romola-garai.jpgDie Hauptdarsteller des Films Angel im Gespräch. Romola Garai und Michael Fassbender, die im Film Angel und Esmé spielen, sprechen über ihre Arbeit mit Regisseur Francois Ozon und über den Film. Angel startet am 10. August in unseren Kinos und handelt von einer aufstrebenden Schriftstellerin, die erschreckend wenig Talent besitzt, aber dennoch nach oben kommt. Hinzu kommt noch dass sie unter Realitätsverlust leidet und in ihrer Traumwelt vor sich her lebt.


Gespräch mit Ramola Garai:


Erzählen Sie uns bitte etwas von den Probeaufnahmen.


Ich habe François Ozon die ersten Male alleine getroffen, dann mit zwei Schauspielerinnen, die er für die Rolle der Nora in Erwägung gezogen hatte, dann noch einmal mit zwei Schauspielern für die männliche Hauptrolle. Insgesamt hatte ich letztlich also sechs Probeaufnahmen, und jedes Mal spürte ich, dass auch ich dabei noch einmal genau unter die Lupe genommen wurde. Wenn ich bei einer der Aufnahmen wirklich schlecht gewesen wäre, hätte François sicherlich eine andere Möglichkeit in Betracht gezogen. Ich war bis zum Schluss unsicher, ob ich die Rolle wirklich bekommen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass François in seinem ersten englischsprachigen Film eine Hauptrolle mit einer Schauspielerin besetzen würde, die noch weitgehend unbekannt ist.


Wie sind Sie dem Drehbuch begegnet?


Es war sehr auffällig, auch etwas verrückt. Ich wusste anfangs nicht, was ich davon halten sollte. Diese Art von Film ist durch das Drehbuch allein nur schwer nachzuvollziehen. Wer den fertigen Film sieht, merkt, dass er doppelsinnig ist und auf zwei ganz unterschiedlichen Ebenen spielt. Man muss den Blickwinkel des Regisseurs einnehmen und das Leben der Charaktere durch seine Augen sehen, um es mit dem nötigen Abstand betrachten zu können. Aus dem Drehbuch war dieser Aspekt schwer herauszulesen. Aber ich hatte großes Vertrauen in François Talent. Ich wusste, dass er ein Regisseur ist, der großartig mit seinen Schauspielern umgehen kann.


Spürten Sie manchmal, dass das Drehbuch nicht von einem Muttersprachler stammte?


Nein, und das finde ich sehr interessant. Obwohl es auf einem englischen Roman basiert, kam es mir beim Lesen gar nicht typisch englisch vor. Daher überraschte es mich auch nicht, als ich hörte, dass das Buch in Frankreich viel erfolgreicher war als in England. Und der Roman stützt sich nicht besonders auf die Sprache selbst. Die Autorin hat kein besonderes Interesse an Beschreibungen oder Wortspielen. ANGEL erzählt die Geschichte eines außergewöhnlichen Menschen und solche Romane geben einfach sehr viel Stoff, um sie in einen Film zu übertragen.


Hatten Sie von Marie Corelli, die für die Angel in Elizabeth Taylors Roman das historische Vorbild war, vorher gehört?


Ich habe versucht, einen ihrer Romane zu lesen, aber das fällt wirklich schwer. Sie hat recht eigentümliche Sachen geschrieben. Eigentlich sind es romantische Geschichten, aber es ist alles von dem endgültigen Zweck der moralischen Besserung bestimmt. Corelli sprach langatmig über Dinge, die wir heute als konservative und simpel gestrickte moralische Vorstellungen ansehen würden, aber sie hat auch immer aus Leidenschaft geschrieben.


Sie ist als sehr kauzig beschrieben worden, fast ein bisschen verrückt. Sie lebte ihr ganzes Leben mit einer anderen Frau zusammen, aber ich weiß nicht, ob sie lesbisch war. Sie war entschieden gegen die Emanzipation der Frauen und schrieb und redete ausführlich dagegen an - mit der Unterstützung von Queen Victoria. Für sie waren Frauen die moralische Festung des Landes und sie glaubte, wenn Frauen männliche Ansprüche übernähmen, würden sie moralisch geschwächt.


