Dieser Text stammt von der Homepage des VIS-Festivals und wurde nicht von uns verfasst!


VISSprechen wir von kurzen filmischen Formen, denken wir heute zuerst einmal ans Internet. YouTube, Vimeo und Co. haben unsere Seh- und Rezeptionsgewohnheiten stark verändert; wer es schafft, über die großen Plattformen mit einem Clip oder Kurzfilm für Eindruck und Millionen Klicks zu sorgen, hat gute Chancen auf kurzfristige Prominenz oder – in selteneren Fällen – sogar weltweiten Ruhm.


Unzählige Perlen schlummern jedoch auch lange Zeit unentdeckt in den großen Weiten der Videoplattformen – und nicht zuletzt hier kommt die Community ins Spiel: Im Zeitalter von sozialen Netzwerken und neuen Kommunikationskanälen wird Kollaboration groß geschrieben. Da wird das Publikum Teil des Schaffensprozesses, geschieht Arbeitsteilung durch Solidarität, wird das Kollektiv zum Kurator.


Im künstlerischen Bereich tangieren diese „New Communities“ natürlich auch Filmfestivals. Vielfach geschehen Einreichungen nur noch über spezielle Plattformen im Netz, stolpern Kuratoren in Foren über die neuesten Clips, werden statt DVDs nur noch Vimeo-Passwörter ausgetauscht. Dass einem Kurzfilmfestival gerade in diesem Umfeld die wichtige Aufgabe einer Kanalisierung und Selektion zukommt, um Entwicklungen und Prozesse sichtbar zu machen, davon sind wir zutiefst überzeugt.


VIS 2011 stellt daher nun in gewisser Weise ein vielwurzelig verflochtenes System aus kollektiven Entscheidungsprozessen dar. Aus der mehr als verdoppelten Anzahl von Einreichungen in diesem Jahr – rund 2.500 Filme aus 90 Ländern – wurden von den OrganisatorInnen 62 Kurzfilme aus 23 Ländern ausgewählt, die in den zwei internationalen Wettbewerbsschienen „Fiction and Documentary“ und „Animation Avantgarde“ im Metro Kino den Jurys und dem Publikum zur Bewertung überantwortet werden. Im Österreich-Wettbewerb konkurrieren 23 Filme um die Gunst von JurorInnen und ZuschauerInnen.


Aber auch bei den Programmen des Schwerpunkts „New Communities“ wurde mehrfach auf das Kollektiv gesetzt: Gemeinsam mit dem Magazin TBA wurden via Facebook die Musikvideo-Favoriten der Internet-Community gesucht und in einem Programm zusammengefasst. Für „Satyre und Parodey 2.0“ wurden die beliebtesten humoristischen Internet-Clips gesucht, kategorisiert und ausgewertet. Im Schikaneder beschäftigt sich ein Programm mit Aktivismus im Netz, im Planetarium bringt ein Spezialprogramm die erfolgreichsten Science-Fiction-Kurzfilme auf die Leinwand.


Zudem wird die renommierte Medienwissenschaftlerin Karin Wehn ein kommentiertes Filmprogramm zum Thema „Social Networks“ präsentieren. Die Wiener Filmakademie stellt – im 60. Jahr ihres Bestehens – in Kooperation mit dem Filmarchiv Austria eine Auswahl der Arbeiten der vergangenen zwei Jahre vor. Und die britische „Online-Ausstellungsfläche“ Animate Projects verweist mit Produktionen aus den vergangenen 15 Jahren auf ihr beeindruckendes künstlerisches Netzwerk.


Wenn wir schon bei den Gästen sind: Der kanadische Avantgardist Pierre Hébert zelebriert gemeinsam mit dem italienischen Komponisten Andrea Martignoni eine Live-Performance in der Reformierten Stadtkirche. Die Tributes sind dem genialen britischen Duo Semiconductor und der Wiener Comic- und Animationsgröße Nicolas Mahler gewidmet. Und unsere Artists-in-Residence, Max Hattler und Noriko Okaku, werden nach ihren Engagements beim Donaufestival auch die VIS-Eröffnung im Gartenbaukino zu einem audiovisuellen Fest machen.


