Sanjuro (1962)

OT: Tsubaki Sanjuro - 96 Minuten - Drama / Abenteuer
Sanjuro (1962)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Sanjuro

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„Menschen zu töten, das ist eine
schlechte Angewohnheit. Ihr glänzt
so hell; ihr strahlt so wie ein
gezücktes Schwert, ein Schwert
ohne Scheide. Nicht jedes Schwert
ist wie das andere. Aber die wirklich
guten Schwerter werden in ihren
Scheiden gehalten.“
(Frau Mutsutas zu
Sanjûrô)

Könnte man sagen, Kurosawas Samurai-Film „Sanjûrô” aus dem Jahr 1962 sei stilbildendgewesen? Im Gegensatz zu „Die sieben Samurai” vielleicht weniger. Und trotzdem schuf der japanische Meisterregisseur mit diesem Film in gewissem Sinn einen weiteren „Ur-Samurai-Film”, der für viele andere Filme zum Vorbild wurde, u.a. für „Für eine Handvoll Dollar” (1964; Regie: Sergio Leone) und Walter Hills „Last Man Standing“ (1966).

Während der klassische US-Western Anfang der 60er Jahre bereits in eine mehr oder weniger deutliche Krise geraten war, besonders nachdem Fred Zinneman mit „High Noon” diesem Genre sein eigenes, kritisches Spiegelbild vorgehalten hatte, schuf ausgerechnet ein japanischer Regisseur Filme, wie „Sanjûrô” oder „Die sieben Samurai”, die u.a. dem Italo-Western einen nicht zu unterschätzenden Aufschwung verliehen. Dabei ist die Geschichte, die Kurosawa in „Sanjûrô” erzählt, geradezu minimalistisch gehalten. Kurosawa konzentriert alles auf einen zentralen Punkt: Korruption und Machtgier. Um diese Dinge kreisen alle Personen, kreist die Geschichte, die mit sehr wenigen Hauptfiguren auskommt.

In einem Dorf sitzen neun Samurai unter Führung von Iori (Yuzo Kayama) zusammen und reden über ein schwieriges Problem. Irgend jemand im Clan des Dorfes hat offensichtlich vor, die Macht an sich zu reißen. Sie spekulieren, wer das sein könnte. Aus dem Nebenraum taucht plötzlich ein Fremder auf, der durch die neun Männer geweckt wurde und ihr Gespräch mitbekommen hat. Der Fremde, der später behauptet, er heiße Tsubaki Sanjûrô (Toshirô Mifune), schlussfolgert aus dem Gespräch – ganz anders als die neun Samurai selbst –, der Vorsteher Kikui (Masao Shimizu) sei der Übeltäter, der die Macht im Clan an sich reißen wolle. Die neun Männer glauben ihm nicht, sind misstrauisch. Doch dann zeigt ihnen Sanjûrô, dass Kikuis Männer das Haus bereits umstellt haben, weil sie vermuten, dass die neun Männer sich dort aufhalten. Sie verstecken sich, und Sanjûrô gelingt es, die Männer Kikuis und deren Anführer Muroto (Tatsyua Nakadai) los zu werden. Muroto erkennt, dass Sanjûrô ein furchtloser Mann ist, und bietet ihm an, in seine Dienste zu treten. Sanjûrô erklärt, er werde es sich überlegen.

Sanjûrô schlussfolgert aus dem Gespräch zudem, dass der machtbesessene Kikui es auf den Onkel Ioris, den Kammerherrn Mutsuta (Yûnosuke Itô) abgesehen habe, um ihn als Verräter und korrupten Mann darzustellen. Mutsuta sei Kikui offenbar im Weg auf dessen Weg, sich die Macht im Clan zu sichern. Auch in diesem Punkt hat Sanjûrô recht. Er und die neun Samurai befreien zunächst durch eine List Mutsutas Frau (Takako Irie) und seine Tochter Chidori (Reiko Dan). Sie stellen auch fest, dass Kikui tatsächlich Mutsuta gefangen hält. Frau Mutsuta ist beeindruckt von Sanjûrô und seiner selbstlosen Hilfsbereitschaft, bittet ihn aber, bei dem Versuch der Befreiung ihres Mannes Mäßigung walten zu lassen. Sie verabscheue das Töten.

Inzwischen versucht Kikui, der Mutsuta öffentlich beschuldigt hat, durch eine List, seine Gefolgsleute in eine Falle zu locken. Nur der Klugheit und Menschenkenntnis Sanjûrôs ist es zu verdanken, dass die neun Samurai nicht in diese Falle laufen.

