ozon.jpgFrancois Ozon spricht über seinen neusten Film Angel. Unter anderem erzählt er wie es war den Stoff von Elizabeth Taylor zu adaptieren, wie seine anderen Filme im Kontext zu Angel stehen und wie er persönlich die einzelnen Figuren sieht. Angel startet am 10. August in unseren Kinos und handelt von einer aufstrebenden Schriftstellerin, die erschreckend wenig Talent besitzt, aber dennoch nach oben kommt. Hinzu kommt noch dass sie unter Realitätsverlust leidet und in ihrer Traumwelt vor sich her lebt.

 

Die Vorlage Ihres Films ist ein 1957 erschienener Roman der englischen Schriftstellerin Elizabeth Taylor? Was hat Sie an „Angel" interessiert?


Ich habe diesen Roman vor fünf oder sechs Jahren in einem Schwung durchgelesen und sofort gespürt, dass es ein großartiger Stoff für einen melodramatischen Film im Stil der dreißiger oder vierziger Jahre sein könnte, in dem es um den Aufstieg und Fall einer flamboyanten Persönlichkeit gehen würde. Außerdem habe ich mich ein bisschen in die Figur der Angel verliebt, die mich amüsierte und anzog und deren Schicksal mich schließlich sehr berührt hat. Deshalb bat ich meine Produzenten, die Filmrechte an diesem Roman zu kaufen.


Es war von Anfang an klar, dass man diese Geschichte nicht nach Frankreich übertragen können würde. Es ist eine typisch englische Geschichte in der Tradition der englischen Frauenliteratur. Die Figur der Angel ist angelehnt an die historischen Marie Corelli, einer Zeitgenossin von Oscar Wilde und die Lieblingsschriftstellerin von Queen Victoria. Corelli war eine der ersten Schriftstellerinnen, die Berühmtheit erlangte. Zu Lebzeiten himmelte sie ihr Publikum an. Heute ist sie allerdings selbst in England völlig vergessen.


Zuvor haben Sie „Swimming Pool" gedreht, auch das Porträt einer Schriftstellerin.


Das war eine Art Fingerübung. Es war mir damals noch nicht möglich ANGEL zu verfilmen, aber in Swimming Pool konnte ich ähnliche Themen ausloten: Die Beziehungen zwischen einer Schriftstellerin und ihrem Publikum, die Grenzen zwischen Realität und der Einbildungskraft, die Wurzeln kreativer Inspiration und bestimmter Aspekte der britischen Kultur. Einige Jahre später war ich dann soweit, es mit der englischen Sprache und Elizabeth Taylors Roman aufzunehmen.


Wie haben Sie den Roman für den Film adaptiert?


Die größte Herausforderung war es, die Figur der Angel nachvollziehbar zu gestalten. In Elizabeth Taylors Roman ist diese Figur oft grotesk, und die Autorin pflegt einen sehr spöttischen Blick auf Angel, ihre Bücher und ihr Verhalten. Taylor würdigt ihre Fähigkeit zu schreiben und ihren Ehrgeiz berühmt zu werden, zieht sie dabei aber ständig ins Lächerliche, indem sie sie als bizarr und unattraktiv beschreibt. Ich glaube nicht, dass wir im Kino einer derart negativen Figur zwei Stunden zusehen wollen, während es im Roman sicherlich funktioniert. Es war mir wichtig, dass Angel trotz ihrer abstoßenden oder sogar scheußlichen Züge charmant und liebenswert ist. Man denkt dabei sofort an Scarlett O'Hara. Sie ist sicherlich eine Figur, die man zugleich liebt und hasst. Ich wollte, dass Angel sich ihrer Verführungskraft bewusst ist und dass sie sie - zum Beispiel gegenüber ihrem Verleger oder Nora - auch einsetzt. Angel ist bei mir sicherlich viel manipulativer als bei Elizabeth Taylor. Aber in einer verspielten, heiteren Art, nicht abnormal. Am Anfang nörgeln alle an ihr herum: Ihr Lehrer, ihre Mutter, ihre Tante, die Frau ihres Verlegers. So können wir vermuten, dass ihre Arbeit missverstanden wird. Das weckt unser Mitgefühl und stachelt unsere Neugierde an, besonders wenn sie schreibt. Ich wollte das Publikum dafür interessieren, bevor - wie später im Film - deutlich wird, dass ihre Arbeit wahrscheinlich doch keine große Literatur ist.


