 11:00 Uhr - Urania)

vertigoRegie: Alfred Hitchcock

Vertigo, dessen verwickelte Handlung allein einem schon Kopfzerbrechen bereiten kann, konfrontiert mit zwei verstörten Charakteren, die sich in Verschwörung, Manipulation, Projektion und, als ob das nicht schon genug wäre, Liebe verheddern, um sich in schmerzhafter Selbstzerstörung gegenseitig zu zerfleischen. James Stewart spielt Scottie Ferguson, einen Polizisten, der seinen Dienst wegen Höhenangst quittieren musste und von einem ehemaligen Kollegen den Auftrag erhält, dessen Frau Madeleine zu beschatten - Kim Novak gibt sie mit unterkühlter, zarter Erotik und verleiht ihr so ein Geheimnis. Aber Madeleine ist eigentlich Judy und ein Fantasiegebilde, in das sich Scottie verliebt und das er fortan sucht. Der titelgebende schwindelerregende Gleichgewichtsverlust meint nicht nur Scotties Furcht vor dem Abgrund, sondern auch den Strudel aus Neurosen, in denen er und die Frau, die er nach seinem Idealbild zu schaffen sucht, stürzen. Ein Film über die Uneinholbarkeit der Zeit und das, was nicht wieder gut zu machen ist. Den Wunsch und den Schein und tödliche Kollision.

Hitchcocks Effekte sind filmische Neuerungen. Er hat sich in seinem Genre, dem Thriller, wie ein Experimentalfilmer bewegt, obwohl er immer publikumswirksame Unterhaltung produzierte. Dass ein Film Gewinn einspielen muss, blieb eine unangetastete Maxime. Wenn Hitchcock ein Autorenfilmer war, dann einer, der das Einspielergebnis als Kriterium akzeptierte. In diesem Rahmen hat er seine Versuche angestellt mit dem Ehrgeiz, etwas zu erreichen, das nur in Filmen realisierbar war. Deswegen scheinen viele Werke wie die Antwort auf eine schwierige Aufgabenstellung. Hitchcock führt seine Zuschauer in Unsicherheiten, konfrontiert sie mit dem skeptischen Blick auf die Fassaden von Ehrsamkeit und Verlässlichkeit. Seine Hauptfiguren müssen das Misstrauen lernen: gegenüber Freunden, Polizei und Regierung. Wer aus dem alltäglichen Leben gerissen wird, erfährt die Brüchigkeit aller Konventionen. Hitchcocks Hauptfiguren werden fragwürdig, weil sie nicht einmal sich selbst gegenüber ehrlich sind. (Rainer Rother)


Rebecca (25.10 - 16:00 Uhr - Metro)

rebeccaRegie: Alfred Hitchcock

Eine unscheinbare, junge Frau heiratet den verwitweten Lebemann Maxime De Winter. In Manderley, dem Anwesen De Winters, hat die junge Frau es jedoch schwer, sich zurechtzufinden: Der Geist der unter ungeklärten Umständen verstorbenen Rebecca, der ersten Frau De Winters, ist allgegenwärtig. Da diese auf mysteriöse Weise ums Leben kam, glaubt die junge Frau bald, dass ihr Mann Rebecca ermordet hat und nun auch ihr nach dem Leben trachtet.

Direkt nach seinem Riesenerfolg mit Gone with the Wind ergriff Selznick die Gelegenheit, mit Hitchcock zu arbeiten, und mit einem großen Budget im Rücken gab dieser dem Manderley-Haus quasi eine eigene Persönlichkeit. Das Schloss an der Küste ist der atmospärische Hintergrund für die angespannte Liebesgeschichte zwischen Joan Fontaine und Laurence Olivier. Die unschuldige Fontaine wird von Manderleys dunklen Geheimnissen beinahe in den Wahnsinn getrieben, und Hitchcock baut die Spannung genüsslich immer weiter auf - bis zum unvergesslichen Schluss. (Joshua Klein)

Als wir Rebecca vorbereiteten, hatte Selznick darauf bestanden, dass wir von vielen Frauen Probeaufnahmen machten, bekannten und unbekannten, um den Star des Films zu finden. Ich glaube, er machte das, weil er den Reklamefeldzug wiederholen wollte, der der Wahl der Scarlett O'Hara vorausgegangen war. So hat er alle großen Stars von Hollywood dazu gebracht, Probeaufnahmen für Rebecca zu machen. Mir war das peinlich, alle diese Frauen einer Prüfung zu unterziehen, obwohl ich vorher wusste, dass sie für die Rolle nicht in Frage kamen. Gleich mit den ersten Aufnahmen mit Joan Fontaine war mir klar, dass sie der Figur am nächsten kam. Anfangs fand ich, dass sie sich ihrer spezifischen schauspielerischen Fähigkeiten wenig bewusst war, aber ich sah, dass sie das Talent zu einem kontrollierten Spiel besaß, und hielt sie für fähig, die Rolle auf eine stille, scheue Weise zu verkörpern. Zu Beginn übertrieb sie die Furchtsamkeit ein wenig, aber ich spürte, dass sich das geben würde, und so kam es auch. (Alfred Hitchcock im Gespräch mit François Truffaut)