Sanjûrô sieht nur eine Möglichkeit, Mutsuta zu befreien und das Komplott aufzudecken: Er will zum Schein auf das Angebot Murotos eingehen und sich ihm andienen. Doch die neun Samurai zweifeln noch immer an der Ehrbarkeit Sanjûrôs und vermasseln den Plan des schlauen Fuchses. Jetzt gibt es für Sanjûrô nur noch eine Möglichkeit, Kikui und vor allem Muroto zu besiegen – wiederum durch eine List ...

Tatsächlich eignet sich diese Geschichte, aus dem historischen Kontext gelöst zu werden, um in einem anderen Kontext neu erzählt zu werden. Entscheidend dafür ist nicht nur die Geschichte selbst, die Konzentration auf einen Machtkampf in einem japanischen Clan, sondern auch und vor allem die personelle Konstellation. Auch Takeshi Kitano hat in „Zatoichi” 2003 eine ganz ähnliche Geschichte erzählt, in dem ein Unbekannter, ein durch und durch ehrbarer und kluger Mann sich in die Konflikte eines Dorfes einmischt, ohne sich allerdings wirklich aufzudrängen. Sanjûrô ist ein solcher Unbekannter, der einen Namen vorgibt, der wahrscheinlich falsch ist, dessen Motive für seine Unterstützung der neun Samurai völlig im Dunkeln bleiben. Kurosawa stilisiert Sanjûrô zu einem Helden, allerdings nicht im klassischen Sinn, keinen Helden, der durch äußere Merkmale, durch überdimensionierte körperliche Präsenz, durch seine Waffen usw. heldenhaft wirkt. Sanjûrô wirkt so gut wie ausschließlich durch seine Intelligenz, seine Klugheit, seine Gelassenheit und seine Geduld.

Gerissenheit, Verschlagenheit – das sind die Attribute, die Kikui und vor allem dessen ersten Mann Muroto zugeschrieben werden. Es sind die Attribute des Machtwillens und der Intrige.

Man könnte von einem „magischen Dreieck” sprechen, einem Dreieck, das durch drei Personen(gruppen) repräsentiert wird: Erstens Sanjûrô und seine Intelligenz und Gelassenheit; zweitens die Gerissenheit Murotos und Kikuis; und drittens den Übereifer und die Unüberlegtheit der neun Samurai, die ohne Sanjûrô innerhalb von wenigen Stunden von Kikui und Muroto niedergemacht worden wären. Immer wieder gefährden sie ihren eigenen Plan zur Befreiung Mutsutas und zur Aufdeckung des Komplotts durch die eigene Unfähigkeit, über den Tellerrand der Ereignisse hinauszuschauen.

Die Szenerie tut ein übriges, um diese zentralen Elemente des Films sozusagen zu konzentrieren und das Publikum auf sie zu fokussieren. Der Raum ist abgesteckt, ein kleines Dorf, in dem nur wenige Orte entscheidend sind: das Haus der neun Samurai, das Kikuis und seiner Gefolgsleute Kurofuji (Takashi Shimura) und Takebayashi (Kamatari Fujiwari), das Haus Mutsutas und die Wege, die diese Orte verbinden, sowie Büsche, Sträucher und Mauern, die zum Verstecken, Beobachten und Planen dienen – eine Szenerie, die selbst zum Erzählen dieser Geschichte auf einer Theaterbühne taugen würde.

Dabei korrespondiert der Minimalismus der Inszenierung mit einem Satz, den zunächst Mutsutas Frau äußert: Es käme nicht darauf an, immer wieder das Schwert aus der Scheide zu holen. Ein wahrhaftiger Samurai erweise sich dadurch als klug und überlegen, dass er (in solchen Konflikten) sein Schwert in der Scheide lasse. Und obwohl bei den Auseinandersetzungen – u.a. durch die Unüberlegtheit der neun Samurai – etliche Männer ums Leben kommen, weiß Sanjûrô am Schluss des Films, wie recht Mutsutas Frau gehabt hat. Das erkennt er selbst allerdings erst jetzt, als ihn der des Dorfes verbannte Muroto zum Kampf stellt. Sanjûrô will diesen Kampf nicht. Es lohne sich nicht, ein Leben aufs Spiel zu setzen aus verletzter Eitelkeit oder aufgrund falscher Ehrbegriffe. Doch Muroto besteht auf dem Zweikampf mit der Bemerkung, er könne mit der Schmach ansonsten nicht weiterleben. Dafür bezahlt er mit dem Tod.

Dass „Sanjûrô” damit zu einer Art Initialzündung für etliche Filme wurde, kann man daher gut verstehen. „Sanjûrô” ist sicherlich nicht Kurosawas bester, aber nichtsdestotrotz ein spannungsgeladener, von fähigen Schauspielern dargebotener Film, den man ruhig auch zweimal anschauen kann.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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