Die Dolmetscherin

OT: -  100 Minuten -  Doku
Die Dolmetscherin
Kinostart: 21.04.2005
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Die Dolmetscherin

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Die Regiedinosaurier sterben aus. Entweder sind sie tot, oder haben sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Einer der letzten von ihnen, der alten Garde, ist Sydney Pollack. Letztes Jahr hat er die 70 voll gemacht und sah sich wohl noch einmal in der Pflicht an alte Erfolge anzuknüpfen, auch wenn er das eigentlich nicht mehr nötig hat. Doch der Mann, der einst mit „The Yakuza“ und „Three Days of the Condor“ in den Siebzigern Filmgeschichte schrieb, hat an Biss eingebüßt. Anfang der Neunziger drehte er mit „The Firm“ nochmal einen Topthriller, danach wurde es ruhig um ihn. Die beiden Zusammenarbeiten mit Harrison Ford „Sabrina“ und „Random Hearts“ waren bestenfalls noch Mittelmaß und mehr ist „The Interpreter“ leider auch nicht geworden.

Dabei könnten die Grundvoraussetzungen für einen hockaktuellen, intelligenten Top-Politthriller besser kaum sein. Pollack persönlich bat bei Kofi Annan um Erlaubnis, im Gebäude der Vereinten Nationen filmen zu dürfen und holte sich neben Jean-Pierre Jeunets Kameragenie Darius Khondji, der sich in Hollywood an der Seite von David Fincher („Se7en“, „Panic Room“) durchsetzte, noch die beiden Oscar-Preisträger Nicole Kidman („Dead Calm“, „The Others“) und Sean Penn („U Turn“, „Mystic River“). Beides Schauspieler, die in den letzten Jahren geradezu für ausgezeichnete Leistungen garantierten. Und dennoch wird aus „The Interpreter“ kein Schuh. Denn zu viele Köche verderben den Brei und wenn sechs Drehbuchautoren an einem Skript schreiben und der Regisseur auch noch Änderungen vornimmt, dann kommt man schon mal ins Grübeln, ob alle an einem Strang ziehen und die selbe Geschichte erzählen wollen. Genau daran scheitert der Film letztlich. Die ohnehin sich zerfasernde Story entgleitet Pollack zusehends und spaltet sich auf in persönliche Schicksale, eine mentale Beziehung der Hauptfiguren, zeitgemäßem Thrill und politische, leider nur zaghaft angedeutete, Brisanz.

Pollacks Auslöser ist ein klassischer McGuffin. Das Gespräch, das die Dolmetscherin Silvia Broome (Kidman) zufällig abhört und versteht, weil sie zufällig diesen seltenen afrikanischen Dialekt beherrscht, als sie spät abends ihre Sachen aus dem U.N. – Gebäude holt, bringt die Dinge nur ins Rollen. Wer es führte ist egal, dass es geführt wurde ist wichtig. Denn Silvia glaubt die Planung eines Mordes mitgehört zu haben und vertraut sich deswegen den Behörden an. Die schicken ihr den ausgebrannten, trauernden Security Service-Agenten Tobin Keller (Penn). Nicht um sie zu beschützen, sondern um sie und ihre Aussagen zu überprüfen. In Anbetracht ihrer politischen Vergangenheit liegt der Verdacht nahe, dass sie selbst mit verstrickt ist.

Zumindest visuell hat Pollack alles unter Kontrolle und das ist für altgediente Regisseure längst keine Selbstverständlichkeit mehr, betrachtet man Kollegen wie Richard Donner oder John Carpenter, zugegeben Regisseure aus anderen Genres, die mit ihrer antiquierten Inszenierung der Zeit hinterher laufen. Nicht unähnlich dem Stil Michael Manns („Heat“, „Collateral“) taucht Pollack seinen Film in eine unterkühlte, edle, scharfkantige, blau gefilterte Optik, die dem Film auch gut zu Gesicht steht. Beeindruckende Innenaufnahmen des U.N. – Gebäudes, Hubschrauberperspektiven der ausschweifenden Skyline-Kulissen New Yorks und eine ungeheure Ruhe, die sich dem modischen Trend mit maximal möglichen Schnitten und hektischen Kameraschwenks entgegenstemmt. „The Interpreter“ merkt man in jeder Sekunde seinen altmodischen Trend an und es tut wirklich gut mal wieder so einen Film zu sehen, wie sie heute immer rarer werden.

Weniger begeisterungswürdig hingegen, was Pollack dann letztlich aus seinem Privileg macht. Er nutzt es lediglich als Kulisse, als plakativen Bezug zur Realität. Gut, die U.N. und ihre schwachem, behäbigen, weltpolitischen Gebären zu kritisieren, wird er nicht gedurft haben, sonst hätte man ihm vermutlich die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber ein spannender Politthriller hätte es schon werden dürfen. „The Interpreter“ ist es hin und wieder auch, nur leider nicht oft genug, denn das Fokussieren der beiden tragischen, leidenden und vom Schicksal gebeutelten Hauptfiguren nimmt viel Zeit in Anspruch. Sie müssen sich kennen lernen, sich vertrauen und schließlich offenbaren. Diese Entwicklung kann der Film leider nie richtig in Einklang mit dem Damoklesschwert Attentat bringen. Denn eigentlich drängt die Zeit, weil das afrikanische Regierungsoberhaupt Zuwanie, vermutlich das Ziel, sich für seine ethnischen Säuberungsaktionen innerhalb seines Landes vor den Vereinten Nationen bald rechtfertigt.