Lost Highway (20.10 - 23:30 Uhr - Urania)

lost_highwayRegie: David Lynch

Lost Highway ist ein Film, der nur im Konjunktiv spielt: Hätte Fred, die/eine der Hauptfigur(en), sich in die Behandlung eines Psychiaters begeben, dann wäre der Film vielleicht gar nicht entstanden. Vor allem aber hätte der Psychiater dieselbe Fähigkeit haben müssen wie der «Mystery Man» des Films: an zwei Orten zugleich sein zu können. Wie Nosferatus Vetter - weiß das Gesicht, die Ohren abstehend - ist er das X, hinter dem man die Lösung wähnt, doch er ist die Chiffre für den Sinn-Notstand: Lynch lässt das Rätsel ungelöst. Nicht nur dieses, und daher muss jeder Satz, den man über diesen Film schreibt, sich selbst suspekt sein, weil er voraussetzt, was der Film, wenn nicht bestreitet, dann doch in Frage stellt: die knappe Ressource Sinn.

Schlechte Karten also für Hermeneutiker, die sinnhafte Gebilde brauchen, aber auch für die Dekonstruktivisten, die sich bei ihren Bergungsarbeiten auf dem Lost Highway leicht verirren können. David Lynch hat Lost Highway als Sinnfalle konstruiert. Man kann diese Geschichte in einem Satz erzählen - Saxofonist wird vor Eifersucht wahnsinnig und richtet als sein Alter ego ein Blutbad an -, und wenn man nach zwei Stunden noch an diesen Satz glaubt, ist man entweder verrückt oder naiv. «Stop Making Sense», flüstert einem der Film kaum hörbar zu. (Peter Körte)

Was ist Lost Highway? Es ist definitiv kein Road Movie, auch wenn jene Einstellung auf die gelben Mittelstreifen des Highway, die wir aus Blue Velvet kennen, visuelles Leitmotiv und Strukturmerkmal geworden ist. Im Gegenteil, es ist ein Film der Bewegungslosigkeit, der Ortlosigkeit. Es ist, als würden sich Eraserhead und Blue Velvet in einen endlosen Dialog verdrehen, als würde eine Filmerzählung, vom Virus der Selbstbezüglichkeit befallen, sich vor unseren Augen auflösen. (Georg Seeßlen)


 

Gue Mool (15.10 - 01:00 Uhr - Gartenbaukino und 17.10 - 23:00 Uhr- Künstlerhaus)

gue_moolRegie: Bong Joon-Ho

Seoul 2006: Hee-Bong führt eine Imbissstube am Ufer des Flusses Han, wo er mit seiner Familie lebt. Sein älterer, mitlerweile 40-jähriger Sohn Gang-Du ist ein unreifer und etwas begriffsstutziger Kerl, seine Tochter Champion im Bogenschießen und Mitglied des Nationalteams und sein jüngster Sohn ist ein arbeitsloser Drückeberger. Sie alle sind überfürsorglich gegenüber Hyun-Seo, der kleinen Tochter von Gang-Du, dessen Frau ihn vor langem verlassen hat. Eines Tages taucht ein nicht identifizierbares Monster aus den Tiefen des Flusses Han auf, verbreitet Panik und verschleppt die kleine Hyun-Seo wird vor den Augen ihres Vaters. Hee-Bongs Familie hat das, was ihr am nächsten war, verloren und beschließt, auf Rachefeldzug gegen das Monster zu gehen.

Einen Monster-Film wie The Host über eine mutierte Kaulquappe, die aus Seouls Fluss Han auftaucht, hat es zuvor noch nicht gegeben - und das in fast jeder Hinsicht. The Host untergräbt unentwegt sein eigenes Genre, indem er für Schock-Effekte sorgt und gleichzeitig von großartigem Humor durchdrungen ist. Das wirft den Zuschauer ständig aus dem Gleichgewicht und ist ein gewagtes Spiel, aber ein solches, durch das der Film unmittelbar auf einen Kult-Status zusteuern dürfte. (Derek Elley)


Romance & Cigarettes (14.10 - 23:00 Uhr - Künstlerhaus und 15.10 - 20:30 Uhr- Gartenbaukino)

romance_and_cigarettes Regie: John Turturro

Der Stahlarbeiter Nick und seine sanftmütige Frau Kitty sind seit Jahren miteinander verheiratet. Sie haben drei fast erwachsene, aber noch zu Hause lebende Töchter und wohnen in einem bescheidenen Häuschen in der Nähe des Flughafens von Queens, New York. Man ist nicht reich, doch man findet mit dem, was Kitty mit ihren Näharbeiten dazu verdient, sein Auskommen. Das Familienglück endet jedoch an dem Tag, an dem Kitty entdeckt, dass Nick sie mit der rothaarigen Verkäuferin Tula betrügt.

