Inception (2010)

OT: Inception - 148 Minuten - Mystery / Drama / SciFi / Thriller
Inception (2010)
Kinostart: 30.07.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 04.03.2012
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Filmkritik zu Inception

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Christopher Nolan ist ein Segen für das Hollywoodkino. Nachdem er sich in der Independentszene mit Following und Memento einen Namen gemacht hat, wurde ihm mit Insomnia das erste Mal ein etwas größeres Projekt anvertraut. Da die Qualität durchgehend immer stimmte überließ man dem Kreativkopf die am Boden liegenden Batman Reihe und mit Batman Begins folgten nicht nur neue Impulse für den dunklen Ritter, sondern für das gesamte Genre der Comic-Verfilmungen. Als Dank gab Warner grünes Licht für das etwas persönlichere Projekt The Prestige. Im Jahr 2008 kam es schließlich zum vorläufigen Höhepunkt in Nolans Karriere: The Dark Knight spielte nicht nur über eine Milliarde Dollar in die Studiokassen, sondern avancierte auch zum Kritikerliebling und setzte einen neuen Standard für die perfekte Symbiose aus Blockbuster und Anspruch. Um den Maestro bei Laune zu halten gestattete ihm Warner erneut einen „persönlicheren“ Film, für den man ganze 160 Millionen Dollar locker machte: Inception, der neueste Geistesblitz eines Regie-Wunderkinds, das für Hollywood langsam zur Erlöserfigur wird.

 

Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) hat ein etwas eigenwilliges Spezialgebiet: Er ist ein Dieb, doch nicht im traditionellen Sinn. Gemeinsam mit seinem Team dringt er in die Träume seiner Opfer ein, um dort wichtige Informationen zu stehlen. Der aktuelle Auftrag, den Konzernchef Saito (Ken Watanabe) zu bestehlen, geht jedoch nach hinten los, sodass es für Cobb eng wird. Also lässt er sich auf einen Deal mit Saito ein, der die Truppe seinerseits für einen Auftrag buchen will. Allerdings ist dieser etwas kniffliger als die Raubzüge im Verstand. Sie sollen eine Inception durchführen, also einen Gedanken nicht stehlen, sondern einpflanzen. So will man dem Konzern-Erben Fisher (Cillian Murphy) davon überzeugen seinen Konzern zu zerschlagen, was Saito in die Karten spielen würde. Im Gegensatz würde Saito dafür sorgen, dass Cobb wieder in die USA reisen kann, um seine Kinder zu sehen. Denn aktuell wird er wegen Mordes an seiner Frau Mal (Marion Cotillard) gesucht, weswegen er auf der Flucht ist. Also stellt Cobb sein Team zusammen um das äußerst riskante und beinahe unmögliche Unterfangen zu realisieren. Arthur (Joseph Gordon-Levitt) ist ein Stammkollege von Cobb, ein Organisationstalent, Earnes (Tom Hardy) kann sich im Traum in jede beliebte Person verwandeln, Yusuf (Dileep Rao) ist für das Sedieren der Beteiligten verantwortlich und Ariadne (Ellen Page) ist die Architektin, welche die Traumwelten gestaltet. Doch für den neuesten Auftrag muss man noch tiefer als sonst in den Verstand des Opfers eintauchen. Ein gefährliches Unterfangen…

 

Wäre irgendjemand anderes mit dieser Idee an Warner Bros. herangetreten und hätte dafür ein Budget von 160 Millionen Dollar verlangt, man hätte ihn wohl ausgelacht. Aber nachdem Christopher Nolan Zweifel hatte einen dritten Batman Film zu inszenieren, wollte man ihm scheinbar entgegenkommen. Der Meisterregisseur soll sich ruhig austoben, solange er auch noch einen weiteren Batman Film dreht, bei dem wohl vorab klar sein sollte, dass er einen Millionengewinn einfahren wird. Aber man kann sich trotzdem gut vorstellen, dass den Herren bei Warner etwas bang ums Herz wurde, als ihnen Nolan verkündete wofür er die 160 Millionen Dollar ausgeben will. Denn vom aktuellen Trend der familientauglichen, durchkalkulierten Unterhaltung scheint Nolan nichts zu halten. Sein Inception ist fast das genaue Gegenteil des aktuellen Blockbustertrends: Der Film ist kühn, kreativ, intelligent, bringt Arthouseelemente mit ins Mainstreamkino und verzichtet trotz einer unglaublich durchdachten Geschichte nicht auf bombastische Effekte. Inception ist der Traum aller Filmfans, aber auch der Alptraum aller Produzenten: Ein radikal eigenwilliger Film, der von seinen Zuseher einen wachen Intellekt fordert, aber trotzdem nicht auf teure Effekte und visuellen Prunk verzichtet.