Tobin wühlt in Silvias Vergangenheit und Zuwanies Sicherheitschef spielt ihm zudem interessante Informationen zu, die Silva wiederum in ein ganz anderes Licht rücken. Die wiederum verhält sich verdächtig, schreibt E-Mails an einen Unbekannten, trifft sich mit Fremden im Park und wird eingeschüchtert. Wirklich raffiniert ist das Spiel zwischen beiden gut aufgelegten Darstellern nicht, aber es wird von den beiden am Leben erhalten. Nicole Kidman wird mit jedem zusätzlichen Jahr besser und ist hier als fauchende, nicht eingeschüchterte, aber im Innersten verletzte Zeugin und Verdächtige in einer Person, die man bis zum Ende nicht durchschauen kann. Ihr stechender Blick, ihr direkter Ton und dann wieder die ruhigen Momente, in denen sie einfach einsam in ihrer Wohnung sitzt und Flöte spielt, erfüllen ihren verschlossenen, geheimnisvollen Charakter mit Leben.

Sean Penn steht dem in nichts nach. Die Trauer um seine tote Frau zeichnet ihn, schlafen kann er kaum, stürzt sich geradezu in seine Arbeit. Mit vielen Falten und müden Blicken versucht er herauszufinden, inwiefern er manipuliert wird und Silvia trauen kann. Die beiden nehmen sich dabei nie den Platz weg, aber echte Chemie will sich nicht entwickeln. Darf sich auch nicht, denn beide müssen auf Distanz bleiben. Jeder von ihnen trägt ein Laster mit sich und muss selbst damit klarkommen. Ihre Dialoge sind vor allem anfangs brillant, wenn die unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinander treffen und später, wenn sie ihre Gemeinsamkeiten ausloten. Als er ihr Blut aus dem Gesicht wäscht, übertreibt es Pollack mit der offenbar schrumpfenden Distanz zwischen den beiden, die restlichen Szenen der beiden kontrolliert er jedoch souverän. Beide sind eine Klasse für sich und das Skript hinkt ihrer Klasse hoffnungslos hinterher.

Wahrhaft fesselnd ist „The Interpreter“ nie. Wenn Pollack sich dann in der zweiten Hälfte endlich wieder dem eigentlichen Thema widmet und seinen Figuren genug Intimität zugestanden hat, läuft der allerdings Film wieder flüssiger. Weitere Verdächtige werden beschattet und ihre Unterkünfte gestürmt. Plötzlich taucht Silvia während einer Observierung auf, alle Verdächtigen konzentrieren sich in einem Bus, eine Bombe explodiert und ein ungemütlich realistisches Szenario resultiert. Das Tempo wird angezogen und der Film endlich spannend, dabei immer noch undurchschaubar. Die letztliche Auflösung offenbart zwar einen überkonstruierten Plan, aber die Abkehr von den Figuren hin zu dynamischer Hektik hilft dem Film endlich von der Stelle zu kommen. Vor allem das Eintreffen von Zuwanie ab Flughafen, mit Konvoi, quer durch New York, bewacht von Helikoptern und einer Polizeieskorte, begleitet von Demonstrationen gehen ihn, seien da als Highlight genannt.

Das anschließende Finale im U.N. – Gebäude enttäuscht auch, weil es das Vorangegangene nicht mehr zu toppen vermag und sich der ein oder andere mitdenkende Zuschauer den Ausgang sowieso schon ausgemalt hat. Das Skript kündigt vorher auch schon einiges an, weshalb der Schluss dann nicht mehr ganz so spannend ist. Die Auflösung offenbart zumindest einen gewieften politischen Schachzug, der in heutiger Zeit gar nicht mehr so unmöglich erscheint. Nichtsdestotrotz bleibt „The Interpreter“ ein Film der ungenutzten Möglichkeiten. Der Bezug zur Realität bleibt letztlich ungenutzt. Vielleicht auch, weil das Eisen zu heiß gewesen wäre, um es zu verfilmen. So bleibt der Film insbesondere in Bezug auf die Umstände im afrikanischen Zwergenstaat Matobo vage, anstatt die Wahrheit zu zeigen: Robert Mugabe (Zimbabwe).

Fazit:
Ein überladenes, unausgegorenes Drehbuch versperrt den Weg in die Thrilleroberliga. „The Interpreter“ ist ein Film zum Mitdenken, dem seine anvisierte Klasse vom einem Skript genommen wird, an dem sich ganze sieben Autoren versucht haben. Nun nehmen sich der Politthriller und das Drama um die beiden Hauptfiguren die Zeit weg, straucheln zu viele wichtige Nebenfiguren nur kurz hinein und sieht sich das eigentliche Thema zusehends in den Hintergrund gerückt. Die immens sorgfältige und souveräne Inszenierung von Sydney Pollack und zwei großartige Darsteller erlauben dann noch den oberen Durchschnitt. Letztlich weint man den Möglichkeiten und dem vorhandenem Potential hinterher, zumal letztlich mit Waffengewalt, ganz im Gegensatz zum Kredo der U.N., mit Worten zu überzeugen, bekehrt werden soll. Als Pollacks letztes Vermächtnis auf jeden Fall unwürdig, aber da wäre er ja nicht der erste mit einem unwürdigen Abgang...

Wertung:
6/10 Punkte

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Ø Wertung: 6.7/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 12
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