Gucha_poster_01.jpgRegisseur Dusan Milic spricht über seinen neuen Film Gucha. Zuerst verrät er in einem Director´s Statement was er sich dabei gedacht hat und dann steht er in einem Gespräch Rede und Antwort. In Gucha dreht sich alles um das gleichnamige Blasmusikfestival. Eingebaut wurde ein an Romeo und Julia angelehnter Plot in dem ein Zigeuner versucht den Vater seiner Geliebten mit seinen Fähigkeiten an der Trompete zu überzeugen. Gucha wird am 31. August in unsere Kinos kommen.


DIRECTOR'S STATEMENT


Verbotene Liebe und Bollywood

Wenn man einen Film machen möchte, in dem es um die verbotene Liebe zwischen einem Roma und einem serbischen Mädchen geht und die Handlung inmitten des größten Trompeten-Festivals der Welt spielen soll, dann braucht man eine zündende Idee, damit das funktioniert. Mein erster Gedanke war Bollywood. Liebe, Musik, Farben. Das sind meine Waffen. Ich wollte eine farbenfrohe Liebesgeschichte schaffen, durchzogen von Musik und kombiniert mit all den speziellen Eigenarten und Qualitäten des Bollywood-Kinos. Die Stilmittel der indischen Traumfabrik tausende von Kilometern entfernt, wollte ich in das Herz Europas übertragen, allerdings in einen noch unentdeckten und exotischen Teils Europas, den Balkan.


Ich wollte Bilder benutzen, die vor Farben und Gegensätzen nur so strotzen, mit einer fast expressionistischen Intensität, um diese leidenschaftliche Liebesgeschichte des jungen Paares herauszuarbeiten. Ihre unterschiedlichen ethnischen Hintergründe hindern sie daran, zusammen glücklich werden zu dürfen. Das Thema des Films sollte exakt in diese Bilder hinein transportiert werden.


Trotzdem ist mein oberstes Ziel eine realistische Darstellung gewesen. Eine frei bewegliche Hand-Kamera sollte ein Gefühl des Dokumentarischen erzeugen, so als würde sich der Zuschauer in unmittelbarer Nähe der Filmfiguren aufhalten, ihre Entscheidungen und Taten aus nächster Nähe verfolgen und sie nicht aus den Augen verlieren. Das heutige Publikum kennt die Möglichkeiten des Films. Etwas andeuten, es zu stilisieren, reicht da nicht mehr aus. Um wirklich eine Illusion erzeugen zu können, muss man mit einem Film sehr nah an das echte Leben herankommen. Lange Einstellungen, kontrastiert mit der Nervosität schneller Schnitte im MTV-Stil, öffnen einen beeindruckenden Raum für tausende von "Festivalbesuchern" - ein Sinnbild, wie dauerhaft zeitlos diese Musik ist.


Musik - das ist das zweite Element, zu dem ich bei diesem Film gegriffen habe. Sie ist ein integraler Bestandteil der ganzen Erzählstruktur. Durch die Musik erlebt der Protagonist, ein junger Trompeter, sein persönliches coming-of-age. Er wird zum Mann, indem er seine eigenen Ideen in Form von neuen Musikelementen in die traditionelle Musik seines Orchesters einbringt. Neue Töne und ein innovativer künstlerischer Ansatz, die Fähigkeit, mit einer Solo-Trompete Gefühle zu wecken - das war eine Idee, die ich in GUCHA einfließen lassen wollte. Dazu inspiriert hat mich auch einer der einflussreichsten und wichtigsten aktuellen Jazztrompeter, Dusko Gojkovic, dem ich an dieser Stelle für seine Musik und seine Unterstützung für das Projekt danken möchte. Schließlich habe ich für die Rollen der Musiker keine Schauspieler gecastet, sondern echte Musiker, Tompeter, die selber jedes Jahr am Wettbewerb in Gucha  teilnehmen und so echt wirken, weil sie sich selber spielen.


Mit diesem letzten As im Ärmel wollte ich die Geschichte in ihrem ziemlich poetischen Manierismus so überzeugend wie möglich gestalten. Ich glaube, mit den ausdrucksstarken Gesichtern der Musiker, ihrer Verwegenheit und Authentizität, auch vor der Kamera, ist es mir gelungen, das notwendige Gleichgewicht in den Film zu bringen, welches mir vorschwebte. Und so ist GUCHA ein serbisches neorealistisches Bollywood.

Interview:

Gedreht wurde an Originalschauplätzen und während des Festivals. Inwieweit ist dieser Teil des Films dokumentarisch?

Wir haben tatsächlich während des Festivals 2005 gedreht. Allerdings ist es nicht ganz authentisch, weil der Hauptwettbewerb eigentlich tagsüber stattfindet. Ich wollte dieses große Finale aus filmischen Gründen aber nachts drehen. Das ist auch wirklich der einzige Unterschied zwischen der Realität und meinem Film. Das Festival in Gucha hat eine lange Tradition, es gibt das Festival schon seit fast 50 Jahren und es wird jedes Jahr größer und wichtiger. Im letzten Jahr waren dort 600.000 Leute. Man kann sich in dieser Menschenmasse kaum noch bewegen. Inzwischen gibt es sogar schon organisierte Reisegruppen aus Japan, die zum Festival nach Gucha kommen.

Auch in Deutschland haben viele Musikfans schon von Gucha gehört, aber was bedeutet Gucha für die Serben?
Das Festival in Gucha ist sehr wichtig für die serbische Kultur. Denn es gibt eine musikalische Stilrichtig, die nur in Serbien existiert und die in Gucha gepflegt wird. Meine Idee war aber auch, die zwei verschiedenen Stilrichtungen der „schwarzen" und der „weißen" Trompeter zu zeigen. Es war mein Hauptanliegen, zu verdeutlichen, dass sich diese zwei Stile nicht wie Erbfeinde bekämpfen müssen, sondern auch zusammen gehören, wenn es um die serbische Kultur geht.

Und die Atmosphäre in die Gucha – hat sie sich im Laufe der Jahre sehr verändert?
Ich habe für diesen Film recht genau recherchiert und war seit 2003 regelmäßig in Gucha, davor habe ich das Festival immer nur kurz besucht, weil es auch wirklich anstrengend und laut ist. Es ist nicht irgendwann mal Schluss, sondern das Festival dauert 24 Stunden am Tag - nonstop.  Und es verändert sich auch. In früheren Jahren gab es nur Bands aus der Region, seit 2003 werden auch ausländische Bands, aus den USA, Deutschland und Schweden eingeladen, Brass-Bands die serbische Musik spielen. Stellen Sie sich eine Band aus New York vor. Und die spielt traditionelle serbische Blasmusik. Es ist einfach eine sehr powervolle Musik. Eine Idee ist auch, in den nächsten Jahren das Festival auszuweiten und auch internationale Brass-Bands einzuladen – von schwarzen Jazz-Kapellen aus New Orleans bis zu Mariachi-Bands aus Mexiko. Wir nennen Gucha das „serbische Woodstock“, und die Fans kommen jedes Jahr wieder.

Die Musik ist ja essentiell auch für den Film GUCHA. Sollte es auch ein Film über das Festival werden?

Der Film lebt nicht in erster Linie von seinem Plot. Die Story ist eine klassische Liebesgeschichte. Mir ging es auch nicht um überraschende Wendungen, sondern ich wollte vor allem die Gefühle der jungen Liebe zeigen – und die Musik sollte diese Emotionen unterstützen.

Quelle: Filmladen

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