Ich würde sogar sagen, dass wir von ihrer Leidenschaft zu schreiben sehr angezogen sind, aber nicht beurteilen wollen, ob ihre Arbeit gut ist.


Spätestens nach zwanzig Minuten, wenn Angel die Aufführung eines nach einem ihrer Romane adaptierten Theaterstückes besucht, wissen wir, dass sie keine herausragende Schriftstellerin ist. Diese Szene haben wir erfunden, um einen Eindruck von ihrem ‚künstlerischen Kaliber' zu geben. Ich wollte diese fehlenden literarischen Qualitäten aber nicht lächerlich machen. Ich wollte die schöpferische Kraft eines Menschen zeigen, der eine eigene Welt erfinden kann und dem das großen Spaß macht. Wie gut ein Schriftsteller von Mystery- oder Liebesgeschichten ist, interessiert mich nicht. Ich möchte erfahren, welche Leidenschaft und Einbildungskraft sie antreibt. Woher kommt das? Verändert sich das eigene Leben, wenn die Grenzen zwischen Realität und Einbildung ständig überschritten werden? Gibt die Kunst uns Lebenskraft oder saugt sie uns aus? Wie sehr muss man sich der eigenen Kunst ausliefern? Angel und Esmé sind sehr unterschiedliche Menschen, aber beide sind ihrer Kunst verpflichtet. Beide sind gescheiterte Existenzen. Esmé ist schwach, weil er nicht an sein eigenes Werk glaubt. Letztlich ist es aber vielleicht doch Esmé, der avantgardistische Künstler, an den man sich erinnern wird. Angel hingegen, die an ihre Kunst glaubt, aber von ihrem Mangel an Selbstkritik verführt wird, wird vergessen. Dennoch kann man nicht darüber hinwegsehen, dass sie die Menschen in ihrer Zeit berührt und ihnen Zerstreuung ermöglicht hat. Also, was ist für einen Künstler wichtiger? Ruhm, Reichtum und Anerkennung in seinem Leben zu genießen, bevor man in Vergessenheit gerät? Oder sich abzumühen, die verdiente Anerkennung aber erst nach seinem Tod bekommt, wie van Gogh?


Verbindet Sie selbst mehr mit Angel oder mit Esmé?


Mir selbst ist es wichtig, heute und jetzt etwas zu erreichen. Ob meine Arbeit die Zeit überdauert? Das frage ich mich selbst nicht, denn es würde mich lähmen. Die Kunst kann über Jahrhunderte wirken, aber sie ist auch für das Hier und Heute gemacht. Ich fühle mich Angels Drang, ihrem Willen etwas zu schaffen, verbunden. Dieser Pragmatismus befreit sie aus ihren sozialen Bindungen. Ihre Kunst verschafft ihr ein besseres Leben. Dadurch kann sie sich ein Haus kaufen, sich Wohlstand leisten und den Mann, den sie liebt, erobern und finanziell unterstützen.


Angel liebt Esmé trotz seiner Lügen.


Im Roman war diese Liebesgeschichte nur eine Farce: Angel war in ihre Vorstellung eines romantischen, verzweifelten Malers verliebt. Doch die Flitterwochen waren eine einzige Katastrophe, denn Esmé war nur hinter ihrem Geld her. Aber auch hier dachte ich, dass, um Angel gerne zu haben, man von der Wahrhaftigkeit ihrer Liebe überzeugt sein musste. Angel ist wohl eher in ihre Vorstellung einer wahren Liebe verliebt, aber sie glaubt auch glühend daran und will Esmé wirklich helfen.


