The Dust of Time (2008)

OT: The Dust of Time - 128 Minuten - Drama
The Dust of Time (2008)
Kinostart: 02.07.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu The Dust of Time

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Lange hat es gedauert, nun endlich ist es so weit – THE DUST OF TIME, der neue Film des griechischen Regisseurs Theodoros Angelopoulos, startet in den heimischen Kinos (oder zumindest mal im Votivkino in Wien). Wie, den Namen Angelopoulos haben Sie noch nie gehört? Das liegt dann vermutlich daran, dass die – nennen wir es – eigenwillige Filmsprache des Griechen nicht unbedingt jedermanns Sache ist (sprich: inkompatibel für die Massen), und er daher seit Jahren erfolgreich von heimischen Verleihern und Festivals ignoriert wird. Dabei zählt Angelopuolos zu den am höchsten dekorierten Regisseuren – eine Goldene Palme, zwei Goldene Löwen und zahlreiche weitere Preise hat er in seiner nunmehr über 40 Jahre andauernden Karriere eingeheimst. Und wenn er mal nicht ausgezeichnet wurde, dann konnte Angelopoulos schnell mal ruppig werden, siehe 1995, wo sein Drama DER BLICK DES ODYSSEUS bei den Filmfestspielen in Cannes „nur“ den großen Preis der Jury bekam.

 

Angelopoulos begann, nach abgebrochenem Jura- und abgeschlossenem Literaturstudium Anfang der 70er Jahre Filme zu drehen. REKONSTRUKTION, sein erster Langfilm, entstand noch in der Zeit der griechischen Militärdiktatur und ist ein Versuch, einen Mord anhand von polizeilichen Untersuchungen  zu „rekonstruieren“. Dabei ist der Film selbstverständlich mehr als das: Es geht auch um Geschichte (die des eigenen Landes nämlich), Selbstverständnis und Erinnerung. Der Film war im selben Jahr wie Werner Herzogs LEBENSZEICHEN auf der Berlinale zu sehen – ein Umstand, auf den Herzog letztes Jahr beim Filmfestival von Thessaloniki, wo ihm Angelopoulos den Preis für sein Lebenswerk überreichte, aufmerksam machte.

 

Mit DIE TAGE VON 36 (1973), DIE WANDERSCHAUSPIELER (ein fast vierstündiges Monumentalwerk, das noch heute in zahlreichen Rankings für die besten Filme ganz weit vorne zu finden ist; 1975) und DIE JÄGER (1977) schuf er die „Trilogie der Geschichte“, die die jüngere Vergangenheit Griechenlands aufarbeitete. 1984 dann ein weiterer Einschnitt in Angelopoulos Karriere: Er trifft auf die Komponistin Eleni Karaindrou, die seitdem die Filmmusik zu allen Filmen schreibt und maßgeblich zur Stimmung dieser beiträgt. Die „Trilogie des Schweigens“, bestehend aus REISE NACH KYTHERA (1984), DER BIENENZÜCHTER (die erste Zusammenarbeit mit Marcello Mastroianni – soeben bei Artificial Eye in UK auf DVD erschienen; 1986) und LANDSCHAFT IM NEBEL (für viele das absolute magnum opus des Regisseurs – und der letzte Film des Meisters, in dem – so weit ich mich erinnere – die Sonne scheinen durfte, 1988) meldete sich Angelopoulos wieder auf dem Parkett der internationalen Filmfestivals. Mittlerweile hat er seine Themen (Grenzen (natürlich und menschlich geschaffen), Reisen, Einsamkeit und natürlich der Geschichte und Identität des eigenen Landes) und Filmsprache (Plansequenzen und lange Einstellungen, in denen Zeit und Raum überwunden werden) gefunden. In DER SCHWEBENDE SCHRITT DES STORCHES (1991) begibt sich ein junger Journalist auf die Suche nach einem Politiker (Mastroianni), der nahe eines Grenzdorfs zu Albanien verschwunden ist und findet ihn – für kurze Zeit – in einer kleinen Hütte wieder. Der „schwebende Schritt“ ist ein Sinnbild: Als der griechische Offizier vor der Linie steht, die die Grenze zu Albanien markiert, hebt er seinen linken Fuß etwas an. Er weiß, dass er, sobald er auch nur einen Schritt wagt, vom Grenzposten auf der anderen Seite erschossen wird. Von einer Hochzeit, bei der Braut und Bräutigam von den Ufern des Flusses getrennt sind, wird im Film ebenfalls erzählt.

