Vorsicht Sehnsucht (Les herbes folles) (2009)

OT: Les herbes folles - 104 Minuten - Romantik / Drama
Vorsicht Sehnsucht (Les herbes folles) (2009)
Kinostart: 20.08.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Vorsicht Sehnsucht (Les herbes folles)

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Alain Resnais ist ein Urgestein der Filmgeschichte und ein Schwergewicht an dessen Filme man immer mit etwas Respekt herangehen sollte. Seine frühen Werke Hiroshima, mon amour und Letztes Jahr in Marienbad sind große Klassiker der Nouvelle Vague. Das neueste Werk des mittlerweile 88 jährigen Regisseurs, Vorsicht Sehnsucht, das bei den Filmfestspielen in Cannes 2009 mit einem Spezialpreis ausgezeichnet wurde ist ein neuerlicher Talentbeweis eines Mannes, der nichts mehr zu beweisen hat. Ein Alterswerk voll jugendlicher Energie und Schönheit.

 

Marguerite (Sabine Azéma) wird nach einem Schuhkauf in Paris die Handtasche gestohlen. Zufällig entdeckt der Pensionist Georges (André Dussollier) ihre geraubte Brieftasche und beginnt sich für Marguerite zu interessieren. Er malt sich aus was sie wohl sagen wird wenn er sie ihr übergibt, doch schließlich bringt er seinen Fund doch zur Polizei und hinterlässt seine Telefonnummer. Bald schon meldet sich Marguerite bei ihm und bedankt sich, aber zu Georges Ärger will sie ihn nicht persönlich treffen. Georges ist wütend und drängt sich immer weiter in Marguerites Leben…

 

Alain Resnais ist mit Vorsicht Sehnsucht ein höchst überraschendes Werk gelungen, das mit großer kreativer Energie ausgestattet ist und für einen leichtfüßigen und wendungsreichen Kinoabend sorgt. Resnais zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen, sondern inszeniert auf frische und dynamische Weise, die gekennzeichnet ist vom Diskurs einer alten Weisheit und jugendlicher Dynamik. Vorsicht Sehnsucht ist kein spröder Kunstfilm, sondern viel mehr ein wunderschöner, surrealer Seelentrip, der ausgezeichnet zwischen Wunschvorstellung und Realität oszilliert.

 

Dies ist überhaupt ein zentrales Thema des Films. Stets schwankt man zwischen der inneren Welt der Protagonisten, ihren Vorstellungen und Träumen und der Realität. Das Unbewusste dringt wie Unkraut ins Bewusstsein, was nicht nur auf den Orignialtitel (Les herbes folles) hinweist, sondern auch auf das prominent vertretene Motiv des aufgebrochenen Asphalts, der von Unkraut durchsetzt wird. Die wilden Gedanken sprengen das geordnete Leben. Und tatsächlich haben wilde Gedankenfetzen viel Raum um sich zu entfalten in diesem sehr sehenswerten Film.

 

Wie aus dem nichts schießen Georges plötzlich Gedanken in den Kopf, dass er am liebsten jemanden umbringen möchte. Dies verwirrt den Zuseher, der diese Figur erst kennenlernt: Unschuldige Phantasien? Reale, unterdrückte Wünsche? Oder das Aufkeimen einer früheren Persönlichkeit, die diesen Wunsch vielleicht gar schon ausgelebt hat? Vorsicht Sehnsucht lässt die Antworten offen. Resnais ist Meister genug um zu wissen wie man die Welt eines Films anschwellen lässt und das Publikum animiert den Lebensraum Leinwand weiterzuspinnen.

 

Vor allem aber sind diese Ausbrüche eine große Verunsicherung. Vorsicht Sehnsucht spielt geschickt mit den Erwartungen des Publikums. Eine Genrezugehörigkeit festzulegen ist äußerst schwer. Die Regeln des Liebensfilms, bzw. des Melodrams unterwandert der Film geschickt mit Einlagen einiger fast Hitchcock’scher Thrillerelemente. Doch auch hier bleibt viel ungewiss, da Vorsicht Sehnsucht nicht im Sinne eines realistischen Kinos gedreht wurde, sondern gespickt ist mit surrealen Einschüben, die es schaffen die Geschichte zunehmend aufzuweichen und die Grenzen des Lösbaren zu verwischen.

 

Dazu passend ist auch die frische Stilistik, die Alain Resnais ausgewählt hat. Alle Szenen scheinen mit einem Weichzeichner verwischt zu sein, der die Realität verhüllt und die kräftigen Farben verschmelzen zu einem schwammigen Lichtermeer, welches nicht nur das surreale Ambiente des Films verstärkt, sondern vor allem auch wunderschöne Bilder ermöglicht. Natürlich ist Vorsicht Sehnsucht auch eine liebevolle Verbeugung vor dem Kino selbst, was nicht nur in einer wunderschönen Szene nach einem Kinobesuch klar wird, sondern speziell im letzten Drittel des Films offenkundig wird.

 

Doch eben jenes letzte Drittel ist leider auch die größte Schwäche des Films. Resnais verliert sich leider in einer allzu verstrickten Symbolik und verliert die mysteriösen Qualitäten seiner Geschichte zunehmend aus den Augen. Dies ist aber nur ein kleiner Dämpfer, sind die ersten beiden Drittel des Films doch geradezu wundervoll. Resnais inszeniert einen wilden Mix aus klassischer Stilistik und jugendlicher Leichtigkeit. Vorsicht Sehnsucht ist auch auf optischer Ebene ein wahres Ereignis, das dazu einlädt sich in den Wirrungen des Films zu verlieren. Im Zentrum stehen dabei die Kleinigkeiten des Lebens, die förmlich zelebriert werden. Das ist mit Verlaub auch ausgezeichnet gelungen, auch wenn das Ende ein bisschen enttäuschend ist.

 

Fazit:

Vorsicht Sehnsucht ist ein wunderschöner Film mit dem Altmeister Alain Resnais noch einmal auf sein Talent verweist. Sein Film besitzt klassische Schönheit und jugendliche Leichtigkeit und fügt beides zu einem sehr sehenswerten Ganzen zusammen. In ein Genre kann man den Film aber nur schwer pressen, da er es geradezu anlegt die Genreerwartungen zu unterwandern. Muster des Melodramas werden angedeutet und mit unerwarteten Thrillerelementen gebrochen, die wiederum den Anstrich des Surrealen verpasst bekommen. Lediglich das Ende fällt leider etwas ab, aber dies ändert nichts daran, dass Vorsicht Sehnsucht ein sehr sehenswerter Film im Oeuvre eines großen Altmeisters geworden ist.

 

Wertung:

8/10 Punkte

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Liste von purence
Erstellt: 25.11.2016