Was sind die genauen Gründe für Noras grenzenlose Hingabe zu Angel?


Im Roman wird zwischen den Zeilen eine körperliche Liebe angedeutet. Aber Nora war sehr hässlich, sie hatte sogar einen kleinen Schnurrbart. Ich habe sie etwas milder gezeichnet, ihre Enttäuschung und Verbitterung abgeschwächt und sie etwas aus dem Dunkeln befreit. Ich wollte, dass sie eigenständiger ist und nicht nur ein Haussklave, der mit Leib und Seele seinem Idol verfallen ist. Im Roman verheimlicht Nora die Geliebte ihres Bruders gegenüber Angel, um sie dadurch mehr an sich selbst zu binden. Im Film erzählt Nora schließlich die Wahrheit über diese Beziehung. Hätte sie aber darüber nicht früher berichten sollen, gleich nachdem sie Esmé in flagranti überrascht hatte? Damit bekommt Nora auch eine tragische Note. Das verbindet sie mit den Leiden von Angel und sie ist hin und her gerissen zwischen ihrer Sehnsucht nach Angel und der Loyalität zu ihrem Bruder.


Sie haben sich also bewusst eine gewisse Freizügigkeit gestattet, was die Treue gegenüber der Vorlage betrifft?


Hätte ich den Roman Wort für Wort umgesetzt, wäre der gesamte Film wie jene Szene, in der Angel bei ihrem Verleger zu Mittagessen eingeladen ist und sich wie ein hysterisches, aufdringliches Monster aufführt. Ich hätte mit dieser recht überzogenen Karikatur fortfahren können, ich wollte aber auch Angels Vielschichtigkeit darstellen, auch ihre Zerbrechlichkeit hinter dem Schutzschild einer starken Frau, die die Karriereleiter schnell emporsteigt.

Ihr Aufstieg ist umso beeindruckender, gerade weil sie eine Frau ist. Sie ist ihr eigener Herr, sie sucht sich ihren Ehemann selbst aus, kauft ihr eigenes Haus und macht Karriere. Kurz gesagt, sie hat sich von den Fesseln der strengen edwardianischen Etikette befreit. Man könnte sie sogar als frühe Feministin bezeichnen. Frauen von heute können sich mit ihr identifizieren. Doch ich wollte beide Seiten der Medaille zeigen und Angels verschiedene Gesichter offen legen. Sie hat ihr Leben auf Lügen und unterdrückten Gefühlen aufgebaut.


In vielen Situationen schauspielert sie, in anderen wiederum hat sie keine andere Möglichkeit als sie selbst zu sein: wenn sie beispielsweise in der Schule gedemütigt wird oder wenn ihre Mutter stirbt. Im Roman war das nur eine beiläufige Szene, aber ich fühlte und wollte, dass es eine Schlüsselszene für Angel ist. Sie ist erschöpft und fühlt sich verlassen. Das hält sie aber nicht davon ab, wenig später wieder einem Journalisten das perfekte Leben vorzugaukeln. Ich wollte genau diese Zwiespältigkeit in Angel einfangen, den ständigen Wechsel zwischen Nähe und Distanz zu Angel, dem der Zuschauer ausgeliefert ist.

Es gibt ähnliche Gefühlsverwirrungen bei Esmés Beerdigung. Der Text, den Angel in der Kirche vorträgt, klingt wie eine ihrer erfundenen Liebesgeschichten und wir dürfen vermuten, dass ihr Tränenausbruch übertrieben ist. Aber ich glaube, dass Angel tief berührt ist. Sie erzählt eine Geschichte von zwei Liebenden und ihrem Selbstmordversuch, was absurd ist und keinerlei Ähnlichkeit mit den wirklichen Umständen von Esmés Tod hat. Doch sie ist fest von dieser Version überzeugt. Tief in ihrem Inneren ist Angel ein kleines Mädchen, das von Reichtum, Erfolg und ihrem Märchenprinzen träumt. So wie heute viele Teenager.