 

Angelopoulos Filme werden von nun an noch komplexer und vor allem mit Metaphern und Allegorismen vollbepackt. Harvey Keitel begibt sich in DER BLICK DES ODYSSEUS (1995) als namenloser Regisseur auf eine Reise durch den zerstörten Balkan, um den allerersten griechischen Film und seine eigene Vergangenheit in Sarajevo wieder zu finden. Eine virtuose, typische Angelopoulos Einstellung: Eine Gesellschaft feiert Silvester, man lacht und tanzt, löst sich auf, findet wieder zueinander, die Polizei verhaftet den Vater... ohne Schnitt in fast zehn Minuten. Erst dann wird klar: Man hat nicht eine Silvesterfeier miterlebt, sondern gleich drei, auf eine Zeitspanne von über zehn Jahren verteilt. Weil es mit der Goldenen Palme für diesen Film nicht klappte, setzte Angelopulos 1998 mit DIE EWIGKEIT UND EIN TAG noch eines drauf: Super-lange, super-komplizierte und super-durchchoreographierte Einstellungen und die Geschichte eines alten Dichters (Bruno Ganz), der von Todesahnung und der Schwere seiner Lebensgeschichte gebeugt durch die Straßen streift und sich mit einem albanischen Flüchtlingsjungen anfreundet, wirken rücklickend fast so, als wäre der Film nur für die Palme gemacht worden – die er dann auch endlich bekam. 2003 meldet sich Angelopoulos mit dem ersten Teil einer neuen Trilogie DIE ERDE WEINT wieder, wo er konsequent seinen Weg weitergeht und die Plansequenzen durch die Geschichte vorantreibt. Doch bereits hier macht sich bei all dem geballten formalen Perfektionismus, den Angelopoulos an den Tag legt, das Gefühl breit, einmal zu oft die Variation aufs immergleiche Thema vorgesetzt zu bekommen. Es wird klar, dass es sich bei seiner Art, Filme zu machen um eine aussterbende handelt, um eine, die starr im Autorenfilm des 20. Jahrhunderts verhaftet blieb und die im 21. ihr Ablaufdatum überschritten hat.

 

Mit THE DUST OF TIME kommt nun also der neue Film und es hat sich einiges geändert: Zwar gibt es noch immer lange Plansequenzen und Einstellungen, aber sie sind längst nicht mehr so ausgeklügelt wie in der Vergangenheit. Außenaufnahmen kommen nur selten vor, Nahaufnahmen dafür umso mehr und man muss sich unweigerlich die Frage stellen, ob das die Zugeständnisse an die zahlreichen Fernsehstationen, die diesen Film mitfinanziert haben, sind. Zumindest inhaltlich blieb alles beim Alten: Ein namenloser Regisseur (siehe REISE NACH KYTHERA und DER BLICK DES ODYSSEUS – diesmal: Willem Dafoe) dreht einen Film über die Geschichte seiner Mutter Eleni (Irene Jacob), die zwei Männer liebt: Ihren Gatten Spyros (Michel Piccoli) und den jüdischen Kommunisten Jakob (Bruno Ganz). Nach dem Tod Stalins wird sie in ein Arbeitslager gesteckt, wo sie nach langer Trennung wieder auf Jakob trifft, während Spyros bereits in Amerika lebt. Nach ihrer Freilassung und Flucht über die Grenze nach Österreich (schön, wie der Grenzsoldat die Flüchtlinge in Wiener Dialekt Willkommen heißt) trennt sie sich von Jakob und sucht Spyros auf, der sich auch um den gemeinsamen Sohn kümmert. Während der Arbeit zu diesem Film verschwimmen für A. Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Film immer mehr. Doch auch ihn plagen Sorgen: Seine Ehe mit der deutschen Helga (Christiane Paul) ist gescheitert, seine junge Tochter Eleni verschwunden. Am Silvesterabend des Jahres 1999 finden alle Figuren in Berlin wieder zueinander – und wenn auch nur für den Moment...