 

Inception ist jetzt schon ein Klassiker. Viele Regisseure haben versucht die Kraft des Unterbewussten und die dunklen Gassen der Traumwelten auf die Leinwand zu bringen (man denke nur an David Lynchs Meisterwerk Mulholland Drive, einen der besten Filme zu diesem Thema), aber bis dato ist es niemandem in diesem Maße gelungen das Potential dieses Themas auf solch vielschichtige Weise auszuloten wie Christopher Nolan. Denn all diese Filme haben sich für ein Lager entscheiden müssen: Wird man zu arthouselastig, ist schnell nicht mehr genügend Geld da um die visuelle Ebene zu bedienen, setzt man aber auf Effekte, bekommt man von den Produzenten Handschellen verpasst und wird auf die Mainstreamschienen zurück gebracht. Nolan jedoch hatte für Inception scheinbar einen grenzenlosen Spielplatz zur Verfügung. Er war ohnehin im Herzen immer ein Independentregisseur, aber im Gegensatz zu seinen Kollegen ist er auch ein Mann, der genügend Geld in die Hand bekommt um nicht nur die Figuren und die Geschichte zu entwickeln, sondern auch eine visuelle Ebene aus dem Hut zu zaubern, die in ihrer Wucht fast erschlagend wirkt.

 

Denn der Film verfügt über Effekte für die Ewigkeit, die sich tief in die Netzhaut brennen. Wer einmal gesehen hat, wie sich die Parisertraumwelt faltet und übereinander legt, die Passanten dies scheinbar nicht mitbekommen und problemlos mit der neuen Umgebung interagieren, der wird dies nicht so schnell wieder vergessen können. Aber es gibt zahlreiche weitere Szenen, die für Gänsehautgarantie sorgen. Sei es der lange, durchgehende Showdown des Films, inklusive bombastischen Sequenzen in Schwerelosigkeit, oder viele kleine Details, die sich summieren und dem Film eine organische Dichte verleihen, die speziell im kalten und oft artifiziellen Blockbusterkino eine Seltenheit sind. Hinzu kommt, dass Christopher Nolan ein Gespür für den aktuellen Zeitgeist hat, wie kaum ein anderer Regisseur. Ähnlich wie Michael Mann hat Christopher Nolan den Finger am Puls der Großstadt und gemeinsam mit seinem Stammkameramann Wally Pfister kreiert er Stadtbilder die einzigartig sind. Alleine in den spiegelnden Fassaden und lebendigen Straßenzügen von The Dark Knight und Inception kann man sich ewig verlieren.

 

Auch inhaltlich ist Nolan, der nie nur Regie führt, sondern auch immer bei der Arbeit am Drehbuch zumindest beteiligt ist, eine Klasse für sich. Inception ist schlicht die vielleicht kreativste Hollywoodidee seit langem und seit Matrix hat es kein Film rund um Sein und Schein so gut geschafft das Mainstreampublikum und das Arthousepublikum so zu vereinen. Es ist eine verlorene Tugend in Hollywood das Publikum ernst zu nehmen, doch Inception tut genau das. Natürlich verliert Nolan nie ein mögliches Massenpublikum aus den Augen, aber er serviert nichts auf dem Silbertablett, sondern erzählt organisch seine Geschichte und fordert von jedem Zuseher die volle Aufmerksamkeit. Nolan schafft es aber die Balance zu halten, bzw. so geschickt das Interesse zu wecken, dass man sich gerne in seiner Welt verliert und darüber nachgrübelt was hier vor sich geht, welche Wirrungen sich hinter der nächste Ecke verstecken und ob nicht irgendwo ein kleiner Denkfehler in diesem äußerst komplexen und schlicht überwältigenden Film steckt.

 

Soviel sei verraten: Ich habe keinen gefunden. Es fällt zwar äußerst schwer zu glauben, dass es bei einem solchen Mammutprojekt, das aus der Kreativität eines einzelnen Menschen entstanden ist, und das sich auf keinerlei Vorlage beruft (erneut ein Novum im heutigen Hollywoodkino: Eine gänzlich originäre Idee, die sich nicht auf Buch, Comic, Spiel, oder sonstiges stützt) und noch dazu dermaßen verschachtelt und komplex ist, zu keinen Denkfehlern bzw. Logiklöchern gekommen ist, aber Inception wirkt dermaßen konsequent und fesselnd, dass mögliche Patzer schlicht kaschiert werden (sofern sie überhaupt vorhanden sind). Das rasende Tempo des Films, das die 148 Minuten Laufzeit wie im Flug vergehen lässt, macht es unmöglich hier einen Fehler zu finden. Inception saugt einen förmlich auf und fesselt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Gleichzeitig bietet der Film aber auch genügend Ansätze und verschlungene Storypfade um Anreize zu bieten um den Film anschließend zu diskutieren und sich tiefer mit der Geschichte auseinander zu setzen.