Zum Schluss sei noch auf jene Programme verwiesen, denen die Community in Wien traditionell sehr zugewandt ist: Bei „Très chic“ wird wie immer dem abwegigen Humor gefrönt, beim „Liegekino“ (erstmals größer in der Rinderhalle Neu Marx) dem Musikvideo, beim „Patenfilmbrunch“ individuellen Lieblingen. Und bei der Preisverleihung und dem anschließenden „Fest of VIS“ am Badeschiff dem gesamten Festival. Mit dem kleinsten Autokino der Welt beim Festivalzentrum im MuseumsQuartier könnte heuer übrigens noch ein weiterer Publikumsliebling dazukommen… Viel Spaß bei VIS Vienna Independent Shorts 2011!


Quelle und Programm: http://viennashorts.com

Von den späten 50er Jahren bis tief hinein in die 70er war die Commedia all’italiana weltweit ein Synonym für die virtuoseste und beißendste Form sozialkritischer Unterhaltung - ein besseres populäres Kino war nicht denkbar. Es errang nicht nur große Erfolge beim Publikum, sondern auch zahlreiche Regie-, Drehbuch- und ­Dar­stellerpreise bei den großen Filmfestivals. Als Stammvater dieses zutiefst realistischen, bitte­ren Komödienstils gilt Mario Monicelli, ihr wohl bekanntester Vertreter wurde der Neorealist Pietro Germi mit Welterfolgen wie Scheidung auf italienisch. Ihr wahrer Meister aber war Dino Risi, ein modernes, sardonisches Genie des abgründigen Lachens. Risis Lehrjahre als Psychiater und Dokumentarfilmer ­prägen auch sein späteres Werk: Wie kein zweiter verstand er es, der Gegenwart einen klärenden Zerrspiegel vorzuhalten und den Italienern ihre Eitelkeiten vorzuführen.
Die umfassende Schau, die das Filmmuseum zur Commedia all’ italiana offeriert, ist auch eine Fortsetzung und Vertiefung des letztjährigen Großprojekts zum italienischen Kino der 60er Jahre. Dessen Reichtum verdankte sich der produktiven Koexistenz von „Kunst­filmern“, Genre-Meistern und herausragenden Komödienschöpfern. Letztere, allen voran das Autorengespann Age & Scarpelli, hatten ihr Handwerk u.a. bei satirischen Zeitschriften und in der Arbeit mit Komikern wie Totò erlernt, sie transformierten aber auch die Lektionen des Neorealismus. Mario Monicelli etwa legte grandiose Fresken vor (z. B. I compagni, über das politische ­Er­wachen ausgebeuteter Textilarbeiter), in denen Satire und emotionale Kraft ganz ohne Anstrengung zusammen gehen: „In den 50er Jahren war es verboten, über soziale Probleme zu scherzen. Uns bereitete das jedoch Vergnügen. Wir genossen es, ein Kino zu ­machen, das unmittelbar mit den Leuten zu tun hatte, die wir kannten und denen wir begegneten, in Fabriken, auf Bahnhöfen oder im Bus.“
Als Ur-Werk der Commedia all’italiana gilt Monicellis klassische Gaunerkomödie I soliti ignoti von 1958, dem Auftakt des italienischen Wirtschaftswunders, das bald sogar zu Filmtitel-Ehren kam: Il boom war Vittorio De Sicas süßsaure Moritat über die Aufsteiger und Neureichen dieser Ära. Dino Risi: „Der Boom hat die Perspektive verändert. Der Neorealismus war zu einem Manierismus geworden. Es genügte nun nicht mehr, die Realität zu filmen, man musste sie erklären.