 

Der „Staub der Zeit fällt auf alles“ – so beschwören es uns die Dialoge im Film, doch Angelopoulos ist, wie es Ekkehard Knörer in seinem Text zu diesem Film anmerkt, kein Freund des Staubs. Eher ist er ein Freund des Nebels und lässt Menschen und Objekte in ihm verschwinden und auftauchen wie es ihm gerade beliebt. Ein Hohn, wenn dann noch der Pressetext und die Inhaltsangabe vom „großen Bogen durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts“ schreibt: Ja, Stalins Tod wird in genialer und Angelopoulos-würdiger Weise in den Film eingebunden, aber der Watergate Skandal findet lediglich in einer Radiomeldung - Vietnam und der Mauerfall in einem der zahllosen voice-overs statt. Ein munteres Hüpfen und Aufzählen also - von ungefähr so großer Wichtigkeit wie mein Stuhlgang heute morgen.

 

Konfus ist alles in diesem Film – vom verworrenen Aufbau der Handlung (mit dem man eigentlich leben könnte, wäre das alles nur nicht so selbstgefällig) über die ausdruckslosen Schauspieler, die nur noch historische Schablonen darstellen und bedeutungsschwangere Dinge sagen dürfen. Ich möchte den Film, auf den ich fast zwei Jahre gewartet habe, gerne haben. Doch Angelopoulos macht es mir schwerer als je zuvor. Sicher, ich erlabe mich an den unwirklichen Bildern aus Sibirien, wo im Hintergrund Feuersäulen aus Fabrikschloten in den Himmel ragen. Ich atme ein und atme aus und sauge den Rhythmus des Films in mich, ein Rhythmus, der uns sonst im Kino so häufig versagt ist. Ich genieße die melancholische Musik Eleni Karaindrous, die auch diesem Film wieder markig ihren Stempel aufdrückt. Und ich versuche die Metaphern, Bilder, Geschichten zu entschlüsseln und sie im großen Angelopoulosianischen Kontext zu sehen. In THE DUST OF TIME bringt das jedoch alles nichts mehr. Der griechische Meister, der uns in DER BIENENZÜCHTER oder LANDSCHAFT IM NEBEL so tief in die Seelen seiner Charaktere schauen ließ, lässt uns in seinem neuen Film buchstäblich im Nebel stehen.

 

Sicher blitzen auch hier wieder die Momente des Genies auf: Bei der Verkündigung von Stalins Tod etwa sehen wir aus der Perspektive einer Statue des Diktators wie sich die Menschenmenge zusammenrottet und dann wieder in alle Winde zerstreut. Das Hinaufsteigen einer zickzackförmigen Stiege ist Angelopoulos ebenfalls ein paar Minuten wert. Und eine Bar in Berlin, 1999, wird in einer einzigen Einstellung zu einer Bar in Kanada in den 70er Jahren.

 

Das alles ist nach wie vor virtuos. Und deswegen auch wertvoller, als vieles, was uns derzeit in Programmkinos als „Alternative“ zu den Blockbustern aus Übersee angeboten wird. Das Motto könnte lauten: Lieber einem Altmeister zusehen, wie er an seinen eigenen, hohen Ambitionen scheitert, als sich die x-te französische Familienkomödie mit Herz reinziehen! Ehrlicher, persönlicher und wertvoller ist diese Form des Kinos allemal. Ob es aber auch den abschließenden Teil der Trilogie geben wird? Ich bezweifle es.

 

Wertung:
6/10 Punkte

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