„Die Zeit, die bleibt" schließt damit, dass die letzte Einstellung langsam ausbleicht. Bei diesem Film haben Sie von solchen Minimalismen Abstand genommen.


Ja, ANGEL hat mir eine sehr barocke, detailreiche Welt geöffnet, während meine letzten Filme immer sparsamer in ihren Details geworden sind. ANGEL ist ein Drama voll lebhafter Farben, einer Vielzahl verschiedener Charaktere, die ein dichtes Netz spinnen. Einzelne Szenen zeigen dabei den Abgrund von Gefühlen und Widersprüchen. Der Film hat aber dennoch ein sehr einfaches Ende, wenn wir Angel in ihre Armut und emotionale Einsamkeit folgen.

Mich faszinierte neben den melodramatischen Verwicklungen am meisten der Umgang mit der Zeit: Ellipsen einzusetzen, ein überzeugendes Bild für den entscheidenden Wendepunkt im Leben eines Menschen zu finden und zum ersten Mal auch mit Rückblenden arbeiten zu können.


Und die Musik? Dient sie, ähnlich dem Schnitt, dazu einen emotionalen Ausgleich zu schaffen?


Ich dachte zuerst an Kompositionen von Frank Skinner, wie er sie bei Universal für die Melodramen von Douglas Sirk geschrieben hatte. Ich habe beim ersten Editieren des Films sogar einiges davon benutzt und es funktionierte ausgezeichnet. Aber dann klang sie mir für ein heutiges Publikum doch etwas veraltet. Daher bat ich meinen Komponisten Philippe Rombi sich von Skinners melodramatischer Musik inspirieren zu lassen und sich vor lyrischem Schmelz nicht zu scheuen, gleichzeitig aber auch ein Leitmotiv einzusetzen, das Angels geheime Sehnsüchte ausdrückt und dem Publikum das Identifizieren mit ihr erleichtert.


Ist es nur ein Zufall, dass Sie ein derart komplexes, klassisches Material in England verfilmt haben, mit englischen Schauspielern?


Die englischen Schauspieler haben die Szenen von Beginn an mit einer Tiefe und Vielschichtigkeit ausgelotet, die ich so noch nicht kannte. Sie hatten ihre Rolle genau vorbereitet und meine Anmerkungen und unsere Gespräche genutzt, um ihre Figuren besser zu verstehen und lebendig werden zu lassen. Während französische Schauspieler dazu tendieren, sich von Tag zu Tag und wie Sprinter vorzubereiten, ähneln englische Schauspieler eher Langstreckenläufern. Romola Garai, die die Rolle der Angel spielt, sagte mir, dass sie an ihren Szenen immer bereits eine Woche vorher arbeitet. Es war eine angenehme Erfahrung derart hart arbeitende, leidenschaftliche Schauspieler zu beobachten. Romola hatte jeden Tag eine große Szene zu spielen und dabei ein weites emotionales Repertoire zu zeigen. Sie war nie genervt oder überfordert und hat sich während der anstrengenden Arbeit niemals beschwert. Die Filmszenen wurden nicht in chronologischen Reihenfolge gedreht, aber Romola war immer genau darauf vorbereitet, die unterschiedlichen Lebensalter zu spielen und ihren Akzent der Szene, die wir gerade drehten, anzupassen.


Wie war es für Sie selbst, mit Schauspielern zu arbeiten, die eine andere Sprache sprechen?


Ich war sehr angespannt, aber ich habe es schnell verstanden mich auszudrücken. Ich kannte alle Dialoge auf Französisch und hatte für die englische Übersetzung mit Martin Crimp eng zusammengearbeitet. Wir haben ausführlich darüber gesprochen und er erklärte mir die Feinheiten der Sprache und seine Gründe, den französischen Text nicht immer wortwörtlich zu übersetzen. Im Englischen ist es leichter, einen Text zu kürzen und genau auf den Punkt zu bringen, ohne dabei Doppeldeutigkeit oder Ironie zu opfern. Ich wünschte mir Dialoge in der Art von Oscar Wilde-Zeilen, mit denen die Schauspieler arbeiten konnten, die aber nicht allzu gestelzt wirkten. Das scheint im Englischen leichter zu sein als im Französischen.