Gab es in der Figur der Angel Aspekte, die Sie besonders anzogen oder die sie besonders gerne spielten?


Ich mochte vieles an ihr, auch wenn sie einige weniger liebenswürdige Züge hat. Junge Schauspieler bekommen selten solch komplexe Rollen wie diese angeboten. Angel ist ganz sicher keine Heilige. Sie ist die meiste Zeit sehr egoistisch, aber dabei zeigt sie eben auch die Last, die Frauen schultern mussten, um ihre kreativen Möglichkeiten ausschöpfen zu können.


Hatten Sie Angst, dass Angel manchmal zu grotesk wirken würde?


Ja und nein, denn ich mochte diese Züge auch, weil sie zu ihrem Charakter gehören. Ich hatte mit François diese amüsanten Situationen, in denen ich ihn fragte , ob das jetzt nicht zu übertrieben war und er beruhigte mich dann und erwiderte, dass es so genau richtig ist. Ich war etwas ängstlich, aber es machte großen Spaß. Es hatte manchmal etwas von einer Pantomime - eine Figur zu spielen, die derart grotesk wird. Dabei war Angel immer vielschichtig und als Schauspielerin musste ich alle ihre Facetten darstellen.


Waren Sie und François sich immer einig, wie Angels Charakter zu vermitteln sei?


François und ich mochten diese Figur, aber ich weiß nicht, ob wir auch dieselben Aspekte lieben. Wenn wir abends zusammen essen gingen, kamen wir manchmal auf die politische Situation zu sprechen, aber ich konnte an François Augen sehen, dass es ihn nicht wirklich interessierte. Mich interessierten sowohl die politischen wie literarischen Aspekte des Films, während ihn eher die Verspieltheit des Genres und die Möglichkeiten reizten, Figuren zu erschaffen, die gleichermaßen abstoßend wie anziehend sind.


Wie haben Sie sich für Ihre Rolle vorbereitet?


Ich habe diesen und auch andere Romane von Elizabeth Taylor gelesen, um ein Gespür dafür zu bekommen, was sie interessiert. Das war allerdings wenig hilfreich, da Angel vollkommen anders ist als ihre übrigen Bücher. Sie schreibt meistens über die Klassengesellschaft, wie Jane Austen, aber Angel ist anders, viel dunkler und fremder. Ich habe mir viele von François' Notizen zunutze gemacht. Mir war klar, dass der Film nur dann gut wird, wenn ich genau das tat, was er wollte. Ich hielt mich an seine Anweisungen. Ich habe auch sehr viel an meiner Stimme gearbeitet, da ich eine Frau spielte, die anfangs 16 Jahre und am Ende 35 Jahre alt ist. Er wollte nicht mit besonderen Make-up Tricks arbeiten. Deshalb habe ich mich am Ende des Films sehr auf meine Stimme und meine Bewegungen konzentriert.


Haben Ihnen die Kostüme dabei geholfen?


Kostümdesignerin Pascaline Chavanne und François Ozon hatten die Kostüme bereits entworfen, bevor ich engagiert wurde. Und sie waren sehr ungewöhnlich. Da standen eine Menge Kleiderständer mit Kostümen herum und ich wunderte mich, ob die wirklich alle für diesen Film vorgesehen waren. Dann sagte Pascaline, dass die alle nur für mich sind! Ich hatte sicher dreißig verschiedene Kleider, handgearbeitete Schuhe und Handschuhe. In meinem ganzen Leben besaß ich noch nie so viele Kleider und jedes war einfach wundervoll. François kam manchmal herein und legte Stoffbahn um Stoffbahn um mich. Er beaufsichtigte jedes kleine Detail des Films. Ich fühlte mich manchmal wie die Leinwand eines Malers. Für ihn war der größte Teil des Films ein Bilderbogen und ich musste dabei wie eine Spielzeugpuppe herumstehen und darauf warten, bis dieses eigentümliche Glänzen in seine Augen kam und er Angel wortwörtlich erschaffen hatte.