“ Erklären hieß: Illusionen vertreiben, Mythen entzaubern, Ideologien aufspießen. Z.B. den Kult um die Familie und die Kirche; die Verfilzung von Politik, Wirtschaft und Verbrechen (Alberto Lattuadas Mafioso); den Selbstbetrug rund um den Krieg (in Mario Monicellis bahnbrechendem La grande guerra oder Luigi Comencinis Tutti a casa); das patriarchale System in Sizilien (Germis Divorzio all’italiana und Sedotta e abbandonata); die Verharmlosun­gen der faschistischen Vergangenheit (kräftig revidiert in Dino Risis La marcia su Roma oder Luciano Salces Il federale) - und vor allem das weit verbreitete Sich-Arrangieren und Mitläufertum der italienischen Bourgeoisie, wie in Risis erbarmungs- und illusionslosem Una vita difficile.
Die kanonische Phase des Genres endete zeitgleich mit dem Boom. Ab 1964 begann es zu mutieren und brachte diverse faszinierende Ausläufer hervor: eine herbe Melancholie (wie in Ettore Scolas Meisterwerk C’eravamo tanto amati), einen düster existentialistischen Grundton (Luigi Comencinis Lo scopone scientifico), der schließlich dem puren sozialen Horror nahekam (Monicellis Un borghese piccolo piccolo), oder ein Abbiegen in die Gegenrichtung, in träumerisch-nostalgische Gefilde (Franco Brusatis Pane e ciocco­lata). Auch im US-Kino der 1960er und 70er Jahre, z. B. bei Robert Altman, finden sich späte Echos der klassischen Commedia. In ­unter­schiedlicher Weise basieren sie alle auf jenem Bestiarium ­einer Epoche, das Dino Risi 1963 mit I mostri (Die Monster) gestaltet hatte - gefolgt von Antonio Pietrangelis vergleichbarem, aber ins Tragische kippenden Sozio-Kaleidoskop Io la conoscevo bene. Diese Filme legen den Kern der Commedia all’italiana frei - „ein kleines Welttheater der Niedertracht, eine Galerie nuancen­reicher Archetypen: der egoistische Nichtsnutz, der feige Klein­bürger, der faule Opportunist, der scheinheilige Katholik, der ­Schürzen­jäger, der sich weigert, erwachsen zu werden“ (Gerhard Midding).
Der besondere Geist der Commedia all’italiana ist nur zum Teil durch ihre Regie-auteurs erklärbar. Nicht minder wichtig waren die Drehbuchautoren - und vor allem die großen Darsteller: Vittorio Gassman, Alberto Sordi, Nino Manfredi, Ugo Tognazzi, Marcello Mastroianni. Sie wandeln gerne auf einem doppelten Boden der Täuschung und Intrige, zugleich bringt ihr Spiel das Typische bestimmter sozialer Masken und regionaler Besonderheiten zum ­Ausdruck. Sordi war jener, der die Commedia am Vollständigsten verkörperte - er inspirierte fast alle Regisseure des Genres. Der ewige furbo Gassman war das unverzichtbare Zentrum in Risis Meisterwerken, von Il sorpasso bis Profumo di donna. Tognazzis anarchisch-asoziale Energie prägte Luciano Salces Schaffen und verbindet auch das Kino von Marco Ferreri mit der Commedia all’italiana. Mastroianni wiederum verlieh jedem Film, in dem er auftrat, eine gewisse Verlorenheit - eine pastellene Schwermut, die ebenso zur Commedia gehört wie die gedämpften Hoffnungstöne Monicellis oder der opake Zorn, der durch das Kino von Dino Risi rast.
Das Programm wird begleitet durch Vorträge von Adriano Aprà, Gerhard Midding und Giovanni Spagnoletti sowie durch Einführungen von Olaf Möller.
Die Schau findet in Kooperation mit Centro Sperimentale di Cinematografia-Cineteca ­Nazionale und Cinecittà Luce sowie mit Unterstützung des Italienischen Kulturinstituts in Wien statt.

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