
Die Viennale ist zu Ende, der heimische Filmfan muss sich ein volles Jahr gedulden, bis die Hauptstadt wieder im Filmfieber versinkt und es ist Zeit eine kleine Bilanz zu ziehen. Zunächst die bei der Abschlusspressekonferenz bekanntgegebenen, offiziellen Fakten: Wie es mittlerweile Tradition ist, verzeichnet die Viennale auch in diesem Jahr ein leichtes Plus bei den Zuseherzahlen. Insgesamt konnte das Festival
96.300 Zuseher anziehen, gegenüber 94.800 im letzten Jahr. Auch die Gesamtauslastung konnte von 79,60% auf
79,80% leicht angehoben werden. Von
351 Vorstellungen, waren
123 ausverkauft. Spiel- und Dokumentarfilme waren in etwa gleich ausgelastet.
Ein besonderer Erfolg war das Tribute für
Larry Cohen, das mit einigen ausverkaufen Vorstellungen zu den erfolgreichsten Tributes der letzten Jahre gehört. Das Special zum
österreichischen Stummfilmkino der 1920er Jahre im Filmarchiv war genau wie die Retrospektive zu
Eric Rohmer im Filmmuseum ebenfalls ein Erfolg. Nicht ganz den Erwartungen entsprach das Tribute zu Ehren von
William Lubtchansky. Auch der Termin für die nächste Viennale wurde bereits auf der Homepage des Festivals angekündigt: Sie wird vom 22.10. bis 02.11.2011 stattfinden.

Die Viennale selbst hat zwar keinen Wettbewerb wie andere Festivals, aber trotzdem werden im Umfeld des Festivals einige Preise vergeben, die nun bekanntgegeben wurden: Der
Wiener Filmpreis für den besten Spielfilm geht an
Rammbock von Marvin Kren, als bester Dokumentarfilm wurde
Kick Off von Hüseyin Tabak geehrt. Der Viennale-Standard Publikumspreis, der jedes Jahr an einen Film vergeben wird, der keinen österreichischen Verleih hat, ging dieses Jahr an die wunderschöne Dokumentation
Marwencol. Der Preis bedingt konstenlose Anzeigen im Standard, was vielleicht einen Verleiher bewegen könnte den Film doch noch in Österreich starten zu lassen. Eine lobende Erwähnung gab es ausserdem für die Doku
El sicario, Room 164 von Gianfranco Rosi. Der FIPRESCI Preis der internationalen Filmkritik ging an
Periferic von Bogdan George Apetri. Wie jedes Jahr konnte die Viennale auch 2010 wieder viele Gäste anlocken. Begonnen bei den 639 akkredidierten Medienvertretern aus dem In- und Ausland, bis hin zu den zahlreichen Filmemachern, die das Festival besuchten.
Und nun, da die offizielle Zahlen abgearbeitet sind, zu einem etwas subjektiveren Rückblick auf die Viennale 2010: Obwohl die Programmierung des Festivals auf den ersten Blick einige Wunschkandidaten aussparte, entpuppte sich das Programm auf den zweiten Blick als feine Sammlung an interessanten Filmen. Es gab zwar keinen “Überfilm” wie z.B.
No Country for Old Men (2007) und
The Wrestler (2008), aber dafür einen enorm dichten Korpus an wirklich sehr guten Filmen. Enttäuschungen gab es zwar auch (wie es sie immer gibt, wenn man auf Entdeckungsreise geht), aber das Durchschnittsniveau des Festivals war dieses Jahr erstaunlich hoch. Man kann fast von einer magischen Viennale sprechen - die wohl beste seit ich dabei bin (2006).

Was sind also die Momente die in Erinnerung bleiben? Mit Sicherheit die gesamte Attitüde des großartigen Films
Exit Through the Gift Shop, die Wucht und die schiere emotionale Kraft des fantastischen Indie-Dramas
Blue Valentine, die bedächtige Ruhe des faszinierenden
Des hommes et des dieux, die einfach Schönheit von
Another Year, der epochale Charakter von
Carlos, der Wehmut und der Humor von
Smash His Camera, die selbstzerstörerische Meisterleistung von Joaquin Phoenix in
I’m Still Here, der wundervoll-durchgeknallte
Machete, der doppelte Edward Norton in
Leaves of Grass, die Motorsäge in
Winter’s Bone, der eingesperrte Japaner in
Shinboru, die unglaubliche Ansichten von Osama bin Ladens ehemaligen Leibwächter in
The Oath, die intensive Performance von Vincent Gallo in
Essential Killing, die visuelle Ebene von
Balada triste de trompeta, die wunderbaren Fotos in
Marwencol und auch die gute Laune im Gartenbaukino während
You Will Meet A Tall Dark Stranger. Ganz zu schweigen vom Auftritt von
Klaus Lemke (nachzusehen auf der Facebook Seite der Viennale). Aber in Erinnerung wird mir auch der grenzenlos verbohrte Pseudo-Intellekt von
Film Socialisme bleiben.
Und hier zum Abschluss möchte ich auch meine “Topfilme” der Viennale 2010 festhalten:
Top 5 Spielfilme:
- Blue Valentine
- Somewhere
- Des hommes et des dieux
- Another Year
- Carlos - Der Schakal
Top 5 Dokus:
- Exit Through The Gift Shop
- Smash His Camera
- The Oath
- Marwencol
- Stones in Exile
Fazit:
Es war eine grandiose, magische, wunderschöne Viennale mit einem großartigen Programm. Ich freue mich aufs nächste Jahr.