goldendoor-poster01.jpgDie beiden Hauptdarsteller des Immigrantendramas Golden Door, Charlotte Gainsbourg und Vincenzo Amato sprechen über ihren Film, die Dreharbeiten, ihre Figuren und über politische Ansichten. Golden Door startet am 13.07.2007 in unseren Kinos und handelt von Salvatore, der aus Italien fortgeht um in Amerika sein Glück zu versuchen. Er träumt von einem wunderbaren Land, dass ihn mit offenen Armen empfängt. In Wirklichkeit erwartet ihn jedoch ein bürokratischer Kampf auf Ellis Island und Vincenzo sieht dass seine Fantasie sogar nicht der Wahrheit entspricht.


Gespräch mit Charlotte Gainsbourg:

Was hat Sie als erstes an diesem großen Abenteuer GOLDEN DOOR gereizt?

Mich hat „Lampedusa" („Respiro", 2002) vollkommen verführt. Ich traf mich mit Emanuele Crialese, der von seinem neuen Projekt GOLDEN DOOR buchstäblich besessen war: Er hat eine erstaunliche Rede gehalten, in einem Mix aus Französisch und Italienisch; mit sehr ansteckendem Enthusiasmus. Das Drehbuch war packend und mit außergewöhnlichen Bildern bestückt: magische Aufnahmen von Plätzen, Gesichtern und dem Schiff. Der Film behandelt ein Kapitel der Geschichte, von dem ich bisher noch nichts wusste. Das Gefühl mit etwas sehr Authentischem in der italienischen Kultur in Berührung zu kommen gefiel mir. Ich hatte eine Art ‚Außen'- Blick auf dieses Projekt, wie eine Fremder, ein Outsider - eine Rolle, die ich ja auch im Film spiele. Ich wollte auf jeden Fall Teil dieses choralen Films sein.


Wie haben Sie Ihre Rolle vorbereitet?

Zuerst wurden die Kostüme entworfen, das geschah sehr früh, in Rom. Emanuele war meinen Vorschlägen gegenüber sehr aufgeschlossen. Er wollte meine Meinung hören und fragte mich: „Welche Farbe haben die Kleider deiner Figur?" Ich dachte sofort an einen sehr steifen Kragen, eine insgesamt sehr zugeknöpfte Kleidung, die Lucy von den anderen Frauen unterscheidet. Später, auf dem Schiff, würde sie sich dann ein bisschen offenherziger, nackter kleiden. Als nächstes musste eine Perücke ausgewählt werden: das Kastanienbraun wurde symbolisch, aber das war uns von Anfang an nicht klar. Wir überlegten, Lucys Haare ganz kurz zu scheren. Auf jeden Fall sollte sich ihre Frisur von denen der anderen Figuren unterscheiden.


Wir wissen nicht wirklich viel über Lucy. Wissen Sie mehr?

Ich persönlich habe mit der Idee begonnen, dass sie eine Prostituierte mit einer sehr belastenden Vergangenheit ist. Emanuele aber wollte nichts Festgelegtes. Und so blieb Lucy während des gesamten Drehs ein wahres Mysterium. Wir erfanden eine ganze Reihe möglicher Biografien. Eins steht allerdings fest: Ihre Figur hat eine symbolische Funktion: Lucy ist das verbindende Element zwischen Alter und Neuer Welt, sie verkörpert eine Art Modernität.


Es war kein Dreh wie jeder andere...

Ganz ohne Zweifel war das die extremste Filmdreh- Erfahrung, die ich jemals hatte. Emanuele hat seine ganz eigenen Methoden: Viel Improvisation und viele Dialog- und Szenenänderungen in letzter Minute. In Buenos Aires begannen wir mit sehr physischen Übungen. Das war wie eine Art Theater-Workshop. Wir mussten lernen, uns zusammen zu bewegen, zusammen zu fallen, wie in einer Choreografie. Der Kontakt zu den anderen war hauptsächlich körperlich. Als nächstes drehten wir die Szenen auf dem Schiff und dann die auf Ellis Island. Es folgten die Einstellungen auf der Brücke: Wir waren alle zusammengepfercht, Schauspieler und Komparsen, eine riesige Menschenmasse auf einem sehr kleinen Boot, und verließen das Quai für einen Tag auf See, ohne zu wissen, was wir tun würden. Emanuele entschied spontan aus dem Bauch heraus. Ich beobachtete alles sehr genau, schoss Fotos und machte Zeichnungen.


Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Lucy und Salvatore beschreiben?

Mir war von Anfang an klar, dass Vincenzo Amato und ich, eine ziemlich ungewöhnliche Liebesgeschichte zu spielen hatten. Die Beziehung der beiden wurde nur Stück für Stück eingeführt: Das Versteckspiel in den Luftschächten, die nebelverhangene Ankunft in New York.


Glauben Sie für Lucy und Salvatore gibt es eine gemeinsame Zukunft in der Neuen Welt?

Ja, das glaube ich. Ich bin ein echter Optimist.


Hat der Film für Sie auch eine politische Dimension?

Selbstverständlich kann man über seine ganz persönliche Einstellung gegenüber den Vereinigten Staaten reflektieren, aber ich selbst habe mich damit nicht allzu intensiv auseinandergesetzt. Es gibt sicherlich einen klaren Diskurs über Standardisierung: all diese unterschiedlichen Leute, die alle in die gleiche Form gegossen werden. Aber es ist Emanueles Film, er hatte alles genau in seinem Kopf und er hat es von Anfang bis Ende getragen. Ich habe meinen Job als Schauspielerin gemacht, und mir wird mehr und mehr bewusst, dass das heißt, sich dem Regisseur ganz zur Verfügung zu stellen, es zu genießen, dass man von ihm getragen und geführt wird, ohne irgendetwas zu kontrollieren. Ich persönlich bewundere die Art, wie Emanuele den Zauber der altertümlichen Welt einfängt, wie er Frauen filmt, die Brutalität, alles aufzugeben, dieses Gefühl für Materie, seien es Körper oder Landschaften. Und dann gibt es noch diesen ganz absurden, traumhaften Aspekt. Die Szene mit der Riesenkarotte, die in der Milch schwimmt, hat großen Spaß gemacht! Auch wenn wir beim Drehen fast alle im Swimmingpool erfroren wären.


Gespräch mit Vincenzo Amato:

Sie sind ein vielseitig talentierter Mann...

Ich bin Künstler und in Sizilien geboren und aufgewachsen. 1993 bin ich nach New York gezogen. Ich gehe jeden Tag in mein Studio, um mit meinen Händen etwas zu erschaffen. Manchmal, wenn mich ein Filmprojekt begeistert, arbeite ich auch als Schauspieler. Ich gehe an beide Herausforderungen mit der gleichen Einstellung heran. Sie sind einfach zwei unterschiedliche künstlerische Ausdrucksweisen und Künstler sollten sich nicht auf eine Sache beschränken. Ich wünschte, ich könnte auch noch Sänger sein!


Wie würden Sie Ihr Verhältnis und die Zusammenarbeit mit Emanuele Crialese beschreiben?

Mein Verhältnis zu Emanuele ist etwas ganz Besonderes. Er ist wie ich ein moderner Immigrant in New York und uns verbindet das Abenteuer Spielfilm. Seit er mir die Hauptrolle in seinem ersten Film gab, pflegen wir eine wunderschöne Künstlerfreundschaft, voller Ideen, Inspiration, Spaß aber auch kleinen Auseinandersetzungen. Wir diskutieren alles, als ginge es um Leben und Tod. Ich denke in diesem Punkt arbeitet er mit mir, anders als mit anderen Schauspielern: Er kann sehr wütend auf mich werden und gleichzeitig sehr verletzlich, weil er weiß, dass er mir vertrauen kann. Wir vertrauen uns gegenseitig. Während der Dreharbeiten zu GOLDEN DOOR hatte Emanuele viel Spaß mit den argentinischen Darstellern. Das Set in Buenos Aires glich oft einer ausgelassenen Party. Jeder fühlte sich von Emanuele angenommen und respektiert.