 

Und dafür gibt es auch viele verschiedene Möglichkeiten. Denn einmal vom ungewöhnlichen und dramaturgisch äußerst reizvollem Aufbau des Films, der sich von Traumlevel zu Traumlevel immer tiefer in die Ebenen des Geistes frisst und ein ungewöhnlich langes, durchgehend spannendes Finale serviert, abgesehen bietet alleine der grundlegende Aufbau von Inception viele Möglichkeiten zu verschiedenen Deutungen. Gleich auf mehreren Ebenen fällt es schwer Traum und Realität auseinander zu halten (das zentrale Thema des Films) und spätestens beim Finale wird sich ohnehin jeder fragen ob sich dieses auf realer oder auf Traumebene abspielt. Aber man kann natürlich den gesamten Film hinterfragen, was zu spannenden Analysen und Diskussionen führen dürfte. Nolan hält sich geschickt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten offen und spielt mit dem Subtext seiner Thematik und den verschlungenen surrealen Sequenzen, die der Kreativität keine Grenzen setzen. Seit Matrix waren sich Mainstreamunterhaltung, philosophische Diskurse und effekttechnischer Bombast jedenfalls nicht mehr näher als bei Inception. Aber bei Inception stimmt auch die zwischenmenschliche Ebene. Gerade in Filmen dieser Art wird die persönliche Vergangenheit des Helden oft zum Ballast für den Film, aber nicht so bei Inception. Die Vergangenheit von Cobb wird geschickt in den Filmfluss eingebettet und liefert auch den roten Faden für mögliche Interpretationsversuche. Aber auch auf emotionaler Ebene fühlt sich die persönliche Ebene des Films sehr gelungen an.

 

Hinzu kommt, dass sich Nolan auf allen Ebenen der Filmkunst nur mit den Besten der Branche umgibt. Übernimmt er das Drehbuch und die Regie kann ohnehin nicht mehr allzu viel schief gehen, aber führt auch noch Wally Pfister die Kamera und Hans Zimmer steuert die, geschickt mit dem visuellen verwobene, Musik bei, dann gibt es keine Zweifel mehr. Das dürfte sich auch die erlesene Darstellerriege gedacht haben, die unter der Regie von Nolan zu wahren Höchstleistungen aufläuft. Allen voran natürlich der großartige Leonardo DiCaprio, der sich von Film zu Film immer weiter zu steigern scheint und mittlerweile ein Garant für schauspielerische Perfektion ist. Nach Zeiten des Aufruhrs und Shutter Island ist Inception bereits die dritte darstellerische Meisterleistung für ihn in Serie und das Ausnahmetalent muss hoffentlich nicht mehr allzu lange auf seinen ersten Oscar warten. Aber auch die Nebenrollen in Inception sind durch die Bank großartig. Besonders erwähnenswert sind Joseph Gordon-Levitt und Tom Hardy, aber auch Ellen Page und Ken Watanabe können überzeugen. Ein eigenes Kapitel ist die Performance von Marion Cotillard, die in recht geringer Screen-Time doch eine starke Präsenz aufbaut und es schafft sowohl auf emotionaler Ebene zum Zuseher vorzudringen, als auch teilweise sogar Horrorelemente in den Film einzubringen.

 

Das Einzige was der Zuseher machen muss ist es sich im Kino gemütlich zu machen, den Verstand wach zu halten und das Spektakel zu genießen. Nolan nimmt das Publikum ungefähr eine Stunde lang bei der Hand und führt es in diese unglaublich kreative Welt ein, erklärt die Regeln, macht uns mit allem vertraut und lässt dann einen wunderschönen Bilderreigen der Extraklasse auf uns prasseln. Inception hat eigentlich nichts mit der Dramaturgie eines normalen Films zu tun. Nach der einstündigen Exposition folgt quasi ein einziger durchkomponierter Höhepunkt, der bis zum Ende des Films andauert und bei dem einfach alles zusammen passt. Die prachtvollen Effekte, der kongeniale Soundtrack, die fabelhaften Darsteller und das visionäre Konzept des Films, das zwischen Arthouse und Mainstream tänzelt, ergeben einen unglaublichen Sog. Wer sich auf das Verwirrspiel einlässt und mit Christopher Nolan durch sein Labyrinth wandert, der bekommt einen Film wie man ihn nur selten findet. Wer auf simple Unterhaltung aus ist, bei der man den Verstand abschalten kann, sollte sich eine Alternative suchen. Aber eines ist sicher: Wer sich selbst als Filmfan bezeichnet und Inception nicht im Kino ansieht, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen. Denn der Film ist schlicht alles wofür das Medium steht.

 

Fazit:

Inception ist nicht nur ein heißer Anwärter auf den Titel Film des Jahres, der Film ist bereits jetzt ein Klassiker, ein großes Ausrufezeichen in der farblosen Blockbusterwelt und ein Meisterwerk, wie man es nur selten zu sehen bekommt. Christopher Nolan ist der Messias des Hollywood-Kinos und schafft was seit Matrix niemandem in dieser Form gelungen ist: Er erzählt eine intelligente Geschichte mit philosophischem Subtext und Interpretationsmöglichkeiten, die es schafft die Intelligenz des Arthousekinos mit der visuellen Brillanz und dem Unterhaltungswert eines Hollywood-Blockbusters zu kombinieren. Das Ergebnis ist schlicht ein unfassbarer Bastard von einem Film, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

 

Wertung:

10/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 8.5/10 | Kritiken: 8 | Wertungen: 198
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