Haben Sie mit Angel etwas gemeinsam?


Angel genießt die Tatsache, dass die Leute sie nicht mögen und für ziemlich verschroben halten. Sie will zwar geliebt und als Künstlerin ernst genommen werden, aber sie will auch außergewöhnlich sein und nimmt in Kauf, dass sie sehr unbeliebt bei ihren Mitmenschen ist. Sie will im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Als Schauspielerin verstehe ich das natürlich, ich mag es, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. So gesehen, ist es meist herausfordernder und interessanter, eine widersprüchliche Figur zu spielen.


Und François Ozon? Wie sah er Angel?


Es faszinierte mich, zu erkennen wie genau er sich mit ihr auseinandergesetzt hatte und wie sehr auch er sie mochte. Er wollte sie nicht besonders liebenswert präsentieren, aber er hat sie immer verteidigt. Vielleicht nur deshalb, weil François Schauspielerinnen liebt und Angel auch eine Schauspielerin ist. Alle seine Filme zeigen seine große Liebe zu außergewöhnlichen Schauspielerinnen und Figuren, die sich in einer verzweifelten Lage befinden. Ihn interessieren solche Schicksale, den Kampf mit den eigenen Dämonen, die Sehnsucht geliebt und bewundert zu werden, aber auch das Unvermögen sich selbst zu verstehen. Ich denke genau das macht Angel für François so faszinierend.

Wie für jeden anderen Künstler ist es auch für einen Regisseur ein Albtraum zu versagen. Und Angel steht für diesen Albtraum. Sie hält sich selbst für hervorragend, ist aber miserabel. Sie hält sich einen Hofstaat, der ihr fortwährend bestätigt, wie wundervoll sie ist, aber jeder weiß, dass das nicht stimmt. Das ist einfach entsetzlich.


Ist es Ihnen leicht gefallen, in die Rolle der Angel zu schlüpfen?


Eine Figur zu spielen, die ein bisschen verrückt ist, deren Emotionen ständig überkochen, erfordert viel Energie. Ich habe nur gearbeitet. Ich habe gedreht, bin dann nach Hause gegangen und ins Bett gefallen. Ich befürchte, ich bin selbst ein wenig verrückt geworden. Als François mich engagierte, dachte er wohl, ich sei sehr gelassen. Aber spätestens einen Monat später muss ihm klar gewesen sein, dass ich die überspannteste Person war, mit der er jemals gearbeitet hatte.

Gespräch mit Michael Fassbender:
 

Wie verlief Ihre erste Begegnung mit François Ozon?


Ich und die Schauspielagentin Karen Lindsay Stewart lasen den Text, während François die Szene drehte. Danach gab es noch vier weitere Probeaufnahmen mit verschiedenen Schauspielerinnen. Die Probeaufnahmen mit François waren sehr locker. Er hörte sich Vorschläge an und ich konnte einige Dinge ausprobieren; das war sehr anregend. Obwohl ich ein gutes Gefühl hatte, war ich doch sehr nervös. Ich wusste wirklich nicht, ob er sich für mich entscheiden würde.


Was denken Sie über Esmé?


Esmé ist das schwarze Schaf seiner Familie. Er möchte das Leben genießen: Glücksspiele, Frauen, Alkohol. In meinen Augen ist er ein Rebell, aber er ist auch ein frustrierter Künstler. Er ist unsicher. Seine Leidenschaft ist die Malerei, die ihm aber keine Erfüllung bietet und für die er vielleicht auch nicht genügend Talent hat. Eigentlich wünscht er sich nur, dass ihn die Leute anerkennen und seine Arbeit schätzen. Er ist zwiespältig: Er tut sehr blasiert, ist aber äußerst empfindlich was seine Kunst betrifft, die alle anderen für wertlos halten.


Und wie beurteilen Sie seine Kunst?