Wie verlief das Casting?


Geschichten dieser Art gelten in Hollywood zwangsläufig als Starvehikel. Tatsächlich war ein amerikanisches Studio an dem Film interessiert, allerdings unter der Bedingung, dass ich mit einem amerikanischen Drehbuchautor ein Jahr zusammen arbeiten sollte und die Geschichte ein Happy-End hat. Unter diesen Voraussetzungen könnten sie mir einen amerikanischen Star garantieren! Ich zog es vor, den Film auf meine Art zu machen, mit weniger bekannten Schauspielern und einem kleineren Budget.


Ich habe mit einer hervorragenden englischen Schauspieleragentin gearbeitet, die mir die ganze Riege aufstrebender junger britischer Schauspieler vorstellte. Ich machte ausführliche Probeaufnahmen und entschied mich für Schauspieler, die sehr enthusiastisch und verfügbar waren, aber ihren wirklichen Durchbruch in England noch nicht hatten.


Weshalb haben Sie sich schließlich für Romola Garai entschieden?


Romola hat die Figur verstanden. Sie fürchtete sich nicht vor Angels manchmal doch skurrilen Charakterzügen und gab ihr mit ihren großen, verträumten Rehaugen zugleich Charme und Natürlichkeit. Außerdem mochte sie Angel, was wenige Schauspielerinnen konnten. Viele hielten sie für monströs, hinterhältig, eine Anti-Heldin, eine Lügnerin, eine Gescheiterte - sie fürchteten sich vor ihr! Romola hat sie klar verkörpert, sie hat Angel und ihr Leben ohne Vorbehalte akzeptiert.


Michael Fassbender ist eine Entdeckung!


Wenn ein heutiges Publikum Angel und Esmé als Paar akzeptieren soll, muss eine starke Anziehung zwischen den Schauspielern zu spüren sein. Und dieser junge Maler musste wirklich, sinnlich, charismatisch sein.


Michael Fassbender hat diese Qualitäten, er besitzt eine gute Mischung aus verspielter Ironie und roher Kraft. Er ist Ire, er hat einen anderen Akzent und andere Regeln als ein Engländer, er ist verschrobener und rauer.


Bei Sam Neill war es ähnlich. Er las das Skript und war begeistert. Für ihn war es sowohl anrührend wie witzig. Sein Enthusiasmus war für mich während der gesamten Drehzeit eine großartige Unterstützung.


Mit Charlotte Rampling haben sie nun schon zum dritten Mal zusammengearbeitet.


Es war sehr wichtig für mich, dass sie bei meinem ersten englischsprachigen Film dabei war. Sie hat aus Freundschaft zu mir die kleine Rolle der Hermione übernommen. Sie hat in der Geschichte eine ähnliche Haltung zu Angel wie das Publikum. Ihre Figur ist von der Handlung etwas gelöst. Anfangs hält sie Angel für reichlich ungehobelt und nervend und beurteilt sie daher sehr abschätzig. Aber während des Films ändert sich ihre Haltung allmählich und am Ende verteidigt sie Angel. Obwohl ihr die Schriftstellerin nichts bedeutet, versteht Hermione die Frau und bewundert sie für das, was sie erreicht hat.


Und Lucy Russell?


