oberli.jpgRegisseurin Bettina Oberli spricht über ihren neuen Film Die Herbstzeitlosen, der am 17. August in unsere Kinos kommen wird. Der Film spielt im Emmental und handelt davon, dass man sein Leben im Alter nicht aus der Hand geben soll, sondern weiter machen soll was einen Spaß macht. So eröffnet die 80jährige Martha gegen den Willen der gesamten Ortschaft einen Dessousladen in ihrem kleinen Heimatort. Die Herbstzeitlosen war der Publikumshit letztes Jahr in der Schweiz.


Eine Frau wird in der Schweiz statistisch etwa 6 Jahre älter als ihr Mann. Rechnet man dazu, dass sie oftmals jünger ist als er, bleibt noch eine lange Zeit, mit der sie irgendetwas anfangen muss ! aber was? In unserer Gesellschaft gibt es immer mehr alte Leute, und vielen davon wird von ihrem Umfeld ihre Selbstbestimmung abgesprochen. Mit DIE HERBSTZEITLOSEN will ich eine positive Perspektive aufzeigen: Der Film erzählt auf komödiantische Weise von Lebensfreude und Wiederaufblühen im Alter und davon, für sich selbst eine neue Wahl zu treffen und sich die Freiheit zu gönnen, die Konventionen nicht mehr zu erfüllen. Meine Großmutter, ein energievolles Emmentaler Urgestein und seit einigen Jahren Witwe, hat mich zu diesem Film inspiriert. Ich habe als Kind sehr viel Zeit bei ihr verbracht und fühle mich mit ihr und der Gegend stark verbunden.


Die Idee

In dem kleinen Dorf leben viele alte Leute, davon zu einem großen Teil Witwen. Wie meine Großmutter verhalten sich diese Frauen über den Tod ihres Mannes hinaus so, wie man es von ihnen erwartet. Aber ich habe mich immer wieder gefragt, warum diese Frauen nicht auch einmal etwas für sich tun, statt von morgens bis abends im Haus oder im Garten zu arbeiten ! sich vielleicht infolge der neuen Narrenfreiheit einen Traum erfüllen, etwas, das sie sich bis jetzt gar nicht vorstellen konnten. Doch für meine Großmutter und ihre Nachbarinnen sind Worte wie Sehnsucht und Bedürfnisse fremd. Einzig beim sonntäglichen Jassen ! dem traditionellen Schweizer Kartenspiel ! das regelmäßig und intensiv betrieben wird, wirken die Frauen gelöst und unbeschwert. Da blitzen schon mal neue Ideen auf: Nach einem heiteren Sonntagnachmittag hat sich eine allein stehende Bekannte meiner Großmutter einen knallroten VW-Käfer gekauft. Er steht zwar seitdem zugedeckt in der Garage, aber die Frau pflegt das Auto liebevoll, und einige beneiden sie insgeheim darum, dass sie sich etwas einfach so und nur für sich allein geleistet hat. Ich hatte also Lust, den Gedanken weiter zu spinnen und eine Geschichte zu erzählen über eine Gemeinschaft, die wegen einer eigensinnigen Frau aus dem Gleichgewicht kippt und in die Unordnung, z'under und z'obsi, gerät.

Dessous-Boutique

Dass Martha ausgerechnet eine Dessous-Boutique eröffnet und dadurch anrüchige Gedanken auslöst, ist ein Bild für das Wiederaufblühen und einen neu entdeckten Sinn für das Schöne. Der eigentliche Skandal für Leute wie Marthas Sohn oder den Bauern Fritz besteht aber darin, dass die alte Frau etwas in den Augen der Gemeinschaft Nutzloses tut ! und die anderen Alten damit ansteckt. Sie wollen sich ebenfalls nicht mehr so verhalten wie man es von ihnen erwartet, sondern sich amüsieren, Lebensfreude, Sinnlichkeit empfinden. Fritz hat Angst vor Veränderung und Unübersichtlichkeit und sieht es als seine Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist. Gegen diese Rückständigkeit begehren die alten Damen auf ! und beweisen, dass es im hohen Alter noch möglich ist, freier und fortschrittlicher als die eigenen Kinder zu sein.

Der Drehort

Nachdem ich die Figuren und die Geschichte entworfen und eine erste Drehbuchfassung geschrieben hatte, zogen wir auf die Initiative von Lilian Räber (SF, Redaktion Fernsehfilm) Sabine Pochhammer als Co-Autorin bei. Als Deutsche half sie uns, den universellen Charakter der Geschichte und Themen herauszuarbeiten. Dank ihrer Sicht von Außen soll der Film nicht nur den Emmentalern, sondern einem breiten Publikum zugänglich sein. Nach einer Fahrt durchs gesamte Emmental fiel die Wahl schnell auf Trub als Drehort. Das Dorf ist kompakt und übersichtlich mit der Kirche mitten im Dorf; es liegt abgelegen am Ende eines Tals und ist klein genug, damit die Geschichte glaubwürdig ist. Die Truber Bevölkerung hat uns mit allen Mitteln kräftig unterstützt ! es gab aber auch Leute, die nicht verstanden, warum die Kirchenuhr während fünf Wochen stehen bleiben musste.