Ich kenne mich in der Malerei wirklich nicht gut aus. Da habe ich zwei linke Hände. Eine weiße Leinwand schüchtert mich ein. Für mich ist Kunst eine Möglichkeit, die Welt zu betrachten und das, was man sieht auszudrücken. In diesem Sinn scheint mir Esmé einen sehr originellen Blick auf die Kunst und das Leben zu haben. Mir gefiel, dass er zudem in seiner Zeit die meiste Anregung in heruntergekommen Orten fand. Sein Realismus sprach mich sehr an.


Sie haben im Film richtig gemalt. Wie war das?


Ich bekam Unterricht in Ölmalerei und fand es sehr entspannend und interessant. Ein Künstler war am Set und wir verbrachten viel Zeit damit, zusammen an dem eigentlichen Gemälde, das ich im Film male, zu arbeiten. Es war toll, dass er da war. So konnte ich gleichzeitig die Persönlichkeit eines Künstlers zu studieren und lernen, einen Pinsel zu halten.


Hat François Ozon eine typische Arbeitsmethode?


Er schafft eine Atmosphäre, in der ein Schauspieler seine Rolle entfalten kann. Ich hatte keine Hemmungen, ihm meine Anregungen und Gedanken während des Drehs mitzuteilen. Ich habe intuitiv gearbeitet und er sagte mir dann ganz genau, was seiner Meinung nach gut oder weniger gut war. Das ist eine produktive, zügige, schnelle Art zu arbeiten. Seine Arbeitsweise ist nicht hierarchisch, sondern sach- und situationsbezogen.


Wie ist er als Regisseur?


Er gibt Anweisungen während er filmt und während man schauspielert. Zu meiner Überraschung stand er auch hinter der Kamera. Aber er sagt, er sieht besser wie die Schauspieler arbeiten, wenn er durch die Kamera guckt. Er macht auch immer so lustige Geräusche: Zustimmende und ablehnende Grunzer und filmte einfach weiter, bis er hatte, was er wollte.


Lässt sich Esmés Charakter auf bestimmte Grundzüge zurückführen? Folgt er einem bestimmten Lebensideal?


Wir haben lange über seine Motive diskutiert und die wichtigste Frage war, ob er Angel wirklich liebt oder ob die Beziehung für ihn eher eine finanzielle Sicherheit bedeutet. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass er sie nicht wirklich liebt, aber sich selbst einredet, es zu tun. Angel ist eine sehr starke Persönlichkeit, facettenreich, wenn auch etwas nervig und das gefällt ihm. Sie hat Vertrauen in ihn - als Menschen und als Künstler - und sie lässt ihn in ihre Welt, was ihn aus der Bahn wirft und beunruhigt, ihn aber auch sehr anzieht.


Und was halten Sie von Angel?


Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, wünschte ich mir, dass Angel sich verändert und auch einmal etwas Nettes tut. Das störte mich eigentlich bis zu Drehbeginn, aber als ich sah wie François sie inszenierte und wie Romola Angel interpretierte, war mir klar, dass man sie trotz allem gern haben muss. Angels Selbstbewusstsein und ihr Wille in einer von Männern bestimmten Welt alles zu tun, was sie möchte, ist bewundernswert. Wer den Film gesehen hat und sie weder liebt noch bemitleidet, hat die Grundidee des Films nicht verstanden. Ich glaube, dass man mit ihr Mitleid haben muss. Sie ist eine Frau, die ihr Leben genau so aufbaut wie ihre Bücher: Sie hat konkrete Vorstellungen von der Liebe, wie sie ihr Leben führen möchte, welche gesellschaftliche Rolle sie spielen will. Andererseits schöpft sie weder echtes Vergnügen noch Kraft daraus. Denken Sie nur an ihre sexuellen Beziehungen! Sie hat Sex, weil sie denkt, dass man es eben tut, aber nicht weil sie sich selbst danach sehnt.

Quelle: Filmladen

Neuen Kommentar schreiben

Bitte anmelden oder registrieren um an dieser Diskussion teilnehmen zu können.

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.
Beliebte Neuigkeiten