Für die Rolle der Nora haben viele Schauspielerinnen vorgesprochen. Ich merkte bei den Probeaufnahmen bald, dass die meisten eigentlich Angel spielen wollten. Sobald die Aufnahmen vorbei waren, hieß es: „Ich könnte auch Angel spielen. Eigentlich bin ich Angel!". Sie wollten keine Nebenrolle spielen, während das für Lucy kein Problem war. Für die Probeaufnahmen hatte sie sich als ältliche Magd gekleidet, trug eine Brille mit dicken Gläsern und hatte ihre Haare streng nach oben gebunden. Sie war gekommen, um ihre Nora vorzustellen! Diese Rolle ist natürlich viel unbedeutender als die von Angel, aber Lucy ist klug genug, um zu wissen, dass diese Nebenfiguren oft besonders auffallen, auch dann wenn sie keine prachtvolle Garderobe tragen. Und sie spricht wie Charlotte ebenfalls fließend französisch und war dadurch für mich bei den Dreharbeiten eine weitere Stütze.


Wer hat eigentlich wirklich die Gemälde von Esmé gemalt?


Katia Wyszkop, die Chefausstatterin, sprach den Künstler an, der damals die Gemälde für den Film Van Gogh gemalt hatte: Gilbert Pignol. Es war allerdings sehr schwierig für Esmé einen Stil zu finden, weshalb wir uns anfangs vorzustellen suchten, was wohl Angel gefallen würde: protzige Bilder mit viel Stil und keiner Substanz. Schließlich haben wir uns für das genaue Gegenteil entschieden und Esmés Bilder stehen am anderen Ende der künstlerischen Möglichkeiten: Er ist ein bitterer, selbstquälerischer Expressionist. Er malt bevorzugt Friedhöfe und Arbeiterwohnungen, keine sehr beliebten Motive. Angel hasst seine Bilder. Sie findet, dass Kunst farbenprächtig, schön und zerstreuend sein sollte - eine Verklärung der Wirklichkeit. Für das Porträt von Angel ließen wir uns von Arbeiten Lucian Freuds inspirieren, was für die Zeit natürlich überhaupt nicht stimmte. Es half aber, uns in die öffentliche Ablehnung von Esmés Bildern einzufühlen. Aus der Ferne erkennt man zwar Angels Gesicht, aber je näher man kommt, desto ungenauer wirkt es und erinnert ein bisschen an Dorian Gray. Das Porträt ist unruhig, die Farbe ist gespachtelt und dick und reliefartig aufgetragen. Es dauerte lange, bis wir das hatten, was wir brauchten. Angel sollte dabei zugleich entstellt und monströs erscheinen, aber doch erkennbar sein.


ANGEL ist Ihr erster Kostümfilm. Wie sind Sie diese Herausforderung, ein Zeitalter wieder auferstehen zu lassen, angegangen?


Der Anfang sollte sehr realistisch die Welt zeigen aus der Angel fliehen will: das Städtchen Norley mit den roten Backsteinhäusern, den kleinen Läden, ihre Mutter. Aber nachdem Angel in ihr Paradise House umgezogen ist, konnten die historischen Bezüge und der Realismus verschwinden. Jetzt konnten wir in der Ausstattung und bei den Kostümen alles nach unserer Vorstellung ausführen. Wir konnten ganz in Angels Fantasiewelt eintauchen und ihren schlechten, kindlichen Geschmack teilen, wobei wir an die Schlösser von Ludwig II. in Bayern dachten.


Bei den Vorbereitungen in England konnte sich niemand vorstellen, weshalb ein französischer Filmemacher einen englischen, historischen Film drehen möchte: Davon gab es doch im Fernsehen genug. Historische Filme gelten als veraltet und akademisch. Ich wollte solche Stereotypen aufbrechen und das Ganze ein bisschen aufmischen. Ich habe mir gegenüber den Vorschlägen, die ich von meinen englischen Beratern bekam, eine Menge Freiheiten genommen. Beispielsweise wird Esmé in einem offenen Sarg zu Grabe getragen, was im Mittelmeerraum üblich, im protestantischen, edwardianischen England aber völlig unvorstellbar ist. Aber ich wollte es trotzdem, denn das ist Angels Welt und sie kümmert sich nicht um gesellschaftliche Vorstellungen. Angel steht abseits von solchen Regeln, sie erfindet ständig ihre eigene Realität, was ihre Art zu überleben ist.

Quelle: Filmladen

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