Die Schauspieler

Wir haben die Frauen mit der alten Garde von wichtigen Schweizer Schauspielerinnen besetzt. Ich hatte große Lust darauf, mit diesen erfahrenen Frauen zu drehen und von ihrem Können zu profitieren. Es war wichtig, vier unterschiedliche Typen zu finden, die alle eine andere Seite des Themas verkörpern können. Stephanie Glaser hat mich schnell von ihrer Vielseitigkeit und der Fähigkeit überzeugt, einer Martha Energie und Schalk, aber auch Tiefe und Melancholie geben zu können. Annemarie Düringer hatte ich schon beim Schreiben als etwas hochnäsige, ewig mäkelnde aber selbstironische und im Innern herzensgute Frieda im Kopf. Die energievolle Heidi Maria Glössner als Lisi und Monica Gubser als treue, arbeitsame Hanni, die immerhin den Mut aufbringt, im hohen Alter den Mann zu verlassen, bilden eine schöne Ergänzung in diesem Quartett. Das Dorf wird von vielen Figuren bevölkert, die dem Ort einen eigenen Charakter geben. Neben den professionellen Nebendarstellern spielen in kleinen Rollen auch Leute aus dem Dorf mit. Unter anderem der Jodlerchor, der sich gutmütig in die "Truber Singbuebe" umbenennen ließ, sich um falsches Singen bemühte und ohne mit der Wimper zu zucken mit der pastellfarbenen Dessous-Fahne vor Publikum auftrat.

Der Dreh

Der Dreh dauerte mit den Damen einfach etwas länger, und da wir viele verschiedene Drehorte und Darsteller hatten, mussten wir unter hohem Zeitdruck arbeiten. Dass wir trotzdem einen wunderschönen Dreh erlebten, hatte vor allem mit der hochmotivierten, professionellen Equipe zu tun. Zusätzlich sprang die Spielfreude der vier Hauptdarstellerinnen und ihre Lust an der Arbeit auf die ganze Crew über. Mit ihrem genussvoll eingesetzten Charme und der Nonchalance, mit der sie täglich auftraten, brachten sie einen guten Geist mit nach Trub, der uns bis zum Schluss begleitete und uns wohl auch das Wetterglück bescherte. Der Film ist eine Komödie mit dramatischem Kern und psychologisch erzählten Charakteren, die man ernst nehmen soll. Er musste die Balance finden im Wechsel zwischen den lustigen, lebendigen Szenen und Wendungen und den ernsthaften Momenten, in denen der Zuschauer Raum für Emotionen hat. Zudem war es wichtig, den weiteren Dorfbewohnern genug Platz und Zeit zu geben, um die spezifische ländliche Atmosphäre herzustellen, in der man Marthas Befindlichkeit nachvollziehen kann.

Die Musik

Für die Musik ließen wir uns von Marthas Traum von Paris und Lisis Sehnsucht nach Amerika inspirieren. Luk Zimmermann (Lunik) komponierte die Themen und ließ sie von einer Berner Musikerfamilie mit dem 85-jährigen Vater am Hackbrett mit Ländlerinstrumenten einspielen. Wir wollten so eine Nähe zum Emmental erhalten und gleichzeitig die Musik ironisieren, damit sie über das eindimensional Volkstümliche hinausgeht.

Ausblick

DIE HERBSTZEITLOSEN ist ein moderner Heimatfilm und eine Parabel, die von einer Schweiz erzählt, in der Veränderung schließlich nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrgenommen wird. Die Leute öffnen sich dem Neuen gegenüber und entwickeln sich dank frischen Impulsen weiter. Und dies nicht in der Stadt, sondern im hintersten Emmental, ausgelöst von den Alten, die sich eigensinnig, phantasievoll und mit Humor über festgefahrene patriarchalische und protestantische Strukturen hinwegsetzen. Dass der Film jetzt eine Kinoauswertung erfährt, freut mich besonders für die vier Damen, die nun unverhofft auf der Leinwand ihren großen Auftritt haben - und Stephanie Glaser spielt dadurch nach ihrer langen Karriere mit über 80 Jahren die erste Hauptrolle in einem Kinofilm.


Quelle: Filmladen

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