Wie haben Sie sich mit dem Thema des Films vertraut gemacht?

Seit ich denken kann, habe ich mich sowohl für die Geschichte der USA als Einwandererland als auch für das Landleben in Sizilien interessiert. Ich habe Ellis Island zum ersten Mal unmittelbar nach meinem Umzug nach New York besucht. Da ich mit dem Flugzeug in Amerika angekommen war, verspürte ich den Drang, zu sehen, wie der „andere Weg" für die Menschen vor mir aussah. Es ist ein verwunschener Ort: Man kann dort leicht die Fassung verlieren.


Wie würden Sie Salvatore beschreiben und was verbindet Sie mit ihm? Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich schlüpfte in die Rolle eines Mannes, der 1910 nach New York auswandert anstatt 1993. Die gleiche Person, aber eine andere Kindheit. Die gleichen Werte, aber andere Möglichkeiten. Die Chance, in einer Zeitmaschine zu reisen und in einer anderen Ära wiedergeboren zu werden. Ich fühlte mich immer wie ich selbst, aber in einer Welt voller Naturereignisse, ohne unsere modernen Ablenkungen. Salvatore ist ein Mann, der den Mut findet, sein Leben noch einmal neu zu beginnen, ins Unbekannte aufzubrechen und die vertrauten Dinge hinter sich zu lassen. Er ist neugierig, abenteuerlustig, auch ängstlich, aber nicht zu sehr. Er begibt sich auf den Weg zum Mond. Ich habe mich monatelang in den Bergen Siziliens auf diese Rolle vorbereitet und dabei mit einem alten Bauern namens Liddo gearbeitet. Er hat mich hart ran genommen. Auf steinigem Gelände unter der brütenden Sonne oder bei Regen mussten wir lange, mühsame Tage mit Feldarbeit verbringen. Liddo erzählte mir viele Geschichten. Beim Zuhören habe ich den eigenartigen Sound von Salvatores Dialekt entwickelt. Die ganze Arbeit prägte auch meine Körpersprache. Ich brauchte die Praxis, um an das zu glauben, was ich später am Set in Kostüm und Maske tun würde. Ich musste hart arbeiten, um mir den Titel antico contadino (alter Bauer) zu verdienen.


Würden Sie sagen, Salvatore ist anders als die übrigen männlichen Passagiere des Schiffes? Was erwartet er von seinem Verhältnis zu Lucy?

Ich weiß nicht, ob sich Salvatore von den anderen Passagieren unterscheidet. Diese Entscheidung überlasse ich dem Publikum. Ich stelle ihn mir gerne als jemanden vor, den sich der Regisseur als Beobachtungsobjekt ausgesucht hat, um ihn mit einer versteckten Kamera genauer zu betrachten. Salvatore mag Lucy, weil sie anders ist - anders als er und anders als alle Frauen, die er kennt. Er fühlt sich vom Unbekannten angezogen. Er erwartet nichts von Lucy, weil er generell nichts erwartet. Er möchte sie nur gegenwärtig haben, weil für ihn nur die Gegenwart existiert.

Was nehmen Sie persönlich aus GOLDEN DOOR mit?

Ich bin ein freischaffender Künstler im New York des 21. Jahrhunderts. Einen patriarchischen Fischer in „Lampedusa" („Respiro", 2002) zu spielen war für mich ebenso eine große Herausforderung wie in GOLDEN DOOR die Rolle eines sizilianischen Farmer aus dem Jahr 1910, zu übernehmen. Während der Dreharbeiten wurde mir bewusst, dass da schon immer etwas von meinen Vorfahren in mir drin war. Ich bin Emanuele ungeheuer dankbar für die Chance, im Film wirklich wie sie sein zu können.

Quelle: Filmladen

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