Manchmal birgt ein Film im Kern einen ganz anderen Film, dessen Saat womöglich erst Jahre später aufgeht. Wer sich zum Beispiel gefragt hat, woran der Drehbuchautor Barton Fink im gleichnamigen Film der Coen-Brüder vor dem weißen Papier laborierte, bekommt nun Jahre später eine ziemlich beglückende Antwort.

Denn John Turturro hatte damals nicht nur irgend etwas in die Schreibmaschine getippt, während die Kamera auf ihn gerichtet war, sondern versucht, einen richtigen Text zu schreiben. Daraus wurden der Titel, die erste Szene und ein erster Entwurf zu Romance & Cigarettes, der dem Sonderling Barton Fink alle Ehre macht. Turturros dritte Regiearbeit ist ein über weite Strecken hinreißendes Musical: Es geht um einen Seitensprung und den folgenden Ehekrach, aber schon wenn James Gandolfini als Nick Murder vor die Tür gesetzt wird, Engelbert Humperdin sein «Man Without Love» anstimmt und dazu die Polizisten und Müllmänner zu tanzen anfangen, weiß man, dass daraus kein Ehedrama der üblichen Art wird. Susan Sarandon spielt die Ehefrau, Kate Winslet eine irische Schlampe, Christopher Walken den sentimentalen Rock 'n' Roller, und alle paar Minuten singen sie einen Song, der mehr sagt als tausend Worte und die ganze Nachbarschaft beschwingt. So bringt Turturro mit seinem unanständigen Musical nicht nur sein heimisches Stadtviertel Queens zum Tanzen. (Michael Althen)


Little Miss Sunshine (14.10 - 18:00 Uhr - Gartenbaukino und 15.10 - 13:00 Uhr- Künstlerhaus und 17.10 - 06:30 - Künstlerhaus)

little_miss_sunshineRegie: Jonathan Dayton

Die außergewöhnliche Komödie Little Miss Sunshine ist eine Mischung aus tragikomischer Familiensatire und Roadmovie. Die sieben Jahre alte Olive hat einen großen Wunsch: Sie möchte an einem Schönheitswettbewerb für Kinder, genannt «Little Miss Sunshine», teilnehmen. Ihr Traum wird wahr, als plötzlich ihre größte Konkurrentin nicht antreten kann. Der Rest der Familie sieht sich dadurch vor erhebliche Probleme gestellt: Dem Vater, einem erfolglosen Motivationsguru, fehlt das nötige Geld für den Flug, der Nietzsche lesende Bruder möchte lieber alleine zu Hause bleiben, und Onkel Frank hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich - beste Voraussetzungen für einen Familienausflug von Albuquerque ins sonnige Kalifornien.

Little Miss Sunshine startet mit einer rasanten Montage-Sequenz, in der die Mitglieder der Mittelstandsfamilie Hoover einzeln eingeführt werden: Ob Mutter Sheryl, Vater Richard oder Sohn Dewey - sie alle verfolgen eigene Lebensziele und existieren in eigenen Lebenswelten. Überkreuzen sich ihre Wege, explodiert die Gefühlsbombe. Erst als Olive zum Schönheitswettbewerb zugelassen wird, sind die Figuren gezwungen, sich denselben Raum zu teilen: nämlich die Sitzreihen des schrottreifen Familienfahrzeugs.

Die Aussage kommt durch die Hintertür: die Atomisierung der Gesellschaft als Ergebnis des ungebremsten Wettbewerbs- und Konkurrenzdenkens. Der Weg zur Miss-Wahl ist das eigentliche Ziel - auf dem Highway zur Mitmenschlichkeit. All das ist nur sentimental, wenn unbedingt notwendig, und funktioniert auch als politischer Kommentar: In einer Sequenz versucht der Großvater den pubertierenden Dewey vom Elternstreit abzuschirmen, indem er den Fernseher einschaltet. Der Bub blickt auf und stellt das Gerät ab: Zu sehen war eine Rede von Präsident Bush. (Markus Keuschnigg)


Anmerkung: Das oben gezeigte Material wird mit freundlicher Unterstützung der Viennaleleitung verwendet. Sowohl Bilder als auch Filmbeschreibungen wurden übernommen!

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